Bekannt, auffallend, vielfältig |
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Die Legomännchen sind los! Julian Wituschs Corona Panic | ||
(Foto: Julian Witusch) |
Von Hanni Beckmann
»Bekannt wie ein bunter Hund.« Das ist die vielleicht nicht mehr ganz frische Redewendung für den Fall, dass jemand schräg ist, auffällt, den jeder kennt und der von vielen begeistert bewundert wird. Leicht skurril ist der- oder diejenige in jedem Fall. Aus dieser Definition heraus setzt sich auch das Selbstbewusstsein des seit 23 Jahren agierenden Kurzfilmfestivals zusammen. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen Filmbegeisterter hat sich zusammengefunden, um ein mindestens ebenso buntes Programm mit internationalen Kurzfilmen auf die Beine zu stellen. Der Andrang in der traditionellen Spielstätte des Münchner Werkstattkinos ist bei dem stets Laune machenden und kurzweiligen Programm groß. Aber die Filmbegeisterten der Stadt an der Isar kennen das Festival ja ohnehin, denn, siehe Anfang: Es ist bekannt wie ein bunter Hund.
Trotzdem bangt man im Team um Noni Lickleder, Markus Sauermann, Markus Mathar, Anna Serafin, Anita Egenbauer und anderen nach einer zweijährigen, von Corona verordneten Zwangspause doch ein wenig, wie sich die 22. Ausgabe anlassen wird. Äußerlich hat sich nichts geändert. Die Reihennamen, die sich ebenfalls vom Bunten-Hund-Konzept motivieren lassen, bündeln die Kurzfilme nach wie vor in fünf Kategorien: Anders & Artig, Heimat, Helden wie wir, Liebe & andere Grausamkeiten sowie Trash & Sonderbares laden die Zuschauer*innen augenzwinkernd zur Entdeckungsreise ins bunte Kurzfilmspektrum ein. Am Ende kann dann das Publikum über den »Hasso« bestimmen, einen mit 500 Euro dotierten Preis.
Ein Schoßhündchen jedoch sollte man sich bei Hasso eher nicht vorstellen, was sich leicht durch die Google-Bildersuche untermauern lässt. Und so soll man auf einiges gefasst sein, wenn der Bunte Hund dieses Jahr endlich wieder von der Leine gelassen wird. Beim aufgebotenen Spektrum von Experimental- über Dokumentar- und natürlich den beliebten Kurzspielfilmen geht es nicht nur um Übungsformen der Filmhochschulen. Die Suche nach der richtigen Länge – as long as it takes – ist vielmehr eine Meisterdisziplin.
Der Open Call für die Einreichungen ging bis vor die Zeit von Corona und erlaubt damit auch eine schöne Zeitreise, die komprimiert erfahren lässt, wie sich das Filmen in diesen wenigen Jahren womöglich verändert, angepasst hat – oder auch nicht. Corona Panic heißt Julian Wituschs Stop-Motion-Zweiminüter, den er mittels Legomännchen im März 2020 gefertigt hat, eine Satire auf die Panikeinkäufe der unter Corona-Schock geratenen Deutschen.
Die Möglichkeiten der wunderbaren Wirklichkeit spielt Nicolas Fattous Animationsfilm How My Grandmother Became A Chair aus. Erzählt wird, wie die Oma sukzessive ihrer Sinne und Beweglichkeit beraubt wird, bis zur Metamorphose in das titelgebende Möbelstück.
Realität wird in Kurzfilmen gerne gegen den Strich gebürstet, auf den Arm, manchmal auch auf die leichte Schulter genommen. »Wie funktioniert eigentlich das Internet?« fragt in Sendung-mit-der-Maus-Manier Simon Schares' parodistischer Aufklärungsfilm Die Verwaltung des Internets. Dazu passt Lena Windieschs durch das IT-Found-Footage browsender Film Searching For The Perfect Gentleman. (Alle Filme laufen im Programm »Anders & Artig«.)
Eine ernstere Tonlage schlägt das Programm »Heimat« – die ebenfalls gegen den Strich gelesen wird – an. Cell 364 des französischen Duos Mathilde Babo und Zoé Rossion besucht zusammen mit dem Ex-Inhaftierten Hans-Jochen Scheidler ein ehemaliges Stasi-Gefängnis, in dem er 25 Jahre lang in Isolationshaft verbracht hat.
Der Spanier Adán Aliaga erzählt in Pies Y Corazones von einer prekären Existenz und davon, was passiert, wenn das fragile Überlebenskonstrukt plötzlich zusammenbricht.
Oder Song Sparrow: Mit Puppen stellt die Iranerin Farzaneh Omidvarnia eine Geschichte der Flucht nach, während Jonas Riemer in Der übers Meer kam einen Original-Bericht über die Flucht aus der DDR in die BRD über die Trickfilmvisualisierung
aus dem Off ertönen lässt.
Helden wie wir: Der Reihentitel lässt vermuten, dass es um die Helden des Alltags geht. Michael Schwarz hat für Inndependence während des Corona-Lockdowns Obdachlose getroffen, die kurzfristig in einem Hotel untergebracht wurden. Ein Held ist auch der demente Theo in Greta Benkelmanns Herbst, der selbstbestimmt sterben möchte. Von einem Trauma fährt Markus in seinem Wohnmobil davon: Paul Scheufler hat in Ein Ozean ein Roadmovie auf 19 Minuten verdichtet.
Held ist auch die Bunter-Hund-Festivalcrew, die jetzt einen Aufruf zum Mitmachen gestartet haben (einfach Mail an info@kurzfilmfest-muenchen.de schicken). Eine wunderbare Gelegenheit, ein Festival von innen kennenzulernen, die Raffinessen der Programmierung einzuüben und ein vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen. Die Macher können auch direkt vor Ort im Werkstattkino angesprochen werden: Sie präsentieren bei allen Vorstellungen höchstpersönlich ihr Programm – selbstverständlich in launiger Art der Bunten Hunde.