27.02.2025

»Es reicht nicht aus, einfach nur Filme zu machen...«

Souleymane Cissé
Souleymane Cissé (1940-2025) im Jahr 2009 beim dritten Internationalen Festival »Cines del Sur« in Granada.
(Foto: Cines del Sur CC BY-SA 2.0)

Souleymane Cissé, Cannes-Gewinner und einer der großen Filmemacher „Afrikas“ der ersten Generation, ist mit 84 Jahren in Bamako gestorben. Noch auf dem Totenbett richtete er einen Appell an die Regierung seines Heimatlandes, dem Kino Malis beizustehen

Von Axel Timo Purr

Es nicht einfach, als Filme­ma­cher in einem der so unter­schied­li­chen Kultur­räume Afrikas die Aner­ken­nung zu erhalten, die einem gebührt. Als der große nige­ria­ni­sche Regisseur und Produzent Eddie Ugbomah, ohne den das nige­ria­ni­sche Kino der Gegenwart kaum denkbar ist, 2019 schwer erkrankte und kurz darauf starb, erzielte nicht einmal ein verzwei­felter Spen­den­aufruf, um seine Arzt­kosten zu bezahlen, eine Wirkung.

Bei Souley­mane Cissé, den viele nicht nur wegen seiner Erfolge in Cannes für den größten afri­ka­ni­schen Filme­ma­cher aller Zeiten halten, war es die 2023 an Cissé in Cannes verlie­hene „Carrosse d’Or“ für sein inno­va­tives Lebens­werk, das 2024 aus seinem Haus in Bamako verschwand und als gestohlen gemeldet werden musste und dessen Verlust in der malischen Öffent­lich­keit große Bestür­zung auslöste, auch wenn der Preis bis heute verschwunden blieb.

Doch immerhin hat Cissé noch ein Denkmal in Bamako, das an sein Schaffen erinnert und eine über 50 Jahre lange Karriere im Film, die eigent­lich noch viel länger dauerte, denn der in Bamako geborene und in einer musli­mi­schen Familie aufge­wach­sene Cissé war bereits von Kindheit an ein leiden­schaft­li­cher Kino­lieb­haber und besuchte die Kinos in Bamako und auch Dakar, wo er die höhere Sekun­dar­schule besuchte, von der er erst 1960 nach Mali zurück­kehrte, dem Jahr der Unab­hän­gig­keit seiner Heimat.

Seine „erwach­sene“ Film­kar­riere begann, als er als Vorführas­sis­tent bei einer Doku­men­ta­tion über die Verhaf­tung von Patrice Lumumba so begeis­tert von dem gezeigten Material und dem sozi­al­rea­lis­ti­schen Anspruch war, dass all die Begeis­te­rung den Wunsch in ihm weckte, eigene Filme zu drehen. Er erhielt ein Stipen­dium am Gerasimov-Institut für Kine­ma­to­gra­phie, der Moskauer Schule für Kino und Fernsehen und kehrte 1970 nach Mali zurück, um als Kame­ra­mann im Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­rium eine Anstel­lung fand und Doku­mentar- und Kurzfilme produ­zierte.

Zwei Jahre später reali­sierte Cissé seinen ersten mittel­langen Film, Cinq jours d’une vie (Fünf Tage in einem Leben), der die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der eine Koran­schule abbricht, um fortan als Klein­ga­nove auf der Straße zu leben.

1974 produ­zierte Cissé seinen ersten abend­fül­lenden Film in Bambara, der Verkehrs­sprache Malis. Den Muso (Das Mädchen) ist die Geschichte eines jungen stummen Mädchens, das verge­wal­tigt wird. Das Mädchen wird schwanger und wird sowohl von ihrer Familie als auch vom Vater des Kindes verstoßen. Den Muso wurde vom malischen Kultur­mi­nister verboten und Cissé wurde wegen Korrup­ti­ons­vor­würfen – er hatte angeblich fran­zö­si­sche Förder­gelder ange­nommen – verhaftet und inter­niert. Doch Cissé ließ sich nicht beirren: Während seiner Haftzeit schrieb er das Drehbuch für seinen nächsten Film Baara (Work), den er vier Jahre später, 1979 fertig­stellte und der sein erster großer Erfolg wurde und zahl­reiche Preise erhielt.

Mit dem Rücken­wind des Erfolges machte sich Cissé an seinen nächsten Film Finyé (Wind), der die Geschichte der unzu­frie­denen malischen Jugend erzählt, die sich gegen das Estab­lish­ment auflehnt. Dafür erhielt er nach 1979 für Baara 1983 beim Fespaco seinen zweiten Yenenga’s Talon.

Zwischen 1984 und 1987 arbeitete Cissé an Yeelen (Light or Bright­ness), einem Coming-of-Age-Film und sein auch im Westen wohl bekann­tester Film, der 1987 den Preis der Jury bei den Film­fest­spielen von Cannes gewann und damit der erste afri­ka­ni­sche Film in der Geschichte des Festivals war, der einen Preis gewann. In einem Interview für die Cahiers du Cinéma betonte Cissé, dass Yeelen auch ein Statement gegen den europäi­schen ethno­gra­fi­schen Film und seinen Euro­zen­trismus gewesen sei. 1995 ging es für Cissé mit Waati (Time) erneut zu den Film­fest­spielen nach Cannes, wo sein Film im Wett­be­werb um die Goldene Palme lief.

Im Jahr 2009 drehte Cissé die Komödie Tell Me Who You Are, in der er die Polygamie thema­ti­siert und eine Geschichte erzählt, die Cissé selbst erlebt hatte, als er, seine acht Brüder und seine Schwester 1988 auf Druck des eigenen Vaters ihr Haus verlassen sollten. Auch sein letzter Film O Ka (Unser Haus) war von eigenen Fami­liedramen inspi­riert; er erinnerte an den Rechts­streit seiner Schwes­tern, als sie aus ihrem Haus in Bamako vertrieben wurden.

Souley­mane Cissé, der große alte Mann des west­afri­ka­ni­schen Kinos, starb am 19. Februar 2025 im Alter von 84 Jahren in einer Klinik in Bamako. Er sollte eigent­lich noch bei der 29. Ausgabe des Fespaco am 22. Februar in Ouag­adougou, Burkina Faso, den Vorsitz der Spielfilm-Jury über­nehmen, doch dafür reichte es nicht mehr. Doch noch an seinem Todestag hatte er die Kraft, die malische Mili­tär­füh­rung, die das Jahr 2025 immerhin und sehr über­ra­schend zum Kultur­jahr erklärt hatte, daran zu erinnern, die malischen Film­in­dus­trie zu unter­s­tützen, damit sie so wie früher, mit der Konkur­renz auf dem Kontinent mithalten kann:

»Es reicht nicht aus, Kino zu machen, die Werke müssen auch sichtbar sein. Mögen die Behörden uns beim Bau von Kinos helfen. Das ist der Appell, den ich vor meinem Tod und wenn Gott es denn will, an sie richte.«