16.12.2010
Cinema Moralia – Folge 32

Wer ist hier eigent­lich der Tourist?

The Tourist
Donnerlina bei der Arbeit.
Wer eigentlich hält den Grafen fest,
damit er nicht ins Wasser fällt?
(Foto: Studiocanal GmbH)

Der Elefant wird zur Maus: Donnersmarck zurück in der Heimat, Warten auf Angelina und das ZDF

Von Rüdiger Suchsland

Berlin war auch schon mal wichtiger. Zur Zeit ist Berlin ist nur eine kurze Durch­gangs­sta­tion auf der Euro­pa­tour der Stars. Anders war jeden­falls so recht nicht zu erklären, was sich am Dienstag in Berlin in den Stunden vor der Deutsch­land­pre­miere ereignete: Eine Pres­se­kon­fe­renz, zu der man ursprüng­lich für den Mittag geladen hatte, war bereits am Vortag auf den Nach­mittag verschoben worden. Dann ließen Donners­marck, Johnny Depp und vor allem Angelina Jolie die versam­melte Berliner Presse einein­halb weitere Stunden warten – ob sie noch kamen, können wir nicht berichten, denn wir haben ja einen Redak­ti­ons­schluss.

Da kann Donners­marck in seinen Inter­views noch so viel erzählen, ach, wie profes­si­on­nell! und oh, wie pünktlich! Angelina Jolie ist – die Premiere von The Tourist war Angelina Jolie jeden­falls keine Pünkt­lich­keit wert. Der betreu­enden Pres­se­agentur und dem Verleih muss man da noch den kleinsten Vorwurf machen. Die sind im Prinzip auch nur Spiel­bälle der Launen der Stars und der Studios. Das Wetter kam dann noch dazu. Ande­rer­seits: Warum wird so etwas überhaupt so geplant: Erst eine Stunde Ankunft vor Pres­se­kon­fe­renz­be­ginn.

Viel­leicht haben sie dann doch die Lust verloren. Viel­leicht hat es Florian Maria Georg Christian Graf Henckel von Donners­marck – »Ich neige nicht so zu Ängsten« – am Ende doch mit der Angst zu tun bekommen? Oder war der Graf einfach sauer, nachdem sein neuer Film von der US-Kritik geradezu vernichtet, und in deutschen Berichten auch nicht gerade gut bespro­chen worden war? Ist der Film noch zu retten? Wie bei Invasion ist wieder ein Deutscher geschei­tert in Hollywood.

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So können wir den Eindruck nicht korri­gieren, den der mit viel Vorschuss­lor­beeren ausge­statte Regisseur zuletzt hinter­ließ: »Unter Genie­ver­dacht« titelte zwar Der Spiegel, dann gab er selbst dutzend­fach Inter­views, in denen er sich nicht immer einen Gefallen tat: »Viel­leicht hat es noch nie in der Geschichte der Mensch­heit irgend­je­mand besser gehabt als ich.« (Im SZ-Magazin) Oder: »Ein Regisseur hat die totale Macht.« Oder: »Viel­leicht ist das meine Mission: Das Leben in seiner Kompli­ziert­heit und Tragik zu zeigen.« (Beides zur FAZ) Oder: »Letzt­end­lich muss man alles so angehen im Leben, als ob man versucht, eine Frau zu erobern.« Oder, am schönsten: »Wir haben in Deutsch­land wunder­bare Schau­spieler. Nur weil unser System nicht so stark ist, ist die Strahl­kraft nicht so groß. Hätte Deutsch­land den Ersten Weltkrieg gewonnen, wären Sebastian Koch und Ulrich Tukur genauso große Stars wie George Clooney und Johnny Depp. Das hat mit poli­ti­schen Zufäl­lig­keiten zu tun.« (Beides im Interview mit dem Playboy)

Ja, FHvD redet in seinen Inter­views schon einen wahn­sin­nigen Unsinn zusammen, die alle, die noch an die bessere Erziehung des Adels glauben, Lügen strafen. Viel­leicht ist er auch einfach ein Schwach­kopf, und das muss man auch mal einfach so sagen.

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»Hinter uns liegt eine schwere Woche«, sagte auch ZDF-Intendant Markus Schächter, »die von dem tragi­schen Unfall bei ›Wetten, dass..?‹ am vergan­genen Samstag über­schattet ist, ›eine Woche mit sehr ernsten Diskus­sionen bei uns im Haus und in der Öffent­lich­keit.‹«

Ja, es war wohl eine schwere Woche für Markus Schächter und das ZDF, so schwer, dass die ZDF-Pres­se­stelle nach der Fern­seh­rats­sit­zung am 10. Dezember 2010 in Mainz nicht weniger als zehn Pres­se­mit­tei­lungen versandte, am Freitag ab viertel vor eins im Abstand weniger Minuten. Eine davon war »Statement des ZDF-Inten­danten Markus Schächter« betitelt und beschäf­tigte sich mit dem Unfall bei »Wetten das...?«

»Ich habe die Diskus­sionen im Fern­sehrat gestern und heute als eine offene und nach­denk­liche Ausein­an­der­set­zung auf hohem Niveau erlebt, die unsere internen Über­le­gungen sehr unter­s­tützt und berei­chert«, stand da zunächst und dann gab Schächter in fünf Punkten seine Beur­tei­lung des Falls. Er lobte die »profes­sio­nelle« Reaktion der Betei­ligten, verwies – zweitens – auf die Sicher­heits­stan­dards, und wider­sprach allen Vorwürfen, »die Wetten wären ange­sichts des Quoten­drucks verschärft worden«. Kleine viel­sa­gende Infor­ma­tion am Rande: »Bei den internen Quali­täts­dis­kus­sionen über die Sendung ging es um Mode­ra­tion, die Auswahl der Künstler und der promi­nenten Gäste.«

Drittens: Er habe »eine Task Force einbe­rufen, ... eine unab­hän­gige externe Expertise beauf­tragt; ... Schließ­lich wird die Arbeit unseres Sicher­heits­in­ge­nieurs von der Berufs­ge­nos­sen­schaft überprüft. Nach Abschluss aller Prüfungen werden wir – voraus­sicht­lich im Januar – einen detail­lierten Bericht vorlegen. Er wird dann auch die Basis dafür darstellen, wie wir die Auswahl­kri­te­rien für die Wetten modi­fi­zieren, bezie­hungs­weise die Umsetzung im Studio verbes­sern können.«

Viertens: »Wichtiger als alle Fragen, war für uns in dieser Woche die ständige Sorge um den verun­glückten Samuel und die Familie.« Man unter­s­tütze die Familie »orga­ni­sa­to­risch ... in allen Versi­che­rungs­fragen. Eine beträcht­liche Sofort­hilfe über die Unfall­ver­si­che­rung des ZDF für den Kandi­daten ist bereits ange­wiesen.«

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Zu diesem Sach­ver­halt kam dann dann am Sams­tag­mittag eine Vorab­mel­dung von Focus, die Schächter wider­spricht. Nach den Angaben des Münchner Magazins erhält Samuel Koch höchstens 100 000 Euro Entschä­di­gung über die ZDF-Versi­che­rung – selbst für den schlimmst­mög­li­chen Fall, dass Koch zeit­le­bens im Rollstuhl sitzen muss. ZDF-Presse-Sprecher Alexander Stock wollte die Summe nicht bestä­tigen und erklärte zu dem Focus-Bericht, weder das ZDF noch der Versi­cherer hätten »Angaben über die Leis­tungs­arten und den Leis­tungs­um­fang, die sich aus diesem Vertrag ergeben, gemacht«.

Schäch­ters fünfter Punkt war dann die Frage, wie es mit »Wetten, dass..?« weiter­gehen soll. »Für mich war das in dieser Woche nicht die wich­tigste Frage«, so der ZDF-Intendant, »Ich wünsche mir, dass es mit der Sendung weiter­geht und dass Thomas Gott­schalk und Michelle Hunziker die Fami­li­en­show weiterhin mode­rieren. Natürlich gehen wir am 12. Februar nicht einfach zur Tages­ord­nung über. ›Wetten, dass..?‹ wird sich verändern.«

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Ansonsten zeigte sich das ZDF aber durchaus gutge­launt und inmitten des business as usual und der üblichen Marketing-Erfolgs­mel­dungen sogar zu subtilen Scherzen aufgelegt. Ein solcher ist die Meldung Betreff: »ZDF setzt auf Doku­men­ta­tionen«, die gar nicht anders zu verstehen ist, denn als Seiten­hieb auf die Konkur­renz von der ARD, die erst in der vergan­genen Woche ihren Doku­men­tar­platz gestri­chen haben. So hieß es »Das ZDF setzt in seinen Programmen verstärkt auf hoch­wer­tige Doku­men­ta­tionen.« Und Schächter ließ sich zitieren: »Im öffent­lich-recht­li­chen Fernsehen spielen die doku­men­ta­ri­schen Genres eine wichtige Rolle. Sie sind besonders geeignet, tatsäch­liche Gescheh­nisse für den Zuschauer begreifbar und nach­er­lebbar zu machen.«

Blickt man auf die Beispiele, die der Intendant zur Illus­tra­tion nachschob, ist es mit der Euphorie dann gleich schon wieder vorbei: Denn de facto versteht das ZDF unter »doku­men­ta­ri­sche Genres« nur in sehr seltenen Fällen unab­hän­gige Doku­men­tar­filme. »Hoch­wertig« ist im ZDF-Jargon die Chiffre für Hochglanz, »doku­men­ta­ri­sche Genre« die Chiffre für Format­fern­sehen und leicht­ver­dau­li­ches Doku-Fast-Food. Unter der Dachmarke »Terra X« findet dann das statt, was das ZDF selbst als »Hochglanz- und Event-Doku­men­ta­tionen« bezeichnet, etwa »Universum der Ozeane« mit »Schwarm«-Autor Frank Schätzing als Betreuer des älteren Publikums. Auch sonst gibt die Perso­na­li­sie­rung die Richtung vor: Dirk Steffens wird wie bisher mit dem Tiefgang eines Kinder­plantsch­be­ckens und dem Ton eines Autohänd­lers die »Faszi­na­tion Erde« verkaufen, und Hape Kerkeling – »eine sehr populäre und authen­ti­sche Persön­lich­keit« tourt »Unterwegs in der Welt­ge­schichte«. Am besten ist da noch Maxi­mi­lian Schell als raunender »Imperium«-Moderator – und mit seinen 80 Jahren auch dem Durch­schnitt der ZDF-Zuschauer am nächsten.

Im Gegensatz zur ARD setzt das ZDF auch in Zukunft aufs von RTL einge­führte Proll-Format der Doku-Soap, wo, wie es heißt »seriöse Milieu­stu­dien möglich sind, die ein höheres Tempo und Emotio­na­li­sie­rungs­po­ten­tial als herkömm­liche Formen besäßen.« Da jauchzt die Couch­po­tato.

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Nur scheinbar eine gute Nachricht ist auch die nächste Jubel­mel­dung: »ZDF bekennt sich zu Film­för­de­rung. 18,5 Millionen Euro jährlich für Film- und Medi­en­för­der­system«. Allein die Zahl ist bereits verrä­te­risch, nämlich ungemein wenig. Gemessen an – je nach Maßstab – 150 bis knapp 300 Mio Euro jähr­li­cher Film­för­de­rung. Und gemessen an rund 2 Milli­arden Euro jähr­li­cher Gesamt­auf­wen­dungen (2010: 2,051 Mio; 2011 geplant 1,988 Mio; 2012 geplant 2,132 Mio) des Senders.

Dem Bekenntnis zur Bundes- und Länder-Film­för­de­rung folgt die Einschrän­kung: »Ange­sichts knapper werdender Haus­halts­mittel muss dabei aller­dings mit der Vergabe von Förder­mit­teln verstärkt auf die Sicherung der programm­li­chen Aufgaben des ZDF geachtet werden«, so Schächter. Auch hier sollen Filme­ma­cher, Produ­zenten und Förderer also unver­hohlen stärker an die Kandare genommen werden.

Um klar zu machen, wer hier eigent­lich Koch, und wer Kellner ist im Verhältnis zwischen Sender und Produ­zenten, empfiehlt sich ein Blick in den Rund­funk­staats­ver­trag: In §6.1 heißt es »Die Fern­seh­ver­an­stalter tragen zur Sicherung von deutschen und europäi­schen Film- und Fern­seh­pro­duk­tionen als Kulturgut sowie als Teil des audio­vi­su­ellen Erbes bei.« Und weiter, in §6.4: »Im Rahmen seines Programm­auf­trages ... ist der öffent­lich-recht­liche Rundfunk ... berech­tigt, sich an Film­för­de­rungen zu betei­ligen, ohne dass unmit­telbar eine Gegen­leis­tung erfolgen muss.«

Das heißt: Wenn ein Sender, zum Beispiel in Gestalt eines Redak­teurs, von einem Produ­zenten bestimmte inhalt­liche Eingriffe oder Rech­teü­ber­tra­gungen wünscht, dann ist dies bereits frag­würdig.

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Nebel­kerzen zündete das ZDF schließ­lich auch, wenn es ums digitale Fernsehen geht. ZDFneo überträfe die Erwar­tungen heißt es, obwohl doch der durch­schnitt­liche Monats­markt­an­teil nur bei 0,3 Prozent liegt, im eigent­li­chen Digi­tal­markt bei 0,9 Prozent aller Zuschauer. Auch sonst setzt man beim »Zweiten« auf digitale Ergän­zungs­kanäle. Neben ZDFneo soll 2011 »ZDFkultur« starten und der »ZDFin­fo­kanal« »weiter­ent­wi­ckelt« werden. Die eigent­lich bemer­kens­werte Infor­ma­tion versteckt sich zwischen diesen Zeilen: Das ZDF will auf vier Kanälen senden, erhält hierfür aber keinen Cent mehr Gebüh­ren­gelder. Die Kosten für die zusätz­li­chen Programme müssen also ande­ren­orts einge­spart werden.

Der aktuelle Bericht »Kommis­sion zur Ermitt­lung des Finanz­be­darfs der Rund­funk­an­stalten« spricht daher (S.66) auch beim ZDF von »erheb­liche[n] Umschich­tungen zugunsten der digitalen Spar­ten­kanäle. Der Aufwand hierfür versie­ben­facht sich in der Periode 2009-2012 gegenüber der Periode 2005-2008. Selbst gegenüber den Anmel­dungen zum 16. Bericht werden die Gesamt­an­sätze nochmals verdrei­facht. ... Die Finan­zie­rung sollte wie angekün­digt aus dem Bestand erfolgen, was nun umgesetzt werde.« Der größte Teil der Verschie­bungen von Etat­mit­teln käme dem ZDFdo­ku­kanal zu Gute.

Einge­spart werde vergleichs­weise gering bei den Perso­nal­kosten, dafür über­pro­por­tional im Programm­be­reich.

Das heißt: Für mehr Gebühren bekommen die Zuschauer nicht mehr Programm, sondern weniger, dafür aber immer öfter das gleiche, und natürlich Billig­pro­gramme – von den teuren Sport­rechten mal abgesehen.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.