Beating Hearts

L'amour ouf

Frankreich/B 2024 · 161 min. · FSK: ab 16
Regie: Gilles Lellouche
Drehbuch: , , ,
Kamera: Laurent Tangy
Darsteller: François Civil, Adèle Exarchopoulos, Mallory Wanecque, Malik Frikah, Alain Chabat u.a.
L'amour ouf
Kitsch, der Action ankündigt
(Foto: Studiocanal)

Verrückte Liebe

Gilles Lellouche zeichnet in »Amour ouf« eine epische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des No-Futurismus in Nordfrankreich

»Das Herz ist ein Hohl­muskel«, erklärt die Biolo­gie­leh­rerin in der Abschluss­klasse. Für Jackie ist das Herz ein rosa­far­bener Kaugummi, und dieses Herz hat sie an die Wand ihres Jugend­zim­mers geklebt. Ausge­spuckt hat ihn Clotaire. Ihrer beider Herzen, Clotaires Kaugum­mi­herz und Jackies Seelen­herz, schlagen gerade gewaltig fürein­ander.

Es sind die Acht­zi­ger­jahre. Gilles Lellouche (Ein Becken voller Männer) erzählt von einer Liebe aus einer Zeit, in der das Leben noch analog war. Um heimlich, an den Eltern vorbei, Kontakt zu haben, verein­barte man Klin­gel­zei­chen mit anschließendem Auflegen oder ging in die Tele­fon­zelle. Die berühmten Liebes­be­kun­dungen der Zeit waren selbst­auf­ge­nom­mene Mixed Tapes, Misch­kas­setten mit viel­sa­genden persön­li­chen Lieb­lings­lieder: Sie dienten als Visi­ten­karten, um mit dem eigenen guten Geschmack anzugeben, und als Minnesang, mit dem die Ange­be­tete umworben wurde.

Lellouche legt die Liebes­ge­schichte von Jackie und Clotaire episch an, mit einem unver­blümten Wechsel der Schau­spieler, als es von der Jugend ins Erwach­se­nen­alter geht. Die Ablösung der zarten Mallory Wanecque (Les pires) durch die robuste Adèle Exar­cho­poulos und des sehr jungen­haften Malik Frikah durch François Civil (Die drei Muske­tiere) muss man als filmische Setzung hinnehmen. Sie wirkt dabei anti­na­tu­ra­lis­tisch, wie überhaupt dieser im sozialen Milieu der Arbei­ter­schicht ange­sie­delte Film immer wieder den Natu­ra­lismus verlässt und zu leisen, poeti­schen Momenten und ikoni­schen Action-Tonlagen findet.

Erzählt wird der große Bogen vom coup de foudre, dem ersten Moment mit taxie­rendem Blicke­duell, in dem sich bereits die wech­sel­sei­tige Attrak­tion offenbart, über das Einge­stehen der Liebe, dem Zusam­men­kommen mit erstem Kuss. Und dann das Ausein­an­der­driften, die Entfer­nung, die sich zwischen die Liebenden schiebt, der Schmerz und schließ­lich der Verlust. Es geht um unter­schied­liche Lebens­ent­würfe und um unter­schied­liche soziale Klassen. Erzählt hat die Geschichte von Jackie und Clotaire zuerst der Ire Neville Thompson in einem Roman, Lellouche verlegt ihn aus dem Dubliner Milieu an die prole­ta­ri­sche Küste Nord­frank­reichs.

Mit einem erhabenen Cine­ma­scope-Blick auf eine gigan­ti­sche Indus­trie­an­lage mit bren­nenden Schloten hebt der Film an. Dann klotzen in signal­roter Farbe die Titel über die ganze Breite der Leinwand. Die Kraft­meierei setzt sogleich die Tonlage: Die Liebes­ge­schichte ist episch und vergeb­lich, ist schick­sals­haft und tragisch, ist poetisch und brutal.

Lizenz zum Blau­ma­chen

Clotaire hat sich selbst zum Outlaw ernannt. Als Jackie mit dem Schulbus vorfährt, sitzt er am Straßen­rand und begrüßt feixend die Schülerin der Abschluss­klasse, die gerade von einer katho­li­schen Mädchen­schule geflogen ist. Die Schul­uni­form aber trägt sie immer noch. Während sie sich also eigent­lich aufs baccalau­réat vorbe­reiten sollte, überredet Clotaire sie zum Blau­ma­chen, zum Springen in den Fluss, zum Alkohol am Nach­mittag und zu einem Kuss im gelben Rapsfeld. Der Film wird in diesen Momenten überaus schwel­ge­risch und nost­al­gisch, kostet die tiefe, atem­be­rau­bende Emotion dieser ersten Liebe aus, wenn Mallory Wanecque wie eine Wieder­gän­gerin von Sophie Marceau in La Boum, dem ikoni­schen Teen­ager­film der Acht­zi­ger­jahre, wirkt.

Die Liebe von Jackie und Clotaire ist ein amour fou, eine verrückte Liebe, die titel­ge­bend wurde – im Verlan-Jargon der Jugend, den wir alle seit Matthieu Kassovitz’ La haine beherr­schen. Der amour ouf also signa­li­siert Jugend und das Milieu der Arbei­ter­klasse. Er signa­li­siert aber auch eine gewisse Erschöp­fung, denn auch im Fran­zö­si­schen sagt man laut­ma­le­risch »ouf«, wenn man aufge­braucht ist.

Vom höchsten Ener­gie­level der Jugend geht es bis ins Erwach­se­nen­alter, wo sich alles erschöpft hat. In seinem jugend­li­chen Drauf­gän­gertum gerät Clotaire an den Banden-Chef La Brosse, der in der Prole­ta­rier­stadt einen Club unterhält – Benoît Poel­vo­orde spielt ihn als singenden Chef der Unterwelt. Um an mehr Geld zu kommen aber reichen die kleinen Drogen­deals nicht mehr; La Brosse plant den großen Coup, bei dem der jugend­liche Drauf­gänger den Joker geben darf.

Spätes­tens ab hier wandelt sich die Coming-of-Age-Retro-Liebes­ge­schichte mit viel analoger Nostalgie in ein knall­hartes Heist-Movie mit einer fast sozio­lo­gi­schen Milieu-Verschrän­kung. Denn während die Arbeiter der Hafen­werft streiken, weil ihre Löhne in Gefahr sind – Clotaires Vater ist einer von ihnen – über­fallen die Gangster, darunter Clotaire, den Geld­trans­porter mit den Löhnen. Ein doppelter Aufruhr gegen das Ausbeu­tertum, beides glei­cher­maßen Akte des Aufbe­geh­rens der Abge­hängten gegen die Besit­zenden.

Lellouche findet viel Sympathie für das Milieu. In die schwär­me­ri­schen Liebes-Bilder wie der Kuss im gelb geflu­teten Rapsfeld, der wie für eine Erin­ne­rungs­post­karte von Laurent Tangy (bekannt für seine Action­ki­ne­ma­to­gra­phie à la The Trans­porter) in Szene gesetzt wird, schieben sich poetische Kame­ra­blicke auf die indus­tria­li­sierte Land­schaft. Die brennden Schlote und die kontrast­reich gefilmten Indus­trie­bauten erinnern an Michel­an­gelos Rote Wüste, eine von Benzin schil­lernde Pfütze gibt Anlass für tief­sin­nige Betrach­tungen von Vater und Sohn Clotaire.

Die B-Seite des schwel­ge­ri­schen Gefühls

Über allem schwebt die Zukunft, die im großen epischen Bogen angepeilt wird. Über sie wird immer wieder verhan­delt, zwischen Clotaire und seinem Vater, zwischen Clotaire und Jackie. Und unmiss­ver­s­tänd­lich wird über die Indus­trie­land­schaft das zerstö­re­ri­sche Ausru­fe­zei­chen von »No Future« gesetzt, mit dem Ende der Arbei­ter­klasse durch die Schließung der Werften – noch so ein großes Filmbild: Arbeiter verlassen die Fabrik –, dem Ende der schu­li­schen Laufbahn durch das Blau­ma­chen und den Liebes­kummer, dem Ende der Kindheit und Jugend durch den Zugriff des Gesetzes.

Nach einem Zeit­sprung hebt dann der Film ein zweites Mal an. Die große Klammer zwischen dem Früher und dem Jetzt, das ist zwei Mal eine totale Sonnen­fins­ternis (die erste muss als pure Fiktion ange­nommen werden, die zweite ist die von 1999). Die Wieder­ho­lung bringt die Differenz, macht von der intensiv erlebten Sonnen­ex­plo­sion zum bürger­li­chen Garten­e­vent den emotio­nalen Absturz der Figuren deutlich.

Lellouch formu­liert so auf der B-Seite seines schwel­ge­ri­schen Films Emotion immer wieder als Verlust, als Gefühls­lage der Unwie­der­bring­lich­keit ange­sichts einer vergan­genen Jugend, die sich in voller Geschwin­dig­keit veraus­gabt hat. Ouf.