Spanien 2002 · 113 min. · FSK: ab 16 Regie: Pedro Almodóvar Drehbuch: Pedro Almodóvar Kamera: Javier Aguirresarobe Darsteller: Javier Cámara, Darío Grandinetti, Rosario Flores, Geraldine Chaplin u.a. |
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Alicia |
In Almodóvars letztem Film Alles über meine Mutter gibt es einen Moment, in dem der Film eine ungeheure Wendung nehmen, wo plötzlich eine radikal neue Geschichte beginnen könnte: die Mutter beobachtet einen Mann, der das Krankenhaus verläßt, einen Mann, in dessen Brust womöglich das Herz ihres tödlich verunglückten Sohnes schlägt, das durch eine Organtransplantation dorthin verpflanzt worden ist. Den sehnsuchtsvollen Blick der Mutter übersetzt Almodóvar in einen Zoom der Kamera auf diese Brust, in einen Zoom, der es dem verpflanzten Organ gleichtun, der in diesen Körper hinein möchte, sich hineinversetzen in ein anderes Leben, das von dem Herzen des toten geliebten Wesens beseelt wird. Mit diesem Zoom bahnt sich eine fundamentale Grenzverrückung an, eine Neudefinition dessen, was das Prinzip der Identifikation für das Melodram bedeutet. Melodramen operieren gewissermaßen mit einem Mechanismus, der einer Herztransplantation gleichkommt. Die Kraft von Almodóvars Kino, von seinen jüngsten Filmen vor allem, beruht auf einer Handhabung und Übertragung von Affekten, die sich in dieser Transplantationsmetapher konkretisiert. In Alles über meine Mutter schwächte er dann den schwindelerregenden Sog dieses Zooms ab, um damit einen Ortswechsel von Madrid nach Barcelona, einen Milieuwechsel, eine Reise in die Tiefe der Vergangenheit der Mutter einzuleiten.
Almodóvars neuem Film Sprich mit Ihr liegen solche soghaften Momente als ästhetische Voraussetzung zugrunde. Sie wären in dem Blick einer der Hauptfiguren auf den Körper der im Koma liegenden geliebten Frau zu finden. Und es ginge hier bereits um die Transplantation von Seele oder Leben überhaupt und Kino bekäme eine fast animistische Funktion zugeschrieben.
Aber Sprich mit Ihr weist in sich schon genug Schnittpunkte auf, an
denen sich zwei, drei verschiedene Geschichten kreuzen. Jedes einzelne der an ihnen beteiligten Schicksale vermag ein eigenes Melodram zu füllen. Vordergründig zusammengefaßt, erzählt der Film von der entstehenden Freundschaft zwischen zwei Männern, die dadurch miteinander in Kontakt kommen, daß die Frauen, die sie jeweils lieben, durch einen Unfall ins Koma gefallen sind und auf derselben Krankenstation versorgt werden. Beide Liebesgeschichten und die Geschichte der
Freundschaft folgen einem ausgesprochen tragischen Verlauf, in alle drei spielt der Tod auf melodramatische Weise hinein. Daß solch ein Plot nicht in überbordendem Kitsch und in aufgesetzter Pathetik untergeht, dafür sorgt Almodóvars Geschick, eine delikate Balance der Emotionen herzustellen.
Der naive Benigno ist Krankenpfleger, er ist ein wenig einfältig, er geht ganz und gar in der Liebe zu der Tanzschülerin Alicia auf; die liegt allerdings seit vier Jahren im Koma, und Benigno pflegt sie voller Hingabe, so wie er auch seine Mutter über Jahre hin gepflegt hatte. Benitos Naivität und seine Liebe lassen ihn ständig mit Alicia sprechen, als wäre diese bei Bewußtsein. Er geht ins Theater, ins Kino, plant, eine gemeinsame Wohnung einzurichten, alles nur um Alicia davon erzählen zu können.
Marco, wesentlich zweiflerischer gestimmt, ist Journalist und Reiseschriftsteller: er liebt die Stierkämpferin Lydia, eine Beziehung, die darunter leidet, daß Lydia und Marco den Trennungsschmerz von ihrer jeweiligen vorausgehenden Liebesbeziehung kaum verwunden hatten. Als Lydia in der Stierkampfarena schwer verletzt wird und ins Koma fällt, bleibt Marco an ihrem Krankenbett schweigsam, auch wenn ihn Benigno noch so sehr zum Sprechen ermuntert; aber Marco hat vor Lydias Unfall einfach zu viel geredet, von sich, von seinem Schmerz. Er hat dadurch eine wichtige Aussprache verhindert, in der sich Lydia von ihm trennen wollte. Das muß er nun von seinem Rivalen erfahren, was ihn veranlaßt, das Weite zu suchen und auf Reisen zu gehen. Als ihn der Tod Lydias zurückführt, erfährt er überrascht, daß bei Alicia mittlerweile eine Schwangerschaft eingetreten, Benigno verdächtigt und verhaftet worden ist. Die Freundschaft zwischen Benigno und Marco tritt nun in eine schmerzliche letzte Phase, an deren traurigem Ende Marco seine hermetische Schweigsamkeit zu überwinden beginnt.
Almodóvar setzt seinen Film, und das bezeichnet seine eigentliche Qualität, aus sorgfältig komponierten Erzähleinheiten zusammen, mit Zeitsprüngen, Traumsequenzen, Ausschnitten aus Tanztheaterproduktionen von Pina Bausch, aus dem Stierkampf und dem Auszug aus einem Stummfilm, den Almodóvar extra für Sprich mit Ihr angefertigt hat. Die Verschaltung dieser scheinbar heterogenen Segmente sorgt für die ausgewogene Balance der Emotionen und Affekte in diesem Melodram. Denn alle diese Verschiebungen und Einschaltungen entbinden die Emotionen und dämmen sie zugleich ein, sprechen sie stellvertretend und indirekt aus, ohne sie zum Verschwinden zu bringen. Die Sequenz aus dem Stummfilm vom »schrumpfenden Liebhaber« etwa, der durch das Trinken eines Elixiers so klein geworden ist, daß er im Geschlecht der Geliebten für immer verschwinden kann, kaschiert den auf der primären Erzählebene ausgesparten Akt und macht ihn dennoch sichtbar, allerdings in einer Weise, die über das mittelbar Bedeutete hinausreicht. Wenn Caetano Veloso seine Version von »Cucurrucú Paloma« vorträgt und wir unter den Zuhörenden den weinenden Marco sehen, so weist diese lange Einstellung dem Schmerz Marcos einen genau bestimmten Platz zu, an dem ihm sein Schmerz nicht mehr alleine gehört. Sein Schmerz wird auf eine Ebene der Objektivierung gehoben, ist in dem Gesang Caetano Velosos aufgehoben. Durch den Einbau gerade dieser vermittelnden Elemente gelingt es Almodóvar, eine rührende Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Gefühlen seiner Protagonisten zu erlangen, die seine Melodramen zu den überzeugendsten und wahrhaftigsten Erlebnissen im momentanen Kino machen.