25. Filmfest München 2008
Paris, la vie |
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So ist Paris in seinen guten Momenten: Fabrice Luchini und Mélanie Laurent | ||
(Foto: Prokino Filmverleih) |
Von Yvonne Eißler
»Tout le monde a quelque chose à cacher – jeder hat etwas zu verbergen«, sagt die schöne junge Frau in Le Tueur, deren wahre Identität der Killer gerade schmerzhaft entdecken mußte. Sie nimmt ihm damit sofort das Feuer, mit dem er sonst sein Pulver in einem Wutausbruch verschossen hätte – und die Anspannung weicht einer nachdenklichen Stille. Auch der Killer hat ihr gegenüber den eigentlichen Grund für seinen Aufenthalt in Paris verschwiegen. Sie sind sich nähergekommen, ohne zu wissen, wer sie überhaupt sind. Alle Figuren in diesem Film tragen ein Geheimnis mit sich herum: ein Doppelleben mit einer Affäre, eine verschwiegene Krankheit, ein erfundener Vater,... Oft sind es sogar die am nahestehendsten Personen, vor denen etwas verheimlicht wird. Und wieder ist es die junge Frau, die eine zweite Wahrheit ausspricht: Trotzdem hat jeder das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen. So sind es oft die fremdesten Personen, nur flüchtige und zufällige Bekanntschaften, denen die Figuren ihre innerste Ängste und Enttäuschungen anvertrauen. Dass dies alles ohne übertriebenes Pathos geschieht, ist eine der großen Stärken des Films.
In seiner ersten Hälfte wird kaum gesprochen, aber umso deutlicher sprechen die Gesichter der Menschen. Ihr Verhalten und ihre Mimik zeigen ihr aufgewühltes Inneres eindringlicher, als es Worte tun könnten. Killer und Opfer spüren die Präsenz des anderen, lange bevor sie sich als solche offiziell bekannt machen. Sie lauern sich gegenseitig auf, warten mit schier unendlicher Geduld ab, was der andere macht. Bis der psychische Druck des Verfolgtwerdens für das Opfer, den Geschäftsmann Léo Zimmerman, zu groß wird und er in die Offensive geht. Ab da wartet der Film mit einigen überraschenden Wendungen auf, die immer wieder in einer skurrilen Komik Ausdruck finden, wobei der Aspekt der Beziehung zwischen Killer und seinem Auftraggeber eine ganz neue Dimension gewinnt.
Die Thematik erinnert stellenweise auch an Sidney Lumets unlängst gelaufenen Thriller Tödliche Entscheidung: Den großen, fetten Finanzspekulanten geht es an den Kragen. Wobei die genauen Gründe gar nicht wirklich interessieren. So wie Philip Seymour Hoffman als älterer Bruder Andy steckt auch Léo Zimmerman bis zum Hals in Problemen, die er sich wohl selbst mit seiner Arbeit geschaffen hat.
Was letztlich das Faß zum Überlaufen bringt, ist beliebig. Es ist jedenfalls die Konsequenz aus skrupellosen Machenschaften, die aus dem Ruder gelaufen sind. Dementsprechend ist Zimmerman auch überhaupt nicht überrascht, dass ein Killer auf ihn angesetzt wurde, er hat quasi schon auf diesen Tag gewartet. Die Schlinge wird sich zuziehen, es ist nur eine Frage der Zeit. So wie sich Andy in den Drogenrausch geflüchtet hat, lässt sich auch Zimmerman im obskuren Milieu von einer Asiatin
Heroin spritzen. Die Szenen ähneln sich so, dass man sich fragt, ob Regisseur Cédric Anger nicht direkt und bewusst Lumet zitiert hat.
Aber obwohl der Plot von Le Tueur den Stoff für einen klassischen Thriller abgeben würde, erfüllt der Film diese Erwartung nur teilweise. Er ist vielmehr ein nachdenklicher, ruhiger Film, der durch die detaillierte psychologische Zeichnung der beiden Hauptfiguren fesselt. Gilbert Melki darf hier ein nicht ganz unschuldiges
Opfer spielen, mehr noch ist es der überzeugende Grégoire Colin, der seiner Figur als Killer durchaus sympathische Züge verleiht.
Und genau letzterem ist es dann auch zu verdanken, dass der Film in seinem Showdown dann doch eher eine märchenhafte Wendung nimmt, als das Genre des Thrillers allzu genau zu nehmen. Die letzten Szenen des Films spielen an Weihnachten, dem Fest der Liebe. Selbst an diesem Abend geht der einsame Killer noch seiner Tätigkeit nach, als ange
exterminateur und Testamentsvollstrecker. Dabei wird ein Psychogramm entwickelt, das am Ende leise Hoffnungen aufkeimen lässt nach posthumer Gerechtigkeit und Frieden – was ganz im Sinne dieses Films steht, der den Tod lustvoll schultert.
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Un conte de Noël – eine Weihnachtserzählung: Gleich der Titel weist damit auf die Zusammenkunft von Familie hin. Auch hier gibt es einen Killer, allerdings einen metaphorischen Namens Krebs, der seine Opfer gefunden hat. Leukämie heißt das Übel dieser Familiensaga, das sich in verschiedenen Generationen manifestiert. Die Mutter, gespielt von Catherine Deneuve, hatte einst
einst einen Sohn an diese Krankheit verloren, nun erkrankt sie selbst daran. Episodisch werden die Schicksale der drei Geschwister erzählt, deren Lebensprobleme alle irgendwie mit dem frühen Tod des Bruders zusammenhängen. Trotz aller zwischenmenschlichen Probleme und Streitigkeiten wird versucht, gemeinsam Weihnachten zu feiern – während im Krankenhaus die Tests laufen, um herauszufinden, wer aus der Familie als Knochenmarkspender kompatibel wäre.
Regisseur
Arnaud Desplechin hat für seinen Film etliche französische Stars versammelt, die einander nicht gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, sondern ein glaubwürdiges gemeinsames Porträt einer Familie abgeben, bei der im Lauf der Jahre so einiges schiefgelaufen ist. Catherine Deneuve spielt ihren Part ohne jede Sentimentalität, sie geht ihrem möglichen Tod mit viel Sarkasmus entgegen. Auch ihren Kindern gegenüber heuchelt sie keine falsche Liebe, die sie nicht für sie empfinden konnte.
Diese Direktheit entbehrt nicht einer gewissen Komik, die charakteristisch für den ganzen Film ist: Die ernsthaftesten, tragischsten Konflikte werden mit der größten Distanz behandelt. Tragikomischer Höhepunkt ist wohl die Szene, wo der Schwiegersohn die Wahrscheinlichkeitsberechnungen korrigiert, die der Ehemann über die prozentualen Überlebenschancen seiner Frau je nach Behandlungsmethode aufgestellt hat.
Dies ist ein lustvolles Brechen mit den Konventionen und Erwartungen an das Genre der Familiensaga, das sonst so gerne ihre Themen allzu ernst ausspielt. Andererseits wird die Geschichte mythologisch aufgeladen und auf eine allgemeingültigere Ebene gebracht, indem die Saga mit einem Schattenspiel eröffnet wird, und während des Films immer wieder legendäre Filmausschnitte über die Fernseher flimmern, die Enkel ein kleines Theaterstück aufführen und die Geschichte am Ende mit Pucks Worten aus Shakespeares Sommernachtstraum abschließt – und damit zugleich ihr offenes Ende unterstreicht.
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Noch offener gehalten ist das Ende im Ensemblefilm Paris (So ist Paris), einer kurzweiligen Hommage an die Stadt der Liebe von Cédric Klapisch (L’auberge espagnole), der am 17. Juli offiziell in den deutschen Kinos anlaufen wird. Alle drei Filme hier genannten Filme der
Reihe »Nouveau Cinema francais« spielen in Paris, der Stadt des Existentialismus, was aber kein Zufall ist, denn ihre Themen kreisen um die ganz großen Dinge: um Leben, Liebe und Tod. Der Auftrag des Killers in Le Tueur ist in Paris zu erledigen und Un conte de Noël ist mit den Schauplätzen Roubaix und Lille immerhin in der spürbaren Nähe der Hauptstadt
angesiedelt.
Nach dem letzten Paris-Film, Paris, Je T’Aime, der kürzlich in unseren Kinos lief, nun also schon wieder ein Parisfilm, der als Ensemblefilm inszeniert wurde, indem sich die Lebenswege scheinbar beliebig beobachteter Menschen lose kreuzen. In PARIS wird – wie könnte es anders sein
– von Liebe erzählt, oft unerfüllter Liebe, aber auch von gegenseitiger Lebenshilfe, vom gemeinsamen Durchstehen schwieriger Lebensabschnitte, und natürlich werden auch einige Typen-Klischees bedient und zugleich karikiert: Herrlich etwa Fabrice Luchini in der Rolle des melancholisch-depressiven Geschichtsprofessors, der mit einer Studentin einen – wenn auch äußerst kurzen – zweiten Frühling erlebt. Oder Karin Viard als heuchlerische Bäckereiverkäuferin,
die ihre Vorurteile kaum ablegen kann und unverhohlenen Rassismus unter dem Deckmantel des höflichen Smalltalks verbreitet. Diese Episoden gehören zu den lustigsten Momenten des Films. Aber auch ernstere Probleme werden angedeutet, etwa die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich und die Mängel im Sozialsystem. Letztlich dominiert aber doch die positive Lebenseinstellung und die Liebe zum pittoresken Paris, dessen rastloser Lebensrhythmus wie beiläufig bei schnellen
Kamerafahrten entlang sämtlicher Sehenswürdigkeiten eingefangen wird.
Yvonne Eißler