Deutschland 2006 · 97 min. · FSK: ab 12 Regie: Stefan Krohmer Drehbuch: Daniel Nocke Kamera: Patrick Orth Darsteller: Martina Gedeck, Robert Seeliger, Svea Lohde, Peter Davor, Lucas Kotaranin u.a. |
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Sirene auf dem Wasser |
Ein Sommerfilm, leicht, flirrend, erhitzt. Aber immer wieder wirbeln ganz plötzliche kurze Windböen die ruhige Stimmung durcheinander, und ihre kühle Brise korrespondiert mit dem Blick der Kamera, der neugierig ist, aber objektivierend, distanziert. Ein Ferienfilm, in dem die Menschen ein bisschen desorientiert scheinen, durch die freie Zeit, die sie da auf einmal haben, in der ihnen ihr Leben nicht von Außen durch Alltagsrhythmen und allerlei Verpflichtungen wie von selbst geordnet wird, sondern sie es selber ordnen müssen – und im Nu eine Menge Chaos schaffen.
Man denkt an Rohmer, überhaupt an die Franzosen bei dieser Geschichte über Menschen, denen es ganz gut geht, und die trotzdem, wenn sie einmal sich selbst ausgesetzt sind, erschüttert werden von einer Krise, die keine Ursache hat, weil diese Krise nicht anderes ist, als einfach das Leben selber. Man kann auch an Goethes Wahlverwandschaften denken, auch das eine Feriengeschichte wenn man so will, eine Story vom unbeschwerten Leben, einem Gleichgewicht der Beziehungen, das dann, durch ganz kleine Verlagerungen des Schwerpunkts, in einer Weise durcheinandergebracht wird, dass die alte Harmonie für immer verloren ist – obwohl es nachher keiner gewesen sein will. Es sind, wie eben bei Rohmer und bei Goethe, ganz existentielle Fragen, die hier in bewundernswert leichter und lange Zeit heiterer Weise verhandelt werden.
Ein Sommer im Norden. Miriam und André, ein Paar um die 40, macht Ferien in einem Reetdachhaus. Sie werden besucht von Miriams 16-jährigem Sohn Nils und dessen Freundin Livia, noch nicht ganz 13 Jahre alt. »Ist sie nicht ein bisschen zu jung für ihn?« fragt André, doch sofort spürt man, dass diese Frage eigentlich nur eine Maske ist, für ein eigenes, kaum sich selbst eingestandenes Interesse. Nils mag den Lebensgefährten seiner Mutter sowieso nicht, und so ist von Anfang eine Grundspannung vorhanden. Livia wirkt auf den ersten Blick wie eine etwas altkluge verführerische Lolita, und bringt dementsprechend alle Männer in ihrer Umgebung durcheinander. Auch den Amerikaner Bill aus der Nachbarschaft, den man beim Segeln kennenlernt. Im Laufe des Zeit versteht man aber, dass Livia einfach reif und selbstbewusst ist für ihr Alter, und allen anderen immer mindestens drei Züge voraus – auch darin eine typische Rohmer-Figur. Sie ist das Zentrum der Geschichte.
Das Zentrum des Films aber, die eigentliche Hauptfigur ist Miriam. Konzentriert, trotzdem ganz beiläufig spielt Martina Gedeck diese Frau, die unsicher wird als Objekt des Begehrens verschiedener Männer, als Mutter, als Schutzbefohlene eines jungen Mädchens, dass alles zugleich ist: Komplizin und Konkurrentin, in jeder Hinsicht außer Reichweite und emotional die Nächste. Gedeck ist einfach glänzend. Sie zeigt in dieser Rolle unter der Maske des Pragmatismus viel Verletzlichkeit und weit mehr Intensität, als etwa in Das Leben der Anderen, wo sie, wie dieser Film beweist, weit unter Wert inszeniert wurde.
Regisseur Stefan Krohmer interessierte sich schon in seinen Fernsehfilmen Ende der Saison und Familienkreise für eine Konfrontation der Generationen, die auf vorschnelle Bewertungen verzichtet, die die Beobachtung favorisiert. Sommer ‘04, einer von zwei deutschen Filmen, die im Mai auf dem Festival von Cannes liefen, zeigt uns seine Figuren immer aus zwei Perspektiven zugleich: Wir sehen ihnen zu, und wir sehen anderen dabei zu, wie sie über sie reden, und wie sie sich zu ihnen verhalten. So bleibt Sommer ‘04 unparteiisch und angenehm undramatisch. Eher beiläufig wachsen die Spannungen.
Visuell ist dieses Aufladen der Verhältnisse und ihr langsames Implodieren von Kameramann Patrick Orth in beiläufige, fragmentarische, bestechend subtile Bilder gefasst, die mal vorsichtig, zögernd, mal voyeuristisch drängend sich der Stimmung der Figuren anschmiegen. Sofort, von der ersten Minute an, sieht man ihnen nicht nur ihre Eigenheit an, spürt man im scheinbar Zufälligen das Notwendige, Durchdachte, die zweite Ebene.
Nur ganz am Ende gleitet dieser Gefühlsthriller etwas ins Melodram ab, bekommt er die Kurve zum Leben nicht mehr, wird das französisch Federnde schwerblütig und sehr deutsch. Zuvor aber verknüpft Sommer ‘04 virtuos seine Fragen nach Verantwortung, nach Ignoranz und nach Schuld mit Bildern der Unschuld, dem Rhythmus der Segeltouren und dem Geräusch des Windes. Nur die Sonne war schuld.