03.04.2025

Marmor, Stein und Transparenzpapier

The Brutalist
Fiktive Architektur: The Brutalist
(Foto: Universal Pictures)

Die Architekturfilmtage im Filmmuseum München gruppieren um Brady Corbets Film-Monument »The Brutalist« mittellange und fragile Filme über den Stoff, aus dem die Bauwerke sind

Von Dunja Bialas

Brutal, nein, bruta­lis­tisch, brut, also roh: das ist der vulgo der »Sicht­beton«, ein Baustoff, den man in den Sieb­zi­gern wegen seiner regen­nassen Häss­lich­keit zu hassen lernte und der in jüngster Zeit wegen seiner schlechten CO2-Bilanz in Verruf geraten ist – unter den Ästheten der Archi­tekten aber hoch­ge­halten und gefeiert wird. Einem fiktiven Archi­tekten des Bruta­lismus hat Brady Corbet jüngst mit The Brutalist ein fast vier­stün­diges Leinwand-Monument gesetzt, das mit gleich drei Oscars ausge­zeichnet wurde. Ein wie gesagt (man kann es nicht oft genug sagen, das hat auch schon Verwir­rung gestiftet) fiktiver Architekt aus Ungarn überlebt den Holocaust, emigriert nach Amerika und führt dort den Bauhaus­stil ein. Zunächst als Mobiliar, dann als über­zeu­gend lich­ter­füllte, gleich­wohl mini­ma­lis­ti­sche Biblio­thek, schließ­lich als Bauun­getüm, das alles, viel­leicht sogar den Film, unter sich begräbt. (Sonntag, 6.4. 18 Uhr, Film­mu­seum München, mit einer Einfüh­rung von SZ-Archi­tektur-Autor Gerhard Matzig)

Die Archi­tek­tur­film­tage im Film­mu­seum München haben sich dieses Ungetüm von Meis­ter­werk als Center­piece genommen und grup­pieren eine Reihe von Werken um es herum. Die allemal mehr Archi­tektur sind. Heinz Emigholz, Godfather des zugleich strengen und verspielten Archi­tek­tur­films, beweist in Zwei Basiliken über die Baukunst von Kirchen seine Kunst der Annähe­rung an Gebäude, die auch stets den Kontext mitfor­mu­liert. Wie eine Bischofs­mütze ragt die erste ins Visier der Kamera genommene Basilika in Kopen­hagen aus dem Städtebau hervor. Gekippte Linien sind darin einer­seits Emigholz’sche Signatur, lassen aber auch an die Dekon­struk­tion von Coop Himmel­blau denken, die alles aus dem Lot gebracht haben. (Samstag, 5.4. 18 Uhr)

Emigholz’ Film wird zusammen mit Fiona Hallinans Making Dust gezeigt, ein kombi­niertes Programm, das wohltuend der Monu­men­ta­lität von The Brutalist kontert. Der Film der Irin ist ein lyrisches Requiem über den Abriss der Church of the Annun­cia­tion in Dublin. Minu­ten­lang fährt die Kamera über das nieder­ge­ris­sene Gestein der heiligen Halle, verwebt aus dem Off Stimmen zu einer Litanei. Die Erin­ne­rung an die intakte Kirche offenbart einen Sicht­beton-Bau, der mehr an eine Fabrik­an­lage als an die zweit­größte Kirche Irlands erinnert. Der Fokus: liegt immer auf der Archi­tektur. (Samstag, 5.4. 18 Uhr)

Adern finden sich im Marmor, je schöner die Adern, farbig oder durch­sichtig, fein oder markant, desto wert­voller das Gestein. Veins heißt so auch der 48-minütige rumä­ni­sche Beitrag der Archi­tek­tur­film­tage. Kurator Klaus Volkmer, der auch das Rumä­ni­sche Film­fes­tival in München program­ma­tisch gestaltet, hebt ihn besonders hervor. Und in der Tat ist die Qualität des Films, ähnlich dem portrai­tierten Marmor, der sich im Stein­bruch als zartrosa, schwere Blöcke mani­fes­tiert, unbe­stech­lich. Der Film vertraut auf die Bilder, verzichtet auf die verma­le­deiten, wieder in Mode gekom­menen raunenden Off-Kommen­tare oder das typische Doku­men­tar­film­mu­sik­ge­klimper. Laurian Ghinitoiu und Arata Mori vertrauen auf die Wucht der gefilmten Substanz, auf die Schönheit der Kame­ra­bilder und auf die umwer­fenden Land­schafts­krater des Marmor­ab­baus. Umschnitt dann auf eine pulsie­rende Großstadt. Es geht nach New York, ins Perelman Performing Arts Center, auf dem Terrain des World Trade Center. (Samstag, 12.4. 18 Uhr)

Einen sehr persön­li­chen Zugang schließ­lich zu einem Haus zeichnet die Filme­ma­cherin Julie Pflei­derer in Das Retirée or The Last House of My Father. Ein Traumhaus, am Ende eines Lebens, wie könnte das aussehen? Das Haus bleibt Modell, ein fragiles Gebilde aus trans­pa­renten Schichten. Und der ulti­ma­tive Gegen­ent­wurf zum kraft­meie­ri­schen Bruta­listen-Mausoleum. (Mittwoch, 9.4. 21 Uhr, zu Gast: Julie Pflei­derer)

Archi­tek­tur­film­tage – Marmor und Beton
Film­mu­seum München, 3.4.-12.4.2025