Lucie in Sugarland |
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Süße Ladung ins Gesicht: Sasha Pirkers Everyone Deserves A Slice of Pie | ||
(Foto: Sixpackfilm) |
Von Dunja Bialas
Den Dauerregen über Graz will man sogleich politisch nehmen. Während man sich an den Regenschirm klammert, denkt man an den Frühlingsanbruch letztes Jahr während der Diagonale zurück. Ohne Sonnenbrille ging da gar nichts, es herrschte aufgekratzte Aufbruchstimmung, gepaart mit dem Umstand, dass auf der Diagonale vieles neu war, zumindest die Festivalintendanz aus der Kunsthistorikerin Claudia Slanar und dem Filmkritiker Dominik Kamalzadeh, die die bisherigen Leiter Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber abgelöst hatten.
Dieses Jahr regnete es dem Festival auf vielen Ebenen rein. Wenige Tage vor der Eröffnung veröffentlichte es Kürzungen, die durch eine kurzfristige Förderabsage durch das Land Steiermark notwendig wurden. Betroffen waren das Kinderkino und die Filmvermittlungsprogramme der kino:CLASS. »Wir finden: Wenn die Politik solche Vermittlungsprogramme will, dann muss sie auch dafür einstehen«, sagen Slanar und Kamalzadeh im Gespräch mit »artechock«.
Das Geld hätte vom Land Steiermark aus der Abteilung Bildung und Gesellschaft bzw. Bildung und Jugend kommen sollen. Erst im Dezember war mit Mario Kunasek ein FPÖ-Landeshauptmann an die Spitze der Regierung gekommen, und am 18. März, also ebenfalls wenige Tage vor Festivalbeginn, tagte erstmals das neue Kulturkuratorium, das sich von nun an aus der »Volkskultur« (zuständiger Referent: FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek) und der »Allgemeinen Kultur« zusammensetzt, mit vielfachen Rotstiftmöglichkeiten. Brisant ist das auch deshalb, weil erstmals eine Landesregierung gegen die in der »Kulturstrategie 2030« vereinbarte Entpolitisierung verstößt und es zu einer vorzeitigen Absetzung des eigentlich noch bis 2026 eingesetzten Kulturkuratoriums kam.
Auch wenn die Diagonale dank eines Mehrjahresvertrags von Kürzungen im Kulturbereich nicht betroffen ist und auch im Regierungsprogramm von FPÖ/ÖVP aufgenommen ist, wurde die dräuende »Volkskultur«, die der allgemeinen Kultur Gelder wegzunehmen droht – gefährdet sind zahlreiche Projekte der freien Szene – in der Eröffnung vielfach erwähnt. Florian Pochlatko, Regisseur von How to Be Normal and the Oddness of the Other World, mit dem die Diagonale eröffnete, betonte, wie sehr Kino und Filme Volkskultur seien.
Immerhin konnte man sich am Regenschirm festhalten.
Der Leitungswechsel ist eine Normalität für die Landesschau des österreichischen Films, die lediglich vierjährige Intendanzen (mit Möglichkeit zur Verlängerung) vorsieht. So hat man in Graz – abseits der politischen Verhältnisse – den Eindruck einer prinzipiellen Transparenz und Durchlässigkeit und von wenig Sumpf. In einem kleinen Land wie Österreich mit einer überschaubaren Szene und wiederkehrenden Protagonisten besteht immer eine große Tendenz zu letzterem, weil man sich die Posten zuschieben könnte – wie soeben beim DOK.fest München geschehen.
Mit einem Debüt als Eröffnungsfilm setzten die Intendanten Slanar und Kamalzadeh auch bewusst ein Zeichen gegen die allzugroße Vertrautheit. »Die Filmauswahl ist ein Spagat«, sagt Slanar. Es gelte, darauf zu achten, dass nicht nur die Arrivierten einen Film im Programm haben, sondern auch noch die jüngere Generation mit den unbekannten Namen einen Platz findet.
So gab es neben den zahlreichen Österreich- und Weltpremieren auch viele personelle Neuzugänge im Programm. Ein Film, der zugleich Debüt und Weltpremiere war und außerdem für die internationale Öffnung steht, die sich die Festivalleiter für die Zukunft wünschen, war Sugarland von Isabella Brunäcker. Eine internationale Produktion, die mit dem Kodak-Preis ausgezeichnet wurde.
Isabella Brunäcker kommt von der Schule Friedl Kubelka und bewies mit dem groben Korn ihres 16mm-Materials, dass Filme auch sehr haptisch wirken können; den roten Wollpullover der Protagonistin Iga (Jana McKinnon, zuletzt in Benjamin Heisenbergs Der Prank) spürte man förmlich auf der eigenen Haut, rau und kratzig. Im fahlen Herbstlicht macht sie sich mit einem für sie viel zu großen BMW in Richtung Schottland auf, nimmt auf dem Weg den Tramper Ethan (Bill Caple) mit. Lange Autobahnstrecken werden durchfahren, begleitet von Schweigen und spärlichen Dialogen. In dieser fragilen Gemeinsamkeit, oft ausschließlich im Inneren des Wagens gefilmt, macht sich eine zart improvisierte Poesie breit, die auch an die Autobahngeschichte Lucie et maintenant von Nicolas Humbert, Werner Penzel und Simone Fürbringer erinnert. »Was, wenn wir nur ein Experiment wären?«, fragt Iga einmal.
Die Kamera von Matthias Helldoppler fängt dieses Roadmovie behutsam ein. Lange ist die Atmosphäre bestimmt von dem großen Schweigen, das nicht nur Rätsel, sondern auch Geheimnisse aufgibt. Geprägt von einer großen Natürlichkeit machen die Dialoge auf sich aufmerksam, diese authentische Tonlage, nichts zu sagen und trotzdem zu sprechen, hat man lange nicht mehr vernommen. Vielleicht zuletzt in Kelly Reichardts Wendy and Lucy, das zweite Mal schon muss man bei diesem Film an eine Lucy/Lucie denken.
Der Film ist ein Film der Nicht-Orte, des Transits. In einem Hotel, in dem Iga und Ethan in getrennten Zimmern übernachten, entspinnt sich eine wunderbare Choreographie der Türen. Sie schließen sich, die eine öffnet sich, schließt sich, die andere öffnet sich, schließt sich. Long takes wechseln ab mit Ellipsen, ausgespart bleibt, was woanders für den Spannungsbogen ausgeschlachtet würde. Was für ein Glück, dieser Film.
Großes Glück auch beim innovativen Kino. Im Langfilmprogramm wurde Daniel Hoesls Gran Casino gezeigt, der ebenso gut auch im Dokumentar- oder auch Spielfilmwettbewerb seinen Platz hätte finden können, so sehr sitzt er zwischen den Sparten. In der italienischen Exklave Campione d’Italia am Luganer See portraitiert er das größte Casino Europas, das sich in einer Art Dornröschenschlaf befindet. Der Dramaturg Thomas Köck verwebt Ready-made-Texte zu einem vielstimmigen Drehbuch, dazu singt die österreichische Band Ja, Panik.
Die Sahnetorte ins Gesicht: das ist früher Kinoaktivismus. Everyone Deserves A Slice Of Pie nennt Sasha Pirker ihre Hommage an die Erfindung des Tortenwurfs, der 1913 von einer Frau vorgenommen wurde – folgerichtig, denn sie waren die Bäckerinnen und Serviererinnen, hatten die Torte in der Hand (und die Kirschen aus der Sahne gepflückt im Mund). Der Kurzfilm ist auch eine Hommage an die raffinierte Pavlovatorte aus Baiser und Sahne, die dem Tutu der russischen Ballerina Anna Pavlova gewidmet ist, und eine Feier von 100 Jahre 16mm-Film, den es seit 1923 gibt. Sasha Pirker bringt dies alles in eine überaus bekömmliche und vergnügliche Mischung, lässt sich gar selbst mit Torte bewerfen und imaginiert, wer sie alles noch verdient haben könnte (Trump, Putin, Musk…). Ästhetischer Widerstand trifft hier die Politik mit aller Wucht ins Gesicht.
Der Experimentalfilmemacher Johann Lurf hat zusammen mit der Grazerin Christina Jauernik mit Revolving Rounds eine »Annäherung an eine Erbsenpflanze« geschaffen, wie es auf der Website des Weltvertriebs Sixpackfilm heißt. Die Wirklichkeit ist unendlich spektakulärer. Lurf und Jauernik haben eine Apparatur aus zwei 35mm-Projektoren geschaffen (später im Film wechseln sie auf 16mm), mit der sie ein 3D-Bild erzeugen, das Feld vor dem Gewächshaus (in dem sich tatsächlich eine Erbsenpflanze befindet) ragt auf beängstigende Weise tief in den Kinosaal hinein.
Dann geht es in einem konstanten Michael-Snow-Wavelength-Traveling ins Bild hinein, rein in das Innere des Glashauses, durch einen Projektionsvorhang hindurch auf die Pflanze und in das Innere der Pflanze hinein, bis zur Auflösung in einer abstrakten Bild-DNA. Der Kurzfilm wurde in Graz in 3D, 4K und Dolby Atmos aufgeführt. Wunschkonditionen, befand Johann Lurf, die er noch nicht einmal bei der Weltpremiere in Locarno und auch nicht auf seiner Welttournee von Toronto bis Bangkok so angetroffen hatte.
Norbert Pfaffenbichler ist einer der Wiener Regisseure (gerne würde man sagen: Aktionisten), der trotz herausragender experimenteller Werke dennoch ein Nischendasein in der Szene fristet. Er rekurriert in seinem Werk auf den Stummfilm, an dem er sich in vielfacher Weise abarbeitet; sein filmischer Strukturalismus drückt sich oft in einem formalen Numerismus aus. In Graz hat er den Abschluss seiner 2551-Trilogie vorgestellt: The End. Pfaffenbichler führt die groteske Saga von einem Affenmenschen zum Finale, der auf der Suche nach »The Kid« (so der Titel des ersten Teils) die apokalyptische Unterwelt respektive den Underground durchwandert, auf der Flucht vor totalitären Kräften. Alle Menschen tragen Masken, viele aus dem Privatbestand des Sammlers Pfaffenbichler. Sie sind nicht nur unkenntlich, sie sind überaus unheimlich, cachieren Verstümmelungen, die ihnen vom Regime zugefügt wurden. Alles ist räudiger Punk, die Menschen fallen in Fetzen aufeinander, die Sehnsucht nach Umarmung in der Illusion eines behaglichen Wohnzimmers ist groß. Festnahmen lauern überall. Eine überaus vestörende Allegorie auf den Gemütszustand unter einem totalitären Regime, die sich unter dem Industrial-Soundtrack zu einem großen kinematographischen Aufbegehren aufschwingt.
Dazu passten die historischen Programme der diesjährigen Diagonale, die sich wie zwei Seiten einer Medaille anfühlten. »Aus dem Giftschrank« mit Filmen der österreichischen Nazi-Produktionen und »Österreich – Eine Satire« mit Werken aus den Siebziger- und Achtzigerjahren zogen die Linie zu unserer Gegenwart, die wieder mit rechtspropagandistischen Bewegtbildern zu tun hat. Dass der Antisemitismus bis ins alte Wien der K.-u.-K.-Monarchie zurückgeht, machte Wien 1910 von E.W. Emo (1943) deutlich, der die letzten Tage des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger schildert. Eine Einführung von Günter Krenn gab Orientierung.
Die heroische Ästhetik und die Ausdrucksweise der Ideologien in Dialogen und kleinen Gesten des Schauspiels zu dechiffrieren, ist wieder eine Aufgabe der Stunde. Sie zu dekonstruieren, wie es die Filme der »Satire« machen, könnte eine Aufgabe der Zukunft sein.
Für Slanar und Kamalzadeh wird zukünftig erst einmal die Sicherung der Breite und Offenheit des Diagonale-Programms wichtig werden. Sie wollen mehr Internationalität, durch einen Austausch mit dem benachbarten Slowenien und Positionen von Filmemacher:innen, die nicht aus Österreich stammen. Die Solidarität für ihr hochkarätiges und vielschichtiges Programm ist ihnen sicher.