Pandoras Vermächtnis

Österreich 2024 · 87 min.
Regie: Angela Christlieb
Drehbuch:
Kamera: Max Berner
Schnitt: Angela Christlieb, Sebastian Schreiner
Pandoras Vermächtnis
Eine schöne Ehe
(Foto: Arsenal Filmverleih)

Szenen einer Filmehe

»Pandoras Vermächtnis«: Angela Christlieb erzählt das Leben des Stummfilmstars G.W. Pabst aus Sicht seiner Ehefrau

»In einer Zeit in der es darauf ankam, innere Konflikte und Sehn­süchte ohne Rücksicht auf die gegebenen Tatsachen zur Schau zu stellen, fühlte Pabst sich als Fremder. Pabst war Realist. Er sagte einmal gesprächs­weise: 'Wozu braucht man einen roman­ti­schen Entwurf? Das wirkliche Leben ist viel zu roman­tisch, zu entsetz­lich.' Das wirkliche Leben war sein Anliegen. ... Die Grau­en­haf­tig­keit der Welt kommt in scheinbar unge­stellten Szenen zum Ausdruck.«
Siegfried Kracauer

Die Büchse der Pandora – so heißt einer der berühm­testen unter den vielen berühmten Filmen von Georg Wilhelm Pabst.

Neben Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau war Pabst der dritte unter den Giganten des deutschen Stumm­films der Weimarer Republik, und mit Filmen wie Die freudlose Gasse, Geheim­nisse einer Seele, Tagebuch einer Verlo­renen und eben Die Büchse der Pandora wurde er zum Meis­ter­re­gis­seur der Neuen Sach­lich­keit schlechthin – ein Realist, der sich aber für das inter­es­sierte, was unter der Ober­fläche des Zeigbaren und mit den Mitteln des Mediums Darstell­baren lag; der Erste, der in Deutsch­land versuchte, dem Unter­be­wussten, den Gefühlen, Trieben und verbo­tenem Verlangen eine Sicht­bar­keit auf der Leinwand zu geben. Politisch links stehend wurde er 1933 ins fran­zö­si­sche Exil gezwungen, durch unglück­liche Zufälle kam es dazu, dass er dann ab 1939 wieder in Deutsch­land arbeiten musste. Drei Filme drehte er fürs NS-Kino, und dann in den Fünf­zi­ger­jahren noch mal ein Dutzend weiterer Filme, Belang­loses, aber auch unbe­kannte Schätze wie 1949 Geheim­nis­volle Tiefe, den Christ­lieb hier in einer ausführ­li­chen Betrach­tung dem unver­dienten Vergessen entreißt, aber auch Der letzte Akt und Es geschah am 20. Juli, zwei Werke, die sich für die damalige Zeit sehr kritisch mit dem Natio­nal­so­zia­lismus ausein­an­der­setzen.

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»Schwarz war das Wasser und auf einmal stieg das Meer. Immer näher stürmten die Wellen­berge heran, bis ich sah, dass sie schon das Haus umspülten. Ich stand im obersten Stockwerk des Hauses und das Wasser reichte mir schon bis zu den Knien.«
Trude Pabst, Tage­buch­schil­de­rung eines Traums im Pariser Exil 1936

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Die Büchse der Pandora könnte auch der Titel von Angela Christ­liebs Film über Pabst sein. Die öster­rei­chi­sche Regis­seurin thema­ti­siert die poli­ti­sche Funk­tio­na­li­sie­rung des Film­re­gis­seurs dabei nur am Rande; sie stößt aber mitten hinein ins Herz der Fami­li­en­po­litik der kompli­zierten Pabst-Familie – und dieser Ansatz hat dann wiederum eine Menge mit dem Film­re­gis­seur zu tun. Denn Pabst thema­ti­siert in fast allen seinen Filmen die bürger­liche Ehe, Affären und Fremd­gehen genauso wie unter­drückte Triebe, wie die Gewalt des Vaters über seine Kinder und die Eman­zi­pa­tion und Selbst­ver­wirk­li­chung der Ehefrauen in diesen Fami­li­en­kon­stel­la­tionen.

Alexander Kluges Fest­stel­lung, Familie sei ein »Terror­zu­sam­men­hang«, gilt auch für die Familien, die Pabst auf der Leinwand zeigt. Und auch die eigene Familie des Regis­seurs war keines­wegs ein präch­tiges Gegen­bei­spiel dazu. Zur Schlüs­sel­figur von Christ­liebs Film wird, jenseits der noch lebenden Enkel, die auch auftau­chen, aber eher vom Thema wegführen, Trude Pabst, die Ehefrau des Regis­seurs. In ihrem Tagebuch schildert sie die erste Begegnung mit ihrem zukünf­tigen Mann:

»Schon der erste Eindruck war ein ganz außer­ge­wöhn­li­cher. Ich weiß noch wie heute, dass wir uns beim ersten Sehen fast erschro­cken anstarrten. Blitz­artig erkannten wir uns und unsere Zusam­men­gehö­rig­keit.«

Als sie ihren Mann kennen und lieben lernte, wollte sie noch Schau­spie­lerin werden. Doch der – als Künstler links­li­beral und tolerant – entpuppte sich im eigenen Haus als konser­va­tiver Patriarch und redete ihr diesen Wunsch aus.

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Viele tausend Tagebuch-Seiten und fast täglich geschrie­bene Briefe an ihren Mann hat Trude Pabst hinter­lassen – sie sind eine unschätz­bare Quelle für Leben und Filmo­gra­phie des Regis­seurs und die Grundlage dieses Films. Hierin geht es auch um einige verbor­gene Fami­li­en­ge­heim­nisse und die kompli­zierte Persön­lich­keit des Regis­seurs, vor allem aber aus verschie­denen Perspek­tiven um dessen Werk und Wirkung, die die Familie bis heute in Bann hält.

Die Ehefrau war auch dessen engste Mitar­bei­terin – und Pabst hat sie, wie Christ­lieb zeigt, auch immer ermutigt, selbst­ständig als Dreh­buch­au­torin zu arbeiten.

Trotzdem war dieses Arbeits­ver­hältnis war keines­wegs immer frei von Streit und wech­sel­sei­tigen Enttäu­schungen.

Christ­lieb belegt aber, dass die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts in vieler Hinsicht – sexuell wie emotional – frei­heit­li­cher und offener gesonnen waren, als es viele Menschen heute sind und für die Vergan­gen­heit glauben machen möchten.

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So ist dies ein Film, der unschätz­bare Quellen zutage fördert, der einige Legenden zurech­trückt – etwa das Bild von Pabst als Oppor­tu­nisten oder gar Kolla­bo­ra­teur gegenüber dem Natio­nal­so­zia­lismus, das im vergan­genen Jahr von Daniel Kehlmanns halb-fiktivem, halb-doku­men­ta­ri­schem Roman »Licht­spiel« zumindest andeu­tungs­weise gezeichnet wurde – und der erstmals Trude Pabsts Biogra­phie ange­mes­sene Aufmerk­sam­keit schenkt. Christ­lieb rückt die Bedeutung dieser immer auch in künst­le­ri­schen und privaten Krisen loyalen Ehefrau ins rechte Licht. Dabei schießt sie aber nicht über das Ziel hinaus und vermeidet den Fehler mancher neuerer Künst­ler­bio­gra­phien, die Bedeutung der Gattin aus femi­nis­ti­schen Motiven über Gebühr aufzu­blasen oder das Genie des Künstlers zu rela­ti­vieren.

In Pandoras Vermächtnis bleibt immer klar, dass man sich für Trude Pabst nun mal vor allem deswegen inter­es­siert, weil sie die Frau eines wichtigen Künstlers war, aber nicht etwa »das Genie hinter einem Mann«, das »nicht gesehen« wurde. Solche simpli­fi­zie­renden Erklärungen widerlegt Pandoras Vermächtnis. Es gibt in diesem Film auch keine Enthül­lungen über einen Ehegatten, der sich unge­bühr­lich oder gar miss­bräuch­lich betragen hätte.

Statt­dessen ist dieser Film das Porträt einer Ehe, die über 40 Jahre bis zu Pabsts Tod 1966 und auch über diesen hinaus gehalten hat.