Frei von Zwängen |
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Eröffnung mit einem Film aus einer anderen Zeit: Das Mädchen mit dem roten Kopftuch | ||
(Foto: Türkische Filmtage · Atıf Yılmaz) |
Von Ingrid Weidner
Die 36. Türkischen Filmtage München widmen sich auch in diesem Jahr wieder gesellschaftspolitischen Themen. »Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen und das Hinterfragen von angeblichen Wahrheiten«, ist die Leitlinie des diesjährigen Festivals. Das Motto ist klug gewählt. Das Organisationsteam konnte nicht ahnen, wie aktuell es sein wird. Gerade demonstrieren in der ganzen Türkei, vor allem in Istanbul, Ankara und Izmir viele Menschen gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu. Der beliebte Politiker wurde am 19. März verhaftet, ein paar Tage bevor ihn seine Partei CHP zum Präsidentschaftskandidaten nominieren wollte. Der 53-jährige İmamoğlu gilt als Rivale von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Für seine Freilassung, Demokratie und Gerechtigkeit gehen die Menschen auf die Straße.
Da passt es gut, dass am kommenden Dienstag die 36. Türkischen Filmtage München beginnen und einen Einblick in das vielfältige türkische Kino geben. In einer knappen Festivalwoche stehen 27 Spiel- und Dokumentarfilme auf dem Programm. Eröffnet wird das Festival im Royal Filmpalast von Selvi Boylum al yazmalim – Das Mädchen mit dem roten Kopftuch ein Klassiker aus dem Jahr 1977. Der Liebesfilm basiert auf einer Erzählung des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow. Als Ehrengast reist die Hauptdarstellerin Türkan Şoray nach München. Die mittlerweile fast 80-Jährige Schauspielerin gilt als »Grande Dame« des Türkischen Kinos und hat in mehr als 200 Filmen mitgespielt. In München wird sie mit einem Ehrenpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.
Aus gesellschaftlichen Zwängen ausbrechen und ihren eigenen Weg gehen, wollen auch die beiden Schwestern in Ölü Mevsim – Unfruitful Times von Doğuş Algün. Beide Schwestern rebellieren auf ganz eigene Weise gegen die vorgegebenen Normen. Das bewegende Porträt läuft am 2. April um 20 Uhr im Royal Filmpalast, der Regisseur kommt nach München zum Publikumsgespräch. Unfruitful Times ist der erste Langfilm des 1990 in Istanbul geborenen Doğuş Algün. Schon seine Kurzfilme, bei denen er Regie führte, wurden auf zahlreichen nationalen und internationalen Festivals gezeigt und erhielten mehrere Auszeichnungen. Neben der Filmarbeit schreibt er Theaterstücke. 2021 schloss er sein erstes Dokumentarfilmprojekt Sicak yatak (The Everwarm Bed) ab. Für sein Spielfilmdebüt Unfruitful Times wurde er beim 31. Internationalen Adana Golden Boll Film Festival und beim 35. Ankara Film Festival mit insgesamt acht Preisen ausgezeichnet.
In On Sanİye – In Ten Seconds stehen sich zwei ganz unterschiedliche Frauen gegenüber. Die Mutter einer Schülerin will nicht akzeptieren, dass ihre Tochter von der Schule verwiesen wird. Wie in einem Kammerspiel treffen die beiden Protagonistinnen, Mutter und Schulleiterin, aufeinander und duellieren sich mit Worten. Schauplatz des Psychothrillers ist das William Collage, eine renommierte High School in der Türkei. Die Regisseurin Ceylan Özgün Özçelik ist Filmemacherin und lebt in Instanbul. 1980 geboren, dreht sie seit über fünfzehn Jahren Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme, die sich vor allem mit Erinnerung und Gewalt auseinandersetzen. Ceylan ist Mitglied der Europäischen Filmakademie (EFA). Zum Filmgespräch am Samstag, den 5. April um 15 Uhr im Royal Filmpalast ist die Drehbuchautorin Erdi Işık anwesend.
Ein moralisches Dilemma zwischen zwei Frauen greift Döngü – Cycle auf, der am Sonntag, den 6. April um 18 Ur im Royal Filmpalast zu sehen ist. Sevim kommt aus einem ärmlichen Viertel Istanbuls und führt seit vielen Jahren den Haushalt für Ayten, einer inzwischen gebrechlichen Frau aus der Oberschicht. Als die Pflegerin der alten Dame bei Hausarbeiten verunglückt, soll Sevim sie überreden, den Vorfall zu vertuschen. Ein Gewissenskonflikt, bei dem auch die Klassenunterschiede zwischen den drei Frauen eine Rolle spielen.
Auf dem Programm des diesjährigen Festivals steht auch der Actionfilm Turbo, der am 3. April um 18 Uhr im Royal Filmpalast zu sehen ist. Regisseur Cem Özüduru begleitet vier junge Männer durch die Nacht und zeigt, in welchen gesellschaftlichen Zwängen sie feststecken. Selbstbewusst brechen sie mit einem schicken Sportwagen auf, doch im Laufe der Nacht eskalieren verdrängte Probleme. Aggressionen und sexualisierte Gewalt kommen an die Oberfläche und überfordern die optimistische Partygruppe. Kein Film für Zartbesaitete.
In dem Politthriller Gecenin Kiyisi – Schatten der Nacht müssen sich zwei Brüder zwischen der Loyalität zu ihrem Land und ihrer Familie entscheiden. Sinan ist Leutnant der türkischen Armee und soll seinen Bruder Kenan an ein Militärgericht ausliefern. Während der Reise der beiden Brüder in der Nacht des Putsches im Jahr 2016 kommen tradierte Überzeugungen ins Wanken. Lohnt es sich, dem Staat absolute Loyalität entgegen zu bringen und dafür die Familie zu verraten, quält die Brüder. Zu sehen ist der Thriller am Samstag, den 5. April um 17.30 Uhr im Royal Filmpalast. Anschließend kann das Publikum mit Regisseur Türker Süer über den Film diskutieren.
Im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele wird am 5. April um 20 Uhr die gesellschaftskritische Komödie Mukadderat – Fate zu sehen sein. Eine ältere Frau nutzt nach dem Tod ihres Mannes die Gunst der Stunde und verwirklicht ihre eigenen Träume. In der Hauptrolle ist die bekannte Schauspielerin Nur Sürer zu sehen. Zu Gast sind Regisseur Nadim Güç und Drehbuchautor Erdi IşıkIm. Anschließend steigt die Festivalparty im Conviva im Blauen Haus.
Neben Spielfilmen stehen auch Dokumentarfilme und eine Dokufiktion auf dem Programm. Eclipse ist am Samstag, den 5. April im Gasteig HP8, zu sehen, einem weiteren Veranstaltungsort des Festivals. Die Regisseur:innen Ipek Kent und Efe Öztezdoğan begleiteten fünf Turner:innen, während sie sich auf die Olympiade in Tokio vorbereiten. In Schwarz-Weiß-Aufnahmen festgehalten, zeigen sie, wie die Träume der Sportler:innen an Covid zu zerbrechen drohen.
Zum Abschluss des Festivals wird erstmals ein Publikumspreis für den besten der sieben Kurzfilme vergeben, die im Gasteig HP8 am Sonntag, den 6. April gezeigt werden. Die Filme, mal ernst, mal komisch, erzählen Geschichten von persönlichen Krisen und von den Versuchen, sich zu befreien.
Royal Filmpalast, Gasteig HP8, Kammerspiele München
Eintritt:
Eröffnung am 01.04. im Royal Filmpalast: 20,00 €
Normalvorstellungen im Royal Filmpalast: 11,00 €
Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus: 13,00 €
Gasteig HP8: 8,00 €