USA 2004 · 108 min. · FSK: ab 12 Regie: M. Night Shyamalan Drehbuch: M. Night Shyamalan Kamera: Roger Deakins Darsteller: Bryce Dallas Howard, Joaquin Phoenix, Adrien Brody, William Hurt u.a. |
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Sigourney Weaver und William Hurt |
Was passiert, wenn man sich und seine Nächsten von dem Bösen erlösen will? Wenn man bereit ist, einen unbekannten Weg im Selbstversuch zu nehmen? Wir ahnen die Antwort: das Böse schleicht nebenher. War längst am Ziel. The Village erzählt davon, wie es dann aus dem Unterholz, das vielleicht das eigene ist, mit gewetzten Krallen seinen Weg findet. Ein Mechanismus, der noch von Lord of the Rings bestens im Gedächtnis ist.
Sich durchdringende Gegensätze, Gut und Böse, die Gratwanderung zwischen Religiosität und Spiritualität, Mensch und Natur, vor allem der Natur des Menschen und deren Veräußerlichung sind der archaische Fundus, mit dem M. Night Shyamalan seine Filme bestückt. In Unbreakable krachen Gut und Böse ganz direkt in Form von Bruce Willis und Samuel L. Jackson aufeinander, und Signs legt den Glauben eines verwitweten Pfarrers auf den außerirdischen Prüfstein. Shyamalan, ein Hollywoodschamane mit indischen Wurzeln, der Filme ausheckt, die vielleicht am ehesten als zwittriger Genremix aus Terrorfilm im weitesten Sinne und spirituellem Psychodrama etikettiert werden könnten. Das Problem bei diesem Spagat liegt auf der Hand: die Genreerwartungen, mit denen seine Filme spielen, sind genauso gegensätzlich. Und annullieren sich letzten Endes gegenseitig.
Nehmen wir den Trailer von The Village: Blutige Krallen, feindliches Unterholz, ein mutiger Joaquin Phoenix – was, wenn nicht klassischen Horror, vielleicht mit einer Brise Blair Witch, sollte man hier erwarten?
The Village will von diesen Erwartungen nichts wissen. Trailer hin oder her, für wildgewordene, lechzende Bestien und einen Hauptdarsteller, der dieser Bedrohung womöglich im heroischen Nahkampf die Leviten liest, interessiert sich der Film herzlich wenig. Und Joaquin Phoenix ist auch nur am Anfang des Films öfters im Bild zu sehen; die eigentliche Hauptfigur ist nämlich die junge blinde Ivy Walker (Bryce Dallas Howard). Indem sich The Village für ihre große Liebesgeschichte interessiert, wirft er ein weiteres Genre ins Rennen.
Und dann die Ausgangsgeschichte: Eine puritanische Siedleremeinde im fernen Tal der Covington Woods, die in aller Bescheidenheit die hermetische Abgeschlossenheit ihres Dorfes akzeptiert. Jenseits der Talsenke ein düsteres Waldgebiet. Dort lebt das »Andere«, das, von dem man nicht spricht, das man nicht herausfordert, und vor dem man sich schützt, indem man das, was dem Anderen nahe ist, aus dem eigenen Leben verbannt: alle Dinge, die die Farbe Rot tragen, Blüten, Beeren, Kleidung und natürlich Blut, denn Rot ist die Farbe des Anderen. Das sind die Regeln. Und während die jungen Mädchen beim Fegen der Veranda eine leuchtend rote Blüte schnell unters Gras kehren, hüten die Jungen nachts auf ringsum das Tal positionierten Hochsitzen das Terrain. Die Natur ist nicht des Menschen Untertan. Eher schon des Menschen Untergang, wenn er ihre Regeln nicht respektiert.
»Turning and turning in the widening gyre,
The falcon cannot hear the falconer,
Things fall apart, the centre cannot hold«
dichtete William Butler Yeats. Der Falke kann den Falkner nicht mehr hören. Patriarchalische Zustände sind im Begriff, sich aufzulösen, die Zeremonie der Unschuld wird ertränkt. Und ein gelebtes Leben kann im Bruchteil von Sekunden zu Ende sein, auch wenn man nicht stirbt. Innerhalb von Sekunden wiedergeboren, durch einen Blick ins geheime Kästchen, hinter die verborgene Tür, auf die begrabenen Erinnerungen. The Village interessiert sich genau dafür, für den Zustand des Übergangs, für die Dinge, die am seidenen Faden hängen. Und das so einige.
The Village kommt in seiner stilistischen Präzision dem großen Vorbild Hitchcock sehr nahe. Er ist so präzise, dass er manchmal in seinem Minimalismus unnahbar wird. In sich selbst ein Kniefall vor dem Chaos. Kein Frame dem Zufall überlassen, jedes Knacken und jedes einzelne Blatt im Wald ein separates Rauschen. Im besten Sinne ein absoluter Multiplex-Film: sein Ton will sechsfach sein und die Bilder des Cohen-Kameramanns Roger Deakins überdimensional. So kristallklar wie die Knochen von Mr. Unbreakable, in seinem Rhythmus so zwingend wie die Invasion der Zeichen und so nah an der Sollbruchstelle eines deus ex machina wie der sechste Sinn.
Die Fans von Shyamalan dürfen sich auf ein Cameo Deluxe freuen. Mit dem Ziel, irgendwas über den Film zu sagen, ohne irgendwas von ihm zu verraten, nur so viel: Der Autor-Regisseur ist am Ende des Films für ungefähr vier Sekunden klein im Bild zu sehen. Und: Dieser kurze Moment kondensiert so simpel wie raffiniert Shyamalans erzählerische Strategie – er blickt nämlich von außen wie von innen gleichzeitig. Aus den Dingen und auf sie. Dazwischen ein Geflecht widerstrebender Gedanken und Prinzipien, das er mal verschlagwortet und mal amorphe Masse sein lässt.
Viel Wind um Nix, sagen die Genretreuen und verlassen mit leerem Magen das Kino. Es gehört sich nicht, das Horrorfass aufzumachen, und dann nur dünne Luft entweichen zu lassen! – Nun, Hitchcock hat z.B. mit Psycho dieses Fass aufgemacht. Aber er ist nie auf die Idee gekommen, ein ganzes Genre als McGuffin zu benutzen.
Mehr soll hier an dieser Stelle auf keinen Fall gesagt sein. Das Geheimnis, das Rätsel, die Vision, die dieser Film ist, schlagen am härtesten zu, wenn man keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht. »Rote Krallen und ein mutiger Joaquin Phoenix!« Amen.
Wenn wir verheiratet sind, tanzt Du dann mit mir?eine merkwürdige Art der Liebeserklärung ist das, aber als nach etwa einer Dreiviertelstunde Ivy und Lucius vor dem Haus sitzen, und man der überaus berührenden Szene zusieht, in der die blinde, zugleich ungemein selbstbewusste Ivy dem schüchternen, sensiblen Lucius ihre Liebe erklärt. Und es nun endgültig klar ist, dass beide Hauptfiguren füreinander bestimmt sind, da ist man schon allerhand Merkwürdigkeiten gewohnt.
Regisseur und Verleih von The Village haben gebeten, den Plot, den eigentlichen Kern dieser Geschichte, der zugleich ihre Auflösung ist, nicht zu verraten, und der Wunsch sei akzeptiertobwohl damit manches im Vagen bleiben muss. Aber tatsächlich hängt viel, fast alles von der Wirkung von The Village daran, dass man akzeptiert, dass man hier vom Regisseur auf eine emotionale Achterbahn, besser gesagt Geisterbahn, geschickt wird, und dass es der Regisseur ist, der bestimmt, in welcher Reihenfolge er seine Geschichte erzählen will. Schon The Sixth Sense, der Horrorfilm mit dem M. Night Shyamalan weltberühmt wurde, lebte davon, dass man ganz am Ende etwas erfährt, das den gesamten Film in ein neues Licht taucht. So ist es auch diesmal, allerdings erfährt man das Wichtigste nicht ganz am Ende.
Die erste Stunde des Films, die Stunde der großen Ungewissheit auch für den Zuschauer, gehört zum allerbesten, was im US-Kino in diesem Jahr zu sehen war. Subtil und spannungsreich entfaltet Shyamalan das Panorama eines verlorenen Paradieses: Einfache, eher arme Leute leben irgendwo auf dem amerikanischen Land; durch einen Grabstein lernt man, dass die Handlung 1897 spielt. Man sieht normales Dorfleben, aber irgendetwas stimmt nicht. Bald erfährt man: Jenseits des Waldrandes leben »Die, von denen wir nicht sprechen«, doch in Wahrheit sprechen alle immer von ihnen. Immer wieder hört man merkwürdige Geräusche, es gibt Zeichen an den Häuserwänden. Die Dorfbewohner opfern den Waldwesen Fleisch, sie vermeiden rote Farbe, weil dies offenbar ein Zauber ist, der das unbekannte Böse beruhigt. Schnell wird klar: Überall im Dorf gibt es Geheimnisse, eine schreckliche Bedrohung liegt über ihm.
The Village ist ein Horrorfilm. Sein Horror besteht aus Stille, Unsichtbarkeit, Langsamkeit (Ein William Hurt-Film, was das Tempo angeht: extrem lahm und selbstgefällig. Aber dennoch!), lebt vom Sound, aber auch den wenigen Bilderzipfeln, die man nach und nach doch von den Waldwesen erhascht. Man muss zunächst einfach glauben, was man da sieht. Es ist wie bei den Gebrüdern Grimm, und man kann in dem Film auch eine zeitgemäße Variante von Rotkäppchen und dem bösen Wolf sehen. In jedem Fall erfährt man hier mehr über die Natur des Wolfes.
Wenn man die ganze Geschichte kennt, wird klar, wie intelligent und doppelbödig Shymalians Spiel mit uns Zuschauern ist. Er erzählt uns unter der Maske des Zeitlosen etwas ganz Zeitgemäßes: Von einer traumatisierten Gesellschaft, die sich aber auch selbst traumatisiert. Von der Sehnsucht nach Unschuld und der Schuld, der es offenbar bedarf, um eine Gesellschaft zur Gemeinschaft zu verschmelzen. Vom richtigen Umgang mit dem Horror. Damit ist dies eine Parabel über den war against terror, der erste Film, der wirklich vom 11.September und dem Umgang mit ihm handelt.
In seiner Aussage ist The Village allerdings ein zutiefst konservativer, in vielem reaktionärer Film. So sehr der Regisseur die Kraft der Liebe feiert, die alle Hindernisse überwinden kannviel stärker noch glaubt er an den Nutzen von Geheimnissen, von Trug und Täuschung. Aufklärung, Wissen und Wissenschaft, dies macht Shymalian unmissverständlich klar, schade dem Zusammenleben der Menschen. Und darum ist sein Film ein Film voller Ressentiment: Gegen Stadt und Zivilisation, ein Mythos der Gegenmoderne, voller Sehnsucht nach der längst verlorenen Unschuld, auf der der Film auch bis zum Ende, allem Geschehen zum Trotz beharrt. An seiner Poesie und seiner Wirkung ändert das freilich nichts (Und dass die Unschuldigen hier schuldig werden, die city on the hill zwischenzeitlich zur city of hell wird sollte man auch nicht vergessen.)
Viel zu dieser Wirkung tragen die wunderbaren Darsteller bei: Joaquin Phoenix, Adrien Brody, Sigourney Weaver, William Hurt und vor allen anderen Bryce Dallas Howard in ihrer ersten Filmrolle als Ivy. Das blinde Mädchen wird sich bewähren müssen und nimmt auf ihrem Weg durch die Nacht die Zuschauer bei der Hand. Von ihr und mit ihr lebt der ganze Film.