Diversität im deutschen Film – Part I: Wo wir sind |
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Von Sedat Aslan
Es bewegt sich etwas im deutschen Film, Filmemacher*innen fordern lautstark gleiche Chancen ein, Organisationen wie Pro Quote Film, Queer Media Society, die MaLisa-Stiftung sowie das Bündnis Vielfalt im Film stellen die althergebrachten Strukturen und Denkmuster der Branche infrage, und das Filmfest München nimmt sich dieses spätestens seit den Black-Lives-Matter-Protesten ganz oben auf der Agenda gelandeten Themas an.
Gleich im ersten Vortrag der sich über drei Tage erstreckenden Veranstaltung an der Evangelischen Akademie Tutzing, eine Kooperationsveranstaltung mit dem Filmfest München, setzt Elizabeth Prommer von der Uni Rostock den Dreh- und Angelpunkt der Diskussion: der deutsche Film ist unverhältnismäßig männlich, weiß und heterosexuell. Die Basis ihrer Analyse sind alle deutschen Kinofilme zwischen 2017 und 2020, mit dem Ergebnis, dass es immer noch keine quantitative Gleichstellung der Frauen im deutschen Film gibt, weder vor noch hinter der Kamera, wenngleich der Abstand zwischen den biologischen Geschlechtern seit ihrer ersten Erhebung im Jahre 2016 (bekannt als »MaLisa-Studie«) schmäler geworden ist.
Doch selbst da, wo eine Frau im Mittelpunkt steht, werden Protagonistinnen deutlich häufiger in einen Beziehungskontext gesetzt als Männer, und Schauspielerinnen haben ab Mitte 30 eine rapide abnehmende Präsenz vor der Kamera, während ihre männlichen Pendants die späteren Jahre dominieren. Auch hinter dem Objektiv gibt es keine Parität, da der Anteil von Filmemacherinnen gerade bei den Gewerken Regie und Kamera meilenweit hinter dem ihrer männlichen Kollegen zurückbleibt.
Am niederschmetterndsten aber ist der Status Quo bei der Repräsentanz von Personen mit Migrationshintergrund – sie sind gerade einmal halb so oft sichtbar, wie sie in der Gesellschaft vorkommen. In der SZ schreibt Josef Grübl: »Noch immer werden die gleichen Geschichten aus den gleichen Perspektiven mit den ewiggleichen Gesichtern erzählt.« Drastischer gesagt: Der deutsche Film ist nach wie vor fixiert auf weiße Geschichten von weißen Menschen mit weißen Problemen, und hat scheinbar kein tiefergehendes Interesse, sich von dieser Nabelschau zu lösen und in den Storys von und über Menschen, die anders aussehen, nach neuen Antworten zu suchen. Als ob es die festgefahrenen Klischees und das Schubladendenken notwendigerweise bräuchte, um Geschichten zu verstehen und verkaufen zu können. Als ob eine bunte Besetzung automatisch einen Großteil der potenziellen Zuschauerschaft ausschlösse und den kommerziellen Erfolg gefährdete.
Machen Sie doch selbst einmal den Feldversuch und zappen Sie durch alle Kanäle zu einer beliebigen Uhrzeit. Was wird da vermittelt, und wer wird da wie repräsentiert? Wenn Sie dasselbe mit dem französischen und britischen Fernsehen wiederholen könnten, würden Sie deutliche Unterschiede feststellen. Ja, Deutschland hat keine so bedeutende Kolonialgeschichte wie die genannten Staaten. Aber wir liegen im Herzen Europas und sind auch nicht mehr im 19. Jahrhundert. Die Autorin Yıldız E,cevit schreibt, dass der modernistische Kampf jener Zeit sich auf Nationalität und Blutsherkunft berufen hat. Die Postmoderne ist darüber längst hinweg.
Neben den ungleichen Arbeitsbedingungen für nicht-weiße Filmschaffende sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht zu gering zu schätzen, wenn man dem Mediensemiotiker Julian Ignatowitsch Glauben schenkt, der vom Filmfest München wie folgt zitiert wird: »Filme formen unser Weltbild und damit unsere Realität, das heißt, wenn wir im Kino nur prügelnde, pöbelnde, putzende Deutschtürken sehen, dann sehen wir sie plötzlich auch überall auf der Straße – und blenden alle nicht-prügelnden, nicht-pöbelnden, nicht-putzenden Deutschtürken oder Migranten aus. Klar ist: Einer Gesellschaft, einem menschlichen Miteinander kann das nicht guttun.« Dieser Befund darf niemanden kalt lassen, ob weiß oder schwarz, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte. Die Strahlwirkung des Kinos ist immer noch gewichtig, auch wenn neue Medien und Plattformen wie TikTok den jungen Menschen schon längst viel klarer widerspiegeln, wie ihre Realität tatsächlich aussieht (Panelteilnehmerin Thelma Buabeng dazu fatalistisch: »Bei unserer Generation 40+ ist der Drops leider schon gelutscht«).
Die MaLisa-Studie liefert einen Denkansatz zum Wandel gleich mit – wenn mehr Frauen hinter der Kamera stehen, sind nachgewiesenermaßen auch mehr Frauen vor der Kamera. Das Gleiche ließe sich für alle Formen der Diversität annehmen, ob Gender, Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Behinderung etc., und es wäre zu wünschen, dass die nächste Auflage der MaLisa-Studie dem genauer nachgeht. Mehr Diversität hinter der Kamera führt zu mehr Diversität vor der Kamera. Diverse Geschichten hätten mehr Chancen, ihren Weg auf die Leinwand zu finden und authentischer zu sein, ein weiterer blinder Fleck der MaLisa-Studie, die stereotypische Darstellungen nur auf Geschlechterfragen bezieht.
Spätestens hier rückt das leidige Thema Geld und dessen Geber immer weiter in den Vordergrund. Tyron Ricketts schildert, wie er sich 25 Jahre lang größtenteils vergeblich mit dem Thema von stärkerer Repräsentanz und gerechterer Gelderverteilung auseinandergesetzt hat, bis die Tötung von George Floyd und die anschließenden, auch hierzulande aufgegriffenen BLM-Proteste Bewegung in die Sache gebracht hätten, heißt: auch Entscheider seien nun auf die Dringlichkeit dieser Fragen aufmerksam geworden. Bizarrerweise brauchte es ein neuneinhalb Minuten langes Handyvideo als Zeugnis einer unaussprechlichen Barbarei, um sich zu fragen, wo wir sind.
Der deutsche Film hat ein strukturelles Problem. Um den Begriff des strukturellen Rassismus geht es dann auch in einigen der aufgeheizten Wortmeldungen, die an diesem Wochenende ihr Gehör finden. Inwieweit der deutsche Film ein Rassismusproblem hat oder seine Strukturen eine nicht gleichgestellte Auslese zumindest befördern, konnte in den drei Tagen nicht hinreichend geklärt werden. Klar ist allerdings, dass die Strukturen keine Chancengleichheit ermöglichen, die Zahlen und auch vorgetragenen Erfahrungsberichte (Schauspielerin Haley Louise Jones: »Ich ging anfangs naiv an die Sache ran und musste erst die Spielregeln lernen: im deutschen Fernsehen geht es nur bis zu einem gewissen Punkt«) sprechen eine deutliche Sprache, selbst wenn das »nur« von Schubladendenken, Bequemlichkeit und/oder Risikoscheu herrühren mag.
Die deutlichsten Seitenhiebe und Pfeilspitzen müssen neben den Rundfunkanstalten die Förderinstitutionen hinnehmen. Immer wieder wird klar benannt, dass hier die stärksten Bremskräfte wirken, das größte Unverständnis fürs Thema herrscht. Fast jeder anwesende diverse Filmemacher kann eine unappetitliche Anekdote im Umgang mit diesen unerlässlichen Säulen deutscher Filmfinanzierung zum Besten geben. Wenn man sich dann den Vergabeausschuss etwa des FFF Bayern, der die Tagung finanziell unterstützt hat, ansieht, stellt man fest, dass von vierzehn Gremienmitgliedern neun davon bemerkenswerterweise zwar Frauen sind, aber es genau 0 (in Worten: null) Menschen gibt, die nicht-weiß und nicht-deutsch gelesen werden. 14:0 also, das ist höher als zweimal Deutschland-Brasilien. Auch die Kommission für Produktions- und Drehbuchförderung der FFA hat im Pool ihrer 42 Mitglieder ganze zwei Personen, die als PoC gelesen werden können. Das sind de facto die Organe, die darüber entscheiden, ob ein Film staatliche finanzielle Unterstützung erhält oder nicht. Wie soll in einem solchen Auswahlverfahren mit diesem Personal genügend Kompetenz und Sensibilität für diverse Stoffe gewährleistet sein? Da klingt es fast wie Hohn, wenn die Geschäftsführerin des FFF Bayern allen Ernstes ins Mikrofon sagt: »Wegen eines Migrationshintergrundes ist bei uns noch niemand abgelehnt worden«, als ob man dafür schon dankbar sein müsste. Das ist die traurige Bestandsaufnahme im deutschen Filmwesen.
Die eingeladenen Rednerinnen vom British Film Institute, Mia Bays und Melanie Hoyes, eines der augenöffnenden Highlights dieser Tagung, zeigen, wie man es richtig macht: mit Führung, einer tief wirkenden Selbstverpflichtung, klaren Leitlinien und dem Bewusstsein dafür, nicht spalten, sondern verbinden zu wollen. Nicht »Naming & Shaming«, sondern aufklären und unterstützen. Auch die Briten hatten und haben das Problem, dass Filmschaffende ins Ausland (v. a. die USA) abwandern, weil es zu wenig Stoffe gibt, in denen sie eine gleichberechtigte Rolle einnehmen. Sie haben es erkannt, ihren Zentralismus genutzt und in-house Wirkungsweisen erarbeitet und formuliert. »Talent is everywhere, opportunity is not« ist einer der zentralen Sätze, die an diesem Wochenende fallen und nachhallen. Die deutsche Filmlandschaft muss diese Impulse aufgreifen. Man kann es sich schlichtweg nicht leisten, dieses Potenzial zu vernachlässigen.
Stay Tuned for »Part II: Was tun!« in der nächsten Ausgabe!
Disclaimer: Unser Autor arbeitet ab dem 11. April befristet fürs Filmfest München.