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Unserer Pflicht als Kino-Chronisten sind wir bei Artechock letzte Woche brav nachgekommen und haben ihnen
länglich und ausschweifend was erzählt über die schönsten
Filme, die wir letztes Jahr so gesehen haben.
Jetzt kommt die
Kür: Wir erzählen Ihnen was über die wahrscheinlich schönsten
Filme, die wir nicht gesehen haben.
Was wirklich nicht unsere Schuld war (das mit dem Nichtsehen -
das mit dem Erzählen freilich schon). Nur allzu gerne hätten wir!
Aber wie denn, wenn die deutschen Verleiher zunehmend versagen und
es uns versagt bleibt, einige der potentiell wichtigsten Filme des
Kinojahres auf hiesigen Leinwänden zu erblicken. Dabei reden
wir hier nicht einmal von Filmen aus jenen Ländern und
Kulturkreisen, denen es traditionell noch nicht gelungen ist, sich
angemessene Vertriebswege nach Deutschland zu bahnen. Dass
afrikanisches Kino bestenfalls auf Festivals zu sehen ist; dass
indisches Kino uns bestenfalls in Form von "künstlerisch
wertvollen" Sozialdramen erreicht und das ganze wunderbare,
großartige, üppige Bollywood außen vor bleibt; dass wir bei
asiatischem Kino fast ausschließlich auf die kleine (wenn auch
hochfeine) Auswahl der tapferen Kämpen von rapid eye movies
angewiesen sind - wir finden's nicht schön, aber wir sind's
immerhin nicht anders gewohnt, auch wenn wir's gerne wären.
Schon eher reden wir vom europäischen Kino. Denn da ist es doch
schon höchstseltsam, wie schwer es Filmen unserer Nachbarländer
fällt, es über die (angeblich kaum noch existierenden) Grenzen zu
schaffen. (Mal ganz abgesehen davon, dass oft nicht mal die wenigen
wirklich schätzenswerten Einheimischen wie Andreas Dresen mit
seinem DIE POLIZISTIN noch einen Kinostart kriegen...) Es sind
grade noch die Britcoms, die uns da mit einiger Zuverlässigkeit
erreichen. Sonst sieht's düster aus. Selbst die Handvoll
französischer "Kunst"-Regisseure, deren Werke regelmäßig wenigstens
mit ein paar vereinzelten Kopien in deutsche Kinos gelangen,
scheint kleiner zu werden: Agnes Vardas LES GLANEURS ET LA
GLANEUSE, Chantal Akermans LA CAPTIVE - Fehlanzeige. Spanien
scheint ganz auf seinen zwar schätzenswerten, aber eben auch maßlos
überschätzten Almodovar reduziert - viel aufregendere Leute wie
Bigas Luna oder Agustín Villaronga haben sich seit Jahren auf
keiner bundesdeutschen Leinwand mehr blicken lassen. Vom
anarchischen Meister Jess Franco ganz zu schweigen. À propos
Jess Franco: Gerade das so genannte "Unterhaltungskino" scheint in
Europa überhaupt keine Chance mehr zu bekommen, außerhalb seines
Heimatlandes stattzufinden. Was waren das noch für Zeiten, als all
die Sandalenfilme, Spaghettiwestern, Bud Spencer-Batschereien,
WEISSE HAI-Rip-offs und Zombiemassaker aus Italien in unseren Kinos
fröhliche Urständ feierten, als Louis de Funès in unseren
Lichtspielhäusern rumzappelte. Vorbei, vorbei... Kein Platz mehr
für sowas in den sauberen, sterilen Multiplexen, keine Chance im
Zeitalter der Blockbuster.
Die großen deutschen Verleiher sind mittlerweile fast
ausschließlich direkte Dependancen der großen Hollywood-Studios
(und damit der Medienkonzerne, denen diese gehören). Was inzwischen
so weit geht, dass nicht nur andernorts produzierten Filmen das
Leinwand-Leben erheblich schwer gemacht wird (denn fast alle Kinos
sind in konkreten Abhängigkeitsverhältnissen von den großen
Verleihern und deren Ware, die mit durchaus aggressiver
Verdrängungstaktik ans Publikum gebracht wird) - sondern dass
selbst die eigenen Filme keine unabhängige Chance mehr bekommen,
sich in Deutschland zu bewähren. Früher galt ein bundesdeutscher
Start als eine ganz eigene Sache, mit eigener Kampagne und eigener
Einschätzung des zu erwartenden Erfolgs. Das war, bevor die
hiesigen Verleiher zu bloßen Erfüllungsgehilfen mutierten. Jetzt
wartet man auf die Einspielergebnisse aus Amerika, und das war's
dann auch schon: Die gelten 1:1 als Richtschnur auch für den
einheimischen Einsatz. Kein Gedanke mehr daran, dass tausend
willkürliche Faktoren die US-Ergebnisse beeinflussen, von denen
möglicherweise hier keiner greift, im Positiven wie im Negativen.
Kein Gedanke mehr an die doch immer noch gar nicht so
vernachlässigbaren Reste kultureller Differenz in unterschiedlichen
Vierteln unseres Globalen Dorfs. Und so entgehen uns
mittlerweile selbst als Blockbuster geplante Werke fettesten
US-Mainstreams, nur weil die in ihrem Heimatland nicht die
erwartete Kasse gemacht haben. Unfair! Weil: BATTLEFIELD EARTH -
sehen will!!! (Quengel!) Warum arbeitet man da hierzulande nicht
damit, dass aus amerikanischem Kritikermund zu hören war, den Film
nur den schlechtesten des Jahres zu nennen wäre noch höflich? Warum
bringt man den dann hier nicht einfach als Camp, als Trash, als
Gaudium auf den Markt? So ungenießbar kann der gar nicht sein - und
wenn es darum geht, uns mit den filmischen Mißgeburten eines
Emmerich oder Petersen zu belästigen, dann spielt Qualität doch
auch nie eine Rolle. Wo bleibt SUPERNOVA? Der, das ist durchaus
wahrscheinlich, wohl die Erwartungen des großen Publikums nicht
erfüllt hat, der aber - nachdem Walter Hill und Francis Ford
Coppola (Säulenheilige beide) daran gearbeitet haben - eigentlich
nur verkannt und unterschätzt sein kann. Was ist mit GET
CARTER? Nicht, dass wir ein Remake von Mike Hodges kohlenschwarzen
Klassiker für absolut notwendig gehalten hätten. Aber: Zu düster,
zu wenig Action, hat man sich in Amerika beklagt, und das allein
beweist doch schon, dass die Macher was kapiert haben müssen vom
Vorbild. Also her damit, bitte! Ganz zu schweigen freilich von
amerikanischen Filmen, die mit hehrem Anspruch angetreten sind und
(vermutlich) an der Ignoranz des Publikums gescheitert. (Vielleicht
aber eben auch nur an einem dieser unwägbaren Faktoren wie Wetter,
Superbowl-Endspiel, Konkurrenz von anderen Filmen...) SHAKESPEARE
IN LOVE gönnt man uns, aber TITUS ANDRONICUS kriegen wir nicht zu
sehen. Zu brutal, kreischte man da entsetzt. Hallo, hat irgendwer
mal das Stück gelesen? Wie, bitte, sollte man dem anders gerecht
werden? Hat da wer GLÜCKSBÄRCHIS IN SHAKESPEARELAND erwartet? Tim
Robbins THE CRADLE WILL ROCK war wohl politisch zu unbequem, und
man wird doch jetzt nicht anfangen, den Quertreiber Orson Welles
als Revoluzzer zu rehabilitieren, wo man ihn so schön tot und
schweigend gekriegt hat mit dem Mythos vom Mann, der einen frühen
Klassiker gemacht hat und dann irgendwann der dicke Clown mit
Zigarre und künstlicher Nase war, und sonst nichts. Warum Mike
Leighs TOPSY-TURVY (ein britischer Film, aber er gehört dennoch
hier her) nicht mal diverse Oscar-Nominierungen gereicht haben, um
ihn auf deutsche Leinwände zu hieven, bleibt hingegen ein
Rätsel. Vielleicht der schmerzlichste Fall von Missing in
Action 2000 aber dürfte Mike Figgis TIME CODE sein. Nach aktuellem
Stand ist da kein deutscher Verleih in Sicht. Und dabei dürfte das
eine der spannendsten Spiele mit dem Medium sein, die letztes Jahr
gewagt wurden: Vier Geschichten, in Echtzeit, parallel und stets
gleichzeitig auf der viergeteilten Leinwand zu sehen. Und
spätestens da (wo auf einem Bildschirm wohl kaum noch was von den
Details zu erkennen sein wird) dürfte einsichtig werden, warum wir
alten Cineasten uns eben nicht einfach damit abspeisen und trösten
lassen wenn's heißt: Irgendwann kommt das sowieso alles mal auf
Video...
Thomas
Willmann
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