Spanien/Mexiko/F 2008 · 90 min. · FSK: ab 16 Regie: Christian Poveda Kamera: Christian Poveda Schnitt: Mercedes Alted |
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Die Todesgang |
Ein Jugendlicher wird zu Grabe getragen. Lediglich sein Gesicht schaut zwischen dem weißen Tüll im Sarg hervor, ein Plüschkissen in Herzform liegt neben ihm. Ein Mädchen trauert, jammert, klagt, dass es einem durch Mark und Bein geht, und der Priester spricht ein letztes Gebet. Am Abend versammelt sich erneut eine Trauergemeinde, um ihr Gebet für den Toten zu sprechen. Im Kerzenlicht schwört El Nueve seine Freunde mit den Sätzen »Ein Bruder ist von uns gegangen; das tut weh. Wir werden ihn sühnen. Wir lieben die Mara« auf den Bandenkrieg ein. Alle wissen, ihr Freund wird nicht der letzte Tote in La Campanera sein, einem von der Mara 18 und der Mara Salvatrucha gewaltsam kontrollierten Viertel in San Salvador. Mit lässigen Handbewegungen unterstreicht El Nueve den sinistren Rap.
Seitdem der Fotograf und Dokumentarfilmer Christian Poveda als Jugendlicher Aufnahmen vom Vietnamkrieg gesehen hat, vertraut er auf die Kraft der Bilder. Damals wurde ihm wohl schlagartig klar, dass Fotos nicht nur die unfassbaren Gräueltaten eines Krieges zu dokumentieren vermochten, sondern auch ein Nachdenken auslösten. Wieso tun sich Menschen einander so etwas an? Warum Krieg? So ist Poveda als Kriegsreporter mit seiner Fotokamera in die Krisengebiete gereist, in den Irak, die Westsahara, den Libanon und seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1980 immer wieder nach El Salvador. Über linke Zirkel bekam er Kontakt zu den Rebellen und Guerillagruppen, fotografierte sie aus nächster Nähe. So entstanden auf diesen Reisen Porträts von zornigen, jungen Männern, von denen nur wenige den Krieg überlebten; Aufnahmen, die schließlich weltweit in Zeitungen wie Le Monde, El País, Stern und New York Times abgedruckt wurden.
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Schon die erste Szene von La Vida Loca – Die Todesgang zieht einen tief in die Welt der Mara 18 hinein. Die Handkamera hält drauf, als ein Jugendlicher auf einem Friedhof beigesetzt wird und Verwandte den Toten beweinen. Von nun an folgt die Kamera atemlos der »vida loca«, dem verrückten Leben seiner Protagonisten El Bambam, El Moreno, La Chucky, La Liro und La Wizrad. Wenn sie ihre Straße La Campanera vor den Pandilleros der verfeindeten Mara Salvatrucha verteidigen, verletzt das Krankenhaus aufsuchen, im Gefängnis sitzen, sich mit Drogen zudrönen und sich tätowieren lassen oder wieder auf dem Friedhof einen der ihrigen beweinen. Stille kehrt nur ein, wenn ein Toter aufgefunden wird.
Poveda zeigt diese Szenen kommentarlos. Ohne zu werten oder gar zu verraten, was seine Protagonisten auf dem Kerbholz haben. Unerlaubter Waffenbesitz? Erpressung? Versuchter Mord? Man ahnt es nur und verfolgt das rastlose Treiben der Gang. So nimmt man den Killerblick der 19-jährigen La Chucky wahr, zugleich aber auch ihre verletzte Seele; wenn sie etwa ihre Mutter harsch am Telefon fragt, wie sie sie als Baby nur weggeben konnte. Sie sei jetzt ein Mitglied der Mara 18. Ein Entkommen aus diesem Teufelskreis der Gewalt scheint es für die Jugendlichen in La Campanera, dieser lost generation, nicht zu geben. Vieles ist schon gewonnen, wenn man ein bisschen Spaß hatte und den nächsten Tag erlebte. Und wenn dieses verrückte Gangleben mal wieder seinen völlig überdrehten drive entwickelt, unterlegt Poveda die Bilder kurzerhand mit dem Rap La vida loca von Sebastián Rocca. Dennoch ist La Vida Loca – Die Todesgang meilenweit davon entfernt, ein cooler Streifen sein.
Als Zuschauer spürt man zwar Povedas Faszination für Tätowierungen, Rituale und ihre gemeinen Codes der Clique, aber auch die Zuneigung, die der 54-jährige Reporter seinen Protagonisten entgegenbringt. »In meiner Karriere habe ich viele Kriege gesehen. Ich habe viele Tote fotografiert, aber nie kannte ich die Toten. Das ist hier etwas anderes, weil ich sie kannte und diese Toten Jugendliche sind«, sagt er dem salvadorianischen Fernsehsender Telenoticias 21. Damit wirft er Fragen auf: Warum bringen sich diese junge Menschen mir nichts dir nichts um? Wieso reagiert ein Rechtsstaat nur mit Repression darauf? Längst war Poveda ein Mittler geworden zwischen Staat, Kirche und der Todesgang geworden. Ein gefährlicher Job.
Inzwischen lief La vida loca international auf Festivals und gewann viel Anerkennung. Die Bilder wussten zu überzeugen, auch ohne Erklärungen und Erläuterung; sie lösten Unbehagen aus. Diese Gewalt, die von Jugendgangs aus Los Angeles nach San Salvador überschwappte und sich in Lateinamerika wie ein Geißel ausbreitet, könnte eines Tages Europa erreichen. Wie soll man diesem Blick im Zorn entgegentreten? In El Salvador kursierten unterdessen erste Raubkopien von dem Dokumentarfilm. Das beunruhigte Poveda, denn ihm war zu Ohren gekommen, dass manchen der Mara der Film nicht gefiel. Seine Sorge war begründet. Am 2. September 2009 wurde er in einem Vorort von San Salvador auf offener Straße erschossen. Mit La vida loca hinterlässt er ein erschütterndes und eindrucksvolles Vermächtnis.