18.01.2018
Cinema Moralia – Folge 170

Niemand hört gern sein eigenes Todes­ur­teil

Ende eines Sommers
Assayas' Abgesang auf das alte Leben Ende eines Sommers ist noch auf »arte« zu sehen

Vergessenes Kino von Assayas, der neue Filmdienst, und eine junge Viennale-Leiterin – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 170. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Es ist heute die Aufgabe der Kunst, Chaos in die Ordnung zu tragen.«
Theodor W. Adorno

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Unbedingt ansehen muss man auf der Arte-Mediathek Olivier Assayas' Film durch und durch nost­al­gi­schen, trotzdem ganz gegen­wär­tigen Film Ende eines Sommers.
Der Film handelt von Frank­reich und den Folgen der Globa­li­sie­rung in den Nuller-Jahren. In drei zwischen Amerika und Fernost zerris­senen Geschwis­tern schwebt mehr als ein Hauch vom »Bling Bling« der Sarkozy-Präsi­dent­schaft und des neurei­chen Börsen­tru­bels, der etwa zeit­gleich zur Premiere des Films im Herbst 2008 in der Finanz­blase zerbarst. Die von Charles Berling gespielte Figur des Frédéric steht demge­genüber für das alte Frank­reich, für ein Frank­reich, das im Strudel der Globa­li­sie­rung und des Triumphs eines unge­rich­teten Kapi­ta­lismus ebenfalls rasant zu verschwinden scheint.

Dies ist ein Film über das Ende eines Zeital­ters, ja: eines ganzen Lebens­stils, des bürger­li­chen und über das Down­si­zing dessen, das einmal »abend­län­di­sche Kultur« genannt wurde. Anhand einer Familie, die den immensen Nachlass der toten Mutter loswerden muss, will Assayas zeigen: Es sind nicht nur die Gegen­s­tände, die verschwinden, es ist ihre Magie, das Geheimnis, das sie bergen, und mit dem Verschwinden dieser Geheim­nisse verschwindet alles andere.

Von Refe­renzen an fran­zö­si­sche Film­klas­siker – von Renoir bis zur »Nouvelle Vague« – ebenso erfüllt, wie zur fran­zö­si­schen Malerei ist dies auch ein Film, dem es gelingt, in all diesen Bezügen und seiner Sehnsucht ganz gegen­wärtig zu sein, und aus der Vergan­gen­heit utopische Kraft zu ziehen. Nie wird es senti­mental, alle Figuren sind glei­cher­maßen erwachsen und intel­li­gent, vers­tänd­lich und sympa­thisch – es sei das Schreck­lichste im Leben der Menschen, heißt es in Jean Renoirs Die Spiel­regel, »dass alle gute Gründe haben.«

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Warum ist ausge­rechnet dieser Film seiner­zeit im Gegensatz zu den aller­meisten Assayas-Filmen bei uns nicht ins Kino gekommen und auch sonst kaum wahr­ge­nommen worden? Mögli­cher­weise, weil niemand gern sein eigenes Todes­ur­teil hört, und weil unsere Kultur bislang noch keinen Weg gefunden hat, um aus dem Modus des Anti­qua­ri­schen, Musealen, aus ihrer allum­fas­senden Kommer­zia­li­sie­rung heraus­zu­finden.
Viel­leicht will man das, was Olivier Assayas uns zu erzählen hat, ungern hören, viel­leicht möchte man das Ende des Sommers noch nicht wahrhaben?

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Am kommenden Wochen­ende findet in Mannheim im kommu­nalen »Cinema Quadrat« das 16. Film­se­minar »Film & Psycho­ana­lyse« statt. Es ist dem Werk des Regis­seurs François Ozon gewidmet.

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Was es alles gibt in Berlin! Die HFF Konrad Wolf, die sich seit drei Jahren aus schwer vers­tänd­li­chen Gründen »Film­uni­ver­sität Potsdam« nennt, und von außen betrachtet ziemlich gemütlich im eigenen Saft schwimmt, hat vor Ort heftige Konkur­renz durch kleine flotte Hoch­schul­schnell­boote, die sehr inter­es­sante Film­pro­gramme machen.

So gibt es nicht nur eine »Hoch­schule der Populären Künste«, sondern auch die »Dekra Hoch­schule für Medien«.
Beide zusammen machen an diesem Freitag eine spannende Tagung zum Thema »Popu­lismus in Fern­seh­se­rien«, die auch für Außen­ste­hende prin­zi­piell geöffnet ist. Marcus Stig­legger hat mich einge­laden, mit ihm über »Das Poli­ti­sche in Serien« zu sprechen – und genau das werden wir tun.

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Totge­sagte leben länger. Immer wieder hat man dem »Film­dienst« sein Todes­ur­teil ausge­stellt, doch auch dieser Tote steht immer wieder auf. Nachdem die Print­aus­gabe jetzt doch einge­stellt wurde, hat man sich entschlossen das Film­ma­gazin auch über das 71. Jahr seiner Existenz weiter­zu­führen – als Online-»Portal für Kino und Film­kultur«.

»Das digitale Angebot setzt mit neuen Mitteln fort, was seit sieben Jahr­zehnten der Auftrag der Zeit­schrift war: Den Lesern und Nutzern unter christ­li­cher Perspek­tive einen erhel­lenden Einblick in das cine­as­ti­sche Angebot zu geben«, sagt der zustän­dige Geschäfts­führer Theo Mönch-Tegeder.

Statt vier­zehn­tägig gibt es nun Tag für Tag neue Lektüre und »Film« heißt nicht mehr nur Kino. Das leuchtet ein in Zeiten von Serien, Streaming-Angebote, DVDs und den Media­theken der Fern­seh­sender. Darüber darf und sollte man debat­tieren – allemal ist der Look attraktiv. Zudem wird das wertvolle, bundes­weit einmalige »Lexikon des inter­na­tio­nalen Films« weiter­ge­führt. Für eine Gebühr von 19,90 € kann man ein Jahr lang nach Lust und Laune in den Tiefen der Film­da­ten­bank recher­chieren

Erklärtes Ziel ist, mit einem gerin­geren Mittel­ein­satz eine deutlich höhere Reich­weite zu erzielen. Das Ende der Zeit­schrift und der Wechsel ins Netz waren darin begründet.
Über­le­gungen, die den Medi­en­wechsel mit einer grund­le­genden Neuaus­rich­tung zu verbinden, kamen glück­li­cher­weise nicht zum Zug. Der neue »Film­dienst« verdient alle Aufmerk­sam­keit und mehr als eine faire Chance bei allen cine­philen Lesern.

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Der Brief der hundert fran­zö­si­schen Frauen zur »MeToo«-Debatte, der vor allem den Neopu­ri­ta­ne­rinnen in Deutsch­land und den USA übel aufstieß, hat einmal mehr auf die prin­zi­pi­ellen kultu­rellen Unter­schiede zwischen Deutsch­land und Frank­reich aufmerksam gemacht. Aus diesen Gründen ist auch das Kino beider Länder unver­gleichbar.
Ein inter­es­santer Text dazu erschien bereits am 30.10.17 in der »SZ« auf Seite 3: Hilmar Klute portrai­tierte dort in einem ganz wunder­baren Text des Schweizer Schrift­steller Paul Nizon. Darin findet sich, wie in einem vorge­zo­genen Kommentar zur »MeToo«-Kampagne folgende Passage:
»Es stimmt schon: In Deutsch­land, wo jeder, der einer Frau im Restau­rant in den Mantel hilft, unter den Verdacht der Misogynie gestellt wird, würden Nizons schöne poetische Frau­en­por­träts, seine immer ästhe­ti­schen Sexbe­schrei­bungen wohl gnadenlos nieder­ge­gen­dert. 'Es gibt in Deutsch­land keinen Gran an Erotik', sagt Nizon: 'Ich wüsste keinen Grund, dort zu leben.'«

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Am Wochen­ende mal wieder eine Serie: »Stranger Things« – wurde auch Zeit, kann man jetzt gut sagen. Jeden­falls ist die Serie sehr empfeh­lens­wert. Danach dann die Über­le­gung, warum trotz allem »Dark« so viel schwächer ist?
Weil die Amis es ernst meinen, und die Deutschen nur so tun. Die Deutschen sagen: »Wir wollen jetzt mal so 'ne Serie machen wie die Ameri­kaner.« Die Amis: »Wir wollen das und das erzählen.« Und wenn es nur die 80er-Nostalgie ist.

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Auch sonst lief am Wochen­ende der Fernseher, während ich in der Wohnung herum­geräumt habe. Stun­den­lang CNN. Uner­träg­lich, ja, aber auch uner­träg­lich faszi­nie­rend ist diese nicht ablas­sende Dauer­bes­sessen­heit seit einem Jahr mit Trump. Warum kann man ihn nicht einfach mal igno­rieren?
Trump-Fasten ist dringend empfeh­lens­wert. Man sollte das aufmerk­sam­keits­hung­rige Kind durch Aufmerk­sam­keits­entzug bestrafen.
Gelohnt hat sich das Interview mit Condo­leeza Rice, die ein Buch geschrieben hat. Rechts, aber klug – das gibt es. Sie nutzte den Trump-Kontrast, um etwas mehr Gerech­tig­keit für George W. Bush zu erbitten.
Was macht eigent­lich Chaney, dachte ich noch…

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Man sollte es verbieten können, dass englische Filmtitel von deutschen Verlei­hern in neue englische (!) Filmtitel umbenannt werden dürfen. So geschehen jetzt von der Constantin. Aus Lynne Ramseys You Were Never Really Here wird A Beautiful Day. Geht’s noch?
Die blut­rüns­tige Joaquin-Phoenix-Narzissmus-Übung werden mit einer derar­tigen Publi­kums­ver­äp­pe­lung noch weniger Leute sehen wollen.

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Es sei Aufgabe der Kunst, »Chaos in die Ordnung zu tragen«, schrieb Adorno. Das gilt genauso auch für die Kritik. Und für Film­fes­ti­vals.

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Eine Frau und noch viel wichtiger: Eine unter Vier­zig­jäh­rige! In einer Filmwelt, die zunehmend vergreist und entweder zum Teenie-Schul­party oder zur Neo-Oper für Senioren mutiert, hat die Viennale eine neue Leiterin, die zu beiden Möglich­keiten eine klare Alter­na­tive darstellt.
Die 39-jährige aus Bologna stammende Eva Sangiorgi wird neue künst­le­ri­sche Leiterin und Nach­fol­gerin des im Sommer über­ra­schend verstor­benen Hans Hurch. Eine gute und spannende Wahl!
Die Italie­nerin lebt seit Jahren in Mexiko, wo sie Kunst­ge­schichte studierte und 2010 das Festival Inter­na­cional de Cine UNAM (FICUNAM) begrün­dete, dessen künst­le­ri­sche und kauf­män­ni­sche Inten­dantin sie ist. Seit Jahren ist Sangiorgi auch regel­mäßiger Gast auf der Viennale.
Von ihr ist bei aller Offenheit für das Neue daher eine Fort­füh­rung dieses weltweit bedeu­tenden Festivals im Geiste Hans Hurchs zu erwarten.
Wer einen grund­le­genden Struk­tur­wandel der Viennale – hin zu Polismus, Event­kultur und billiger Publi­kums­hö­rig­keit erhofft hatte, dürfte mit dieser Wahl enttäuscht sein. Sangiorgi inter­es­siert sich für neue Formen, aber auch für Film­ge­schichte und Politik.
Entschieden hat zwar der Wiener Klüngel aus Inte­rims­leiter Schwartz und sechs Mitglie­dern des Viennale-Kura­to­riums, es soll dies aber eine Entschei­dung »gegen die Wiener Cliquen« sein, wie die Verant­wort­li­chen der Kultur­po­litik über­ra­schend undi­plo­ma­tisch bereits während der laufenden Bewerbung formu­lierten.

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Allemal kann Kultur­staats­mi­nis­terin Grütters aus der Entschei­dung Anre­gungen ziehen, um auch bei der Berlinale-Direktion für über­ra­schende Entschei­dungen zu sorgen: Jung, auslän­disch, keine Cliquen, das wäre mal was. Und in paar der Viennale-Bewerber, die jetzt nicht zum Zuge kamen, könnte jetzt in Berlin ran: Zum Beispiel Christine Dollhofer, die im letzten Herbst bei meinen Cafe­haus­ge­sprächen als Geheim­fa­vo­ritin auf die Hurch-Nachfolge gehandelt worden war.

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»Mit der Veran­stal­tungs­reihe ›Kolo­niales Erbe / Colonial Reper­cus­sions‹ lädt die Akademie der Künste ein, über die Struk­turen kolo­nialer Macht­ver­hält­nisse, die bis heute in Wissen­schaft, Kunst und Gesell­schaft wirksam sind, nach­zu­denken. Im Zeitraum von Januar bis Juni 2018 beschäf­tigen sich drei zwei­tä­gige Symposien in Vorträgen, Panels, Perfor­mances, künst­le­ri­schen Arbeiten und Workshops damit, die blinden Flecken des kolo­nialen Erbes auszu­leuchten.«

Die Aufar­bei­tung des Kolo­nia­lismus bietet ein visi­onäres Moment für die Zukunft Europas. Im Zentrum der Veran­stal­tungs­reihe steht die Frage nach dem bis heute spürbaren Vermächtnis des europäi­schen Kolo­nia­lismus: Wie wirkt er in Europa und der Welt nach? Wie können über­kom­mene Macht­struk­turen aufge­bro­chen und die damit verbun­dene Angst, Macht abzugeben, über­wunden werden? Und wie sähe eine Gesell­schaft aus, die Krea­ti­vität aus der Vielfalt heraus entwi­ckelt und nicht aus einer weißen, hege­mo­nialen Wissens­tra­di­tion ableitet?

Das ist schon eine sehr billige, und links-konser­va­tive Ankün­di­gung, die hier von der Akademie der Künste zu hören ist. Die Rede von der »weißen, hege­mo­nialen Wissens­tra­di­tion« ist ein alter Hut aus den USA der 90er.

Wirklich spannend wäre es, wenn die Auffor­de­rung zur Selbst­kritik von den Kuratoren ernst­ge­nommen würde, und man an der AdK den längst als Main­stream herr­schenden »anti­im­pe­ria­lis­ti­schen« und »post­ko­lo­nialen« Diskurs infrage stellen würde.

(to be continued)