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besprechung
sophie calle is watching you

sophie calle

eine ausstellung im haus der kunst
vom 26.08.2000 bis zum 12.11.2000

Mal angenommen, Sie werden von einer Ihnen unbekannten Frau telefonisch eingeladen, eine Nacht in ihrem Bett zu verbringen, ihr eventuell einige Fragen zu beantworten und von ihr im Schlaf photographiert zu werden. Würden Sie sich überreden lassen?

Als Sophie Calle zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn 45 Personen (Freunde, Nachbarn und Unbekannte) mit diesem Ansinnen überrascht, sind immerhin mehr als die Hälfte der Befragten dazu bereit. Innerhalb einer Woche entstehen 176 schwarzweiß Photographien und eine Vielzahl von Begleittexten, die die Verhaltensweisen der Schläfer dokumentieren.
Da ich mich selbst niemals auf ein derartiges Experiment eingelassen hätte - wer lässt sich schon gerne im Schlaf ablichten - haben mich vor allem die Beweggründe der Protagonisten interessiert: "Ich dachte es findet eine Sexparty statt" (Schläfer 11 und 16). "Ja, wenn Sie eine Badewanne in Ihrem Appartement haben" (Schläfer 17).

Diesem noch relativ harmlosen Projekt folgt ein Jahr später die Arbeit "Suite Vénitienne". Über einen Zeitraum von zwei Wochen beobachtet die Künstlerin einen Mann, der ihr in Paris kurz vorgestellt wurde und dem sie nach Venedig gefolgt ist. Verkleidet mit einer blonden Perücke, Sonnenbrille und Regenmantel nähert sie sich ihrem ahnungslosen Opfer, ergreift von ihm mittels Photographien Besitz und befragt Freunde und Bekannte aus seinem sozialen Umfeld. Schließlich wird sie von Henri B. ertappt - er verbietet Calle, ihn weiterhin zu verfolgen.

Die wochenlange Tätigkeit als Zimmermädchen in einem Hotel in Venedig verschafft Sophie Calle 1981 die Gelegenheit, direkt in die Intimsphäre der Gäste des Hauses einzudringen. Sie obduziert deren Koffer und Kleiderschränke, benützt das Parfüm der weiblichen Gäste, entwendet ein Paar Schuhe und versucht sich ein Bild von den jeweiligen Personen zu machen. Wir als Betrachter der Ausstellung werden unfreiwillig gleichfalls zu Voyeuren.

1983 schließlich, wird die Privatsphäre eines gewissen Pierre D. vehement verletzt. Die Künstlerin findet dessen Adressbuch und schickt es erst dann an den Besitzer zurück, nachdem sie es kopiert hat. Sie fragt die Bekannten, Freunde, Arbeitskollegen und Verwandten über den Protagonisten aus. Die Interviews werden einen Monat lang täglich in einer französischen Tageszeitung veröffentlicht und erfahren eine äußerst positive Leserresonanz.
Schließlich erkennt sich Pierre in einem der Artikel wieder und schlägt zurück: Er treibt eine Nacktaufnahme von Sophie Calle auf und lässt sie in der Zeitung abdrucken (allerdings bleibt ihr Gesicht unkenntlich). Ich wage nicht daran zu denken, wie Pierre D. mit dem Vertrauensbruch seiner engsten Freunde fertig geworden ist.



In den nachfolgenden Projekten "Anatoli" (1984), "Die Bronx" (1990) und "The Detachment - Die Entfernung" (1996) gibt die Künstlerin ihr mehr oder weniger anonymes Agieren auf und konfrontiert die Beteiligten direkt.
Einen Skandal löst 1986 ihre Arbeit " Die Blinden" aus: Wie konnte sie diese danach fragen, was das Schönste sei, das sie je gesehen haben?!
Versöhnlicher stimmen dagegen ihre Arbeiten, die in direkter Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Schriftsteller Paul Auster entstanden: Die zugegebenermaßen nicht gerade langweilige Biographie von Sophie Calle diente ihm als Vorlage für seinen Roman Leviathan (wobei er einige Verrücktheiten dazu erfand). Calle wiederum schlüpft in die Rolle seiner Protagonistin Maria. Sie lebt nach deren "Chromatischer Diät" und nimmt jeden Tag nur Lebensmittel einer Farbe zu sich.
In B,C,W, verbringt sie ihre Tage unter dem Bann eines Buchstabens - B für Big-Time Blonde Bimbo (Brigitte Bardot, Beauty and the Bestiary, Bull...).
Schließlich folgt die Künstlerin einigen speziell für sie entworfenen Anweisungen Austers im Hinblick auf die Verbesserung der Lebensqualität in New York. Eine Woche lang lächelt sie Passanten an, versucht mit ihnen in Kontakt zu treten, verteilt Sandwiches und Zigaretten an Bedürftige und pflegt eine Telefonzelle wie ihr eigenes Wohnzimmer. Calle schmückt sie mit Blumen und Photos, streicht sie grün an, deponiert Bleistifte, Getränke, Lebensmittel und Zigaretten im Inneren und stellt zwei Klappstühle vor die Kabine. Über die Reaktionen und Kommentare ("die gehört doch in die Klappsmühle") führt sie genau Buch. Die Aktion wird letztendlich von der Telefongesellschaft beendet.

Allein dieses Projekt lohnt den Besuch der Ausstellung. Jedenfalls habe ich am Ende nur amüsierte Gesichter gesehen.

angelika steer



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