»Sie verkörpert die Verwundbarkeit hinter der Macht« |
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Elizabeth, eine Buddhistin |
Shekhar Kapur wurde 1945 geboren. Zwei seiner Onkel waren bekannte Schauspieler. Doch zuerst studierte Kapur Wirtschaft, und zog nach London, um dort im Öl-Business zu arbeiten. Die Kulturrevolte von 1968 änderte seine Sicht auf die Dinge, und Kapur wurde zuerst mäßig erfolgreicher Schauspieler und Model; seit 1983 arbeitet er als Regisseur. Der internationale Erfolg des harten Sozialdramas Bandit Queen (1994) ebnete ihm den Weg nach Hollywood – und
seitdem ist Kapur bis heute der einzige indische Regisseur, der dauerhaft im Westen erfolgreich ist. Sein erster Hollywood-Film Elizabeth brachte ihm 1998 sieben Oscar-Nominierungen und Cate Blanchett in der Hauptrolle den internationalen Durchbruch. Sein nächster Film The Four Feathers blieb unter den Erwartungen, mit Elizabeth: The Golden Age erzählt er nun das zweite Kapitel der Geschichte der „jungfräulichen Königin“. Neben seiner Arbeit als Filmregisseur ist Kapur erfolgreicher Autor und Verleger von Comic-Büchern. Das Gespräch wurde aus Anlass der Premiere beim Filmfestival in Antalya, das sich
„Eurasia-Filmfestival“ nennt, geführt. Ein Ort der schon in der Antike für die Verschmelzung von Europa und Asien stand, überaus passend für einen Film mit einem ähnlichen Ansatz.
Mit Shekhar Kapur sprach Rüdiger Suchsland.
artechock: Sie leben über das Jahr wechselweise in London und Bombay, drehen seit zehn Jahren mit Hollywood-Studios. Wie würden Sie Ihre Identität als Filmemacher charakterisieren?
Shekhar Kapur: Total indisch. Aber in Zeiten der neuen Medien verlieren solche klassischen Identitäten sowieso an Bedeutung. Bald schon werden manche Internet-Blogs hundert Millionen Leser vereinen, und daraus wird sich ein neuer »ismus« formen, der jeden Nationalismus überstrahlt.
artechock: Das Thema von Elizabeth: The Golden Age ist ganz historisch und ganz britisch. Gleichzeitig gibt es natürlich eine Menge universale Bezüge, Bezüge zur Gegenwart…
Kapur: Film ist universell. Auch wenn Elizabeth eine englische Königin war, ist sie heute doch auch eine Ikone. Ihre Jungfräulichkeit war vor allem ein politisches und kulturelles Statement. Sie verleugnete ihre Weiblichkeit, um Männer regieren zu können. Mein Film zeigt nun, wie sie sich selbst gewissermaßen spiritualisiert und vergöttlicht. Das berührt Dinge, die wir alle uns fragen: Wie verhalten sich unsere Ideale zu unserem
sterblichen Selbst? Aus meiner Sicht ist das eine sehr asiatische Interpretation dieser Figur. Man könnte auch sagen: Meine Elizabeth ist eine Buddhistin. Ein Mensch, der innere Ruhe erreichen wollte, der eins werden will mit den Elementen.
Das trifft sich durchaus mit den Erkenntnissen der Historiker. Im Elizabethanischen Zeitalter sah man die Geschichte als Kreislauf an, der aufs Universum bezogen war. Die Elizabethaner sprachen auch von der Verbundenheit aller Dinge.
artechock: Was verkörpert Elizabeth heute? Eine Ikone des Mutes und der Standhaftigkeit?
Kapur: Sie verkörpert die Verwundbarkeit hinter der Macht. Sie ist insofern ein Vorbild in einer anderen Weise. Unbedingt vorbildlich ist ihre politische und religiöse Toleranz. Das ist auch die politische Botschaft meines Films: Ihr Gegenspieler Phillip II. von Spanien repräsentiert einen weitaus asketischeren Zugang. Die Reinheit eines Glaubens, der jede Vorstellung von Gott zurückweist, die nicht der eigenen entspricht. Er ist
ein Puritaner. Er war sehr selbstgerecht und von Zweifel unangefochten in seinem Glauben. Er leugnet jede Komplexität. Ein fundamentalistischer Katholik.
Elizabeth dagegen hatte die Fähigkeit, Vielfalt herbeizuführen und zuzulassen – in ihrer Interpretation. Ob das politische Taktik war, oder Glaubensüberzeugung, kann ich nicht sagen. Aber in jedem Fall ist es ein sehr femininer Ansatz.
Insofern ist der Konflikt zwischen Phillip und Elizabeth auch der Konflikt
zwischen zwei Energien, zwei grundsätzlich unterschiedlichen Zugängen der Welt gegenüber – die jeder in sich trägt. Die männlichen Energien drängen uns zu Härte, Konsequenz, Reinheit, Ausschließlichkeit. Die weiblichen treiben alle Dinge nicht derart auf die Spitze. Beides hat sein Gutes, aber derzeit dominiert in der Welt die männliche Seite.
artechock: Wir leben im Zeitalter des Aufstiegs der Frauen…
Kapur: Definitiv. Wo immer man Frauen die Gelegenheit gibt, sich zu bilden, die Freiheit, sich zu finden, die Freiheit sich ihre Wünsche und Ambitionen zu erfüllen, geht es diesen Ländern politisch gut. Ich sage nicht, dass wir nur noch weibliche Führer brauchen, aber die Emanzipation der Frauen scheint einen guten Einfluss auf die Weltpolitik zu haben.
Frauen bringen einen anderen Blickwinkel. Das trifft nicht auf alle Frauen zu.
Manche Frauen werden sogar die männlicheren Männer. Aber es geht nicht um eine Frau, sondern um Millionen Frauen – weibliche Energie verändert die Welt. In Indien haben wir Hindhus dafür sogar einen eigenen Ausdruck. Wir nennen das »Shakti« – das heißt weibliche Energie. Macht, die aus Anteilnahme und Verständnis erwächst, und aus der Zurückweisung von Ignoranz.
artechock: Ihr Film hat auch offenkundige politische Parallelitäten zu unserer Zeit…
Kapur: Derzeit sind wir wieder auf dem Weg in eine Glaubensschlacht. Die Armada ist für mich eine Repräsentation dessen, was gerade auch in der Gegenwart passiert. Manche Leute sagen: Es geht alles um Öl, um Macht – aber das stimmt nicht! Es geht auch um etwas Spirituelles. Leider! Wenn man sich die Führer der westlichen Welt anschaut, die immerhin demokratisch gewählt sind, und also den Willen der Menschen repräsentieren sollten, dann ist erkennbar, dass sie zu glauben beginnen, dass sie den Willen Gottes repräsentieren – und das ist gefährlich. Es ist in der Gegenwartspolitik zuviel von Gott und Religion die Rede.
artechock: Wir sprechen hier in Antalya miteinander, beim Eurasia-Filmfestival. Wie sehen Sie das Verhältnis von Europa und Asien?
Kapur: Asien wird wichtiger und wichtiger. Und das gefällt mir nicht allein, will ich Inder bin. Ich mag, dass die Welt mehr als ein Zentrum hat. Für mehr als ein halbes Jahrhundert wird die Welt von einer einzigen Kultur dominiert: Der Kultur aus den USA. Darum ist die Idee »Eurasien« für mich interessant. Nicht um gegen die USA zu kämpfen. Aber um selbstbewusst zu sagen: Es gibt noch andere Zentren in der Welt. Um Vielfalt zu fördern, den Multilateralismus. Es geht um Selbst-Bewußtsein. Auch das Europas.
artechock: Sie kennen beide Seiten. Was können wir Europäer – jenseits der Moden – von Asien lernen? Was kann – umgekehrt – Asien von uns lernen?
Kapur: Zunächst mal haben wir ein ganz praktisches gemeinsames Interesse: Den rohen Kapitalismus einzudämmen. Nehmen Sie das Beispiel der so genannten »Piraterie«. Ich produziere ja als Regisseur selbst »intellektuelles Eigentum«. Aber ich denke die Anwälte und Untermnehmen haben nichts kapiert. Ideen sind für den Austausch gemacht. Stellen Sie sich mal vor, irgendwelche Priester würden das Copyright auf die Bibel, den Mahabharatha
oder den Koran beanspruchen, und es schützen lassen. Unser Problem ist, dass alle Angst haben, Ideen zu teilen. Ich leugne nicht, dass Menschen für ihre Ideen belohnt werden sollten. Aber wenn alle nur noch an ihren Profit denken, schadet das allen.
Dann: Die europäischen, besonders die westeuropäischen Kulturen basieren vor allem auf Organisation. Während die asiatischen Kulturen auf Individualismus basieren. Das wird immer missverstanden. Weil die westlichen Kulturen
Individualismus nicht so gut verstehen, wie sie selber glauben, haben sie auf Asien herabgeschaut, und dort immer nur Chaos gefunden. Aber es ist nicht Chaos. Es ist extremer Individualismus. Man kann das zum Beispiel in der Musik erkennen. Sufi-Musik, oder islamische Musik: Es sind immer Individuen, die Musik interpretieren. Während die Musik des Westens oft Orchestermusik ist – es geht um Zusammenspiel und ist organisiert. Wir brauen beides. Kein Fortschritt ist
möglich, ohne die Organisation dieses Fortschritts. Aber Phantasie und neues Denken brauchen Individualismus, der den Konformismus durchbricht. Das gilt nicht nur fürs Kino.
artechock: Welcher der Momente in Ihrem neuen Film ist für Sie besonders asiatisch? Gibt es welche?
Kapur: Lassen Sie uns nicht „asiatisch“ sagen, sondern „östlich“. Mein Film verwandelt Geschichte in Mythologie. Zum Teil habe ich das gemacht, weil Elizabeth schon zu ihrer Zeit zum Mythos wurde. In den allermeisten englischen Geschichtsbüchern steht zum Beispiel, die Schlacht gegen die Armada wurde wegen Kommandeuren wie Drake gewonnen. Tatsächlich wurde sie gewonnen wegen eines ungewöhnlich großen Sturms. Eine
Szene wie von Shakespeare: Etwas Mythisches brach in die Alltagswirklichkeit ein. Dies durchzieht untergründig den ganzen Film.
Ein zweites Beispiel: Die Szene, in der ein katholischer Terrorist Elizabeth töten will. Sie weicht nicht aus, sie präsentiert sich geradezu ihrem Attentäter. Für mich ist das ein sehr mythischer, asiatischer Moment: »Töte mich, wenn Du es vermagst!« Mit Freund und westlicher Psychologie könnte man aber auch sagen: Ein heimlicher Todeswunsch,
Todestrieb. Aber auch das Zulassen dieser beiden Seiten, dieser Janusköpfigkeit, die den Film durchzieht, ist meiner Ansicht nach bereits etwas sehr Asiatisches. Oder der ganze Augenblick, wenn Maria Stuart aufs Schafott steigt: Für mich ist dies keine simple Exekution, es geht darum, dass ein Mensch seinem Gott begegnet.
artechock: Es gibt ja auch unter Historikern sehr verschiedene, oft kontroverse Interpretationen der Figur Elizabeth, ihrer Konfrontation mit Spanien, und des Konflikts mit Maria Stuart. Wie haben Sie recherchiert?
Kapur: Sehr viel. Gerade wenn man etwas neu interpretieren will, muss man erst recht sichergehen, dass man keinen Unsinn erzählt. Aber Geschichte wird beständig neu interpretiert, Historie ist Interpretation der Geschichte, die schon selbst Interpretation der Geschichte ist. Und in den Geschichtsbüchern steht nur die neueste Interpretation. Ich habe einen sehr guten Mitarbeiter, der gelernter Historiker ist. Denn habe ich fortwährend alles Mögliche gefragt. Aber anders geht es nicht, man muss die Fakten checken.
artechock: Und wie werden Sie dann wieder frei von den Fakten?
Kapur: Und im Kino geht es gar nicht anders: Die Armada kreuzte sechs Monate vor England. Im Film dauert das sechs Minuten. Wer etwas ausschließt, interpretiert erst recht. Zum Beispiel: Es ist klar, dass Elizabeth vor der Schlacht gegen die Armada zu ihren Truppen gesprochen hat. In allen Geschichtsbüchern steht: Sie hielt eine feurige Rede vor ihren Truppen. Aber wie soll das gehen? Ihre Truppen umfassten über 4000 Leute. Ohne Megaphon kann man nicht zu 4000 Leuten sprechen. Maximal 100 werden einen verstehen. Was also geschah wirklich? Selbst dies ist also eine Interpretation.
artechock: Elizabeth: The Golden Age war eine riesige Produktion. Wie behalten Sie Ihren klaren Kopf, wie sichern Sie ihre künstlerische Freiheit?
Kapur: Man ist nie ganz frei von den Studioleuten. Sie mischen sich immer ein. Sie kommentieren das Script und den Schnitt, alles. Aber einen Trick habe ich gelernt: Man muss sehr schnell drehen. Nicht zuviel Material, und sehr schnell. Man muss sicherstellen, dass der Film in atemlosem Tempo entsteht. Dann ist er aus einem Gruß. Und jeder von Außen hat einfach Mühe, überhaupt mitzuhalten. Elizabeth: The Golden Age wurde in 70 Tagen gedreht – das ist sehr wenig.
artechock: Hatten Sie Final Cut?
Kapur: Nein. Ich wollte Final Cut. Natürlich. Aber man hat fast nie Final Cut in Hollywood. Und selbst in Spielberg hat den nur in der Theorie. Denn wenn man final cut hat, dann sagt das Studio eben: Ok, wenn Sie den Film so haben wollen, dann werden wir ihn nicht anständig verleihen.
artechock: Wann wurde es klar, dass Sie Elizabeth fortsetzen würden?
Kapur: Ich hatte das immer vor. Denn dies ist eine neue Geschichte. Glücklicherweise endete der Film früh. Elizabeth: The Golden Age ist ja nun kein Sequel, sondern eine eigenständige Geschichte. Elizabeth handelte vom Verlust der Unschuld und von Macht. Es ging ums Überleben. Der neue Film handelt von Unsterblichkeit.
artechock: Gibt es eine Chance auf einen dritten Teil?
Kapur: Ich denke schon. Denn es gibt etwas Drittes zu erzählen: Wenn man göttlich ist – wie geht man dann mit Sterblichkeit um?