27.02.2025

Die große Reise

I Don't Love You Anymore
Gemeinsam davonlaufen: I Don’t Love You Anymore
(Foto: Mittel Punkt Europa Filmfest | Zdeněk Jiráský)

Das Programm des 9. Mittel Punkt Europa Filmfest führt nach Ungarn, Polen, Tschechien, die Slowakei, die Ukraine und Belarus

Von Paula Ruppert

Wer möchte es nicht: einfach in einen Zug steigen, wegfahren, Neues sehen, unbe­kannte Welten erkunden – ohne dabei horrende Summen allein schon für die Fahrkarte zu löhnen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde zumindest der erste Teil dieses Wunsches für die östliche Seite plötzlich möglich. Aller­dings waren die Fahr­karten in den Westen so teuer, dass sich nicht alle diesen Wunsch erfüllen konnten. Der einzige Ausweg: Gefälschte Zugti­ckets zu einem billi­geren Preis.

Ein Trio, das genau das im Ungarn der 1990er Jahre macht, steht in Kék Pelikan (Pelikan Blue) des unga­ri­schen Regis­seurs László Csák im Zentrum. Das Besondere dabei: Der Film ist ein zu großen Teilen animierter Doku­men­tar­film, der die Zeit des Aufbruchs in Retro­spek­tive erzählt. Das führt nicht nur zu einem äußerst lohnens­werten Seherlebnis, sondern stützt die Handlung auch perfekt. Durch den bunten und glatten Anima­ti­ons­stil fühlt man sich wie in einem Traum, während regel­mäßig wieder­keh­rende nicht-animierte Einstel­lungen verdeut­li­chen, dass die Prot­ago­nisten tatsäch­lich Zugfahr­karten in den Westen fälschten – ein durchaus lukra­tives Geschäft.

Kék Pelikan eröffnet an diesem Donnerstag das 9. Mittel Punkt Europa Filmfest. Bis zum 8. März werden elf Filme aus sechs Ländern im Film­mu­seum München gezeigt: Neben Ungarn sind auch Polen, Tsche­chien, die Slowakei, die Ukraine und Belarus vertreten. Es sind also Länder, die im Allge­meinen als Mittel- und Osteuropa bezeichnet werden. So ist dieser animierte Doku­men­tar­film wie der Auftakt einer filmi­schen Reise – aller­dings eben nicht von »dem Osten« in »den Westen«, sondern genau anders­herum.

Reisen und Wege bezeichnen auch andere Filme auf dem Mittel Punkt Europa Filmfest, wie zum Beispiel der polnische Spielfilm To nie mój film (It’s Not My Film) von Maria Zbąska. Das Ehepaar Wanda und Janek haben eigent­lich alles: beruf­li­chen Erfolg, finan­zi­elle Sicher­heit, eine große Wohnung – nur scheint die Leiden­schaft die Beziehung verlassen zu haben. Um ihre Ehe zu retten und damit das Glück wieder­zu­finden, begeben sie sich auf eine mehrere hundert Kilometer lange Winter­wan­de­rung entlang der Ostseeküste. Dabei haben sie nur ein Zelt und den nötigen Proviant dabei; sobald sie die Küste verlassen, haben sie verloren. Die Land­schaft ist öd und in etwa so karg und schmucklos wie die Beziehung zwischen Wanda und Janek, die kaum mitein­ander sprechen. Und wenn doch, sprechen sie meist anein­ander vorbei. Tatsäch­lich ist es diese augen­schein­liche Schmuck­lo­sig­keit, die den Film ausge­spro­chen ästhe­tisch macht. Selten waren Schnee, Regen und Wind so schön anzusehen.

Auf eine Reise begeben sich auch Marek und Tereza in Už tě nemám rád (I Don’t Love You Anymore) von Zdeněk Jiráský. Aller­dings ist deren Ziel nicht, eine Beziehung zu retten, ganz im Gegenteil. Die beiden Drei­zehn­jäh­rigen wollen weg von ihren jewei­ligen Eltern, weg von ihrem Umfeld, in dem sie sich nicht oder nicht mehr wert­ge­schätzt oder will­kommen fühlen. Sie verab­reden sich und laufen gemeinsam davon. Die Reise führt sie weit weg von zu Hause und dabei immer näher zuein­ander. Die beiden jungen Schau­spieler:innen spielen die beiden Jugend­li­chen sehr nahbar, viel­schichtig und tief­gründig, und tragen den Film scheinbar ohne größere Mühen. Es entsteht eine Mischung aus Roadmovie und Coming-of-Age-Drama, das exis­ten­zi­elle Fragen aufwirft und zeigt, dass es nicht immer eine Antwort auf diese Fragen gibt.

Manche Filme gehen jedoch auch über ihre Prot­ago­nist:innen hinaus und zeichnen das Bild ganzer Gesell­schaften, mal mehr, mal weniger kritisch. So zum Beispiel A máme čo sme chceli (Réveillon) von Michal Kunes Kováč, der den Abend vor der Teilung der Tsche­cho­slo­wakei in fami­liärer, kammer­spiel­ar­tiger Atmo­sphäre zeichnet. Harmo­nisch verläuft es bei der im Zentrum stehenden slowa­kisch-tsche­chi­schen Familie jedoch überhaupt nicht, da plötzlich Infor­ma­tionen zur Zusam­men­ar­beit mit der Geheim­po­lizei ans Licht kommen. Die Tragi­komödie verknüpft gekonnt Privates und Poli­ti­sches, ohne dabei allzu ober­fläch­lich oder zu konfus zu werden.

Sehr viel bissiger und in Teilen schwarz­hu­morig ist dafür Invalid von Jonáš Karásek, der ebenfalls in den 90er-Jahren in der Slowakei spielt. Der Haus­meister des lokalen Museums, Laco, landet wegen einiger Querelen mit der lokalen Mafia im Rollstuhl. Uner­war­te­ter­weise erhält er Hilfe für den Alltag ausge­rechnet von Gabo, einem Roma, den der von Vorur­teilen durch­zo­gene Laco eigent­lich aus Prinzip nicht leiden kann. Es beginnt jedoch eine Art Rache­feldzug, der von allerlei Absur­di­täten durch­zogen ist, die herrlich auf die Spitze getrieben werden, und so ernste Themen wie den Umgang mit Minder­heiten bitter­böse seziert und filmisch aufbe­reitet.

Wer nochmal völlig andere Sicht­weisen auf verschie­dene Gesell­schaften erleben möchte, kann sich zum Beispiel mit Kobieta na dachu (Woman on the Roof) von Anna Jadowska mit einem Frau­en­bild, den Grenzen und deren Sprengung ausein­an­der­setzen; der schwarz­komö­di­an­ti­sche Episo­den­film Pracesy (Processes) knüpft sich Belarus vor. Und wer ein einzig­ar­tiges Bild der Ostukraine sehen möchte, dem sei unbedingt Stepne von Maryna Vroda ans Herz gelegt.

Diese Filme und noch weitere bietet das dies­jäh­rige Mittel Punkt Europa Filmfest und ist damit wieder einmal unglaub­lich viel­fältig, wenn es durch die ganze Breite der Region Mittel- und Osteu­ropas führt. Steigen Sie also ein, machen Sie es sich im Kino­sessel bequem und begeben Sie sich auf eine filmische Reise.

9. Mittel Punkt Europa Filmfest

27.02. bis 08.03.2025
Film­mu­seum München
Eintritt: 5 Euro

Programm­flyer [PDF]