03.04.2025

Lucie in Sugarland

Everyone Deserves a Slice of the Pie
Süße Ladung ins Gesicht: Sasha Pirkers Everyone Deserves A Slice of Pie
(Foto: Sixpackfilm)

Die 28. Diagonale in Graz öffnet sich auf den Nachwuchs und feiert das Widerständige in Film und Politik

Von Dunja Bialas

Den Dauer­regen über Graz will man sogleich politisch nehmen. Während man sich an den Regen­schirm klammert, denkt man an den Früh­lings­an­bruch letztes Jahr während der Diagonale zurück. Ohne Sonnen­brille ging da gar nichts, es herrschte aufge­kratzte Aufbruch­stim­mung, gepaart mit dem Umstand, dass auf der Diagonale vieles neu war, zumindest die Festi­val­in­ten­danz aus der Kunst­his­to­ri­kerin Claudia Slanar und dem Film­kri­tiker Dominik Kamalz­adeh, die die bishe­rigen Leiter Sebastian Höglinger und Peter Schern­huber abgelöst hatten.

How to be normal

Dieses Jahr regnete es dem Festival auf vielen Ebenen rein. Wenige Tage vor der Eröffnung veröf­fent­lichte es Kürzungen, die durch eine kurz­fris­tige Förder­ab­sage durch das Land Stei­er­mark notwendig wurden. Betroffen waren das Kinder­kino und die Film­ver­mitt­lungs­pro­gramme der kino:CLASS. »Wir finden: Wenn die Politik solche Vermitt­lungs­pro­gramme will, dann muss sie auch dafür einstehen«, sagen Slanar und Kamalz­adeh im Gespräch mit »artechock«.

Das Geld hätte vom Land Stei­er­mark aus der Abteilung Bildung und Gesell­schaft bzw. Bildung und Jugend kommen sollen. Erst im Dezember war mit Mario Kunasek ein FPÖ-Landes­haupt­mann an die Spitze der Regierung gekommen, und am 18. März, also ebenfalls wenige Tage vor Festi­val­be­ginn, tagte erstmals das neue Kultur­kura­to­rium, das sich von nun an aus der »Volks­kultur« (zustän­diger Referent: FPÖ-Landes­haupt­mann Mario Kunasek) und der »Allge­meinen Kultur« zusam­men­setzt, mit viel­fa­chen Rotstift­mög­lich­keiten. Brisant ist das auch deshalb, weil erstmals eine Landes­re­gie­rung gegen die in der »Kultur­stra­tegie 2030« verein­barte Entpo­li­ti­sie­rung verstößt und es zu einer vorzei­tigen Absetzung des eigent­lich noch bis 2026 einge­setzten Kultur­kura­to­riums kam.

Auch wenn die Diagonale dank eines Mehr­jah­res­ver­trags von Kürzungen im Kultur­be­reich nicht betroffen ist und auch im Regie­rungs­pro­gramm von FPÖ/ÖVP aufge­nommen ist, wurde die dräuende »Volks­kultur«, die der allge­meinen Kultur Gelder wegzu­nehmen droht – gefährdet sind zahl­reiche Projekte der freien Szene – in der Eröffnung vielfach erwähnt. Florian Pochlatko, Regisseur von How to Be Normal and the Oddness of the Other World, mit dem die Diagonale eröffnete, betonte, wie sehr Kino und Filme Volks­kultur seien.

Immerhin konnte man sich am Regen­schirm fest­halten.

Der Leitungs­wechsel ist eine Norma­lität für die Landes­schau des öster­rei­chi­schen Films, die lediglich vier­jäh­rige Inten­danzen (mit Möglich­keit zur Verlän­ge­rung) vorsieht. So hat man in Graz – abseits der poli­ti­schen Verhält­nisse – den Eindruck einer prin­zi­pi­ellen Trans­pa­renz und Durch­läs­sig­keit und von wenig Sumpf. In einem kleinen Land wie Öster­reich mit einer über­schau­baren Szene und wieder­keh­renden Prot­ago­nisten besteht immer eine große Tendenz zu letzterem, weil man sich die Posten zuschieben könnte – wie soeben beim DOK.fest München geschehen.

Was, wenn wir nur ein Expe­ri­ment wären?

Mit einem Debüt als Eröff­nungs­film setzten die Inten­danten Slanar und Kamalz­adeh auch bewusst ein Zeichen gegen die allzu­große Vertraut­heit. »Die Film­aus­wahl ist ein Spagat«, sagt Slanar. Es gelte, darauf zu achten, dass nicht nur die Arri­vierten einen Film im Programm haben, sondern auch noch die jüngere Gene­ra­tion mit den unbe­kannten Namen einen Platz findet.

So gab es neben den zahl­rei­chen Öster­reich- und Welt­pre­mieren auch viele perso­nelle Neuzu­gänge im Programm. Ein Film, der zugleich Debüt und Welt­pre­miere war und außerdem für die inter­na­tio­nale Öffnung steht, die sich die Festi­val­leiter für die Zukunft wünschen, war Sugarland von Isabella Brunäcker. Eine inter­na­tio­nale Produk­tion, die mit dem Kodak-Preis ausge­zeichnet wurde.

Isabella Brunäcker kommt von der Schule Friedl Kubelka und bewies mit dem groben Korn ihres 16mm-Materials, dass Filme auch sehr haptisch wirken können; den roten Woll­pull­over der Prot­ago­nistin Iga (Jana McKinnon, zuletzt in Benjamin Heisen­bergs Der Prank) spürte man förmlich auf der eigenen Haut, rau und kratzig. Im fahlen Herbst­licht macht sie sich mit einem für sie viel zu großen BMW in Richtung Schott­land auf, nimmt auf dem Weg den Tramper Ethan (Bill Caple) mit. Lange Auto­bahn­stre­cken werden durch­fahren, begleitet von Schweigen und spär­li­chen Dialogen. In dieser fragilen Gemein­sam­keit, oft ausschließ­lich im Inneren des Wagens gefilmt, macht sich eine zart impro­vi­sierte Poesie breit, die auch an die Auto­bahn­ge­schichte Lucie et main­tenant von Nicolas Humbert, Werner Penzel und Simone Fürbringer erinnert. »Was, wenn wir nur ein Expe­ri­ment wären?«, fragt Iga einmal.

Sugarland
Sugarland (Foto: Sixpack­film)

Die Kamera von Matthias Hell­doppler fängt dieses Roadmovie behutsam ein. Lange ist die Atmo­sphäre bestimmt von dem großen Schweigen, das nicht nur Rätsel, sondern auch Geheim­nisse aufgibt. Geprägt von einer großen Natür­lich­keit machen die Dialoge auf sich aufmerksam, diese authen­ti­sche Tonlage, nichts zu sagen und trotzdem zu sprechen, hat man lange nicht mehr vernommen. Viel­leicht zuletzt in Kelly Reichardts Wendy and Lucy, das zweite Mal schon muss man bei diesem Film an eine Lucy/Lucie denken.

Der Film ist ein Film der Nicht-Orte, des Transits. In einem Hotel, in dem Iga und Ethan in getrennten Zimmern über­nachten, entspinnt sich eine wunder­bare Choreo­gra­phie der Türen. Sie schließen sich, die eine öffnet sich, schließt sich, die andere öffnet sich, schließt sich. Long takes wechseln ab mit Ellipsen, ausge­spart bleibt, was woanders für den Span­nungs­bogen ausge­schlachtet würde. Was für ein Glück, dieser Film.

Sahne­torten zu Wurf­ge­schossen

Großes Glück auch beim inno­va­tiven Kino. Im Lang­film­pro­gramm wurde Daniel Hoesls Gran Casino gezeigt, der ebenso gut auch im Doku­mentar- oder auch Spiel­film­wett­be­werb seinen Platz hätte finden können, so sehr sitzt er zwischen den Sparten. In der italie­ni­schen Exklave Campione d’Italia am Luganer See portrai­tiert er das größte Casino Europas, das sich in einer Art Dorn­rö­schen­schlaf befindet. Der Dramaturg Thomas Köck verwebt Ready-made-Texte zu einem viel­stim­migen Drehbuch, dazu singt die öster­rei­chi­sche Band Ja, Panik.

Die Sahne­torte ins Gesicht: das ist früher Kino­ak­ti­vismus. Everyone Deserves A Slice Of Pie nennt Sasha Pirker ihre Hommage an die Erfindung des Torten­wurfs, der 1913 von einer Frau vorge­nommen wurde – folge­richtig, denn sie waren die Bäcke­rinnen und Servie­re­rinnen, hatten die Torte in der Hand (und die Kirschen aus der Sahne gepflückt im Mund). Der Kurzfilm ist auch eine Hommage an die raffi­nierte Pavlo­va­torte aus Baiser und Sahne, die dem Tutu der russi­schen Ballerina Anna Pavlova gewidmet ist, und eine Feier von 100 Jahre 16mm-Film, den es seit 1923 gibt. Sasha Pirker bringt dies alles in eine überaus bekömm­liche und vergnüg­liche Mischung, lässt sich gar selbst mit Torte bewerfen und imagi­niert, wer sie alles noch verdient haben könnte (Trump, Putin, Musk…). Ästhe­ti­scher Wider­stand trifft hier die Politik mit aller Wucht ins Gesicht.

In der DNA der Bilder

Der Expe­ri­men­tal­fil­me­ma­cher Johann Lurf hat zusammen mit der Grazerin Christina Jauernik mit Revolving Rounds eine »Annähe­rung an eine Erbsen­pflanze« geschaffen, wie es auf der Website des Welt­ver­triebs Sixpack­film heißt. Die Wirk­lich­keit ist unendlich spek­ta­kulärer. Lurf und Jauernik haben eine Apparatur aus zwei 35mm-Projek­toren geschaffen (später im Film wechseln sie auf 16mm), mit der sie ein 3D-Bild erzeugen, das Feld vor dem Gewächs­haus (in dem sich tatsäch­lich eine Erbsen­pflanze befindet) ragt auf beängs­ti­gende Weise tief in den Kinosaal hinein.

Revolving Rounds
Revolving Rounds (Foto: Sixpack­film)

Dann geht es in einem konstanten Michael-Snow-Wave­length-Traveling ins Bild hinein, rein in das Innere des Glas­hauses, durch einen Projek­ti­ons­vor­hang hindurch auf die Pflanze und in das Innere der Pflanze hinein, bis zur Auflösung in einer abstrakten Bild-DNA. Der Kurzfilm wurde in Graz in 3D, 4K und Dolby Atmos aufge­führt. Wunsch­kon­di­tionen, befand Johann Lurf, die er noch nicht einmal bei der Welt­pre­miere in Locarno und auch nicht auf seiner Welt­tournee von Toronto bis Bangkok so ange­troffen hatte.

Kine­ma­to­gra­phi­sches Aufbe­gehren

Norbert Pfaf­fen­bichler ist einer der Wiener Regis­seure (gerne würde man sagen: Aktio­nisten), der trotz heraus­ra­gender expe­ri­men­teller Werke dennoch ein Nischen­da­sein in der Szene fristet. Er rekur­riert in seinem Werk auf den Stummfilm, an dem er sich in viel­fa­cher Weise abar­beitet; sein filmi­scher Struk­tu­ra­lismus drückt sich oft in einem formalen Nume­rismus aus. In Graz hat er den Abschluss seiner 2551-Trilogie vorge­stellt: The End. Pfaf­fen­bichler führt die groteske Saga von einem Affen­men­schen zum Finale, der auf der Suche nach »The Kid« (so der Titel des ersten Teils) die apoka­lyp­ti­sche Unterwelt respek­tive den Under­ground durch­wan­dert, auf der Flucht vor tota­li­tären Kräften. Alle Menschen tragen Masken, viele aus dem Privat­be­stand des Sammlers Pfaf­fen­bichler. Sie sind nicht nur unkennt­lich, sie sind überaus unheim­lich, cachieren Vers­tüm­me­lungen, die ihnen vom Regime zugefügt wurden. Alles ist räudiger Punk, die Menschen fallen in Fetzen aufein­ander, die Sehnsucht nach Umarmung in der Illusion eines behag­li­chen Wohn­zim­mers ist groß. Fest­nahmen lauern überall. Eine überaus vestö­rende Allegorie auf den Gemüts­zu­stand unter einem tota­li­tären Regime, die sich unter dem Indus­trial-Sound­track zu einem großen kine­ma­to­gra­phi­schen Aufbe­gehren aufschwingt.

Dazu passten die histo­ri­schen Programme der dies­jäh­rigen Diagonale, die sich wie zwei Seiten einer Medaille anfühlten. »Aus dem Gift­schrank« mit Filmen der öster­rei­chi­schen Nazi-Produk­tionen und »Öster­reich – Eine Satire« mit Werken aus den Siebziger- und Acht­zi­ger­jahren zogen die Linie zu unserer Gegenwart, die wieder mit rechts­pro­pa­gan­dis­ti­schen Bewegt­bil­dern zu tun hat. Dass der Anti­se­mi­tismus bis ins alte Wien der K.-u.-K.-Monarchie zurück­geht, machte Wien 1910 von E.W. Emo (1943) deutlich, der die letzten Tage des Wiener Bürger­meis­ters Karl Lueger schildert. Eine Einfüh­rung von Günter Krenn gab Orien­tie­rung.

Die heroische Ästhetik und die Ausdrucks­weise der Ideo­lo­gien in Dialogen und kleinen Gesten des Schau­spiels zu dechif­frieren, ist wieder eine Aufgabe der Stunde. Sie zu dekon­stru­ieren, wie es die Filme der »Satire« machen, könnte eine Aufgabe der Zukunft sein.

Für Slanar und Kamalz­adeh wird zukünftig erst einmal die Sicherung der Breite und Offenheit des Diagonale-Programms wichtig werden. Sie wollen mehr Inter­na­tio­na­lität, durch einen Austausch mit dem benach­barten Slowenien und Posi­tionen von Filme­ma­cher:innen, die nicht aus Öster­reich stammen. Die Soli­da­rität für ihr hoch­karä­tiges und viel­schich­tiges Programm ist ihnen sicher.