27.06.2008
25. Filmfest München 2008

Paris, la vie

So ist Paris
So ist Paris in seinen guten Momenten: Fabrice Luchini und Mélanie Laurent
(Foto: Prokino Filmverleih)

Leben und Sterben in der Großstadt

Von Yvonne Eißler

»Tout le monde a quelque chose à cacher – jeder hat etwas zu verbergen«, sagt die schöne junge Frau in Le Tueur, deren wahre Identität der Killer gerade schmerz­haft entdecken mußte. Sie nimmt ihm damit sofort das Feuer, mit dem er sonst sein Pulver in einem Wutaus­bruch verschossen hätte – und die Anspan­nung weicht einer nach­denk­li­chen Stille. Auch der Killer hat ihr gegenüber den eigent­li­chen Grund für seinen Aufent­halt in Paris verschwiegen. Sie sind sich näher­ge­kommen, ohne zu wissen, wer sie überhaupt sind. Alle Figuren in diesem Film tragen ein Geheimnis mit sich herum: ein Doppel­leben mit einer Affäre, eine verschwie­gene Krankheit, ein erfun­dener Vater,... Oft sind es sogar die am nahe­ste­hendsten Personen, vor denen etwas verheim­licht wird. Und wieder ist es die junge Frau, die eine zweite Wahrheit ausspricht: Trotzdem hat jeder das Bedürfnis, sich jemandem anzu­ver­trauen. So sind es oft die frem­desten Personen, nur flüchtige und zufällige Bekannt­schaften, denen die Figuren ihre innerste Ängste und Enttäu­schungen anver­trauen. Dass dies alles ohne über­trie­benes Pathos geschieht, ist eine der großen Stärken des Films.

In seiner ersten Hälfte wird kaum gespro­chen, aber umso deut­li­cher sprechen die Gesichter der Menschen. Ihr Verhalten und ihre Mimik zeigen ihr aufge­wühltes Inneres eindring­li­cher, als es Worte tun könnten. Killer und Opfer spüren die Präsenz des anderen, lange bevor sie sich als solche offiziell bekannt machen. Sie lauern sich gegen­seitig auf, warten mit schier unend­li­cher Geduld ab, was der andere macht. Bis der psychi­sche Druck des Verfolgt­wer­dens für das Opfer, den Geschäfts­mann Léo Zimmerman, zu groß wird und er in die Offensive geht. Ab da wartet der Film mit einigen über­ra­schenden Wendungen auf, die immer wieder in einer skurrilen Komik Ausdruck finden, wobei der Aspekt der Beziehung zwischen Killer und seinem Auftrag­geber eine ganz neue Dimension gewinnt.

Die Thematik erinnert stel­len­weise auch an Sidney Lumets unlängst gelau­fenen Thriller Tödliche Entschei­dung: Den großen, fetten Finanz­spe­ku­lanten geht es an den Kragen. Wobei die genauen Gründe gar nicht wirklich inter­es­sieren. So wie Philip Seymour Hoffman als älterer Bruder Andy steckt auch Léo Zimmerman bis zum Hals in Problemen, die er sich wohl selbst mit seiner Arbeit geschaffen hat. Was letztlich das Faß zum Über­laufen bringt, ist beliebig. Es ist jeden­falls die Konse­quenz aus skru­pel­losen Machen­schaften, die aus dem Ruder gelaufen sind. Dement­spre­chend ist Zimmerman auch überhaupt nicht über­rascht, dass ein Killer auf ihn angesetzt wurde, er hat quasi schon auf diesen Tag gewartet. Die Schlinge wird sich zuziehen, es ist nur eine Frage der Zeit. So wie sich Andy in den Drogen­rausch geflüchtet hat, lässt sich auch Zimmerman im obskuren Milieu von einer Asiatin Heroin spritzen. Die Szenen ähneln sich so, dass man sich fragt, ob Regisseur Cédric Anger nicht direkt und bewusst Lumet zitiert hat.
Aber obwohl der Plot von Le Tueur den Stoff für einen klas­si­schen Thriller abgeben würde, erfüllt der Film diese Erwartung nur teilweise. Er ist vielmehr ein nach­denk­li­cher, ruhiger Film, der durch die detail­lierte psycho­lo­gi­sche Zeichnung der beiden Haupt­fi­guren fesselt. Gilbert Melki darf hier ein nicht ganz unschul­diges Opfer spielen, mehr noch ist es der über­zeu­gende Grégoire Colin, der seiner Figur als Killer durchaus sympa­thi­sche Züge verleiht.
Und genau letzterem ist es dann auch zu verdanken, dass der Film in seinem Showdown dann doch eher eine märchen­hafte Wendung nimmt, als das Genre des Thrillers allzu genau zu nehmen. Die letzten Szenen des Films spielen an Weih­nachten, dem Fest der Liebe. Selbst an diesem Abend geht der einsame Killer noch seiner Tätigkeit nach, als ange exter­mi­na­teur und Testa­ments­voll­stre­cker. Dabei wird ein Psycho­gramm entwi­ckelt, das am Ende leise Hoff­nungen aufkeimen lässt nach posthumer Gerech­tig­keit und Frieden – was ganz im Sinne dieses Films steht, der den Tod lustvoll schultert.

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Un conte de Noël – eine Weih­nachts­er­zäh­lung: Gleich der Titel weist damit auf die Zusam­men­kunft von Familie hin. Auch hier gibt es einen Killer, aller­dings einen meta­pho­ri­schen Namens Krebs, der seine Opfer gefunden hat. Leukämie heißt das Übel dieser Fami­li­en­saga, das sich in verschie­denen Gene­ra­tionen mani­fes­tiert. Die Mutter, gespielt von Catherine Deneuve, hatte einst einst einen Sohn an diese Krankheit verloren, nun erkrankt sie selbst daran. Episo­disch werden die Schick­sale der drei Geschwister erzählt, deren Lebens­pro­bleme alle irgendwie mit dem frühen Tod des Bruders zusam­men­hängen. Trotz aller zwischen­mensch­li­chen Probleme und Strei­tig­keiten wird versucht, gemeinsam Weih­nachten zu feiern – während im Kran­ken­haus die Tests laufen, um heraus­zu­finden, wer aus der Familie als Knochen­mark­spender kompa­tibel wäre.

Regisseur Arnaud Desplechin hat für seinen Film etliche fran­zö­si­sche Stars versam­melt, die einander nicht gegen­seitig zu über­trumpfen versuchen, sondern ein glaub­wür­diges gemein­sames Porträt einer Familie abgeben, bei der im Lauf der Jahre so einiges schief­ge­laufen ist. Catherine Deneuve spielt ihren Part ohne jede Senti­men­ta­lität, sie geht ihrem möglichen Tod mit viel Sarkasmus entgegen. Auch ihren Kindern gegenüber heuchelt sie keine falsche Liebe, die sie nicht für sie empfinden konnte. Diese Direkt­heit entbehrt nicht einer gewissen Komik, die charak­te­ris­tisch für den ganzen Film ist: Die ernst­haf­testen, tragischsten Konflikte werden mit der größten Distanz behandelt. Tragi­ko­mi­scher Höhepunkt ist wohl die Szene, wo der Schwie­ger­sohn die Wahr­schein­lich­keits­be­rech­nungen korri­giert, die der Ehemann über die prozen­tualen Über­le­bens­chancen seiner Frau je nach Behand­lungs­me­thode aufge­stellt hat.

Dies ist ein lust­volles Brechen mit den Konven­tionen und Erwar­tungen an das Genre der Fami­li­en­saga, das sonst so gerne ihre Themen allzu ernst ausspielt. Ande­rer­seits wird die Geschichte mytho­lo­gisch aufge­laden und auf eine allge­mein­gül­ti­gere Ebene gebracht, indem die Saga mit einem Schat­ten­spiel eröffnet wird, und während des Films immer wieder legendäre Film­aus­schnitte über die Fernseher flimmern, die Enkel ein kleines Thea­ter­s­tück aufführen und die Geschichte am Ende mit Pucks Worten aus Shake­speares Sommer­nachts­traum abschließt – und damit zugleich ihr offenes Ende unter­streicht.

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Noch offener gehalten ist das Ende im Ensem­ble­film Paris (So ist Paris), einer kurz­wei­ligen Hommage an die Stadt der Liebe von Cédric Klapisch (L’auberge espagnole), der am 17. Juli offiziell in den deutschen Kinos anlaufen wird. Alle drei Filme hier genannten Filme der Reihe »Nouveau Cinema francais« spielen in Paris, der Stadt des Exis­ten­tia­lismus, was aber kein Zufall ist, denn ihre Themen kreisen um die ganz großen Dinge: um Leben, Liebe und Tod. Der Auftrag des Killers in Le Tueur ist in Paris zu erledigen und Un conte de Noël ist mit den Schau­plätzen Roubaix und Lille immerhin in der spürbaren Nähe der Haupt­stadt ange­sie­delt.

Nach dem letzten Paris-Film, Paris, Je T’Aime, der kürzlich in unseren Kinos lief, nun also schon wieder ein Parisfilm, der als Ensem­ble­film insze­niert wurde, indem sich die Lebens­wege scheinbar beliebig beob­ach­teter Menschen lose kreuzen. In PARIS wird – wie könnte es anders sein – von Liebe erzählt, oft uner­füllter Liebe, aber auch von gegen­sei­tiger Lebens­hilfe, vom gemein­samen Durch­stehen schwie­riger Lebens­ab­schnitte, und natürlich werden auch einige Typen-Klischees bedient und zugleich karikiert: Herrlich etwa Fabrice Luchini in der Rolle des melan­cho­lisch-depres­siven Geschichts­pro­fes­sors, der mit einer Studentin einen – wenn auch äußerst kurzen – zweiten Frühling erlebt. Oder Karin Viard als heuch­le­ri­sche Bäcke­rei­ver­käu­ferin, die ihre Vorur­teile kaum ablegen kann und unver­hoh­lenen Rassismus unter dem Deck­mantel des höflichen Small­talks verbreitet. Diese Episoden gehören zu den lustigsten Momenten des Films. Aber auch ernstere Probleme werden ange­deutet, etwa die zuneh­mende Kluft zwischen Arm und Reich und die Mängel im Sozi­al­system. Letztlich dominiert aber doch die positive Leben­s­ein­stel­lung und die Liebe zum pitto­resken Paris, dessen rastloser Lebens­rhythmus wie beiläufig bei schnellen Kame­ra­fahrten entlang sämt­li­cher Sehens­wür­dig­keiten einge­fangen wird.

Yvonne Eißler