Der Graf von Monte Christo

Le Comte de Monte-Cristo

Frankreich/B 2024 · 178 min. · FSK: ab 12
Regie: Alexandre de la Patellière, Matthieu Delaporte
Drehbuchvorlage: Alexandre Dumas
Drehbuch: ,
Kamera: Nicolas Bolduc
Darsteller: Pierre Niney, Bastien Bouillon, Anaïs Demoustier, Anamaria Vartolomei, Laurent Lafitte u.a.
Der Graf von Monte Christo
Standardsituationen der Romantik auf dem Filmplakat: Erhabener Standort, Sonnenuntergang, mittelalteriche Burg, Outcast
(Foto: Capelight Pictures)

Rächer der verlorenen Jahre

Das französische Duo Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte legt eine solide Neuverfilmung von »Der Graf von Monte Christo« vor – auch für Nicht-Dumasianer geeignet

Quälend langsam geht es Schritt für Schritt den nicht enden wollenden Korridor hinab – werden sie schnell genug sein? –, die Treppen nach oben ins fremd gewordene Tages­licht, dann – ein tiefer Fall, Wasser­massen und schließ­lich, endlich, die Befreiung. Kurzes Luftholen an der Wasser­ober­fläche. Es ist die Schlüs­sel­szene in Der Graf von Monte Christo, dem berühmten Racheepos von Alexandre Dumas dem Älteren, erschienen 1846, und nun neu verfilmt vom fran­zö­si­schen Duo Alexandre de la Patel­lière und Matthieu Delaporte.

Dumas’ Roman hat offen­sicht­lich bis heute nichts an seiner Faszi­na­tion eingebüßt, zwischen seinem Werk und dem jetzt erschei­nenden Film fügt sich eine lange Reihe verschie­denster filmi­scher Adap­tionen. Die beiden Regis­seure und Dreh­buch­au­toren Alexandre de La Patel­lière und Matthieu Delaporte arbei­teten bereits mehrfach zusammen, man kennt sie von der fran­zö­si­schen Version von Der Vorname (2012), außerdem schrieben sie 2023 gemeinsam das Drehbuch zu einem Zwei­teiler unter der Regie von Martin Bour­boulon, der auf Dumas’ Roman »Die drei Muske­tiere« basiert – mit dem Schrift­steller der Romantik scheinen sie sich also bestens auszu­kennen. Manch eine/r wird bei dem Fami­li­en­namen de La Patel­lière an eine je nach Fassung vier- bzw. sechs­tei­lige Verfil­mung des »Grafen von Monte Christo« aus dem Jahr 1979 denken; tatsäch­lich führte bei dieser Alex­andres Vater Denys Regie. Die Vorraus­set­zungen scheinen also gut, die 1700 Seiten Roman in drei Stunden Film zu konden­sieren.

Marseille im Februar 1815. Der junge Seemann Edmond Dantès steht kurz davor, Kapitän zu werden und die Liebe seines Lebens Mercédès (Anaïs Demoustier) zu heiraten. Doch das Glück wird jäh zerrissen: Edmond wird verhaftet. Er wird beschul­digt, ein Bona­par­tist zu sein, also auf der Seite Napoléons zu stehen und dessen Rückkehr von der Insel Elba erreichen zu wollen – ein Vorwurf, der in der Zeit der gerade wieder herge­stellten Monarchie unter Ludwig XVIII. fast einem Todes­ur­teil gleichkam. Edmond wird in ein Verlies des Château d’Îf vor der fran­zö­si­schen Küste geworfen, ohne dass er in seiner jugend­li­chen Naivität verstehen könnte, warum.
Das Château ragt auf der Insel Îf in die Höhe, kühl und abweisend, doch gleich­zeitig majes­tä­tisch. Die Kamera fliegt über das Meer auf das Gefängnis zu, wodurch seine Mauern noch viel undurch­dring­li­cher erscheinen. In den Tiefen der Festung sieht man auf dem Boden eines Loches Edmond sitzen (gespielt von Pierre Niney, der dem deutschen Publikum aus François Ozons Frantz aus dem Jahr 2016 an der Seite von Paula Beer bekannt ist). Sein jugend­li­cher Frohsinn ist gebrochen, er lässt sich Bart und Haare wachsen, verwahr­lost; er verzwei­felt sichtlich. Eine Flucht ist eindeutig unmöglich. Und doch gelingt es Edmond auf aben­teu­er­liche Weise nach 14 Jahren Kerker, den hohen, kühlen Mauern zu entfliehen.

Was folgt, ist der Rache­feldzug eines Mannes, der die Zeit der unge­recht­fer­tigten Haft genutzt hat, durch eine unver­hoffte Freund­schaft mit dem gelehrten Zellen­nach­barn alle Schul­digen seines Unglücks ausfindig zu machen. Dass sein Nachbar Besitzer eines uner­mess­li­chen Schatzes war, ermög­licht die bis ins kleinste Detail ausge­ar­bei­tete Rache. Dabei schafft der Film eine Balance zwischen Verein­fa­chung und getreuer Übernahme der im Roman äußerst fein­gliedrig gestal­teten Pläne. So ist die Menge der handelnden Personen massiv reduziert, wodurch die Laufzeit inhalt­lich nicht überladen ist, und jede/r, die/der das Buch nicht kennt, der Handlung gut folgen kann. Gleich­zeitig sind die durch die Redu­zie­rung leicht abge­wan­delten Bezie­hungen und Eigen­schaften der Film­fi­guren mit Details ausge­stattet, die einge­fleischte Kenner/innen der lite­ra­ri­schen Vorlage erfreuen.

Diesem Grafen von Monte Christo gelingt es außerdem, dem Zeitalter der Handlung gerecht zu werden, ohne dabei im Geringsten alt oder bieder zu wirken. Das Umfeld der Pariser High Society, in die die Rache des vorma­ligen Seemanns ihre Schneisen schlägt, ist in Szenen­bild und Kostüm so reich ausge­stattet, wie sich die Figuren geben; dazu gibt es wunderbar insze­nierte Jagd­szenen und andere Action-Elemente, die sich perfekt in diese Adaption einfügen, ohne platt oder erzwungen zu wirken. Pierre Nineys Graf ist gleich­zeitig tief­gründig wie schlicht, wobei die im Roman ange­legten mensch­li­chen Abgründe leider nicht ganz so stark zum Vorschein treten. Das passt aller­dings gut in diese Verfil­mung, der es gelingt, die sehr komplexen Figuren, Figu­ren­kon­stel­la­tionen und Hand­lungs­ver­läufe vers­tänd­lich darzu­stellen. Und so bietet dieser neue Graf von Monte Christo über seine drei Stunden hinweg in jeder Hinsicht wunderbar ausge­ar­bei­tete Unter­hal­tung, die viel Spaß macht – und die dabei weder über-, noch unter­for­dert.