USA 2010 · 104 min. · FSK: ab 0 Regie: Mike Mills Drehbuch: Mike Mills Kamera: Kasper Tuxen Darsteller: Ewan McGregor, Christopher Plummer, Mélanie Laurent, Goran Visnjic, Kai Lennox u.a. |
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Da hilft auch nicht der Rat des besten Freundes |
Eigentlich stimmt hier alles. Eine Geschichte voller Überraschungen (Enddreißiger reflektiert nach dem Tod des Vaters über dessen Coming-out als Schwuler, die Ehe der Eltern und die eigene Kindheit und versucht seine dabei gewonnenen Erkenntnisse in eine neue Beziehung einzubringen); tolle Schauspieler (Ewan McGregor authentisch lebensmüde, Christopher Plummer irrwitzig hungrig auf ein neues Leben und Mélanie Laurent einfach nur so) und viele schöne Berufe (Grafikdesigner, Museumsdirektor, Schauspielerin usw.).
Wirklich alles. Und mit jeder Szene wird diese autosuggestive, eigentümliche Einschwörung auf Mike Mills' Film, in den er etliche Erfahrungen aus seinem eigenen Leben eingebracht hat, immer lauter: hier stimmt doch wirklich alles, das müsste doch gefallen, das sind doch Dialoge, wie ein guter Woody Allen-Film sie besitzt, es ist der leichtfüßige Tiefsinn einer Coming-of-age Komödie wie Juno und die bitterschöne Auswegslosigkeit eines Bergmanstoffes wie Die besten Absichten. Aber mit dem lauter werdenden Crescendo hier unbedingt einen guten Film zu sehen, sehen zu wollen, wird Beginners immer leiser und es braucht unbedingt Distanz, um zu verstehen, was es denn bedeutet, dass dieser Film dann doch nur traurig macht, obwohl er eigentlich viel mehr will, als nur traurig sein.
Es dürfte der fast absolute Stillstand sein, auf den Mike Mills sich verlässt, der die Geschichte erstickt und die Schauspieler sich in kleinen Kreisen zu Tode drehen lässt. Mills bietet für jeden Erzählstrang im Grunde nur eine, wenn auch immer wieder neu belichtete Szene an. Die Kindheit ist immer nur ein Alter der Kindheit und die Mutter und der abwesende Vater, kleine Variationen ohne tatsächliche Bewegung. Das Schwulsein des Vaters ist immer nur der eine Freund mit kleinen Variationen, mal eine Party, dann eine Schwulengruppe, aber alles ist sofort da, ohne von irgendwo herzukommen oder irgendwo hinzugehen. Nur am Ende gewinnt zumindest diese Erzähllinie an Kontur, weil Sterben unweigerlich eine Zustandsveränderung bedeutet.
Die Vollkommenheit des filmisch-erzählerischen Stillstands ist allerdings der Liebesgeschichte von Oliver und Anna vorbehalten. Die beruflichen Umfelder, Sehnsüchte und Verletzungen des lebensmüden und dann doch irgendwie verliebten Oliver und der einfach nur so dahintreibenden Anna sind mit derartig vielen Leerstellen angereichert, dass man sich – obwohl eigentlich alles klar und gut sein sollte – immer wieder fragt: was machen die da eigentlich und warum muss auch noch ein sprechender Hund mit von der Partie sein? Wann nur fangen die endlich einmal an zu lieben, zu leben, was auch immer?
Und auch wenn dies das eigentliche Thema des Films sein sollte, das ewige »Beginnen« und niemals »Vollenden«, die unerträgliche Hektik des Stillstands in unseren spätkapitalistischen, dekadenten und überreifen Gesellschaften, so geht es einem in Beginners wie in David Foster Wallace' nachgelassenem Roman The Pale King über die Langeweile unseres Daseins: irgendwie große Literatur, aber kaum zu ertragen.