Das Kapital im 21. Jahrhundert

Capital in the Twenty-First Century

Frankreich/Neuseeland 2019 · 103 min. · FSK: ab 12
Regie: Justin Pemberton
Drehbuch: , ,
Kamera: Jacob Bryant, Darryl Ward
Schnitt: Sandie Bompar
Gute Gründe für Optimismus?

Es war einmal ein Kapital

Es ist eine Binsen­weis­heit, dass Politiker fast alles verspre­chen, um gewählt zu werden. Wenn sie die Wahl gewonnen haben, machen sie fast alles, um ihre Ämter zu behalten. Dazu gehört, die Inter­essen von Lobby­isten zu bedienen, die ihnen zur Macht verholfen haben. Für die Lösung von Problemen oder Zukunfts­vi­sionen fehlen Zeit, Energie und natürlich Geld.

Logisch, dass immer mehr Bürger*Innen der Politik miss­trauen und ihr Schicksal auf eigene Faust mitbe­stimmen wollen. Zu tun gibt es mehr als genug. Bienensterben, Wald­sterben, Arten­sterben, Klima­wandel, Rassismus, Flücht­lings­krise, Dieselskandal, Verspä­tungen der DB, skan­dalöse Mana­ger­gehälter, Mieten­wahn­sinn, Glyphosat und so weiter und so fort.
Wer keine Lust oder Zeit hat, ständig auf Demos zu gehen oder Peti­tionen zu unter­schreiben, kann sich gegen ein großes Übel enga­gieren und viele Fliegen mit einer Klappe schlagen. Dieses Meta-Übel gilt als Ursache für fast alle aufge­zählten Miss­stände. Es ist der Neoli­be­ra­lismus, bzw. Kapi­ta­lismus.
In den letzten Jahr­zehnten wurde seinen Kritikern gebets­müh­len­artig entgegnet, dass ein freier Markt auto­ma­tisch für das Wohl­er­gehen aller sorgen würde, nicht nur der reichen Ober­schicht. Obwohl die Realität immer schon Zweifel genährt hat.

Im Jahr 2013 erschien Das Kapital im 21. Jahr­hun­dert von Thomas Piketty. Der fran­zö­si­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaftler wies mit penibel recher­chierten Zahlen nach, was jeder, der Augen und Ohren hat, wusste: Reiche werden immer reicher, Arme immer ärmer.
In West­eu­ropa und den USA wurde das Buch ein Best­seller. Doch statt Taten löste es zustim­mendes Nicken aus oder gleich­gül­tiges Schul­ter­zu­cken. Die meisten Leser gehörten zur Mittel­schicht. Die ist, global betrachtet, immer noch vermögend.
Doch der Reichtum, der die Reichen immer reicher macht, wird nicht nur von den Armen abge­schöpft, sondern auch von der Mittel­schicht. Inzwi­schen auch in West­eu­ropa und den USA. Die Entwick­lung verläuft so drama­tisch, dass nicht nur Demo­kra­tien bedroht sind, sondern auch unser Planet und damit die Mensch­heit.

Doch wie macht man aus episch langen Statis­tiken aus fast 400 Jahren einen Doku­men­tar­film? Der Regisseur, Justin Pemberton, zeigt kaum Volks- und Wirt­schafts­wis­sen­schaftler, die den abstrakten Zahlen­ko­lonnen Leben einhau­chen. Er setzt auf die Macht der Bilder. Selbst­ge­drehte oder gesam­melte, sogar extra produ­zierte Anima­tionen. Auf jeden Fall hat der Cutter alles elegant montiert. Bei Ereig­nissen, die vor der Erfindung des Films statt­ge­funden haben, sieht man Szenen aus Verfil­mungen histo­ri­scher Romane. Zum Beispiel das Luxus­leben des fran­zö­si­schen Adels vor der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion.

Kurz staunt und feixt man darüber, die kompli­zierte Geschichte des Kapitals so sexy und fluffig serviert zu bekommen, anstatt ein Sachbuch zu lesen. Bis plötzlich Michael Douglas auftaucht. Als Gordon Gecko in Wall Street aus dem Jahr 1987. Spätes­tens jetzt wird klar: Wenn man Anima­tionen, Stumm-, Doku­mentar- und Spiel­filme so hemmungslos mixt, kann man wirklich alles und jedes beweisen...

Ein paar Snapshots aus der Fisch­theke einer Nord­see­fi­liale zusammen geschnitten mit ein paar Szenen aus Sindbads gefähr­liche Abenteuer, Moby Dick und Der weiße Hai, fertig ist die packende Doku »Fische gegen Menschen – wer wird gewinnen?« Sampelt man statt Haian­griffe Flipper und Findet Nemo, bekommt man – abra­ka­dabra, simsa­labim – die herz­er­wär­mende Doku »Fische – die besten Freunde der Mensch­heit«. Moment mal, sind Delphine nicht Säuge­tiere? Ach egal, Schwamm drüber! Wenn man über­zeugen will, gilt »Wirkung vor Wahrheit«. Eigent­lich eine Regel aus der Trick­kiste von Dreh­buch­au­toren. Spin-Doktoren setzen sie auch erfolg­reich ein, wenn Lügen Fakten ersetzen sollen.

Es ist nicht nur der laxe Umgang mit Bildern, der einen schalen Nach­ge­schmack hinter­lässt. Es sind auch viele der Bilder selbst. Besonders Sequenzen, in denen die Welt der Super­rei­chen präsen­tiert wird. Villen, Swim­ming­pools, Gated Commu­nities, Luxus-Tower und Yachten nehmen obszön mehr Raum ein als Bilder aus Slums. Von Rentnern, die Pfand­fla­schen sammeln, hungernden Kindern oder zahnlosen Obdach­losen. Obwohl man die nicht lange suchen müsste.
Schon seltsam, wenn der Autor des Buches wie auch der Regisseur ange­treten zu sein scheinen, die Anwälte der Armen zu sein. Viel­leicht gehört es ebenso zu ihren Anliegen, Geld zu verdienen. Eine Doku mit schönen Bildern und Happy End, das den Zuschauern ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, verspricht mehr Gewinn, als eine, nach der man auf dem Heimweg den nächsten Apple Store plündern will. (Weil Apple zu den reichsten Firmen der Welt gehört, die so gut wie keine Steuern zahlen, nirgends.)

Anders lässt sich das versöhn­liche Schluss­wort nicht erklären. Hier erfährt man aus heiterem Himmel, dass es gute Gründe für Opti­mismus gäbe. Wirklich grotesk, wenn es ein paar Minuten früher hieß, dass es in der Geschichte nur wenige Ereig­nisse gab, nach denen das akku­mu­lierte Kapital neu verteilt wurde: nach blutigen Bürger­kriegen, verhee­renden Welt­wirt­schafts­krisen und den zwei Welt­kriegen, die jeweils Millionen Todes­opfer forderten.

Fazit: Das Kapital im 21. Jahr­hun­dert ist eine unter­halt­same Doku, die für echte Empörung sorgt, etwas Angst einjagt, neidisch macht auf alle Super­rei­chen, aber letztlich erleich­tert und einlullt. Fast wie ein guter Horror­film – passend für die Zeit um Halloween.