Brasilien 2007 · 85 min. · FSK: ab 0 Regie: Fabiano Maciel Drehbuch: Fabiano Maciel Kamera: Jacques Cheuiche, Marco Olivera Schnitt: Joana Collier, Jordana Berg, Nina Galanternick |
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Der letzte Mohikaner der Klassiker |
»Was überlebt hat, sind nicht die kleinen braven Häuschen. Es überleben die Kathedralen, die Dombauten, die großen Würfe. Die Pyramiden sind völlig sinnlos – aber schön. Wenn man nur die Funktion bedient, wird das Ergebnis eben Scheiße.« Um einen guten Spruch ist Oscar Niemeyer nie verlegen. Auch mit seinen 102 Jahren ist er immer hellwach und ganz klar, ein alter, knurriger Herr, mal gut gelaunt und gelassen über die Welt redend, mal schimpfend, zum Beispiel über die Architektur des Bauhaus: »Ein Paradies der Mittelmäßigkeit.« Aber Oscar Niemeyer ist kein bloßer Sprücheklopfer, sondern einer der bedeutendsten Architekten der Baugeschichte; der letzte Überlebende der Klassischen Moderne. Am bekanntesten wurde er als Schöpfer von Brasilia, der Hauptstadt seines Heimatlandes. Der brasilianische Dokumentarfilm Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch von Fabiano Maciel bringt einem diese sympathische, in jeder Hinsicht beeindruckende Persönlichkeit jetzt nahe: In einer Mischung aus historischen Aufnahmen, Besuchen von Niemeyers Bauwerken und langen Gesprächen mit Niemeyer und seinen intellektuellen Weggefährten. Ein Film über die Zeit, als die Moderne noch modern war.
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»Als wir zum ersten Mal nach Brasilia flogen, war auch Militär an Bord, und ich saß neben Marschall Lott. Unterwegs fragte er mich: ›Niemeyer, unser Gebäude wird aber im traditionellen Stil sein, oder?‹ Ich lächelte ihn an und sagte: ›Was würden Sie im Krieg vorziehen? Eine alte Waffe oder eine moderne?‹« – Oscar Niemeyer
Mit einem Blick aus einem Panoramafenster beginnt es. Im Hintergrund sieht man die einmalige Bucht von Rio de Janeiro. Es ist ein geradezu idealtypischer Blick, die weit auseinanderliegenden Fensterrahmen gliedern und ordnen ihn. Es ist dies der Innenraum des »Museum für zeitgenössische Kunst« von Niteroí, das in seiner kreisrunden Form aussieht wie ein UFO, das soeben auf der Felskuppe gelandet ist. Aus dem Off spricht Niemeyer von Vasco da Gama. So unschuldig müsse ein fremdes Ufer ausgehen haben, wenn es einer der großen Seefahrer-Entdecker erstmals betreten habe. Dann zitiert Niemeyer Sartre: Die Welt sei besser ohne Menschen, hatte dieser einmal gesagt.
Man könnte dieses Zitat leicht gegen Niemeyer wenden: Ist nicht die moderne Architektur auch besser ohne die Menschen? Zumindest wird ihr das gern vorgeworfen. »Unmenschlich« oder »menschenfeindlich« seien zum Beispiel die Bauten von Brasilia, ist immer wieder zu hören. Wahrscheinlich sind solche Gedanken vom Filmemacher Fabiano Maciel beabsichtigt und einkalkuliert. Denn sein Dokumentarfilm ist unter anderem deren Widerlegung. Sein Film »Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch« stellt uns den Architekten als menschliches, allzumenschliches Wesen vor, und mit ihm die ganze Moderne als menschliches, allzumenschliches Projekt, das nichts zu tun hat mit jenem Modernismus-Klischee das inzwischen bis auf Volkshochschulebene in Umlauf ist, das gern bemüht wird, erst recht in konservativen Zeiten, um die Moderne zu diskreditieren.
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»Für uns ist Freiheit das Allerwichtigste. Es muss Raum für Vorstellungskraft und Phantasie da sein.« So fasst Niemeyer recht früh alles zusammen, was sein Werk ausmacht. Er kommt viel zu Wort in diesem Film. Ein Mann, der bereits im Dezember 2007 100 Jahre alt wurde, mit nach wie vor scharfen Gesichtszügen, wach und intelligent, schnell im Reden wie im Zeichnen, mit ein paar Altersflecken auf der Haut und immer neuen Zigarillos in der Hand. Im Hintergrund seines Schreibtisches vor dem er immer wieder sitzt, sieht man eine große Schwarzweiß-Photographie. Zwei nackte Körper von schönen Frauen sind darauf zu erkennen. Und später wird er den schönen Satz sagen: »Mich interessiert die freie sinnliche Kurve. Die Kurve der Flüsse meines Landes, der Wolken, der schönen Frauen.«
Niemeyer ist der Meister der Kurve. Er hat sie in die moderne Architektur integriert, hat eine eigene brasilianische Säule erfunden, die sich aus Kurven zusammensetzt. Womit schon das Hauptvorurteil widerlegt wäre: Das Moderne immer zwangsläufig etwas mit Ecken und Kanten, mit rechten Winkeln und Rigorismus zu tun haben müsste. Das gilt allenfalls – und auch da nur begrenzt – für die protestantische, deutsche Variante, für die Sozialisten des Bauhauses. Denn die wollten in Serie bauen, für die Massen, und da sind die seriell immergleichen rechten Winkel einfacher als individuelle Formen. Für Niemeyer, den atheistischen Katholiken, den kommunistischen Individualisten geht es dagegen nie um Serialität und Massen. Stattdessen um etwas Brasilianisches, um Licht und Überraschung, Schönheit und Optimismus, um relaxte Kompromisse. »Unsere Architektur ist ganz anders als die Le Corbusiers« sagt er, »das hat auch etwas mit unserem Wetter zu tun… sie ist leichter, hat mehr Aussparungen.« »Man hatte den Stahlbeton noch nicht verstanden.« Niemeyer ist überzeugt, das rationales Denken und Phantasie keine Feinde sein müssen, dass sie im Gegenteil zusammenhängen. Davon kann Europa, kann der Westen, der von Rio aus betrachtet ein Norden ist, noch viel lernen. Das hat schon Max Bense gewusst, der konstruktivistische Philosoph und Design-Theoretiker, der einmal ein kleines, feines Buch mit dem Titel »Brasilianische Intelligenz« schrieb, in dem er versucht, das irgendwie zu fassen, was man in Brasilien und überhaupt Lateinamerika bis heute finden und lernen kann: Eine zweite andere Moderne, eine andere Variante unserer selbst, ein tropisches Projekt der Moderne. Vielleicht sind ja wirklich nur die Kurven der Frauen dran schuld, oder die Wolken und die Sonne, wie bei Camus.
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Unter der Hand bietet Fabiano Maciels Film jedenfalls, indem er von Niemeyer erzählt auch eine kleine Kulturgeschichte Brasiliens. Er erinnert an die 30er und 40er Jahre, an die Zeit des Aufbruchs, der Jugend und der Utopien, als Freiheit und Planung noch kein Widerspruch waren. Gustavo Capanema hieß damals der neue Minister für Erziehung und Gesundheit, der unter anderem auch ein neues Bildungsministerium bauen ließ. Le Corbusier wurde zur Unterstützung eingeladen, er war für 20 Tage da – ein Moment der Initiation, der die brasilianische Architektur veränderte. »Solche Stabschefs werden wir nie wieder bekommen«, sagt einer in dem Film, und es ist nicht Niemeyer: »Die Minister konnten wirklich schreiben, und die Stabschefs waren Revolutionäre.« In dieser Zeit, in der Niemeyer seine ersten Bauten schuf – das »Obra do Berco« in Rio aus dem Jahr 1937 war sein erstes Projekt – betrat eine ganze neue Generation die Bühne der brasilianischen Gesellschaft: Künstler, Intellektuelle, Politiker. Der Historiker Eric Hobsbawn beschreibt im Film die »enorm einflussreiche Generation«, und erklärt, wie sie in den 1930er Jahren ein Bild kreierten, dass Brasilien eine neue Vorstellung seiner selbst gab. Es geht eben auch beim Bauen um Utopien und um Idealismus, nicht um Pragmatismus.
Der Film beschreibt dann die Stationen, über die Niemeyer, der als Sohn einer deutschstämmigen Einwandererfamilie in Brasilien geboren wurde und den größten Teil seines Lebens in Rio de Janeiro verbrachte, schließlich zu dem letzte Mohikaner der Klassischen Moderne wurde, der er heute ist: Der Beginn der lebenslangen Zusammenarbeit mit Lucio Costa, der er ein Stadtplaner war, und mit dem Niemeyer sich prächtig ergänzte, der brasilianische Pavillion in New York (Pavilhao do Brasil) von 1939 – by the way: in tollen Bildern, Farbfilmen der 1930er –, das UNO-Hauptquartier in New York von 1947 – Niemeyer gewann den Wettbewerb, nicht Le Corbusier, mit dem er aber einen Kompromiss schließen musste. Den Pavilhao da Bienal von Sao Paulo (1951). Bis hin zu den späteren Bauten in Algiers, Paris, Le Havre. Niemeyer war von Le Corbusier geprägt, hat aber trotzdem immer in sehr eigenem Stil gebaut. Er schuf Ministerien und Krankenhäuser, Museen und Schulen, Brücken und Spielcasinos, Banken und Kirchen, Universitäten und Denkmäler gegen Folter.
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»Es gibt nicht moderne und alte Malerei, sondern gute und schlechte. Das gilt auch für die Architektur.« – Oscar Niemeyer
Am bekanntesten aber wurde er als Schöpfer von Brasilia, der Hauptstadt seines Heimatlandes, die in den 50er Jahren aus dem Nichts in den Dschungel gepflanzt wurde. Auch hier ging es in erster Linie um eine Idee, die Idee eines neuen Brasilien, auch eine neue Selbstwahrnehmung, um die Aufhebung des ewigen Gegensatzes zwischen Sao Paolo und Rio. Brasilia, das am 21. April 1960 als »Stadt der Hoffnung« eingeweiht wurde, war eine eine komplett neue Idee, eine nach der Struktur des antiken Athen am Reißbrett geplante Idealstadt, die ganz und gar auf die Moderne, und auf das Neue ausgerichtet war. »Ich weiß, dass die Armen nichts davon haben werden. Aber sie können innehalten und einen Moment der Freude, der Überraschung erleben.« Trotzdem wurde das Projekt sofort von der ganzen Welt bewundert. Denn es ging um Veränderung und sonst nichts. Der ewige Traum der Menschheit. »Falsch gedacht: Nach der Einweihung kamen wieder die Politiker, die Geschäftsleute, und es war wieder der gleiche Mist: Klassenkampf, die Macht des Geldes, die Einmischung der Wirtschaft, so, wie es heute noch ist.« Mehr hat Niemeyer zu Brasilia heute nicht mehr zu sagen. Außer, dass es eine großartige Zeit gewesen sein muss, als er dort mit fünfzehn Kollegen vor Ort ein paar Jahre arbeitete. Und dass er es immer wieder so machen würde: Es sei besser, heute die Vergangenheit von morgen zu bauen, als, wie in Europa, zwischen Denkmälern zu leben: »Denkmale muss man kontrastieren, nicht kopieren.« Und er erklärt auch, warum die Unendlichkeit das eigentliche Problem sei: Wenn Städte einfach spontan weiter wachsen, verliert man die Kontrolle.
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»Um mal Klartext zu reden: Im Leben geht’s ums Lachen und ums Weinen. Wir müssen die leichten Momente genießen, solange wir können. Und lernen, die anderen zu ertragen. Das Leben ist nur ein Hauch.« – Oscar Niemeyer
In diesem Film erkennt man Niemeyer als einen, dessen Werk weit über Architektur hinausreicht. Er baut Bühnenbilder, er zeichnet. Ein brasilianischer Volksheld. Und ein Philosoph: »Ich bin wie einer dieser alten Pessimisten: Ich glaube, dass das Leben nur einen kurzen Augenblick währt. Der einzelne Mensch ist nicht wichtig, er wird geboren und stirbt. Er muss seinen Blick zum Himmel erheben und fühlen, wie klein er ist. Er muss bescheiden sein und wissen, dass nichts wirklich wichtig ist. Das Leben ist ein Hauch, nur ein kurzer Augenblick.« »Ich bin es leid, über Architektur zu reden. Immer die gleiche Diskussion, die gleichen Fragen. Wichtiger sind die Proteste auf den Straßen. Die Menschen müssen über Politik nachdenken. Politik ist wichtig. Sie ist das Leben… Wenn man das Gefühl hat, dass alles zu schrecklich ist, dass es keine Hoffnung mehr gibt, dann ist die Zeit reif für Revolution.« Kern seines Denkens ist die Freiheit, Freiheit im ganz unmittelbaren Sinn der französischen Existentialisten, die er am liebsten zitiert: »Ich finde Optimismus lächerlich. Der führt zu nichts. Genausowenig wie Nihilismus. Aber einen realistischen Weg zu finden, innerhalb unserer Möglichkeiten... Das ist schwer, aber darum geht es.« Auf die Architektur bezogen bedeutet das Erfindung, Innovation, Spiel. Wie schon Baudelaire wusste: Ein Kunstwerk müsste Erstaunen hervorrufen. Der Hauptantrieb ist immer, etwas anders zu machen. »Ich will, dass die Leute stehen bleiben.«
Da sitzt dann dieser Alte an seinem Schreibtisch, kritzelt einen Entwurf aufs weiße Blatt. Total cool. Dann erzählt er vom alten Rio, das natürlich besser war, wo man in Ruhe Zeitung lesen konnte, es eine Straßenbahn gab, man Spaß hatte. Er erzählt vom Leben der Boheme in der Rua Conde de Lage, von den fast zwanzig Jahren Exil während der Zeit der Diktatur, von der Zweckfreiheit der Schönheit. Manche wird auch dies nicht versöhnen mit der Genialität seiner Entwürfe, mit der Moderne überhaupt, mit der Tatsache, dass dieser Film einfach zuhört, und akzeptiert, dass Niemeyer womöglich mehr zu sagen hat, als andere, dass seine Worte interessanter sind, als das, was die Filmemacher tun könnten. Aber das muss man und wird man gern akzeptieren: »Die Leute wollen immer alles erklärt haben. Mich nervt diese fordernde Mittelmäßigkeit!«