USA/D 2002 · 83 min. Regie: Angela Christlieb, Stephen Kijak Kamera: Angela Christlieb Schnitt: Angela Christlieb, Stephen Kijak Darsteller: Jack Angstreich, Eric Chadbourne, Bill Heidbreder, Roberta Hill u.a. |
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»Es gibt nur zwei Städte auf der Welt, in denen man richtig ins Kino gehen kann: New York und Paris«, findet Bill. Und weil er ohnehin ein Fan französischer Filme ist, überlegt er, wie er wohl eine Französin zum Heiraten finden könnte, zwecks Übersiedlung. Einstweilen begnügt er sich weiterhin mit den New Yorker Kunstkinos, auch wenn er dort seine Thermo-Unterwäsche braucht.
Bill ist ein Cinemaniac – Kino-verrückt, in fünf Filmen pro Tag, jeden Tag. Und diese Leidenschaft teilt er mit Roberta, Eric, Harvey und Jack, der uns durch den Film führt. Kino ist ihr Lebensinhalt, das Sehen von Filmen, das Sammeln von Programmen (auch wenn die Regale schon überquellen) und von Soundtracks (auch wenn man keine Musikanlage hat) wichtiger als alles andere – und auch die Ernährung wird dem Film-Stundenplan angepasst. Ein Leben, gewidmet dem Genuss – wenn es bei der Vorführung keine Pannen oder Unachtsamkeiten gibt, die einem die Freude vergällen. Da hilft es, die Telefonnummer des Vorführraums im Handy gespeichert zu haben. Und wie soll man die kleinen Nachlässigkeiten des Kinopersonals ertragen – Roberta reagiert da sehr unduldsam und hat deshalb schon Hausverbot riskiert.
So ein Leben bringt natürlich auch Probleme mit sich: wie kann man einen Job ausüben oder Freundschaften pflegen, wenn man den ganzen Tag im Kino ist? Natürlich fällt man durch das Raster der Normalität, wenn man seinen Tagesablauf nach dem Kinoprogramm gestaltet und das Notieren von Filmlängen derart wichtig wird. Doch während wir Jack ins Kino und zu seinen Mit-Cinemanen begleiten, stellen wir fest: Diese fünf Menschen haben ihren Platz im Leben gefunden: den Kinosessel.
Angela Christlieb lernte die Kinosüchtigen kennen, als sie an der Kasse der Anthology Film Archives (eines bekannten Kunst-/Repertoire-Kinos) jobbte, ihrem Kollegen Stephen Kijak begegnete sie, weil auch er (für einen New Yorker Kabelsender) an einem Portrait des Cinemaniac Jack arbeitete. Gemeinsam schufen sie diese faszinierende Dokumentation eines ganz besonderen Aspektes von Großstadtleben.
Man muss nicht kinosüchtig sein, um die Dargestellten interessant und liebenswert zu finden. Und doch: bei der Vorführung auf dem Münchner Filmfest 2002 war ganz deutlich die Erleichterung zu spüren, mit der die Festival-Maniacs feststellten, dass sie mit ihren Sehgewohnheiten eigentlich noch ganz normal waren. Und wer den Film noch vor der anschließenden Diskussion mit Christlieb und Kijak verließ, weil schon das nächste Screening wartete, konnte zumindest auf das Verständnis der Regisseurin zählen.