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besprechung irving penn oder die dauer der photographie
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Irving Penn (geb. 1917) wurde als Designer ausgebildet. Neben der Tätigkeit als Grafiker photographierte er schon früh Ladenschilder und Fassaden. Indem er die Titelseite der Vogue entwarf, trat er in die Welt der Mode ein. 1943 nahm er für diese prominente Stelle ein Stilleben auf. Dann machte er mit Porträts auf sich aufmerksam. Stark ins Gedächtnis prägte sich die Serie, für die er vornehmlich bildende Künstler wie Marcel Duchamp oder Georgia O'Keeffe zwischen Stellwände zwängte, die im spitzen Winkel aufeinander zuliefen. Person und Raum mußten unwillkürlich interagieren und nicht allen kam dabei ihre Prominenz zu Hilfe. Ob Penn für diese Invention wirklich ein Gefühl von Unterlegenheit bewog, wie er selbst Auskunft gab? | |
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Als Modephotograph beerbte er die Pariser Vorkriegsavantgarde
ŕ la Hoyningen-Huene oder Horst P. Horst. Formale Extravaganzen,
wie die Aufnahme durch eine Flasche hindurch (Man Lighting
Girl's Cigarette, 1949), sowie eine minitiös komponierte,
exakt ausgeleuchtete Szenerie, der Reichtum schwarz-weißer
Valeurs, den er alsbald zu einem Spiel mit Kontrasten verstärkte,
geben darüber Aufschluß. Gleichzeitig legte er mit
den mittlerweile legendären Photos von "Christmas at Cuzco"
(1948), für die er in die Rolle eines mexikanischen Dorfphotographen
geschlüpft war, den Grundstein für seine Version von
"Etnoporträts". Das Publikum war für diese Begegnung
offensichtlich noch nicht bereit: Als die Bilder 1949 in der
Vogue erschienen, waren sie stark koloriert worden und somit
simplifiziert. Aktphotos, die er zwar seit 1950 fertigte, aber erst 1980 öffentlich präsentierte, stehen für eine weitere photographische Facette. Zeitlich parallel und dennoch ganz anders geartet, riefen Stilleben aus Müll und Zigarettenkippen Erstaunen hervor. Beide Themen lassen allerdings auf eine rege Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst schließen. | |
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- Fazit: Irving Penn, dessen Retrospektive jetzt im Photomuseum des Münchner Stadtmuseums gezeigt wird, hat einfach zu viel verschiedenes gemacht. Modephotographien, Porträtserien, etnologische Dokumentationen, Aktaufnahmen, Stilleben für die Werbung, Stilleben als ästhetische Arrangements, Stilleben aus arrangiertem Müll... Der Ausstellungsbesucher wird schier erschlagen von der überbordenden Vielseitigkeit. Auch wohlwollende Kritiker tun sich schwer, eine klare Linie im Gesamtwerk zu verfolgen. Da klafft nicht nur die Diskrepanz zwischen kommerzieller Arbeit und sogenanntem künstlerischem, weil freiem Schaffen. Wie lassen sich "Trash Still Lifes" mit ebenso perfekt ausgeleuchteten Kosmetikpräsentationen für Clinique unter einen Hut bringen? Kann man feingliedrige Modells mexikanischer Bevölkerung und Urstämmen in Maske Seit an Seit stellen? Scheinbar unvereinbar ist darüber hinaus die Daseinsform Penn'scher Erzeugnisse, insbesondere, da der Photograph seine Ansicht von der gedruckten Magazinseite als ideales Endprodukt später revidierte. Ab 1964 begann er deshalb, Photos in Platin abzuziehen - eine kostspielige und langwierige Praktik, die dem Bild tatsächlich eine höhere Haltbarkeit garantiert und es zum Unikat stilisiert. Einerseits also krasser Gegensatz zur schnell konsumierbaren Zeitschrift. Andererseits entbehrt aber auch kein anderes seiner Bilder den Eindruck materieller Kostbarkeit, weil es diesen durch hohe Qualität der Aufnahme, durch technische Perfektion erreicht. | |
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Penns Photographien zeichnen sich unabhängig von ihrem Aggregatzustand
dadurch aus, daß alle auf Fortdauer ihres Stils angelegt
sind. Was als Intention eigentlich unmöglich ist, gelang
ihm doch: Die Schaffung visueller Ikonen, die ihm eine stilistische
und motivische Nachfolge bis in die Gegenwart einbrachte. Als
eine Begründung dafür mag die Auseinandersetzung mit
seinen Vorläufern herhalten. Angefangen bei den Porträts,
bei denen die konzentrierte Atmosphäre früher Studiophotographien
aufgegriffen wurde, bis hin zu den zeitlosen Aktaufnahmen, die
in den Fußstapfen André Kertesz' und Bill Brandts das bildnerische
Vermögen der Photographie reflektieren. Als logische Konsequenz wurde das Penn'sche Repertoire von nachfolgenden Künstlern wiederaufgegriffen. Vor dem unwiederbringlichen Picassoporträt (1957) verneigten sich z.B. junge Photographen in der Form des Plagiats (Tillmann & Vollmer, "Pablo Gruber", 1984). Wer Stefan Moses Porträtserien der Deutschen (1980 publiziert) kennt, weiß spätestens jetzt um seinen geistigen Ziehvater. Als fürchte er dennoch die Unbeständigkeit seiner Lichtbilder, ist in den jüngeren Arrangements des heute achzigjährigen Irving Penn die zeitliche Dauer ein motivisches Thema. Ein humorvoller Zug biegt die vermeintliche Dramatik aber ab, indem er beispielsweise zwei Menschenschädel zum Liebespaar (The Poor Lovers, 1979), oder Knochen zum Memento Mori zusammenbringt. Sich selbst setzte er ein Denkmal, indem er sein Archiv dem Art Institute in Chicago schenkte, womit er seiner Aufarbeitung Vorschub leistete. Doch sein eigentliches Vermächtnis ist seine Allgegenwärtigkeit. | |
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