Großbritannien/I/F 2008 · 110 min. · FSK: ab 12 Regie: Saul Dibb Drehbuch: Jeffrey Hatcher, Anders Thomas Jensen, Saul Dibb Kamera: Gyula Pados Darsteller: Keira Knightley, Ralph Fiennes, Charlotte Rampling, Dominic Cooper u.a. |
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Im Schatten des Co-Darstellers: Keira Knightley |
»Im Glanz des Adels – im Schatten der Liebe« lautet der Zusatztitel des deutschen Verleihs und bringt damit den Inhalt von Die Herzogin in wenigen Worten auf den Punkt. Einerseits gut, denn so weiß der Zuschauer sofort, was er erwarten kann: Herz, Schmerz und prächtige Kostüme. Andererseits schlecht, denn der Zuschauer weiß auch sofort, was ihn erwartet.
Die junge Georgiana (Keira Knightley) wird mit dem Herzog von Devonshire (Ralph Fiennes) verheiratet. Der reiche, mächtige und ahnsehnliche Mann entpuppt sich als eiskalter Sadist und die Ehe wird für Georgiana zum kaum erträglichen Martyrium. Auf Grund ihrer Schönheit, ihres modischen Geschmacks und politischen Interesses wird die Herzogin von allen verehrt – außer von ihrem Gatten. Dieser schärft ihr lediglich immer wieder ein, dass ihre Existenzberechtigung ausschließlich darin besteht, einen Stammhalter zu gebären. Wegen der Liebe zu ihren Kindern bleibt Georgiana nichts anderes übrig, als sich schließlich in den kalten Mauern des prächtigen Anwesens, in der Rolle der Ungeliebten und schließlich sogar in der ihr auferzwungenen ménage à trois einzurichten.
Keira Knightley ist so ätherisch schön wie immer, ihr Spiel dagegen kann nur manchmal überzeugen. Oft zeigt es sich in Form einer wie eingefroren wirkenden Mimik, mit zusammengepressten Lippen und starrem Blick. Ein nachvollziehbarer Gesichtsausdruck zwar, wenn man mit einem Egomanen wie dem Herzog verheiratet ist – und doch bleibt das Gefühl zurück, dass diese Ausdruckslosigkeit weniger das Resultat von bewusster Inszenierung als von mangelnden Expressions-Alternativen ist.
Insgesamt gesehen überrascht Die Herzogin nur selten. Die Ausstattung, das Licht, die Musik und die Schauplätze sind erwartungsgemäß perfekt. Alles schön anzusehen und anzuhören – aber eben dadurch streckenweise auch entsetzlich langweilig.
Was den Film trotzdem sehenswert macht, sind die raren Ecken und Kanten, die weniger glatten, subtileren Momente. Für die sorgen vor allem Ralph Fiennes in seiner Rolle als Herzog und Hayley Atwell in ihrer Darstellung als seine Geliebte und Zweitfrau Bess Foster.
Fiennes liefert eine überzeugende schauspielerische Leistung ab. Dass man gut daran tut, ihn für dunkle Charaktere zu casten, weiß man seit seinem Auftritt als sadistischer SS-Offizier in Schindlers Liste und als Inbegriff des Bösen, des Lord Voldemort in den Harry Potter-Filmen. In seiner Darstellung als Herzog von Devonshire gelingt es ihm, überzeugend grausam und zugleich oft auch lächerlich zu wirken, eine Mischung, die einer schauspielerischen Gratwanderung gleichkommt, bei der Fiennes jedoch kein einziges Mal abstürzt. In den Szenen mit seinen beiden Hunden etwa muss man zunächst schmunzeln, um kurz später erschrocken innezuhalten: Lässt er den Tieren doch eine liebevolle Aufmerksamkeit zukommen, von der seine Frau nur träumen kann.
Bereits zu Anfang des Films wird diese Spur der Zweideutigkeit angelegt. Als er seine frisch mit ihm vermählte Frau durch die Eingangshalle führt, ruft er in bestimmendem Tonfall: »Hier lang!« und man fragt sich: Meint er nun die Hunde oder die Frau? Die Antwort lautet leider: Höchstwahrscheinlich Zweitere.
Der Sadismus des Herzogs erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt, als er Georgiana vor ihren Augen – oder besser gesagt Ohren – mit ihrer besten Freundin Bess betrügt. Und obwohl er sein teuflisches Wesen bisher schon mehr als genug offenbart hat, gelingt es Fiennes kurz darauf erneut, die Zuschauer mit seinem nicht eindeutigen Spiel in die Irre zu führen. Nach dem Betrug setzt er sich, unbeholfen wie ein kleiner Junge, zu seiner tief erschütterten Gattin auf das Kanapeé. Er scheint sich unwohl zu fühlen, wirkt – wieder einmal – bedauernswert lächerlich in seinem engen Kostüm. Seine gesamte Körperhaltung scheint herauszuschreien: »Ich habe etwas falsch gemacht, bitte hab mich wieder lieb!« Man wartet geradezu darauf, dass er sich nun endlich einmal bei Georgiana entschuldigt. Aber nichts da: Er habe seine Aufgabe erfüllt – sie nicht, ist alles, was die Herzogin zu hören bekommt.
Umso wohltuender ist es, als die Herzogin sich zu einem späteren Zeitpunkt zumindest für ein paar Sekunden aus der Opferrolle befreit. Nach dem zu dritt eingenommenen Mahl steht Georgiana, plötzlich seltsam befreit, auf und wendet sich an Bess mit den Worten: »Du kannst ja hier bleiben und Dich um unseren Ehemann kümmern.«
Obwohl Keira Knightley sowohl in ihrer Rolle selbst, als auch in ihrem darstellerischen Können als Verliererin des Trios Herzog-Herzogin-Bess gelten muss, hat auch sie ihren großen Moment. Als sie ihr neugeborenes Kind hergeben muss, das aus der Liaison mit ihrer wahren Liebe Charles Grey stammt, hat man tatsächlich das Gefühl, dass sie zerbricht. Ihr Innerstes kehrt sich endlich nach außen, die Schmerzen des Verlust sind diesmal zu groß, als dass sie sie hinter einer starren Fassade verbergen könnte.
Dummerweise schreibe ich für das falsche Magazin. Schriebe ich für die »Vogue« oder die »Elle«, wäre es ein Leichtes, über The Duchess positiv zu schreiben: Ich würde die Ausstattung loben, die Kostüme. Die sorgfältig aufgetürmten Perücken erwähnen und über den natural look der Korkenzieherlockenmähne schwärmen. Ich würde erwähnen, wie toll der Film die Perücke als Statussymbol begriffen hat, wenn er sie am Tiefpunkt der Karriere der Herzogin von Devonshire in Flammen aufgehen lässt. Ich würde über das harte Schicksal dieser mächtigen Frau klagen und darüber, dass Macht und Einfluss einen hohen Preis haben, einen zu hohen vielleicht. Dann würde ich noch darauf hinweisen, dass die Duchess von Devonshire, geborene Spencer, eine Vorfahrin der Lady Di war, und dass alle treuen und immer noch trauernden Fans der »Königin der Herzen« unbedingt diesen Film sehen sollten, um sich zu vergewissern, dass tatsächlich weniger blaues als menschliches Blut in ihren Adern floss. Und abschließend würde ich einen großen Seufzer loslassen und betonen, wie glücklich frau sein sollte, in der heutigen Zeit zu leben, und dafür plädieren, sich ein Beispiel an dieser tapferen Heroin zu nehmen und ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen.
Weder aber schreibe ich für die »Freundin« noch für »Brigitte« oder »Für Sie«. Und auch nicht für die »Gala« und nicht für die »Bunte«. Genau aber die Leserinnen der erwähnten Magazine sind die Frauenschar, auf die der Film abziehlt. Die »Süddeutsche«-Beilage »Wohlfühlen« erwähnte The Duchess mit dem Hinweis auf die Magerkeit und vermutete Magersucht der Hauptdarstellerin, ein oft gehörter Vorwurf, gegen den Keira Knightley in der Vergangenheit schon prozessiert hat – mit Erfolg. Diese »Kurzbesprechung« der »Süddeutschen«-Beilage aber bringt auf den Punkt, auf welcher Fallhöhe sich der Film bewegt.
Erzählen möchte der Film von einer einflussreichen Frau ihrer Zeit, die am Vorabend der Französischen Revolution in den englischen Großadel einheiratete. Mit der Vermählung des Duke von Devonshire brachte sie ihn und die verschlafene Whig-Party, die für die konstitutionelle Monarchie einstand, gehörig auf Trab. Durch ihre gesellschaftliche Rolle, die ihr als Duchess von Devonshire zukam, konnte sie dem Whig-Politiker Charles James Fox zu einer bedeutenden Größe verhelfen, kümmerte sich um das kulturelle Geschehen in ihrem County, begeisterte durch ihre politische Luzidität und modischen Extravaganzen, die stilbildend für die englische Aristokratie wurden. Sie verspürte bei all dem Seelenverwandtschaft zu ihrer französischen Aristokraten-Kollegin, der schillernden Marie Antoinette. Ihre Chance, die Geschicke der High Society zu bestimmen aber wurden ihr zum Schicksal. In jüngsten Jahren in eine Ehe gedrängt, die nichts mit einer modernen Liebesheirat zu tun hat, wurde sie vom Duke als Gebärmutter für einen männlichen Nachfolger instrumentalisiert, was sich erst nach einigen Mädchen- und Fehlgeburten erfüllte. Was für den engstirnigen Duke so ungefähr das Gleiche bedeutete. Im freigeistigen Fox fand die Duchesse hingegen ihre true love: aus deren liaison dangereuse ging ein Mädchen hervor, das die Herzogin, um ihre gesellschaftliche Position und ihre anderen Kindern bangend, aufgeben musste.
Dies ist der Stoff des Films, der viel Historie, ein wenig Schmonzette und ganz viel Glamour bereithält. The Duchess macht daraus großes Gefühlskino. Lässt die Violinen immer dann klagen, wenn es der Herzogin gerade besonders schlecht geht. Besonders schlecht ergeht es ihr, wenn der Duke sich eine Nebenbuhlerin, die Duchess-Freundin Bess zu einer ménage à trois ins Haus holt, sie selbst aufgrund ihres modernen Ehe- und Gerechtigkeitsverständnisses Gefahr läuft, ihre Kinder zu verlieren. Die Politik und die Historie werden dem Film zum Dekor für eine private Leidenschaftsgeschichte, die mit viel persönlichem Leid verbunden ist. Dies erzählt The Duchess mit großem Pathos und aristokratischem Ernst. Auf der Leinwand lässt der Film im Vorbild für die »Königin der Herzen« nur das Abziehbild der »Gala«- und »Bunte«-Personnagen erscheinen, in die sich so viele Frauenherzen hineinsehnen. Und die dann erfahren dürfen: Ach, dem Adel geht’s nun auch nicht besser.
Dabei hätte The Duchess durchaus ironisches Potential bereit gehalten, das sich dem großartigen Filmerlebnis hätte nähern können, das Sofia Coppola mit Marie Antoinette gelang. Die Tableaus, die inszenieren, wie sich Duchess und Duke an einer langen Tafel im weißen Raum gegenübersitzen – am linken Bildrand, zu Seiten des Dukes, malerisch die riesigen Jagdhunde fläzend und auf der langen Strecke zwischen dem unglücklichen Ehepaar die dralle, erotisch-mütterliche Nebenbuhlerin Bess positioniert – dann hält der Film ein Angebot an Zeichen bereit, die durchaus Spaß machen. Das Problem in dieser Anordnung ist bei dem allzu vielen Ernst, der insgesamt im Film passiert, vor allem die Wahl von Keira Knightley als Duchess. Sie wurde nicht als glaubhafte, powervolle Darstellerin gebucht, sondern als Star, der gerade bei den weiblichen Zuschauern und als Coco-Chanel-Werbeträgerin hoch im Kurs steht. Ganz selten sieht man eine reflektierte Interpretation ihrer Figur, die auf die Klugheit der Duchess hinweist und die großen Spaß macht, etwa wenn die Herzogin die Straußenfedern, die über ihrem Kopf balancieren, lobt, um dann rhetorisch auszuholen zur großen politischen Invektive. Wurde in Marie Antoinette die Historie überboten und mit dem Index von Pop und Punk versehen, so wie es Jeff Koons soeben mit seinen bunten Edelstahlherzen im Schloss von Versailles gelang, bemüht sich Regisseur Saul Dibb um kostümierte Authentizität. Zugunsten der ernst genommenen Verkleidungsorgie von 30 verschiedenen Kleidern und Turmfrisuren von fast einem Meter wurde dem Film jeder Spaß von stilisitischer Hochrüstung ausgetrieben. Man will ja schließlich das Modebewusstsein des Zielpublikums nicht lächerlich machen. Keira Knightley legt ihren ganzen hühnerbrüstigen Charme in die Darstellung der vierfachen Mutter, bewegt sich gekonnt in den schweren Roben, lässt ihre Grübchen spielen und bleibt leider eins: viel zu sehr sie selbst.
Angewidert und gelangweilt von so viel Firlefanz gibt Ralph Fiennes in diesem Kostümspektakel einen großartigen Herzog ab, erntet als fieses Dreckschwein nicht nur unsere geheime Sympathien, sondern auch eine Golden-Globe-Nominierung für sein gekonnt zurückhaltendes Spiel. Der Film hingegen gewann einen Oscar für die Kostüme und den Costume Designers Guild Award. Die Gewichtung ist klar.
Was will er eigentlich, der Film? Kaum gibt es Orientierung, in welchem Zeitraum er spielt. Wir (Frauen) sollen, das ist klar, unabhängig von der Zeitgeschichte von diesem Schicksal einer gebrochenen, aber immer aufrechten Frau bewegt werden. Diese aber ist der heutigen Zeit, unserem Leben und Gesellschaft so fern, wie man es sich nicht ferner vorstellen kann. Weder gab es damals ein Wahlrecht für die Frau, noch die Möglichkeit einer Scheidung, eine Ehe diente zur freudlosen gesellschaftlichen Pflichterfüllung. Nur in der Mutterliebe, so sagt uns der Film, gab es den Weg zur Selbstbestimmung und emotionalen Erfüllung. Hier bin ich Mutter, hier darf ich sein.
Trotz aller Gefühlsduseligkeit vermag der Film nicht zu bewegen, wie es jüngst der 50er-Jahre-Film Revolutionary Road konnte. Zu fremd, zu artifiziell ist uns dieses Frauenschicksal, die Frau zu sehr Gefangene in der Zeit der Standeskonventionen. Ihr Flirt mit der Politik dient nur zur Illustration ihrer Weltgewandtheit und als Anbahnungsbühne für die wahre Liebe. Was bleibt, ist die Bewunderung für die Kostüme und die Erleichterung, mit der man aus dem Film herausgeht. Gott sei dank, wir haben nicht in dieser Zeit gelebt. Seufz!