27.02.2025
75. Berlinale 2025

Die Magie der Mädchen

Drommer
Träumend Erzählungen generieren: Der Berlinale-Gewinner Drømmer
(Foto: Berlinale | Motlys)

Tröstende Botschaften, Autofiktionen und Märchen: Die erste Berlinale unter Tricia Tuttle besinnt sich auf das leise Erzählkino und den kinematographischen Blick

Von Dunja Bialas

Erst dicke Schnee­flo­cken, dann Eises­kälte auf der Berlinale. In der offenen Schreib­lounge im Berlinale-Palast sackt die Kälte direkt auf die Köpfe der Schrei­benden, viele sitzen mit Mütze oder tief über den Kopf gezogener Daunen­ka­puze da. Am Nach­mittag wabern schwere Bässe vom roten Teppich ins Foyer hinab, ein dicker Klang­tep­pich, der aber nicht wärmt. Die Eises­kälte hält sich hart­nä­ckig für zehn Tage Berlinale.

Zu Beginn vermissen wir empfind­lich die Program­mie­rung von Carlo Chatrian, dem künst­le­ri­schen Leiter der letzten Berlinale, der das Handtuch warf, auch weil er geschäfts­füh­rend hätte tätig werden sollen. Vor allem die von ihm einge­führte Reihe »Encoun­ters« und die Verläss­lich­keit seiner expe­ri­men­tier­freu­digen Hand­schrift, unter der (fast) jeder Film zu einer Entde­ckung werden konnte, fehlen. Mit dieser Haltung sind wir ziemlich allein. Carlo Chatrian habe den Wett­be­werb vernach­läs­sigt, ist allent­halben unter den Tages­zei­tungs-Film­kri­tiker:innen zu hören. Was wiederum wundert. A Different Man, In Liebe, Eure Hilde, Sterben, Des Teufels Bad, Ein kleines Stück vom Kuchen: all diese Titel waren letztes Jahr im Wett­be­werb zu sehen, mit einem Leben nach der Berlinale. Allesamt Filme, so ist anzu­nehmen, mit denen auch dieje­nigen etwas anfangen konnten, denen Bruno Dumonts Das Imperium oder – Chatrians Abschieds­ge­schenk für die Cineasten – Pepe mit dem spre­chenden Nilpferd nichts zu sagen wussten.

Program­ma­ti­scher female gaze

Derartig kraft­volle Filme waren dieses Jahr nicht zu sehen. Meist ging es, einschließ­lich des erwartbar gehassten Eröff­nungs­films Das Licht, mit dem sich Tom Tykwer nach neun­jäh­riger Absenz auf der Kino­lein­wand zurück­mel­dete, um Fami­li­en­an­ge­le­gen­heiten. Die Besinnung auf die private Keimzelle der Gesell­schaft also, nachdem die Berlinale seit Jahr­zehnten den Nimbus hatte, das poli­tischste aller A-Festivals zu sein. Und auch der ukrai­ni­sche Timestamps, als obli­ga­to­ri­scher Wett­be­werbs­do­ku­men­tar­film, suchte in einer über­wie­gend weib­li­chen Care-Arbeit und im Blick auf die Schü­le­rinnen und Schüler nach Antworten auf den männer­ge­führten Krieg.

Dies lässt sich als weichere, wenn nicht gar weibliche Program­mie­rung auslegen, ein program­ma­ti­scher female gaze, der die Männer­jahre der Berlinale – Alfred Bauer, Wolf Donner, Moritz de Hadeln, Dieter Kosslick, Carlo Chatrian – bewusst hinter sich lassen möchte. Kraft­volles Kino fehlte, so das ziemlich einmütige Urteil der Bericht­erstatter, einprägsam jedoch waren stil­si­chere Filme einer großen, bekannten Arthouse-Riege wie Radu Jude (Konti­nental »25«), Hong Sang-soo (What Does that Nature Say to You), Richard Linklater (Blue Moon) oder Michel Franco (Dreams).

»Debü­tan­ten­ball«

Nicht immer ganz gang­si­cher wirkten die ersten und zweiten Filme im Wett­be­werb: Hot Milk, If I Had Legs Id Kick You, Living The Land, Was Marielle weiss und Yunan. Gut ein Viertel Newcomer-Filme im Berlinale Wett­be­werb: Das mag die Antwort auf den immer schma­leren Welt­pre­mieren-Korridor im Februar sein. Dazu gab es die neue Reihe »Perspec­tives«, die fünfzehn »Erst­lings­filme« (Berlinale) präsen­tierte. Die Berlinale, ein Debü­tan­ten­ball? Etwas ratlos blieb man dann doch zurück ange­sichts dieser »neuen« Impulse – war die Reihe »Perspekive Deutsches Kino« mit deutschen Newcomer-Filmen doch erst abge­schafft worden.

Debüt heißt aber nicht schlecht, wohl­ge­merkt. In Deutsch­land gibt es seit 1952 das inter­na­tio­nale Film­fes­tival Mannheim-Heidel­berg für den Newcomer-Film, das unter der Leitung von Sascha Keilholz zu einem starken kine­ma­to­gra­phi­schen Blick gefunden hat. Seit 1995 gibt es zudem, wenige Wochen vor der Berlinale, auf dem inter­na­tio­nalen Film­fes­tival Rotterdam den renom­mierten Welt­pre­mieren-»Tiger Award« für erste und zweite Filme zu sehen, dem Berlin jetzt ziemlich auf die Pelle rückt. Ist das der Horizont, an dem sich die Berlinale unter Tricia Tuttle sieht, und nun nicht mehr die anderen europäi­schen A-Festivals wie Cannes, Venedig, Locarno?

Die Preise der Berlinale

Gewis­sens­bisse der Bour­geoisie: Radu Jude (Bestes Drehbuch)

Kontinental ‘25
(Foto: Berlinale | Radu Jude)

Dem Spaß am Kino konnte das wenig anhaben. Erleich­te­rung gab es, als die Preise verkündet wurden und ohne nennens­werten Polit­skandal über die Bühne gingen, anders als letztes Jahr. Nur Radu Jude tanzte aus der Reihe. Für Konti­nental »25« (artechock-Kritiken) erhielt er den Silbernen Bären für das beste Drehbuch – obgleich er nach eigenem Beteuern mit dem Dreh­buch­schreiben kaum etwas am Hut hat – und widmete seinen Preis dem Bour­geoisie-Kritiker Luis Buñuel, der am Tag der Preis­ver­lei­hung seinen 125. Geburtstag feierte. Er hoffe, so sagte Jude viel­sa­gend auf der Bühne, dass der Inter­na­tio­nale Gerichtshof in Den Haag seine Arbeit machen möge »gegen all diese mordenden Bastarde« und, mit Blick auf die deutschen Bundes­tags­wahlen, dass die nächste Berlinale nicht mit Triumph des Willens von Leni Riefen­stahl eröffnet werde.

In Geisel­haft: »Holding Liat« (Bester Doku­men­tar­film)

Wie als Wieder­gut­ma­chung des letzt­jäh­rigen Aufregers, als der Preis für den besten Doku­men­tar­film an den israe­lisch-paläs­ti­nen­si­schen Akti­vis­ten­film No Other Land ging, wurde dieses Jahr Holding Liat des Ameri­ka­ners Brandon Kramer ausge­zeichnet. Der Film nimmt die Perspek­tive einer Familie ein, deren Sohn Liat am 7. Oktober 2023 von Mitglie­dern der Hamas gewaltsam aus dem Kibbuz entführt wird, kurz darauf beginnt Kramer mit den Aufnahmen. Es gab auch ein Gedenken auf dem roten Teppich an den von der Hamas entführten und immer noch in Geisel­haft befind­li­chen israe­li­schen Schau­spieler David Cunio, was letztes Jahr schlichtweg unter­lassen worden war – auch dies brachte Chatrian einen finalen Kritik­punkt ein. Und es gab Tilda Swinton, die den Ehren­preis der Berlinale bekam und sich als Bewun­derin des BDS outete, weshalb wiederum Tuttle für ihre Wahl gerügt wurde.

Nostalgie ohne Reue: »Living the Land« (Beste Regie)

Den Silbernen Bären für die Beste Regie ging an Huo Mengs Living The Land, einem schön anzu­schau­enden, in den kommu­nis­ti­schen 90er-Jahren auf dem Land spie­lenden Epos. In der Retro­spek­tive tauchen wir ein in das Landleben einer von großer Armut geprägten Familie, der Zugriff des Staates mit einer mittel­al­ter­lich anmu­tenden Weizen­ab­gabe und Gebur­ten­kon­trolle (Ein-Kind-Politik) ist brutal. Dafür aber sind die Tradi­tionen noch intakt, das Landleben von Hand­ar­beit geprägt, die Wander­ar­beit und die Land­flucht stehen erst am Anfang. Gerade die allerorts hoch­ge­lobten »schönen Bilder« und die tradi­ti­ons­reiche Ausstat­tung aber ergaben den seltsamen Eindruck, einer Auffüh­rung in einem Freilicht-Bauern­mu­seum beizu­wohnen. So war der Blick des Films, geframet vom Label der chine­si­schen Film­för­de­rung, nost­al­gisch, und auch ein wenig propa­gan­dis­tisch, da es sich in der Rückschau selbst für einen staatlich geför­derten Film beschau­lich-kritisch von der Misere erzählen lässt – ohne dass es der Gegenwart weh tut.

Die Wahrheit der Schar­la­ta­nerie: »El mensaje« (Preis der Jury)

Mensaje
(Foto: Berlinale | Rita Cine, Insomnia Films)

Über­ra­schend war der Silberne Bär (Preis der Jury) für El Mensaje des Argen­ti­niers Iván Fund, der aus dem Programm heraus­stach. In Schwarz­weiß erzählt er von einer familia rodante, die auf dem argen­ti­ni­schen Hinter­land ihre Dienste anbietet. Anika ist eine Tier­flüs­terin, die die Gedanken von Haus­tieren lesen kann. Sie über­bringt die trös­tenden Botschaften den hilfe­su­chenden Haus­tier­be­sit­zern, den Anfang machen eine Schild­kröte und ihr Herrchen. Die stille, mit nur wenigen Dialogen auskom­mende Schau­stel­ler­ge­schichte spielt in einer Land­schaft der Nichtorte, an den Rändern der Auto­bahnen. Hier ist viel Platz für das eigene Sehen, der Film mit dem gene­ri­schen Titel »Botschaft« selbst ein großer Gedan­ken­raum. Ein fast medi­ta­tiver Ausnah­me­film in einem oft sehr geschwät­zigen Berlinale-Wett­be­werb (so zum Beispiel Richard Link­la­ters Blue Moon).

Gestrickte Texturen: Drømmer (Dreams (Sex Love)) (Goldener Bär)

Drommer
(Foto: Berlinale | Agnete Brun)

Ganz im Gegenteil zu dem fast die Narration verwei­gernden Mensaje entfaltet sich der Gewin­ner­film des Goldenen Bären erst durch das Wort. Drømmer (Dreams (Sex Love)) des norwe­gi­schen »Biblio­the­kars« (Google) Dag Johan Haugerud erzählt von der Auto­fik­tio­na­li­sie­rung der ersten Liebe. Johanne verliebt sich in ihre Fran­zö­sisch­leh­rerin Johanna, versucht erst, ihr Gefühls­leben überhaupt zu verstehen, dann ihr nahe zu kommen, erzählt schließ­lich von Nähe und Eifer­sucht, und vom Bruch. Alles in strikter Ich-Erzähl­si­tua­tion, über­wie­gend aus dem Off. Die Figur hat über die Liebes­wer­dung einen sehr erleb­nis­nahen Text verfasst, der über den Bildern liegt, während wir sehen, was passiert, im perfor­ma­tiven Reali­täts­be­weis sozusagen. Andere Möglich­keiten stünden hier offen. Die unab­schließ­bare »Rashomon«-Multi-Perspek­tivik zum Beispiel (zuerst das Mädchen, dann die Lehrerin, dann die beste Freundin…) oder auch die abge­klärte Rückschau / die Confes­sion. Haugerud vertraut lieber auf die sich beim Schreiben / Sprechen entfal­tende selbst­re­fle­xive Sicht des puber­tie­renden Mädchens, das die Gescheh­nisse permanent hinter­fragt und an ihrem Begehren zweifelt und verzwei­felt. Als große Metapher für das Erzählen dient das Stricken, das Masche für Masche das Text-Gewebe erstellt, das sich in langen Nach­mit­tagen bei der stri­ckenden Lehrerin ins Zentrum setzt.

Mutter und Oma nehmen in diesem fast männer­losen Film die Rollen weiterer Refle­xi­ons­me­dien ein; mit ihnen gerät der Film in eine perfor­ma­tive Dauer­selbst­re­fle­xion. Die Oma, eine Schrift­stel­lerin, darf den Text von Johanne lesen. Sie gibt ihn an die Mutter weiter, eine Veröf­fent­li­chung wird erwogen. Dabei wird ständig auch der Wahr­heits­ge­halt des Gelesenen verhan­delt, der fiktio­nale Status des Auto­bio­gra­fi­schen im Land von Karl Ove Knausgård mit Verve disku­tiert. Der sehr unter­halt­same und sehr zugäng­liche Film feiert das Erzählen – weniger das Erzähl­kino – und zele­briert, wie eine Geschichte sich entfaltet und immer wieder von neuem ansetzt (die Montage ist beacht­lich), ohne dass sie jemals wirklich zum Abschluss käme. Drømmer ist der zweite Teil einer Trilogie, deren andere Teile (nicht der Reihen­folge nach) alle auf der Berlinale liefen und die in wenigen Wochen in die deutschen Kinos kommt.

Die Traum­ma­schine: La Tour de Glace (Heraus­ra­gende künst­le­ri­sche Leistung)

tour de glace
(Foto: Berlinale | Lucile Hadzi­ha­li­lovic)

Auch das Kino selbst ließ sich mit dem Berlinale-Wett­be­werb 2025 als Maschine der Fiktionen und natürlich Träume erleben (gleich zwei Filme hießen so, neben Drømmer auch noch Michel Francos Dreams). La Tour de Glace bekam den Silbernen Bären für die Heraus­ra­gende Künst­le­ri­sche Leistung (artechock-Kritik). Der Film ist der Traum von einem Märchen: Im Zentrum steht ein Film-im-Film, in dem Hans Christian Andersens »Die Schneekö­nigin« insze­niert wird. Marion Cotillard spielt sie mit bebenden Wimpern, Giallo-mäßig beleuchtet, mit schweren Samt­klei­dern, hohen Krägen und reich verziertem Eiskö­ni­ginnen-Gewand. In den Kulissen des Sets hat sich ein Mädchen versteckt, Jeanne nennt sich Bianca, sie ist eine Waise, einem Kinder­heim hoch in den Bergen entkommen, wo sie einem kleinen Mädchen immer das Schneekö­ni­ginnen-Märchen vorge­lesen hatte. Der Film spielt in den 70er-Jahren in Frank­reich, die Bevöl­ke­rung in der abge­le­genen Region ist von Armut geprägt, es ist immer noch das Frank­reich der Nach­kriegs­zeit.

Das arme Waisen­mäd­chen gerät also aus einem realen Hinter­grund in die Kulissen des Märchen­films. Die Ebenen vermi­schen sich zunehmend, in den Träumen, aber auch dadurch, dass Bianca aus einer Statis­ten­rolle der ange­be­teten Schneekö­nigin immer näher kommt. Lucile Hadži­ha­li­lović insze­niert diese Übergänge zwischen dem Realen, Imaginären und dem Film-im-Film fließend und als Vexier­bilder, bei denen wir oft nicht mehr wissen, woran wir sind: Das ist dann auch die reale Grun­die­rung des Märchens und die märchen­hafte Grun­die­rung des Realen. Und wie immer im Märchen, verkehrt sich das Faszi­nosum auch ins Abgrün­dige.

La Tour de Glace ist Genre, feiert den fran­zö­si­schen Märchen­film und macht ihn gleich­zeitig plausibel als Flucht­punkt des Realen. Horror­ele­mente und Giallo mischen hinein, der Film erliegt lustvoll dem Fetisch des Kostüms. Hadži­ha­li­lović, Partnerin von Gaspard Noé (der den Regisseur im Film spielt), ist eine Besessene des Genres; hier huldigt sie dem Märchen­film in seiner ganz und gar abgrün­digen Unheim­lich­keit.

Außerhalb des Wett­be­werbs schließt sich hier The Ugly Step­sister (artechock-Kritik) an, der das Grimm'sche Aschen­puttel-Märchen als abjekten Body-Horror insze­nierte. So entwerfen die Filme der Tuttle-Berlinale mit den »magischen Mädchen« unver­fro­rene Blicke, kine­ma­to­gra­phi­schen Ernst und narrative Leben­dig­keit, meist auf sicherem Erzähl­boden, und deshalb über­wie­gend jenseits großer Formen­er­neue­rungen. Die Berlinale 2025 zeigte ein Kino, das Spaß macht und sich auch immer wieder, fast l’art pour l’art, selbst genügt. Das nur selten wie Hong Sang-soos What Does that Nature Say to You an die form­ge­fassten Ränder drängt, um sie zu sprengen (artechock-Kritik), sondern viel Erzähl­kino bereit­hielt.

Ob sich das als bran­chen­kon­ser­va­tive Restau­ra­tion gegen die Formen­freu­dig­keit der letzten Jahre hält, wird sich zeigen.