Cinema Moralia – Folge 2
Hard Boiled Metropole |
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Nimmermeer |
Zurück aus Cannes, zurück in der deutschen Kinoprovinz, sehnt man sich trotz aller Anstrengung schon wieder an den Croisette-Strand zurück. Denn hier geht alles seinen Trott und man selber ist in Teil davon – Cannes ist Ausnahmezustand der angenehmsten Art.
Kaum wieder hier, kommen einem dann auch gleich die entsprechenden Ideen. Nach dem Erfolg von „Deutschland sucht das Supermodel“ – die ja, das unter uns, manche geschätzte Kollegen mehr begeistert
hat, als viele Filme an der Croisette, bietet sich natürlich eine entsprechende Übertragung auf den Filmbereich an: »Wer wird Regisseur?« zum Beispiel, mit einem Platz an einer deutschen Filmhochschule für den Sieger. Oder „Germany’s next Oscar Winner“, eine Casting Show präsentiert von Florian Henckell Sie wissen schon. Die Constantin verspricht dem Sieger die Produktion eines Kurzfilms, und der wird dann in Hof gezeigt bei Heinz Badewitz.
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Nicht gewonnen hat leider Michel Dreher den Studentenoscar. Es ist trotzdem der bessere Film als Nimmermeer ein inhaltlicher Unfug, der nur durch seine Ausstattung glänzt, und der – das ist das einzige, was „die Gremien“ interessiert – auch aus Deutschland kommt.
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»Plötzlich ließ der Wind nach, es war ein Gefühl wie das Zischen einer Granate kurz vor der Zündung – ein schrecklicher Augenblick, denn man konnte bereits das Getöse der nächsten heranrasenden Sturmböe, der nächsten Wand aus Luft hören, auch wenn sie noch fünf Meilen entfernt war. Es dauerte keine vier Minuten, bis sie da war.« – ein tropischer Sturm ist es, der da so wortgewandt, plastisch und etwas „over the top“ beschrieben wird.
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Der wahre Orkan aber ist das vorliegende Buch selbst. Es stammt von keinem Geringeren als von Superstar Marlon Brando und von Donald Cammell, zweien der interessantesten Männer im Kino des 20. Jahrhunderts. Brando hat ein Buch geschrieben? Tatsächlich. Es heißt „Madame Lai“, und ist reiner Pulp – ein süffiger, schnell lesbarer, spannender Abenteuerschmöker mit manch'
tieferer Bedeutung – so wie die Filme von Co-Autor Cammell.
Alles dreht sich um einen Helden, Annie Doultry, ein Dandy, Schotte, Seemann, Frauenheld, Philosoph und Pirat – ein Kerl eben. Und was für ein Kerl! Mitten im chinesischen Bürgerkrieg der 20er Jahre segelt er durchs südchinesische Meer, verführt Frauen, schmuggelt Silber und Gefühle zwischen Hongkong und Singapur, zwischen britischem Empire und faschistischem Japan, zwischen westlichem Nihilismus und
fernöstlichen Versuchungen. Ein Selbstportrait Brandos und Cammells, wenn man so will, im Exzess, in der Sehnsucht nach Abenteuer ebenso wie in der Schwäche und Labilität der Hauptfigur und der Oberfläche des schönen starken Mannes.
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Die Geschichte des Romans, die im Nachwort ausführlich beschrieben wird, ist dabei kaum weniger spannend, als der Roman selbst. „Madame Lai“ ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Brandos langjährigem Kumpel Donald Cammell. Der Schotte war ein erfolgreicher Maler, und ähnlich wie Brando immer im Kampf gegen Langeweile und Depression auf der Suche nach neuen künstlerischen Herausforderungen, neuem exzessiven Erfahrungen, neuen Drogen und neuen Frauen. Man
kennt Cammell heute vor allem durch das Kino-Meisterwerk Performance, das er 1969 zusammen mit Nicholas Roeg drehte und das ihm einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte sicherte – auch weil dieses Märchen aus dem „Swinging London“ einer der wenigen Kinoauftritte von Rolling-Stones-Star Mick Jagger ist.
Mitte der 70er zogen sich Brando und Cammell zusammen
mit dessen Frau China Kong für sechs Monate auf Brandos Südsee-Atoll zurück, Brando fabulierte, Cammell schrieb und eigentlich sollte ein Film daraus werden. Dazu kam es dann nicht mehr, Brando verfiel schon Jahre vor seinem Tod 2004 und Cammell schoss sich bereits 1996 eine Kugel in den Kopf. Aber auch dieses Ende spricht eher für den Roman: Er ist, auch im Exzeß, ernster gemeint, als es scheint. Was für ein Buch!
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Veronica Lake hat er photographiert, den jungen Sinatra, Clark Gable und auch Dylan Thomas. Wirklich verewigt hat sich der Photograph Weegee aber mit seinen Kriminalbildern. Weegee begann als Polizeireporter, oft war er noch vor den Cops am Tatort. So entstanden nahegehende, unverstellt emotionale Bilder von Opfern und Tätern, Polizisten und Verdächtigen, betroffenen Angehörigen und zufälligen Gaffern. Es ist der Dreck und das Blut, das hier photographiert wird, die Bilder heißen „murder under the spot“ oder so ähnlich, und manchmal sieht man das Blut noch auf dem Asphalt trocknen. Keinen zweiten gibt es, bei dem man so oft daran denken muss, dass fotografieren etwas mit schießen zu tun hat, dass man auch hier abdrücken muss, dass es darum geht, schnell zu sein, und nicht lange zu fackeln.
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Weegee arbeitete in der unruhigsten Epoche des Jahrhunderts, den 30er bis 50er Jahren, und nicht zufällig erinnern seine fast immer nachts geschossenen, düsteren Bilder an harte „Films Noirs“. Man fragt sich nur, wer sich hier von wem inspirieren ließ.
In Berlin waren sie jetzt zu sehen, in der Berliner Fotogalerie „C/O“ im Postfuhramt in der Oranienburger Straße: 228 Schwarzweißfotografien von Weegee, sowie Videos von und über ihn – eine
umfassende Schau in dieses überaus faszinierende Werk. Die Räume des Postfuhramts passten auch deshalb excellent, weil sie selbst so heruntergekommen sind, wie die Welt, die Weegee zeigt, weil sie aussehen wie ein Polizeirevier, eine Kneipe oder ein Obdachlosenasyl jener Zeit. Neben seinen Polizeibildern entstand auch anderes: Sensible Milieustudien, Portraits von ganz normalen Bürgen wie von Berühmtheiten der Stadt. Sie fangen Stimmungen ein, und es wundert nur im ersten
Moment wie oft man die Menschen hier lachen sieht: Soldaten bei Kriegsende, Zuschauer im Kino, Kinder, die in der städtischen Sonnenglut am Hydranten ein Bad nehmen – Gefühle, so spontan wie das Klicken am Abzug der Kamera. 1899 als Arthur Fellig im österreichischen Kaiserreich geboren, wanderte Weegees Familie 1910 nach New York aus. Nie mehr sollte er die Metropole am Hudson River für längere Zeit verlassen; sie wurde seine Stadt, und seine Bilder eine Hymne auf New York, auf
die Großstadt an sich.
Jules Dassins Film Naked City ist übrigens ein Art Verfilmung von Weeges gleichnamigem Buch, bzw. von dessen dokumentarischem Ansatz. Man hätte drauf kommen können.
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Während der Recherche für die Bespechung von Inland Empire las ich irgendwo, man solle einmal „lynch fuge fred“ googlen (Peter Körte hat ja schon vor Jahren beschrieben, wie Lynch-Hype, Lynch-Mythos und das Internet zusammenhängen). Als ich das tue, stoße ich auf Begriffe wie „psychogene fuge“ und immerhin auf die Internetseite www.thecityofabsurdity.com wo man einige, zwar nicht gerade aktuelle aber dafür ganz gute Lynch-Texte findet.
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Beim Weblog „new filmkritik“ hat der Berliner Regisseur Ulrich Köhler (Bungalow, Montag kommen die Fenster) unter dem Titel »Warum ich keine „politischen“ Filme mache« ein persönliches Manifest veröffentlicht, das sich gegen ein Kino der Vereinfachungen, und das dazugehörige Umfeld wendet: »Das zeitgenössische Kino«, schreibt Köhler, »beutet die deutsche Geschichte aus und ist dabei bestenfalls unpolitisch, häufig reaktionär. Exportweltmeister dank Hitler und der Stasi.« Das nur mal als Hinweis. Wir kommen darauf zurück.
(To be continued)
Marlon Brando/ Donald Cammell: „Madame Lai“. Marebuchverlag, Hamburg 2007, 430 Seiten, 19,90 Euro