Marmor, Stein und Transparenzpapier |
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Fiktive Architektur: The Brutalist | ||
(Foto: Universal Pictures) |
Von Dunja Bialas
Brutal, nein, brutalistisch, brut, also roh: das ist der vulgo der »Sichtbeton«, ein Baustoff, den man in den Siebzigern wegen seiner regennassen Hässlichkeit zu hassen lernte und der in jüngster Zeit wegen seiner schlechten CO2-Bilanz in Verruf geraten ist – unter den Ästheten der Architekten aber hochgehalten und gefeiert wird. Einem fiktiven Architekten des Brutalismus hat Brady Corbet jüngst mit The Brutalist ein fast vierstündiges Leinwand-Monument gesetzt, das mit gleich drei Oscars ausgezeichnet wurde. Ein wie gesagt (man kann es nicht oft genug sagen, das hat auch schon Verwirrung gestiftet) fiktiver Architekt aus Ungarn überlebt den Holocaust, emigriert nach Amerika und führt dort den Bauhausstil ein. Zunächst als Mobiliar, dann als überzeugend lichterfüllte, gleichwohl minimalistische Bibliothek, schließlich als Bauungetüm, das alles, vielleicht sogar den Film, unter sich begräbt. (Sonntag, 6.4. 18 Uhr, Filmmuseum München, mit einer Einführung von SZ-Architektur-Autor Gerhard Matzig)
Die Architekturfilmtage im Filmmuseum München haben sich dieses Ungetüm von Meisterwerk als Centerpiece genommen und gruppieren eine Reihe von Werken um es herum. Die allemal mehr Architektur sind. Heinz Emigholz, Godfather des zugleich strengen und verspielten Architekturfilms, beweist in Zwei Basiliken über die Baukunst von Kirchen seine Kunst der Annäherung an Gebäude, die auch stets den Kontext mitformuliert. Wie eine Bischofsmütze ragt die erste ins Visier der Kamera genommene Basilika in Kopenhagen aus dem Städtebau hervor. Gekippte Linien sind darin einerseits Emigholz’sche Signatur, lassen aber auch an die Dekonstruktion von Coop Himmelblau denken, die alles aus dem Lot gebracht haben. (Samstag, 5.4. 18 Uhr)
Emigholz’ Film wird zusammen mit Fiona Hallinans Making Dust gezeigt, ein kombiniertes Programm, das wohltuend der Monumentalität von The Brutalist kontert. Der Film der Irin ist ein lyrisches Requiem über den Abriss der Church of the Annunciation in Dublin. Minutenlang fährt die Kamera über das niedergerissene Gestein der heiligen Halle, verwebt aus dem Off Stimmen zu einer Litanei. Die Erinnerung an die intakte Kirche offenbart einen Sichtbeton-Bau, der mehr an eine Fabrikanlage als an die zweitgrößte Kirche Irlands erinnert. Der Fokus: liegt immer auf der Architektur. (Samstag, 5.4. 18 Uhr)
Adern finden sich im Marmor, je schöner die Adern, farbig oder durchsichtig, fein oder markant, desto wertvoller das Gestein. Veins heißt so auch der 48-minütige rumänische Beitrag der Architekturfilmtage. Kurator Klaus Volkmer, der auch das Rumänische Filmfestival in München programmatisch gestaltet, hebt ihn besonders hervor. Und in der Tat ist die Qualität des Films, ähnlich dem portraitierten Marmor, der sich im Steinbruch als zartrosa, schwere Blöcke manifestiert, unbestechlich. Der Film vertraut auf die Bilder, verzichtet auf die vermaledeiten, wieder in Mode gekommenen raunenden Off-Kommentare oder das typische Dokumentarfilmmusikgeklimper. Laurian Ghinitoiu und Arata Mori vertrauen auf die Wucht der gefilmten Substanz, auf die Schönheit der Kamerabilder und auf die umwerfenden Landschaftskrater des Marmorabbaus. Umschnitt dann auf eine pulsierende Großstadt. Es geht nach New York, ins Perelman Performing Arts Center, auf dem Terrain des World Trade Center. (Samstag, 12.4. 18 Uhr)
Einen sehr persönlichen Zugang schließlich zu einem Haus zeichnet die Filmemacherin Julie Pfleiderer in Das Retirée or The Last House of My Father. Ein Traumhaus, am Ende eines Lebens, wie könnte das aussehen? Das Haus bleibt Modell, ein fragiles Gebilde aus transparenten Schichten. Und der ultimative Gegenentwurf zum kraftmeierischen Brutalisten-Mausoleum. (Mittwoch, 9.4. 21 Uhr, zu Gast: Julie Pfleiderer)