Die Kunst des Zusammenhangs |
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Das Forum: Generationen im Dialog, international, familiär |
Kürzlich habe er mit seinem Sohn einen gerade zehn Jahre alten Hollywood-Film gesehen, erzählt der japanische Regisseur Sabu auf den Jubiläumsseiten der aktuellen Forums-Homepage, und berichtet von diesem Erlebnis: »Ich war frappiert, wie altertümlich mir der Film jetzt vorkam. Zu seiner Zeit war es ein gut gemachter, modischer Actionfilm ... Kommerzielle Filme, die halbherzig irgendwelchen neuen Moden hinterher rennen, glänzen, wenn sie herauskommen, aber schon wenige Jahre später wirken sie verstaubt. Wirklich tiefgreifende und große Filme werden vielleicht wie Wein durch Gärung gewonnen. Ein guter Film ist wie ein Lebewesen. Je nach Zeit und Perspektive wirkt er frisch und neu. Bei guten Filmen lässt sich jedes Mal etwas Neues entdecken.« Solche zeitlos lebendigen, nie veraltenden Filme sind es, die die Faszination des Kinos ausmachen, und die Cinephile dort immer wieder suchen. Das Internationale Forum des Jungen Films, das im vergangenen Sommer mit den umfangreichen Feiern zu seinem 40-jährigen Jubiläum in diesem Februar begann – seinerzeit fand die Berlinale ja noch im Juni statt –, hat sie in der Vergangenheit immer wieder gefunden, mit erstaunlicher Treffsicherheit, und über alle Moden, Stilwechsel und politisch-kulturelle Gezeiten hinweg.
Den Auftakt zum Jubiläum bildete eine kleine Reihe im Berliner Arsenal-Kino, die »Dialoge mit Filmen« überschrieben war. Dieser Titel und das Prinzip ihrer Kuratierung sagt schon sehr viel: Man lud ein paar namhafte jüngere internationale Regisseure ein, aus den nunmehr rund 2300 Filmen der vergangenen 40 Forums-Jahrgängen ihre persönliche Auswahl zu treffen, Filmemacher und deren Forumsfilme zu präsentieren, durch die »ihre eigene Arbeit geprägt« wurde, und für diese eine Art Patenschaft zu übernehmen: Sabu, der Regisseur von Unlucky Monkey, The Blessing Bell und von Monday, dem Caligari-Preisträger des Jahrs 2000, präsentierte Hou Hsiao Hsiens Lien Lien Fung Chen, Jean-Marie Téno zeigte Baara von Souleymane Cissé, Avi Mograbi D’est von Chantal Akerman, Aditya Assarat George Washington von David Gordon Green, Jia Zhangke zeigte Nuri Bilge Ceylans Kasaba, Sharon Lockhart So Is This von Michael Snow, Jasmila Žbanic (Berlinale-Siegerin mit Grbavica) Das Mädchen aus der Streichholzfabrik von Aki Kaurismäki, Anja Salomonowitz Beau travail von Claire Denis und No von Sharon Lockhart, und Bradley Rust Gray und So Yong Kim zeigten My Childhood & My Ain Folk von Bill Douglas. Die deutschen Regiepaten waren Ulrike Ottinger (Sieben Lieder aus der Tundra von Anastasia Lapsui und Markku Lehmuskallio), Angela Schanelec (Sauve qui peut (la vie)) von Jean-Luc Godard und Ulrich Köhler (Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers von Helke Sander). Man könnte jetzt schon anhand dieser sprechenden, bis auf das Fehlen des lateinamerikanischen Films recht repräsentativen, Auswahl das Forum charakterisieren, seine maßgebliche Rolle für die Entdeckung und Unterstützung des internationalen Autorenkinos loben. Aber wichtiger noch und nicht weniger charakteristisch fürs Forum ist der generelle Ansatz dieses Programms: Generationen sollen in Dialog treten, familien-ähnliche Zusammenhänge wurden gebildet, und noch die Jubiläumsveranstaltung, zu der ein Großteil der Regisseure nach Berlin anreiste, wirkte wie ein Festival im Kleinen.
»Die Arbeit des Forums ist immer auch ein Kollektiv gewesen, einer Familie, einer verschworenen Gemeinschaft« hielt Gründungsdirektor Ulrich Gregor in dem – ganz und gar ausgezeichneten – Jubiläumsband vor zehn Jahren fest. Diese Idee einer über die eigentliche Veranstaltung hinaus gültigen Verbundenheit, das Wissen darum, dass man ästhetische und politische Positionen teilt, bedeutet in der Praxis wechselseitige Loyalität: Des Forums zu »seinen« Filmemachern ebenso wie der Regisseure zum Forum. Das erreicht und über vier Jahrzehnte aufrecht erhalten zu haben ist vielleicht das erstaunlichste an der erstaunlichen Geschichte dieses Festivals im Festival.
Es waren im Wesentlichen drei Säulen, auf denen das Programm des Forums seit seiner Gründung 1970 ruhte: Man konnte dort das Experimentelle, das politisch Dezidierte und die unbekannten Filmländer entdecken. Damit positionierte sich das Forum von Anfang an ganz klar als Alternative zu dem verkrusteten offiziellen Wettbewerb der Berlinale. So war es bereits gegründet worden: Im Sommer 1969 von den Freunden der Deutschen Kinemathek als »Ergänzungsprogramm« zur selbstgefälligen und kommerziellen Berlinale »aus Anlass der Berliner Filmfestspiele.« Aus dem Undergroundfestival wurde dann bereits 1971 nach dem Eklat um Michael Verhoevens Anti-Vietnam-Film O.K. mit anschließendem Wettbewerbsabbruch, ein gleichberechtigtes »Parallelfestival«, um das Festival zu retten. »Man musste nach dem Debakel von 1970 irgendetwas tun, es konnte so nicht weitergehen.«, so Gregor, »Die Stimmung war sehr stark gegen Wettbewerbe, wenn man den nicht abschaffen wollte, dann musste man zumindest eine ergänzende Veranstaltung anbieten. Wir waren ja auch kein Verein von Chaoten oder Anarchisten, sondern rechtfertigten ein gewisses Vertrauensverhältnis.«
Internationales Forum des Jungen Films – schon dieser Titel ist seitdem Programm: Jung und International wollte man sein, wobei jung sich nicht aufs Alter bezieht, sondern auf die Haltung, auf die Bereitschaft zu einem wilden, fragenden, sich selbst infrage stellenden Denken mit den Mitteln des Kinos, ums Denken überhaupt – also Intellektualität, nicht von oben herab, aber auch ohne sich dümmer zu machen, als nötig, nur um billiger Anbiederung willen. Und International meinte den Blick den Blick vor allem auf unbekannte Kinoregionen und unterdrückte Filmsprachen, auf alles, was aus diesen und jenen Gründen unterrepräsentiert schien. Dazu gehörten auch Filme aus den USA, die sich abseits nicht nur von Hollywood, sondern auch vom Mainstream der Independent-Mode bewegten. Und jener China-Schwerpunkt »Elektrische Schatten«, der 2002 Filme vor allem aus Peking und Shanghai präsentierte, war nicht ein Reflex auf den damals gerade aufkommenden China-Boom, sondern gerade der Versuch, Alternativen zur oberflächlichen Begeisterung und zum seinerzeit bereits zum Kunsthandwerk erstarrenden Kino der älteren chinesischen Autorenfilmer zu öffnen. Vor allem die Entdeckung des asiatischen Kinos seit Ende der 80er Jahre ist vom Forum entscheidend angestoßen und gefördert worden: Nicht nur China, Hongkong, Japan und Korea galten zum Teil mehrere Werkschauen, auch Burma, Indonesien, Indien, Vietnam und zuletzt die Philippinen widmete man explizite oder unausgesprochene Programm-Schwerpunkte. Auch anderen Regionen in Lateinamerika und Afrika galten Sonderpräsentationen. Nicht zuletzt diese Länderschauen veränderten oft den westlichen Blick sie wurden zum Auslöser eines neuen oder überhaupt ersten Interesses. Ebenso zeigte man frühe internationale Werkschauen, etwa für Yilmaz Güney, Marguerite Duras, Manoel de Oliveira, und bereits im ersten Jahr für Fassbinder. Wenn man die Liste der gezeigten Filme – lange Zeit pro Jahr nur etwa 40, später dann bis zu 70, 80 Filmen pro Jahrgang – Revue passieren lässt, dann entdeckt man dort größte Namen, viele zur Zeit der Aufführung auch unter Cineasten noch wenig bekannt: Oshima, Angelopoulos, Marker, Garrel, Taviani, Loach, Yoshida, Ruiz, Imamura, Bellocchio, Akerman, Wong Kar-wai, Johnnie To, Eustache, Greenaway, Karusmäki, Jarmusch, Reitz, Kluge, Straub, Farocki, Bitomsky, Syberberg, Schilling… Dokumentarfilme waren hier schon immer viel wichtiger, als bei anderen Festivals – etwa die Aufführung von Claude Lanzmans Shoah war einer der Höhepunkte in der Forums-Geschichte. Manchmal erlaubte man sich auch einen Hieb gegen das sich immer mehr kommerzialisierende öffentliche Fernsehen in Deutschland: So zeigte man 1985 Eberhard Fechners Majdanek-Gerichtsdoku Der Prozess, der von der ARD aus der Primetime kurzerhand ins NDR-Spätprogramm verschoben worden war, um diesem wichtigen Film ein angemessen breites Forum zu bieten. Was das Forum zudem lange ausgezeichnet hat, war sein Sinn für den extremeren Teil des Mainstream, sein Interesse für außerwestliche Publikumshits wie Bollywood und Martial Arts – auch das Teile der Weltkultur, die hierzulande unterrepräsentiert sind.
Ungefähr zeitgleich mit der Stabübergabe Gregors an seinen Nachfolger Christoph Terhechte 2002 ist das Internationale Forum auch mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Sie haben zum Teil strukturell-organisatorische Ursachen: Während das Forum zu Gregors Zeiten sich dezidiert als »Gegenbild oder Alternative zu den dominierenden Filmströmungen« und damit implizit auch als Gegenberlinale, als ihr kritischer Spiegel – auch dies ist ja eine Form von Zusammenhang – verstanden hat, während Gregor und Berlinale-Direktor Moritz De Hadeln persönlich regelrecht verfeindet waren, ist das Forum mit dem Wechsel zu Dieter Kosslick auch organisatorisch integriert worden. Nach wie vor formal unabhängig in seinen Programmentscheidungen sitzt – zu Gregors Zeiten undenkbar – Terhechte heute im Auswahl-Gremium für den Wettbewerb (einem allerdings nur beratenden Gremium), werden Filme zwischen Berlinale und Forum wechselseitig weitergereicht, spricht man marketingdeutsch von »Synergieeffekten«. Die frühere scharfe Konkurrenz war aber oft gut für das Profil beider Seiten. Heute wirkt das Forum kaum noch als Gegenberlinale, mehr wie eine ergänzende Nebenveranstaltung.
Die ja oft beiderseitig fruchtbaren Kämpfe um einzelne Filme und ästhetische Grundsätze vermutet man heute eher innerhalb des Forums – institutionell durch eine interne Doppelstruktur geprägt: Auf der einen Seite die Berlinale (und das finanzierende Staatsministerium für Kultur), auf der anderen nach wie vor die Freunde der Deutschen Kinemathek und der Vorstand des Arsenal, dem nach wie vor Ulrich Gregor, seine Frau Erika und Tochter Milena angehören. Wie man hört, gibt es hier gelegentlich zwischen den jeweiligen Vertretern im nach dem Abstimmungsprinzip organisierten Auswahlausschuss Kampfabstimmungen über Filme und Programmgewichtungen.
Neue Herausforderungen liegen aber auch in veränderten Sehgewohnheiten und Interessen des Kinopublikums. Die Globalisierung macht heute viel mehr Filme viel leichter verfügbar. Der Austausch findet schneller statt. Das erschwert Entdeckungen, erschwert auch das ruhige sich-einlassen auf Filme. Zudem hat sich die Landschaft für Festivals verändert. Gewissermaßen wird die Erfolgsgeschichte des Forums zu seinem Problem: Das Kino, das in dieser Sektion entdeckt und gepflegt
wurde, hat nach dem Ende von New Hollywood den internationalen Autorenfilm aufgerollt und ist heute längst in Mainstream eingeflossen.
Zudem geht es in der PR-Gesellschaft, in der wir gegenwärtig – und wie zu fürchten ist: noch eine Weile – leben, immer auch stark um Selbstvermarktung, auch eines Festivals. Dazu ist das Forum immer ein Gegenstück gewesen. Ein bisschen verschlafen, im besten Sinn – oder an vordergründiger Aktualität desinteressiert?
– ist das Forum schon, dafür muss man nur immer wieder mal auf die Homepage gucken. (Aber es ist besser geworden).
Immer schon arbeitete man im Forum an ästhetischen Strategien des Widerstands gegen die herrschenden Verhältnisse. Kino stellte man sich als ein mögliches Instrument dieses Widerstands vor. Was in den Anfangsjahren Ideologie und politische Macht waren, ist heute das Geld. Aber das Grundproblem ist geblieben.
Noch immer versucht das Forum, es demgegenüber nicht jedem recht zu machen; noch immer ist das Forum ein Ort für das Unsaubere, Riskante, für die Verbindung von
Revolte und Reflexion. Ein Ort, an dem nicht nur mehrstündige Dokumentationen und Experimentalfilme laufen können, sondern auch ein vierstündiger Spielfilm, wie der diesjährige Caligari-Preisträger Love Exposure von Sono Sion. Noch immer gibt es hier eine besondere Liebe zu Asien. Nach wie vor ist das Forum einer jener zu seltenen Orte, von dem aus Filme und Regisseure ihren Weg um die Welt starten können. Nach vielem anderen entdeckte man hier
zuletzt die Filmemacher und den Stil der »Berliner Schule«.
»Vielleicht waren wir früher wirklich etwas dogmatisch.« meinte Ulrich Gregor 1999 im erwähnten Sammelband. Erika Gregor: »Das waren wir sicher. wir waren puristisch und dogmatisch, ja ein bisschen eingeengt.« Ulrich Gregor: »Wir haben manches auch nicht gewollt, aber das war unser Filmverständnis.« In der Geschichte des Forums kann man entdecken, welche Vorteile Dogmatismus und Puritanismus haben können – zumindest für die Kunst