Spanien 2001 · 128 min. · FSK: ab 16 Regie: Julio Medem Drehbuch: Julio Medem Kamera: Kiko de la Rica Darsteller: Paz Vega, Tristán Ulloa, Najwa Nimri, Elena Anaya, Daniel Freire u.a. |
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Lucia (Paz Vega) und Elena (Najwa Nimri) |
Eine Such- und Fluchtbewegung eröffnet den neuen Film Julio Medems. Lucía, die Titelfigur, scheint am Ende einer Liebesbeziehung zu stehen. Ein wirres Telefonat, eine gespenstisch leere Wohnung, ein Anruf von der Polizei, ein überstürzter Aufbruch. Lucía fährt auf eine Insel, auf die Insel, von der im Gespräch mit ihrem Freund Lorenzo noch die Rede war. Flieht sie vor dem Ende der Liebe oder sucht sie nach einer Rettung für diese Liebe? Was ist überhaupt passiert? Welchem Geheimnis will Lucía hier auf der Insel auf die Spur kommen?
Ein Auftakt zwischen Psycho- und Mysterythriller, der unmittelbar in Bann schlägt: Medem versteht es, Realität direkt mit melodramatischen und phantasmatischen Energien zu besetzen und aufzuladen, er versteht es, den Zuschauer in ein Verwirrspiel zwischen den Genres und den Stimmungen hineinzuziehen.
Der Düsternis des nächtlichen Madrid folgt die gleißende Helle des Sonnenlichts auf der Mittelmeerinsel. Doch daß Lucía dort klarer sehen würde, den Dingen auf den Grund
gehen könnte, stellt sich schnell als Irrtum heraus. Lucía, die auf den offenen Horizont blickend der Küste zuschreitet, verliert nämlich unversehens den Grund unter den Füßen: Sie fällt schlichtweg in ein Loch im zerklüfteten Boden. In Medems Filmen tut sich immer wieder Untergründiges auf; daß dies so buchstäblich wie hier geschieht, ist wiederum bezeichnend für seinen filmischen Stil, dessen Symbolträchtigkeit nicht immer von einer glücklichen und geschmackssicheren Hand bei
den gewählten Mitteln der Umsetzung zeugt. Zu heftig ist bei ihm der Drang zu dem vorzustoßen, was die Affekte der Menschen aus ihrem Innersten heraus antreibt. Das gibt seinen Filmen etwas Fiebriges, Intensives, setzt sie aber auch der Gefahr beliebiger Mystifikation und tiefschürfender Überhöhung aus.
Lucías Sturz ins Loch signalisiert, daß wir uns in diesem Film fortan in einem subliminalen Raum bewegen, in dem sich Unbewußtes, Sexuelles, Archaisches, Vergangenes,
Phantasiertes und Symbolisches vermischen. Dieser Raum, eine Art Weltinnenraum, der gleichermaßen außerhalb wie innerhalb der Figuren liegt, ist nicht der psychische Projektionsraum einer einzelnen Figur, sondern in ihm begegnen sich alle beteiligten Figuren auf einer gleichsam mystischen Ebene.
Daraus speist sich das Halluzinatorische und Delirierende, das dem erzählerischen Gestus bei Medem eingeschrieben ist, und das seinen Geschichten, so unglaubwürdig sie auf
der realen Ebene sein mögen, ihre besondere Beglaubigung gibt.
Die Geschichte von Lorenzo und Lucía in Lucía y el sexo, die im Rückblick, von der Insel aus gewissermaßen, erzählt wird, ist zunächst einmal die Geschichte des Schriftstellers Lorenzo und seines Fans, Lucía, die ihn eines Tages einfach in einer Kneipe anspricht und für sich gewinnt. Es ist ebenso die Geschichte Lorenzos und einer Unbekannten, mit der er vor Jahren ein Kind gezeugt hat, von dem er erst später erfährt. Das Wissen um dieses Kind beginnt langsam seine Beziehung zu Lucía zu unterminieren, schleicht sich in seine Imagination und gebiert dort Phantasien, die ihn zusehends das Gleichgewicht zwischen Realität und Fiktion verlieren lassen. Wie es Medem gelingt, diesen Handlungsstrang vollkommen in der Schwebe zwischen von Lorenzo erfundener Romanhandlung und tatsächlich sich im Film ereignender Handlung zu belassen, ist ungeheuer spannend und findet seinen sinnlichen Ausdruck in der betörenden Verführungskunst, die Belén, das Kindermädchen der endlich aufgespürten Tochter (Luna heißt sie), auf Lorenzo (und den Zuschauer) anwendet. Medem läßt hier im Grunde die Verführung Gestalt werden, die erfundene Figuren und Geschichten ausüben können. In aberwitzigen Volten vermag er dabei krudeste Elemente nahtlos einzubauen wie die Videokassette eines Pornofilms (in dem Beléns Mutter als Hauptdarstellerin agiert) und einen durch Sex wild gewordenen Kampfhund, der das Ganze traumatisch enden läßt.
Unterdessen hat sich Lorenzo von Lucía immer mehr entfremdet, er gerät in eine deprimierende Schreibkrise, und hier mündet der Film in die Situation des Beginns. Auf der Insel hat Lucía Bekanntschaft mit Elena und Carlos geschlossen, Figuren, die aus dem entstehenden Roman Lorenzos entsprungen scheinen und die mit der Handlung um Lorenzos Tochter Luna verbunden sind. Medem gibt seinem Film damit eine weitere Wendung, in der sich Imagination und Realität unauflöslich verschlingen zu scheinen. Daß das versöhnliche Ende auf der Insel ins Reich der Phantasie oder der Realität gehört, wer will das noch entscheiden.
Merkwürdig berührt jedoch, daß eigentlich weniger Lucía, die nominelle Heldin, im Mittelpunkt steht, sondern der Schriftsteller Lorenzo sich zunehmend im larmoyant-narzißtischen Brennpunkt des Films befindet. Hier droht die Gratwanderung Medems zwischen Kunst und Kitsch gelegentlich zu sehr aus der Balance zu geraten. Ästhetisch zwingender war in dieser Hinsicht bei einer ähnlichen Thematik seinerzeit Jean-Jacques Beineix mit seiner Philippe-Djian-Verfilmung Betty Blue. Dem ging allerdings das Mystisch-Versponnene und Problem-Verstrickte Julio Medems ab, das paradoxerweise dessen eigentlichen Reiz und Qualität ausmacht.