27.03.2025

Frei von Zwängen

Das Mädchen mit dem roten Kopftuch
Eröffnung mit einem Film aus einer anderen Zeit: Das Mädchen mit dem roten Kopftuch
(Foto: Türkische Filmtage · Atıf Yılmaz)

Die 36. Türkischen Filmtage München feiern das türkische Kino unter dem Motto: Frei von Zwängen und für die Freiheit

Von Ingrid Weidner

Die 36. Türki­schen Filmtage München widmen sich auch in diesem Jahr wieder gesell­schafts­po­li­ti­schen Themen. »Ausbruch aus gesell­schaft­li­chen Zwängen und das Hinter­fragen von angeb­li­chen Wahr­heiten«, ist die Leitlinie des dies­jäh­rigen Festivals. Das Motto ist klug gewählt. Das Orga­ni­sa­ti­ons­team konnte nicht ahnen, wie aktuell es sein wird. Gerade demons­trieren in der ganzen Türkei, vor allem in Istanbul, Ankara und Izmir viele Menschen gegen die Verhaf­tung des Istan­buler Bürger­meister Ekrem İmamoğlu. Der beliebte Politiker wurde am 19. März verhaftet, ein paar Tage bevor ihn seine Partei CHP zum Präsi­dent­schafts­kan­di­daten nomi­nieren wollte. Der 53-jährige İmamoğlu gilt als Rivale von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Für seine Frei­las­sung, Demo­kratie und Gerech­tig­keit gehen die Menschen auf die Straße.

Da passt es gut, dass am kommenden Dienstag die 36. Türki­schen Filmtage München beginnen und einen Einblick in das viel­fäl­tige türkische Kino geben. In einer knappen Festi­val­woche stehen 27 Spiel- und Doku­men­tar­filme auf dem Programm. Eröffnet wird das Festival im Royal Film­pa­last von Selvi Boylum al yazmalimDas Mädchen mit dem roten Kopftuch ein Klassiker aus dem Jahr 1977. Der Liebes­film basiert auf einer Erzählung des kirgi­si­schen Schrift­stel­lers Tschingis Aitmatow. Als Ehrengast reist die Haupt­dar­stel­lerin Türkan Şoray nach München. Die mitt­ler­weile fast 80-Jährige Schau­spie­lerin gilt als »Grande Dame« des Türki­schen Kinos und hat in mehr als 200 Filmen mitge­spielt. In München wird sie mit einem Ehren­preis für ihr Lebens­werk ausge­zeichnet.

Aus gesell­schaft­li­chen Zwängen ausbre­chen und ihren eigenen Weg gehen, wollen auch die beiden Schwes­tern in Ölü MevsimUnfruitful Times von Doğuş Algün. Beide Schwes­tern rebel­lieren auf ganz eigene Weise gegen die vorge­ge­benen Normen. Das bewegende Porträt läuft am 2. April um 20 Uhr im Royal Film­pa­last, der Regisseur kommt nach München zum Publi­kums­ge­spräch. Unfruitful Times ist der erste Langfilm des 1990 in Istanbul geborenen Doğuş Algün. Schon seine Kurzfilme, bei denen er Regie führte, wurden auf zahl­rei­chen natio­nalen und inter­na­tio­nalen Festivals gezeigt und erhielten mehrere Auszeich­nungen. Neben der Film­ar­beit schreibt er Thea­ter­s­tücke. 2021 schloss er sein erstes Doku­men­tar­film­pro­jekt Sicak yatak (The Everwarm Bed) ab. Für sein Spiel­film­debüt Unfruitful Times wurde er beim 31. Inter­na­tio­nalen Adana Golden Boll Film Festival und beim 35. Ankara Film Festival mit insgesamt acht Preisen ausge­zeichnet.

In On Sanİye – In Ten Seconds stehen sich zwei ganz unter­schied­liche Frauen gegenüber. Die Mutter einer Schülerin will nicht akzep­tieren, dass ihre Tochter von der Schule verwiesen wird. Wie in einem Kammer­spiel treffen die beiden Prot­ago­nis­tinnen, Mutter und Schul­lei­terin, aufein­ander und duel­lieren sich mit Worten. Schau­platz des Psycho­thril­lers ist das William Collage, eine renom­mierte High School in der Türkei. Die Regis­seurin Ceylan Özgün Özçelik ist Filme­ma­cherin und lebt in Instanbul. 1980 geboren, dreht sie seit über fünfzehn Jahren Spiel-, Kurz- und Doku­men­tar­filme, die sich vor allem mit Erin­ne­rung und Gewalt ausein­an­der­setzen. Ceylan ist Mitglied der Europäi­schen Film­aka­demie (EFA). Zum Film­ge­spräch am Samstag, den 5. April um 15 Uhr im Royal Film­pa­last ist die Dreh­buch­au­torin Erdi Işık anwesend.

Ein mora­li­sches Dilemma zwischen zwei Frauen greift Döngü – Cycle auf, der am Sonntag, den 6. April um 18 Ur im Royal Film­pa­last zu sehen ist. Sevim kommt aus einem ärmlichen Viertel Istanbuls und führt seit vielen Jahren den Haushalt für Ayten, einer inzwi­schen gebrech­li­chen Frau aus der Ober­schicht. Als die Pflegerin der alten Dame bei Haus­ar­beiten verun­glückt, soll Sevim sie überreden, den Vorfall zu vertu­schen. Ein Gewis­sens­kon­flikt, bei dem auch die Klas­sen­un­ter­schiede zwischen den drei Frauen eine Rolle spielen.

Auf dem Programm des dies­jäh­rigen Festivals steht auch der Action­film Turbo, der am 3. April um 18 Uhr im Royal Film­pa­last zu sehen ist. Regisseur Cem Özüduru begleitet vier junge Männer durch die Nacht und zeigt, in welchen gesell­schaft­li­chen Zwängen sie fest­ste­cken. Selbst­be­wusst brechen sie mit einem schicken Sport­wagen auf, doch im Laufe der Nacht eska­lieren verdrängte Probleme. Aggres­sionen und sexua­li­sierte Gewalt kommen an die Ober­fläche und über­for­dern die opti­mis­ti­sche Party­gruppe. Kein Film für Zart­be­sai­tete.

In dem Polit­thriller Gecenin KiyisiSchatten der Nacht müssen sich zwei Brüder zwischen der Loyalität zu ihrem Land und ihrer Familie entscheiden. Sinan ist Leutnant der türki­schen Armee und soll seinen Bruder Kenan an ein Mili­tär­ge­richt auslie­fern. Während der Reise der beiden Brüder in der Nacht des Putsches im Jahr 2016 kommen tradierte Über­zeu­gungen ins Wanken. Lohnt es sich, dem Staat absolute Loyalität entgegen zu bringen und dafür die Familie zu verraten, quält die Brüder. Zu sehen ist der Thriller am Samstag, den 5. April um 17.30 Uhr im Royal Film­pa­last. Anschließend kann das Publikum mit Regisseur Türker Süer über den Film disku­tieren.

Im Schau­spiel­haus der Münchner Kammer­spiele wird am 5. April um 20 Uhr die gesell­schafts­kri­ti­sche Komödie Mukad­deratFate zu sehen sein. Eine ältere Frau nutzt nach dem Tod ihres Mannes die Gunst der Stunde und verwirk­licht ihre eigenen Träume. In der Haupt­rolle ist die bekannte Schau­spie­lerin Nur Sürer zu sehen. Zu Gast sind Regisseur Nadim Güç und Dreh­buch­autor Erdi IşıkIm. Anschließend steigt die Festi­val­party im Conviva im Blauen Haus.

Neben Spiel­filmen stehen auch Doku­men­tar­filme und eine Doku­fik­tion auf dem Programm. Eclipse ist am Samstag, den 5. April im Gasteig HP8, zu sehen, einem weiteren Veran­stal­tungsort des Festivals. Die Regisseur:innen Ipek Kent und Efe Öztez­doğan beglei­teten fünf Turner:innen, während sie sich auf die Olympiade in Tokio vorbe­reiten. In Schwarz-Weiß-Aufnahmen fest­ge­halten, zeigen sie, wie die Träume der Sportler:innen an Covid zu zerbre­chen drohen.

Zum Abschluss des Festivals wird erstmals ein Publi­kums­preis für den besten der sieben Kurzfilme vergeben, die im Gasteig HP8 am Sonntag, den 6. April gezeigt werden. Die Filme, mal ernst, mal komisch, erzählen Geschichten von persön­li­chen Krisen und von den Versuchen, sich zu befreien.

36. Türkische Filmtage
01.–06.04.2025

Royal Film­pa­last, Gasteig HP8, Kammer­spiele München

Eintritt:
Eröffnung am 01.04. im Royal Film­pa­last: 20,00 €
Normal­vor­stel­lungen im Royal Film­pa­last: 11,00 €
Münchner Kammer­spiele, Schau­spiel­haus: 13,00 €
Gasteig HP8: 8,00 €