»Es reicht nicht aus, einfach nur Filme zu machen...« |
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Souleymane Cissé (1940-2025) im Jahr 2009 beim dritten Internationalen Festival »Cines del Sur« in Granada. | ||
(Foto: Cines del Sur CC BY-SA 2.0) |
Von Axel Timo Purr
Es nicht einfach, als Filmemacher in einem der so unterschiedlichen Kulturräume Afrikas die Anerkennung zu erhalten, die einem gebührt. Als der große nigerianische Regisseur und Produzent Eddie Ugbomah, ohne den das nigerianische Kino der Gegenwart kaum denkbar ist, 2019 schwer erkrankte und kurz darauf starb, erzielte nicht einmal ein verzweifelter Spendenaufruf, um seine Arztkosten zu bezahlen, eine Wirkung.
Bei Souleymane Cissé, den viele nicht nur wegen seiner Erfolge in Cannes für den größten afrikanischen Filmemacher aller Zeiten halten, war es die 2023 an Cissé in Cannes verliehene „Carrosse d’Or“ für sein innovatives Lebenswerk, das 2024 aus seinem Haus in Bamako verschwand und als gestohlen gemeldet werden musste und dessen Verlust in der malischen Öffentlichkeit große Bestürzung auslöste, auch wenn der Preis bis heute verschwunden blieb.
Doch immerhin hat Cissé noch ein Denkmal in Bamako, das an sein Schaffen erinnert und eine über 50 Jahre lange Karriere im Film, die eigentlich noch viel länger dauerte, denn der in Bamako geborene und in einer muslimischen Familie aufgewachsene Cissé war bereits von Kindheit an ein leidenschaftlicher Kinoliebhaber und besuchte die Kinos in Bamako und auch Dakar, wo er die höhere Sekundarschule besuchte, von der er erst 1960 nach Mali zurückkehrte, dem Jahr der Unabhängigkeit seiner Heimat.
Seine „erwachsene“ Filmkarriere begann, als er als Vorführassistent bei einer Dokumentation über die Verhaftung von Patrice Lumumba so begeistert von dem gezeigten Material und dem sozialrealistischen Anspruch war, dass all die Begeisterung den Wunsch in ihm weckte, eigene Filme zu drehen. Er erhielt ein Stipendium am Gerasimov-Institut für Kinematographie, der Moskauer Schule für Kino und Fernsehen und kehrte 1970 nach Mali zurück, um als Kameramann im Informationsministerium eine Anstellung fand und Dokumentar- und Kurzfilme produzierte.
Zwei Jahre später realisierte Cissé seinen ersten mittellangen Film, Cinq jours d’une vie (Fünf Tage in einem Leben), der die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der eine Koranschule abbricht, um fortan als Kleinganove auf der Straße zu leben.
1974 produzierte Cissé seinen ersten abendfüllenden Film in Bambara, der Verkehrssprache Malis. Den Muso (Das Mädchen) ist die Geschichte eines jungen stummen Mädchens, das vergewaltigt wird. Das Mädchen wird schwanger und wird sowohl von ihrer Familie als auch vom Vater des Kindes verstoßen. Den Muso wurde vom malischen Kulturminister verboten und Cissé wurde wegen Korruptionsvorwürfen – er hatte angeblich französische Fördergelder angenommen – verhaftet und interniert. Doch Cissé ließ sich nicht beirren: Während seiner Haftzeit schrieb er das Drehbuch für seinen nächsten Film Baara (Work), den er vier Jahre später, 1979 fertigstellte und der sein erster großer Erfolg wurde und zahlreiche Preise erhielt.
Mit dem Rückenwind des Erfolges machte sich Cissé an seinen nächsten Film Finyé (Wind), der die Geschichte der unzufriedenen malischen Jugend erzählt, die sich gegen das Establishment auflehnt. Dafür erhielt er nach 1979 für Baara 1983 beim Fespaco seinen zweiten Yenenga’s Talon.
Zwischen 1984 und 1987 arbeitete Cissé an Yeelen (Light or Brightness), einem Coming-of-Age-Film und sein auch im Westen wohl bekanntester Film, der 1987 den Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes gewann und damit der erste afrikanische Film in der Geschichte des Festivals war, der einen Preis gewann. In einem Interview für die Cahiers du Cinéma betonte Cissé, dass Yeelen auch ein Statement gegen den europäischen ethnografischen Film und seinen Eurozentrismus gewesen sei. 1995 ging es für Cissé mit Waati (Time) erneut zu den Filmfestspielen nach Cannes, wo sein Film im Wettbewerb um die Goldene Palme lief.
Im Jahr 2009 drehte Cissé die Komödie Tell Me Who You Are, in der er die Polygamie thematisiert und eine Geschichte erzählt, die Cissé selbst erlebt hatte, als er, seine acht Brüder und seine Schwester 1988 auf Druck des eigenen Vaters ihr Haus verlassen sollten. Auch sein letzter Film O Ka (Unser Haus) war von eigenen Familiedramen inspiriert; er erinnerte an den Rechtsstreit seiner Schwestern, als sie aus ihrem Haus in Bamako vertrieben wurden.
Souleymane Cissé, der große alte Mann des westafrikanischen Kinos, starb am 19. Februar 2025 im Alter von 84 Jahren in einer Klinik in Bamako. Er sollte eigentlich noch bei der 29. Ausgabe des Fespaco am 22. Februar in Ouagadougou, Burkina Faso, den Vorsitz der Spielfilm-Jury übernehmen, doch dafür reichte es nicht mehr. Doch noch an seinem Todestag hatte er die Kraft, die malische Militärführung, die das Jahr 2025 immerhin und sehr überraschend zum Kulturjahr erklärt hatte, daran zu erinnern, die malischen Filmindustrie zu unterstützen, damit sie so wie früher, mit der Konkurrenz auf dem Kontinent mithalten kann:
»Es reicht nicht aus, Kino zu machen, die Werke müssen auch sichtbar sein. Mögen die Behörden uns beim Bau von Kinos helfen. Das ist der Appell, den ich vor meinem Tod und wenn Gott es denn will, an sie richte.«