Vom 26. bis 30.11.2003 flimmerten die Werke des internationalen
Filmnachwuchses nach fünf Jahren erstmals wieder über die
Leinwand des Münchner Filmmuseums, wohin das Studentenfestival
aus dem Schoß des "großen" Münchner Filmfests zurückgekehrt
war. Daran angeschlossen hatten die ausgewählten Kurzfilme
von Filmhochschulen unterschiedlichster Länder leider immer
weniger Beachtung gefunden. So wurde das Festival kurzerhand
wieder als eigenständiges Ereignis in den November verlegt,
in dem es früher immer stattgefunden hatte. Dieser Rückschritt
wurde zum Fortschritt, das Kino war vom ersten bis zum letzten
Sitzplatz ausverkauft. Damit nicht genug der Sanierungsmaßnahmen,
als ob eine gewaltige Umwälzmaschine die Münchner Filmlandschaft
erfasst hätte, gab es noch zwei weitere Neuerungen: einen
neuen künstlerischen sowie einen neuen geschäftsführenden
Festivalleiter. Ersterer, Prof. Andreas Gruber, ist zugleich
erst seit kurzem Abteilungsleiter des Studiengangs Regie der
HFF München. Letzterer, Andreas Ströhl, ist obendrein frisch
gebackener Repräsentant des "großen" internationalen Münchner
Filmfests. Beide gingen das Ganze gut gelaunt an, und genossen
die beschauliche Atmosphäre der viereinhalb feierlichen Filmtage
gemeinsam mit Fachpublikum und fleißigen Fans.
Mit einer jeweils konkurrenzlos eigenwilligen Handschrift
kamen die Filme, mal durch visuelle Spielarten fremdartig
entrückt und mal klassisch schlicht daher. In seiner wunderbaren
Vielseitigkeit war das Programm vergleichbar mit der italienischen
Küche: für jeden Geschmack etwas. Nicht nur bekömmlich wieder
aufgearbeitete Motive der Filmgeschichte und treffsicher-anders
Gewürztes, sondern auch durch neue Zutaten schmackhaft Gemachtes
gab es zu entdecken. Herrlich frische Komödienware aus der
Hamburger Filmwerkstatt, zum Beispiel der Esprit geladene
KUNSTGRIFF oder HIMMELFAHRT von Ulrike Grothe, der durch seine
pointierte Situationskomik auch die Jury des Pro7 Nachwuchspreises
überzeugte. Sein pfiffiger Dialogwitz machte allerdings AUDITION
aus Israel zum Publikumsliebling. Ebenso gab es poetische
Bilderreigen wie FRAGILE von der HFF München oder SMALL UNTOLD
SECRETS aus der Tschechei, der in seiner visionären Rätselhaftigkeit
ein bißchen an Almodóvar oder Lynch erinnert. Sehr reif und
berührend ehrlich erzählt, wirkte DREMANO OKO von Olivier
Prieur aus Frankreich, der den Nachwuchspreis der Verwertungsgesellschaft
der Film- und Fernsehproduzenten gewann. MEYERS aus Zürich
beschreibt in bestechend präziser Beobachtung ein aus dem
Alltagsmief ausbrechendes Ehepaar. Die beklemmende atmosphärische
Dichte des KONTROLLEURS aus Polen wirkt wie von Kieslowskis
Hand erschaffen. Besonders experimentierfreudig gestaltet
waren MY FIRST RENDEVOUS von dem Slowaken Boris Sima und die
phantastische Utopie MECHANIKA von David Sukup aus der Tschechei.
Beide lassen sich in kein Schema pressen. Eine Genre- und
Stilvielfalt also, wie sie spannender nicht hätte sein können.
Platte, der Fernsehkultur angepasste Schablonenwelten blieben
dem Festival fern.
Als einziger übergreifender, narrativer Wunsch der jungen
Filmemacher lässt sich vielleicht die Tendenz zu sehr vereinsamten
(Anti-)Helden feststellen, die meist - wenn überhaupt - erst
in der letzten Filmsekunde ihr Glück ereilt. In PASSENGERS
sitzen sich in der letzten Einstellung zwei Menschen gegenüber,
die endlich nicht mehr alleine sind, und gerade als sie den
Mund aufmachen wollen.... cut. Ebenso in ME, dessen tragisch-passive
und durchweg wortlose Zentralfigur am Ende auch nicht mehr
zu Worte kommt. War man hier als Filmemacher ratlos? Nein,
man kann mit gutem Willen erahnen, worauf alles letztendlich
hinauslaufen soll: auf eine bessere Zukunft. Ein happy end
auszuführen, wäre ja keine Kunst mehr. Außerdem fehlt dafür
im Kurzfilm die Zeit, deshalb müssen kurze Dramen umso dramatischer
sein. Große Geschichten in kleiner Form. Antipasti für unsere
filmische Zukunft!
Felicitas Darschin
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