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Sag mir, wo die Filme sind...
...wo sind sie geblieben?

  04.01.2001
 
 
 
 

Unserer Pflicht als Kino-Chronisten sind wir bei Artechock letzte Woche brav nachgekommen und haben ihnen länglich und ausschweifend was erzählt über die schönsten Filme, die wir letztes Jahr so gesehen haben.
Jetzt kommt die Kür: Wir erzählen Ihnen was über die wahrscheinlich schönsten Filme, die wir nicht gesehen haben.

Was wirklich nicht unsere Schuld war (das mit dem Nichtsehen - das mit dem Erzählen freilich schon). Nur allzu gerne hätten wir! Aber wie denn, wenn die deutschen Verleiher zunehmend versagen und es uns versagt bleibt, einige der potentiell wichtigsten Filme des Kinojahres auf hiesigen Leinwänden zu erblicken.
Dabei reden wir hier nicht einmal von Filmen aus jenen Ländern und Kulturkreisen, denen es traditionell noch nicht gelungen ist, sich angemessene Vertriebswege nach Deutschland zu bahnen. Dass afrikanisches Kino bestenfalls auf Festivals zu sehen ist; dass indisches Kino uns bestenfalls in Form von "künstlerisch wertvollen" Sozialdramen erreicht und das ganze wunderbare, großartige, üppige Bollywood außen vor bleibt; dass wir bei asiatischem Kino fast ausschließlich auf die kleine (wenn auch hochfeine) Auswahl der tapferen Kämpen von rapid eye movies angewiesen sind - wir finden's nicht schön, aber wir sind's immerhin nicht anders gewohnt, auch wenn wir's gerne wären.
Schon eher reden wir vom europäischen Kino. Denn da ist es doch schon höchstseltsam, wie schwer es Filmen unserer Nachbarländer fällt, es über die (angeblich kaum noch existierenden) Grenzen zu schaffen. (Mal ganz abgesehen davon, dass oft nicht mal die wenigen wirklich schätzenswerten Einheimischen wie Andreas Dresen mit seinem DIE POLIZISTIN noch einen Kinostart kriegen...)
Es sind grade noch die Britcoms, die uns da mit einiger Zuverlässigkeit erreichen. Sonst sieht's düster aus. Selbst die Handvoll französischer "Kunst"-Regisseure, deren Werke regelmäßig wenigstens mit ein paar vereinzelten Kopien in deutsche Kinos gelangen, scheint kleiner zu werden: Agnes Vardas LES GLANEURS ET LA GLANEUSE, Chantal Akermans LA CAPTIVE - Fehlanzeige. Spanien scheint ganz auf seinen zwar schätzenswerten, aber eben auch maßlos überschätzten Almodovar reduziert - viel aufregendere Leute wie Bigas Luna oder Agustín Villaronga haben sich seit Jahren auf keiner bundesdeutschen Leinwand mehr blicken lassen. Vom anarchischen Meister Jess Franco ganz zu schweigen.
À propos Jess Franco: Gerade das so genannte "Unterhaltungskino" scheint in Europa überhaupt keine Chance mehr zu bekommen, außerhalb seines Heimatlandes stattzufinden. Was waren das noch für Zeiten, als all die Sandalenfilme, Spaghettiwestern, Bud Spencer-Batschereien, WEISSE HAI-Rip-offs und Zombiemassaker aus Italien in unseren Kinos fröhliche Urständ feierten, als Louis de Funès in unseren Lichtspielhäusern rumzappelte. Vorbei, vorbei... Kein Platz mehr für sowas in den sauberen, sterilen Multiplexen, keine Chance im Zeitalter der Blockbuster.

Die großen deutschen Verleiher sind mittlerweile fast ausschließlich direkte Dependancen der großen Hollywood-Studios (und damit der Medienkonzerne, denen diese gehören). Was inzwischen so weit geht, dass nicht nur andernorts produzierten Filmen das Leinwand-Leben erheblich schwer gemacht wird (denn fast alle Kinos sind in konkreten Abhängigkeitsverhältnissen von den großen Verleihern und deren Ware, die mit durchaus aggressiver Verdrängungstaktik ans Publikum gebracht wird) - sondern dass selbst die eigenen Filme keine unabhängige Chance mehr bekommen, sich in Deutschland zu bewähren. Früher galt ein bundesdeutscher Start als eine ganz eigene Sache, mit eigener Kampagne und eigener Einschätzung des zu erwartenden Erfolgs. Das war, bevor die hiesigen Verleiher zu bloßen Erfüllungsgehilfen mutierten. Jetzt wartet man auf die Einspielergebnisse aus Amerika, und das war's dann auch schon: Die gelten 1:1 als Richtschnur auch für den einheimischen Einsatz. Kein Gedanke mehr daran, dass tausend willkürliche Faktoren die US-Ergebnisse beeinflussen, von denen möglicherweise hier keiner greift, im Positiven wie im Negativen. Kein Gedanke mehr an die doch immer noch gar nicht so vernachlässigbaren Reste kultureller Differenz in unterschiedlichen Vierteln unseres Globalen Dorfs.
Und so entgehen uns mittlerweile selbst als Blockbuster geplante Werke fettesten US-Mainstreams, nur weil die in ihrem Heimatland nicht die erwartete Kasse gemacht haben. Unfair! Weil: BATTLEFIELD EARTH - sehen will!!! (Quengel!) Warum arbeitet man da hierzulande nicht damit, dass aus amerikanischem Kritikermund zu hören war, den Film nur den schlechtesten des Jahres zu nennen wäre noch höflich? Warum bringt man den dann hier nicht einfach als Camp, als Trash, als Gaudium auf den Markt? So ungenießbar kann der gar nicht sein - und wenn es darum geht, uns mit den filmischen Mißgeburten eines Emmerich oder Petersen zu belästigen, dann spielt Qualität doch auch nie eine Rolle.
Wo bleibt SUPERNOVA? Der, das ist durchaus wahrscheinlich, wohl die Erwartungen des großen Publikums nicht erfüllt hat, der aber - nachdem Walter Hill und Francis Ford Coppola (Säulenheilige beide) daran gearbeitet haben - eigentlich nur verkannt und unterschätzt sein kann.
Was ist mit GET CARTER? Nicht, dass wir ein Remake von Mike Hodges kohlenschwarzen Klassiker für absolut notwendig gehalten hätten. Aber: Zu düster, zu wenig Action, hat man sich in Amerika beklagt, und das allein beweist doch schon, dass die Macher was kapiert haben müssen vom Vorbild. Also her damit, bitte!
Ganz zu schweigen freilich von amerikanischen Filmen, die mit hehrem Anspruch angetreten sind und (vermutlich) an der Ignoranz des Publikums gescheitert. (Vielleicht aber eben auch nur an einem dieser unwägbaren Faktoren wie Wetter, Superbowl-Endspiel, Konkurrenz von anderen Filmen...) SHAKESPEARE IN LOVE gönnt man uns, aber TITUS ANDRONICUS kriegen wir nicht zu sehen. Zu brutal, kreischte man da entsetzt. Hallo, hat irgendwer mal das Stück gelesen? Wie, bitte, sollte man dem anders gerecht werden? Hat da wer GLÜCKSBÄRCHIS IN SHAKESPEARELAND erwartet? Tim Robbins THE CRADLE WILL ROCK war wohl politisch zu unbequem, und man wird doch jetzt nicht anfangen, den Quertreiber Orson Welles als Revoluzzer zu rehabilitieren, wo man ihn so schön tot und schweigend gekriegt hat mit dem Mythos vom Mann, der einen frühen Klassiker gemacht hat und dann irgendwann der dicke Clown mit Zigarre und künstlicher Nase war, und sonst nichts. Warum Mike Leighs TOPSY-TURVY (ein britischer Film, aber er gehört dennoch hier her) nicht mal diverse Oscar-Nominierungen gereicht haben, um ihn auf deutsche Leinwände zu hieven, bleibt hingegen ein Rätsel.
Vielleicht der schmerzlichste Fall von Missing in Action 2000 aber dürfte Mike Figgis TIME CODE sein. Nach aktuellem Stand ist da kein deutscher Verleih in Sicht. Und dabei dürfte das eine der spannendsten Spiele mit dem Medium sein, die letztes Jahr gewagt wurden: Vier Geschichten, in Echtzeit, parallel und stets gleichzeitig auf der viergeteilten Leinwand zu sehen. Und spätestens da (wo auf einem Bildschirm wohl kaum noch was von den Details zu erkennen sein wird) dürfte einsichtig werden, warum wir alten Cineasten uns eben nicht einfach damit abspeisen und trösten lassen wenn's heißt: Irgendwann kommt das sowieso alles mal auf Video...

Thomas Willmann

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