25.02.2016
Cinema Moralia – Folge 127

Bravo, Frau Kultur­staats­mi­nis­terin!

Fack ju Göhte
»Mehr Zuschauer, mehr Umsatz, der höchste deutsche Marktanteil«: Fack ju Göhte
(Foto: Constantin)

Im Winter unseres Missvernügens... – Monika Grütters bricht eine erste Lanze für die kulturelle Filmförderung, wider die Fürsten der herrschenden Verhältnisse, und sie könnte für die deutschen Film- und Fernsehbonzen noch zur eisernen Lady werden – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 127. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen. Denn ich bin überzeugt: Lang­fristig zahlt es sich aus, nicht immer allein die Maxi­mie­rung des Ertrags, sondern auch den Mut zum Expe­ri­ment, mehr neue, gute Ideen zu fördern.« – Monika Grütters, 11.2.16, Empfang der Produ­zen­ten­al­lianz

Der Tag war nicht blendend gesetzt. Oder gerade doch, denn viel­leicht haben wir alle Monika Grütters ein bisschen unter­schätzt.
Jeden­falls war mit der Pres­se­mit­tei­lung der Beauf­tragten für Kultur und Medien (BKM) klar, dass es in den Feuil­le­tons und Film­zeit­schriften der Republik erst einmal unter­gehen würde, dass erst recht die – über­ra­schenden – zustim­menden Reak­tionen und die gar nicht über­ra­schenden eiligen Ableh­nungs­be­scheide der soge­nannten »deutschen Film­branche« erst einmal ins Leere verpuffen würden.
Es war auch klar, dass mit ihr ein Gesprächs­thema für die Berlinale gesetzt war, ein Thema, das an den folgenden Tagen an vielen der kleinen runden Steh­ti­sche der Film­branche auftauchte und heiß disku­tiert wurde.

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Was war geschehen? Das BKM hatte ein paar »Eckpunkte« zur Kultu­rellen Film­för­de­rung und zur Stärkung des künst­le­risch und kulturell heraus­ra­genden deutschen Kinofilms veröf­fent­licht.
Als Ziel­set­zung benennt Grütters »ein unab­hän­gi­geres Arbeiten als bisher« und das Vermeiden künst­le­ri­scher Kompro­misse, die »so gering wie möglich« gehalten werden sollen.
Die für 2016 zusätz­lich zur Verfügung gestellten Mittel für Maßnahmen der kultu­rellen Film­för­de­rung (15 Mio. €) sollen haupt­säch­lich in die Produk­ti­ons­för­de­rung der BKM im Bereich des Langfilms (Spiel-, Doku­mentar-, Kinder­film) fließen. Darüber hinaus steht die gezielte Stärkung der unab­hän­gigen Stoff­ent­wick­lung für Spiel- und Doku­men­tar­filme im Fokus, um früh­zeitig Kino­qua­lität zu fördern und zu sichern, sowie die Unter­s­tüt­zung des Abspiels zur Sicht­bar­ma­chung dieser Filme.
Die Maßnahmen sehen eine »deutliche Aufsto­ckung der Mittel für die Produk­ti­ons­för­de­rung« ebenso vor, wie zukünftig getrennte Förder­töpfe für Spiel-, Doku­mentar- und Kinder­film, die Vervier­fa­chung der bishe­rigen Förder­höchst­summe auf bis zu 1 Mio. Euro, um »dem soge­nannten Förder­tou­rismus entgegen zu wirken.«
Auch die Dreh­buch­för­de­rung wird quan­ti­tativ und quali­tativ ausgebaut, völlig neu ist die Einfüh­rung einer Stoff­ent­wick­lungs­för­de­rung »für Doku­men­tar­filme, die die ausführ­liche und fundierte Recherche für besonders kino­re­le­vante programm­fül­lende Doku­men­tar­filme von Autoren­fil­mern unter­s­tützt.«
Die Förder­praxis wird flexibler durch Erhöhung der Einreich­ter­mine und Einfüh­rung eigen­s­tän­diger unab­hän­giger Jurys und die Verklei­ne­rung der bishe­rigen Jurys.

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Zwei Probleme hat das Papier aus meiner Sicht: Vom Fernsehen ist gar nicht die Rede. Dabei muss vor allem die Stellung und Betei­li­gung der Sender an der Förderung verändert werden.
Das zweite ist die Aufsto­ckung der Verleih­för­de­rung. Gegen Aufsto­ckungen ist im Prinzip nichts zu sagen. Aber die Verleiher sind die einzigen, die überhaupt noch Geld im Kino verdienen. Wenn man sie fördern will, sollte man die Heraus­gabe bestimmter Filme fördern, von Filmen, deren Sicht­bar­keit gewünscht ist. Nicht die aller Filme.
Und wenn Grütters schreibt, die bishe­rigen Antrags­vor­aus­set­zungen für Verleih­för­de­rungen würden »gemeinsam mit der Branche überprüft und an die Markt­ent­wick­lungen der letzten Jahre (insb. im Hinblick auf die Digi­ta­li­sie­rung) angepasst«, dann ist das schön formu­liert. Gemeint ist: Die viel­ge­lobte Digi­ta­li­sie­rung schadet den kleinen Verlei­hern. Jetzt können alle Star Wars spielen.
Wenn Kino­pro­gramm­prei­sprä­mien aufge­stockt werden, sollte stärker darauf geachtet werden, wer mit seinem ach so schönen Programm auch tatsäch­lich Zuschauer ins Kino bringt. Und wo es nur hübsch auf dem Einreich­for­mular aussieht. Ich kenne zum Beispiel Filme­ma­cher, die geben ihre Filme ungern ins Hamburger »Abaton«, obwohl das als eines der besten Programm­kinos in Deutsch­land gilt. Ihre Begrün­dung: »Da gehen die Filme unter, weil sie ›nicht gepflegt‹ werden«, zwar gespielt, aber immer zu wech­selnden und absurden Zeiten, und kaum beworben.
Man merkt: Die Dinge sind nicht so einfach zu bewerten.

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Mit ihrer über­ra­schend klaren Aufwer­tung der kultu­rellen Film­för­de­rung wendet sich Grütters demons­trativ gegen deren zuletzt zuneh­mende Abschaf­fung. Die ist von den Groß­kop­ferten der Branche gewünscht.
Sie hat auch keine Rücksicht auf die Länder­för­derer genommen, die von Grütters' »Eckpunkten« aus der Zeitung erfahren haben. Gut! Weiter so Frau Minis­terin!

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Ähnliches tut sich beim Bundes­film­preis. Dort wird die ausrich­tende und verge­bende Film­aka­demie darauf achten müssen, dass der Preis in Zukunft – notfalls gegen den begrenzten Geschmack der Mitglieder – wieder stärker der Kultur­preis wird, der er sein soll. Wie zu hören war, hat Grütters um ein Haar der Akademie den Preis aus der Hand geschlagen und wäre wieder zum Jury­system zurück­ge­kehrt.
Es gab einen Bera­tungs­termin mit drei Redak­teuren namhafter Medien, die zu Ende 2012 den Unter­zeich­nern eines akademie- und film­preis­ver­ga­be­kri­ti­schen Briefs gehörten.

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Grütters' Erhöhung des Drucks führt auch zu spürbaren Reak­tionen bei den Betrof­fenen. Die Film­aka­demie etwa schließt sich jetzt den etwa vom Verband der deutschen Film­kritik schon länger formu­lierten Forde­rungen an, die Fern­seh­sender nicht mehr zu Türste­hern der Film­för­de­rung zu machen. Heute entscheiden Sender­be­tei­li­gungen de facto über die Chance auf Förderung. Das muss schleu­nigst abge­schafft werden.

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Thomas Frickel, Vorsit­zender und Geschäfts­führer der AG DOK begrüßte die »starken Impulse« des Papiers. Schon mit der Bereit­stel­lung weiterer 15 Millionen Euro habe die Staats­mi­nis­terin ja ein deut­li­ches Zeichen zugunsten der kultu­rellen Film­för­de­rung des Bundes gesetzt. »Die jetzt vorge­legten Grundzüge neuer Förder-Richt­li­nien verspre­chen neue Akzente in der Förder­po­litik, die hoffent­lich auch bald auf andere Förder­ein­rich­tungen ausstrahlen werden.«
Gewünscht wird, Low-Budget-Produk­tionen künftig von der Verpflich­tung zum Nachweis von Eigen­mit­teln zu befreien. Die Vorschrift zur Übernahme eigener Finan­zie­rungs­an­teile ist für die schlechte Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung vieler deutscher Produk­ti­ons­firmen mitver­ant­wort­lich und wurde in den Förder­sys­temen fast aller europäi­scher Nach­bar­länder längst abge­schafft.

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Nicht weniger inter­es­sant war die Rede der Kultur­staats­mi­nis­terin beim Auftakt­emp­fang der Produ­zen­ten­al­lianz am 11. Februar. Grütters spricht da von »Neure­ge­lung zum Eigen­an­teil«.
Nicht ohne Süffisanz sagt sie der Allianz der Film­wurst­ver­käufer ins Gesicht: »Es freut mich, dass wir gemeinsam Wege gefunden haben, um kreative und künst­le­ri­sche Aspekte bei der wirt­schaft­li­chen Film­för­de­rung noch stärker zu berück­sich­tigen.«
Vor allem aber sagt sie: »Künstler, auch Film­künstler, sind jeden­falls dann am besten, wenn sie nicht zwangs­läufig gefallen müssen, wenn sie nicht vom Publi­kums­ge­schmack und vom Profit her planen müssen, sondern origi­nelle Ideen entfalten können. Wenn sie damit dann auch noch Publi­kums­er­folge feiern, umso besser! … Ziel ist, die künst­le­ri­sche Freiheit zu stärken: Wir wollen unab­hän­giges Filme­ma­chen ermög­li­chen, und zwar ohne künst­le­ri­sche Kompro­misse und ohne zwingende Regio­nal­ef­fekte. … Mutige Filme brauchen eben nicht nur mutige Filme­ma­cher, sondern auch mutige Film­för­derer und mutige Förder­ent­schei­dungen.«
Mit diesen mehr­fa­chen kleinen Ohrfeigen an die Betei­ligten und die Fürsten der herr­schenden Verhält­nisse hat sie auf den Punkt gebracht, worauf es zu allererst ankommt.
Die Branche ist im Zugzwang.

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Die Bonzen der Branche hatten zum gleichen Zeitpunkt wieder ein »Rekord­jahr« gefeiert. Wenn man das so liest – »mehr Zuschauer, mehr Umsatz, der höchste deutsche Markt­an­teil« – dann denkt man: Dem deutschen Film geht es super. Ökono­misch mag das zutreffen, aber kulturell und quali­tativ geht es dem deutschen Film so schlecht wie seit Jahren nicht. Und das ohne Aussicht auf Besserung.
Nun gut: Die Bundes­bürger sind 2014 im Schnitt etwa 1,7 mal ins Kino gegangen. Das ist einer der besten Werte seit Einfüh­rung der heutigen Film­för­de­rung. Zur Zeit des viel­ge­schmähten »Papas Kino« war das aber gar nichts: Im Rekord­jahr 1956 gingen die (West-)Deutschen im Schnitt über 14,5 mal pro Jahr ins Kino! Vor allem aber: In Frank­reich ist der heutige Wert fast dreimal so hoch, wie hier, in Dänemark sogar sechsmal so hoch. Die Kinos hatten mit gut 139 Millionen Besuchern so viele Besucher wie zuletzt vor sechs Jahren.
Ein Ticket kostet im Schnitt 8,39 Euro. Da sagt die Kino­branche: »So viel wie nie.« Mag sein. Aber da vergisst man, dass die Kino­preise im Vergleich zu anderen Kultur­gü­tern, aber auch Vergnü­gungs­ein­rich­tungen extrem niedrig sind. Selbst der billigste Winter-Stehplatz in der Bundes­liga kostet 11 Euro. Ein Thea­ter­be­such 20 Euro, ein Buch 26, Konzerte wie Oper im Schnitt über 30, ein Musi­cal­be­such gar 60 Euro im Schnitt. Auch das muss man sehen, wenn man über diese Themen redet.

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Der Markt­an­teil des deutschen Films lag 2015 bei 27,5 Prozent – auch dies ein Rekord. Aber zustande kam er vor allem mit einem einzigen Titel: Fack ju Göhte 2 sahen fast 7,7 Millionen Zuschauer. Damit kommt man nicht nach Cannes – und noch nicht mal ins normale Kino unserer Nach­bar­länder.
Kulturell wertvoll ist auch der zweit­s­tärkste deutsche Kinofilm nicht: Til Schwei­gers Honig im Kopf verklebte auch die Hirn­win­dungen des Publikums. Dass sich FFA-Chef Peter Dinges dann nicht zu schade ist, zu behaupten, Filme deutscher Regis­seure und Produ­zenten seien zu einer »Quali­täts­marke« bei den Kino­be­su­chern geworden, tut mir leid für ihn. Dinges ist viel zu klug für solche Sprüche, zu denen ihn auch keiner zwingt, er weiß es besser. Und darum tut er der deutschen Film­wirt­schaft einen schlechten Dienst, wenn er die Verhält­nisse derart schön­redet.

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Was die Öffent­lich­keit mehr als alles andere verlangen kann: Eine komplette Aufde­ckung aller Förder­zah­lungen und -rück­zah­lungen. Und deren Aufschlüs­se­lung nach Besuchern. Wer zahlt was zurück? Und welche Euros sind am effek­tivsten einge­setzt? Die Behaup­tung steht im Raum: Je größer die Firmen, um so weniger wird zurück­ge­zahlt. Die betrof­fenen Unter­nehmen könnten den Gegen­be­weis führen, indem sie frei­willig die Zahlen veröf­fent­lichten – wetten, dass sie das nicht tun?

(to be continued)