Cinema Moralia – Folge 25
Wiederauferstanden von den Toten |
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Hägar der Schreckliche: Kategorie Familienfilm |
Man muss den Architekten Oscar Niemeyer nicht mögen, man darf ihn oder den Macher eines Dokumentarfilms über ihn natürlich auch kritisieren. Klaus Hart – womöglich tatsächlich ein Kenner Brasiliens, aber offenkundig kein Kenner der Architektur –, spreizte sich allerdings jetzt in einem Beitrag fürs Deutschlandradio kultur, den er auch auf seiner persönlichen Webseite veröffentlichte, doch zu einem ungewöhnlichen Vernichtungsunternehmen. Im Zentrum steht, dass dem Autor offenbar Niemeyers lebenslangen Sympathien für den Kommunismus ein Dorn im Auge sind.
In diesem Fall geht es nicht um Ansichten, sondern um zwei andere, wichtigere Dinge: Um handwerkliche Sauberkeit und um die Frage, was politische Parteinahmen mit Kunst zu tun haben. Zum zweiten Punkt ist gar nicht viel sagen, man muss nur daran erinnern, was passierte, als Eric Rohmer vergangene Woche starb. Rohmer war mindestens zehn Jahre lang Maoist, und in den dreißiger Jahren bis Kriegsende sowohl Mitglied eines faschistoiden Studentenverbandes als zwischenzeitlich auch offener Vichy-Sympathisant. Macht das seine Filme schlechter? Sind Brecht und Jünger schlechte oder unbedeutende Schriftsteller, weil wir womöglich ihre zeitweisen politischen Überzeugungen ablehnen? Beides müsste man doch mindestens auseinanderhalten können und nicht zusammenrühren. Auch Rohmers Filme und Jüngers Bücher muss man ja nicht mögen, aber man sollte dann ästhetische Argumente haben.
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Klaus Hart tut dies nicht. Stattdessen schießt er Breitseiten mit Schrot – in alle Richtungen zugleich, sodass Harts Attacke im Gesamtbild nicht überzeugend, sondern in ihrer Maßlosigkeit eher lächerlich wirkt – und da kommen wir zum Handwerk. Vor allem fragt man sich, wem genau eigentlich Harts Furor gilt: dem Film (»oberflächlich«, »eine Beleidigung des Kinos«), den Planern Brasilias (»am Reißbrett«, »rein autoritär«, »Prestigearchitektur«), Brasiliens Regierung 1959 – das »Massaker von 1959« (auf das man außerhalb von Harts Texten aber nur selten stößt) war bestimmt schlimm, aber was hat Niemeyer eigentlich damit zu tun? –, der modernen Architektur der Corbusier-Schule als solcher – »Formen entgegen menschlichen Bedürfnissen«, »Formen sind noch keine Architektur«, »wie eckige graue Betonkästen«, »formalistisch«, »unfunktional«, »nicht für das Leben« – oder doch Niemeyer selbst: »Bei seinen Konzertsälen ausgerechnet die Akustik nicht interessiert«. »schlecht beleuchtet und belüftet«, »unpraktisch und unangenehm«, »absurdes Wandkonzept«, »stalinistisch«, »unfähig Architektur zu machen«, »respektiert nicht einmal technologische Aspekte«. Für einen Fünf-Minuten Radio-Beitrag ist das schon sehr sehr viel Holz. Niemeyer muss ein einziger Stümper sein, man fragt sich nur, warum, wenn das so offensichtlich ist, noch vor Hart keiner darauf kam.
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Was mich aber nun wirklich daran stört, und warum man das als Spinnerei abtun kann, ist die Fabriziertheit der Argumente. »Die brasilianische Filmkritik« mag den Film nicht, behauptet Hart. Wirklich? Kein einziger der doch unzähligen Kritiker wird von ihm zitiert. Was man im Netz findet, spricht eher eine andere Sprache: sieben Texte, davon sechs Mal positiv zum Film (Correio Braziliense, Estado de São Paulo, Folha de São Paulo, sowie: Avida e um sopro, Adrocinema, Overmundo, Revista Cinetica).
Neben derlei Verallgemeinerungen gibt es bei Hart zwei Zeugen, die seine Behauptungen im O-Ton belegen sollen. Zitiert wird eine Lehrerin in einer Niemeyer-Schule (die 50 Jahre alt ist, und womöglich wirklich nicht mehr auf dem neuesten Stand der Akustik), aber dieses Zitat stammt ja auch schon mindestens von 2005, als Hart es selbst in anderem Zusammenhang gebraucht. Und dann »Joaquim Gedes aus Sao Paolo«, der, wie Hart selbst sagt: »wichtigste Kritiker von Niemeyer« und »Universitätsprofessor«. Kaum überraschend kritisiert Gedes dann Niemeyer tatsächlich. Man muss das nicht werten, eine oberflächliche Google-Recherche fördert jedenfalls zutage, dass Gedes in Brasilien als »schwarzes Schaf« angesehen wird – und vielleicht ist es etwas hochgegriffen, einen einzigen, dazu noch seit den 90er-Jahren Emeritierten, von dem allenfalls Experten je etwas gehört haben, zum Sprecher Brasiliens zu machen.
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Der eigentliche Schönheitsfehler hier liegt aber woanders: Gedes ist nämlich seit eineinhalb Jahren tot. Ob er den 2007 produzierten Film gerade noch gesehen hat, kann ich nicht beurteilen. Seine Äußerungen können aber zumindest nicht besonders aktuell sein.
Wenn Hart schon Tote wiederauferstehen lässt, fragt sich der Hörer, ob er denn keine lebenden Niemeyer-Kritiker gefunden hat?
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Neben solch' grotesken Details und all dem allgemeinen Ressentiment ist Harts Beitrag nicht nur voller oberflächlicher Fehler – Niemeyer ist nicht 103 Jahre alt, sondern 102, der britische Historiker heißt nicht »Simon Montefiori«, sondern »Simon Sebag Montefiore« –, sondern der Autor tut selbst das, was er dem Film und Niemeyer vorwirft: Er betreibt »die stalinistische Praxis der Tatsachenverfälschung« und des Verschweigens: Niemeyers Text über dessen Buch erschien nämlich keineswegs »gerade«, sondern vor zwei Jahren. Und was Hart verschweigt: In der Dokumentation kommen 10-20 Augenzeugen zu Wort, die sich über Niemeyer äußern, die meisten Brasilianer. Ihr Urteil ist positiv. Aber das sind in Harts Augen wahrscheinlich alles Vollidioten, Nichtskönner und Stalinisten.
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Über die »Tschiboisierung« der Filmkritik und einer bekannten süddeutschen Zeitung schrieb vor Jahren schon Wolfram Schütte. Dazu passt, dass jetzt pünktlich vor der Berlinale eine »Berlinale-Edition« der SZ-Cinemathek erscheint. Ein paar gute Filme sind darunter, wir fragen nur, wie leicht es denn dann wohl den Kollegen jener süddeutschen Zeitung in ein paar Wochen fallen wird, unabhängig von der Berlinale zu berichten und auch alle Mängel dieses Festivals in der Zeitung bei ihrem Namen zu nennen. Andersherum: Müssen wir nicht bei jeder positiven Aussage über die Berlinale und ihre Bedeutung den Verdacht haben, dass hier eigentlich nur die »Berlinale-Edition« der SZ-Cinemathek beworben wird? Und atmet nicht jede positive Kritik eines Berlinale-Films nunmehr das Geschmäckle, dass hier eigentlich nur schon an den Werbetexten für die zweite Auflage der »Berlinale-Edition« der SZ-Cinemathek gefeilt wird, die bestimmt nicht erst wieder in 60 Jahren erscheint?
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A propos Geschmäckle: Wir haben uns ja schon daran gewöhnt, dass blendend bezahlte Filmredakteurinnen von Wochenzeitungen und kaum schlechter bezahlte Feuilletonchefinnen von Berliner Tageszeitungen seit Jahren auf Festivals auch noch die Berichterstattung in öffentlich-rechtlichen Radiosendern zumindest teilweise übernehmen, sich damit ein Zusatzeinkommen verschaffen und zugleich den weitaus schlechter bezahlten freien Autoren die Arbeit wegnehmen. Muss das sein? Und: Bekommt ihr den Hals nicht voll?, kann man da fragen, aber das ist eine rein moralische Frage. So ist nun mal die Welt und Ferienhäuser müssen schließlich auch bezahlt werden. Etwas anderes ist es aber, wenn Filmkritiker, die im Nebenberuf die ehrenwerte Aufgabe haben, in der Auswahlkommssion der Berlinale zu sitzen, und die deshalb mit guten Gründen in ihren Medien von der Berlinale nicht berichten dürfen, dann dort zum Beispiel über »Berlinale-Edition« der SZ-Cinemathek berichten, und so dann doch über die Berlinale, die dann als »Publikumsfestival« und »politsches Festival« beworben wird. So geschehen, gleichfalls im Deutschlandradio kultur, über das wir diese Woche eben mal doppelt schimpfen müssen und im Radio eins von RBB.
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Nach der letzten Bundestagswahl wollte ja dann keiner FDP gewählt haben. Haben aber doch ein paar, sogar aus der sogenannten Filmbranche. Wir verraten nicht, wer, außer den beiden, die es sowieso lauthals jedem, der es nicht hören wollte, verkündeten. Daher hier in Frageform: Was hat RP Kahl mit Bernd Eichinger gemeinsam? Richtig! Was wir angesichts der neuesten Entwicklungen aber auch wissen möchten? Wieviel hat unser Freund RP eigentlich der FDP gespendet? Und bekommt Bernd Eichinger jetzt in Hotels Rabatt? Oder umgekehrt. Antwort sobald wie möglich.
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Richtig, den bayerischen Filmpreis gab es ja auch noch. Ausnahmsweise nicht, wie sonst jedes Jahr, mit einem neuen bayerischen Ministerpräsidenten. Es war völlig überraschungslos das übliche bayerntypische Preiszusammengeschwurbel, bei dem FFF-geförderte, BR- und Bavaria-produzierte Filme von einer »unabhängigen« Jury der bekanntermaßen unabhängigen Staatskanzlei zusätzliches Geld überreicht bekommen. Und die Preisträger waren weitgehend die üblichen Verdächtigen: Joseph Vilsmaier hat inzwischen das Ehrenpreisalter erreicht, und bekam darob diesen, passenderweise zum Filmstart von Nangha Parbat, den anzuschauen wir uns bisher bewusst erspart haben, und der nach den Einspielergebnissen jetzt wohl auch schon wieder aus den Kinos verschwunden ist. Bully Herbig bekam den, wie er in beneidenswerter Selbsterkenntnis selber anmerkte, für ihn »eigens entwickelten« Preis für den besten »Familienfilm«. Und so weiter, nicht weiter wichtig, auch wenn uns die Preise für Katarina Schüttler und Benjamin Heisenberg gefreut haben.
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Bleiben zum Schluss ein paar offene, ungemein brennende Fragen: Was unterscheidet einen Familienfilm vom Rest des Kinos? Wird die Münchner »Hochschule für Fernsehen und Film« bald in »Hochschule für Fernsehen und Familienfilm« umbenannt? Und, vor allem: Was um Gottes Willen macht Marcus H. Rosenmüller, der unverständlicherweise erstmals nach gefühlten Jahrzehnten keinen Bayerischen Filmpreis bekam? Warum hat er nicht einen der 47 Filme, die er gerade dreht, rechtzeitig fertiggestellt? Und, last not least: Wann endlich erschafft die Staatskanzlei einen Preis für den »besten Rosenmüllerfilm«?
(To be continued)
Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beobachtungen, Kurzkritiken, Klatsch und Filmpolitik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kinogehers.