Die große Reise |
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Gemeinsam davonlaufen: I Don’t Love You Anymore | ||
(Foto: Mittel Punkt Europa Filmfest | Zdeněk Jiráský) |
Von Paula Ruppert
Wer möchte es nicht: einfach in einen Zug steigen, wegfahren, Neues sehen, unbekannte Welten erkunden – ohne dabei horrende Summen allein schon für die Fahrkarte zu löhnen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde zumindest der erste Teil dieses Wunsches für die östliche Seite plötzlich möglich. Allerdings waren die Fahrkarten in den Westen so teuer, dass sich nicht alle diesen Wunsch erfüllen konnten. Der einzige Ausweg: Gefälschte Zugtickets zu einem billigeren Preis.
Ein Trio, das genau das im Ungarn der 1990er Jahre macht, steht in Kék Pelikan (Pelikan Blue) des ungarischen Regisseurs László Csák im Zentrum. Das Besondere dabei: Der Film ist ein zu großen Teilen animierter Dokumentarfilm, der die Zeit des Aufbruchs in Retrospektive erzählt. Das führt nicht nur zu einem äußerst lohnenswerten Seherlebnis, sondern stützt die Handlung auch perfekt. Durch den bunten und glatten Animationsstil fühlt man sich wie in einem Traum, während regelmäßig wiederkehrende nicht-animierte Einstellungen verdeutlichen, dass die Protagonisten tatsächlich Zugfahrkarten in den Westen fälschten – ein durchaus lukratives Geschäft.
Kék Pelikan eröffnet an diesem Donnerstag das 9. Mittel Punkt Europa Filmfest. Bis zum 8. März werden elf Filme aus sechs Ländern im Filmmuseum München gezeigt: Neben Ungarn sind auch Polen, Tschechien, die Slowakei, die Ukraine und Belarus vertreten. Es sind also Länder, die im Allgemeinen als Mittel- und Osteuropa bezeichnet werden. So ist dieser animierte Dokumentarfilm wie der Auftakt einer filmischen Reise – allerdings eben nicht von »dem Osten« in »den Westen«, sondern genau andersherum.
Reisen und Wege bezeichnen auch andere Filme auf dem Mittel Punkt Europa Filmfest, wie zum Beispiel der polnische Spielfilm To nie mój film (It’s Not My Film) von Maria Zbąska. Das Ehepaar Wanda und Janek haben eigentlich alles: beruflichen Erfolg, finanzielle Sicherheit, eine große Wohnung – nur scheint die Leidenschaft die Beziehung verlassen zu haben. Um ihre Ehe zu retten und damit das Glück wiederzufinden, begeben sie sich auf eine mehrere hundert Kilometer lange Winterwanderung entlang der Ostseeküste. Dabei haben sie nur ein Zelt und den nötigen Proviant dabei; sobald sie die Küste verlassen, haben sie verloren. Die Landschaft ist öd und in etwa so karg und schmucklos wie die Beziehung zwischen Wanda und Janek, die kaum miteinander sprechen. Und wenn doch, sprechen sie meist aneinander vorbei. Tatsächlich ist es diese augenscheinliche Schmucklosigkeit, die den Film ausgesprochen ästhetisch macht. Selten waren Schnee, Regen und Wind so schön anzusehen.
Auf eine Reise begeben sich auch Marek und Tereza in Už tě nemám rád (I Don’t Love You Anymore) von Zdeněk Jiráský. Allerdings ist deren Ziel nicht, eine Beziehung zu retten, ganz im Gegenteil. Die beiden Dreizehnjährigen wollen weg von ihren jeweiligen Eltern, weg von ihrem Umfeld, in dem sie sich nicht oder nicht mehr wertgeschätzt oder willkommen fühlen. Sie verabreden sich und laufen gemeinsam davon. Die Reise führt sie weit weg von zu Hause und dabei immer näher zueinander. Die beiden jungen Schauspieler:innen spielen die beiden Jugendlichen sehr nahbar, vielschichtig und tiefgründig, und tragen den Film scheinbar ohne größere Mühen. Es entsteht eine Mischung aus Roadmovie und Coming-of-Age-Drama, das existenzielle Fragen aufwirft und zeigt, dass es nicht immer eine Antwort auf diese Fragen gibt.
Manche Filme gehen jedoch auch über ihre Protagonist:innen hinaus und zeichnen das Bild ganzer Gesellschaften, mal mehr, mal weniger kritisch. So zum Beispiel A máme čo sme chceli (Réveillon) von Michal Kunes Kováč, der den Abend vor der Teilung der Tschechoslowakei in familiärer, kammerspielartiger Atmosphäre zeichnet. Harmonisch verläuft es bei der im Zentrum stehenden slowakisch-tschechischen Familie jedoch überhaupt nicht, da plötzlich Informationen zur Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei ans Licht kommen. Die Tragikomödie verknüpft gekonnt Privates und Politisches, ohne dabei allzu oberflächlich oder zu konfus zu werden.
Sehr viel bissiger und in Teilen schwarzhumorig ist dafür Invalid von Jonáš Karásek, der ebenfalls in den 90er-Jahren in der Slowakei spielt. Der Hausmeister des lokalen Museums, Laco, landet wegen einiger Querelen mit der lokalen Mafia im Rollstuhl. Unerwarteterweise erhält er Hilfe für den Alltag ausgerechnet von Gabo, einem Roma, den der von Vorurteilen durchzogene Laco eigentlich aus Prinzip nicht leiden kann. Es beginnt jedoch eine Art Rachefeldzug, der von allerlei Absurditäten durchzogen ist, die herrlich auf die Spitze getrieben werden, und so ernste Themen wie den Umgang mit Minderheiten bitterböse seziert und filmisch aufbereitet.
Wer nochmal völlig andere Sichtweisen auf verschiedene Gesellschaften erleben möchte, kann sich zum Beispiel mit Kobieta na dachu (Woman on the Roof) von Anna Jadowska mit einem Frauenbild, den Grenzen und deren Sprengung auseinandersetzen; der schwarzkomödiantische Episodenfilm Pracesy (Processes) knüpft sich Belarus vor. Und wer ein einzigartiges Bild der Ostukraine sehen möchte, dem sei unbedingt Stepne von Maryna Vroda ans Herz gelegt.
Diese Filme und noch weitere bietet das diesjährige Mittel Punkt Europa Filmfest und ist damit wieder einmal unglaublich vielfältig, wenn es durch die ganze Breite der Region Mittel- und Osteuropas führt. Steigen Sie also ein, machen Sie es sich im Kinosessel bequem und begeben Sie sich auf eine filmische Reise.
27.02. bis 08.03.2025
Filmmuseum München
Eintritt: 5 Euro