What Does that Nature Say to You

Geu jayeoni nege mworago hani

Südkorea 2025 · 108 min.
Regie: Hong Sang-soo
Drehbuch:
Kamera: Hong Sang-soo
Schnitt: Hong Sang-soo
Darsteller: Ha Seongguk, Kwon Haehyo, Cho Yunhee u.a.
What Does that Nature Say to You
Die Natur: Raum für Verhandlungen
(Foto: Berllinale | Jeonwonsa Film Co.)
75. Berlinale 2025

Poesie der Ungewissheit

Hong Sang-soos »What Does that Nature Say to You« ging bei der Preisverleihung zwar leer aus – ist aber trotzdem der beste Film des Berlinale-Wettbewerbs

Diesmal ist bereits der Vorspann verpixelt: Hongs Digi­tal­ka­mera wird von Film zu Film redu­zierter, unschärfer und schöner. Beschränkten sich die »Matschig­keiten« bislang vor allem auf den Hinter­grund, nimmt diese Verfrem­dung nun das gesamte Bild ein, wird noch impres­sio­nis­ti­scher, eigener, inter­es­santer. Es passt zur Entwick­lung des Regis­seurs, der sich sein eigenes filmi­sches Universum erar­beitet hat, stetig die selben Themen variiert und durch­forscht, in dieser Begren­zung aber niemals redundant wird. So gibt es auch diesmal gemein­same Essen, Spazier­gänge und – natürlich – Alko­hol­ge­lage. Erzählt wird vom Dichter Donghwa, der nach einer nun schon drei­jäh­rigen Beziehung endlich die Familie seiner Freundin Junhee kennen­lernt.

Es ist also wieder eine Art Fusion aus Theater und Film, wieder gibt es lange, statische Einstel­lungen, wieder sind es die Schau­spieler:innen, die ihre Figuren mit Nuancen anrei­chern und zum Leben erwecken. Kein anderer zeit­genös­si­scher Regisseur beherrscht das so gut, weiß, wie er einen gewissen Bühnen­cha­rakter beibehält, den Fokus auf das Gespielte legt, ihn glei­cher­maßen aber absolut filmisch versteht. Auch bei begrenzten Spiel­orten erzählen diese doch immer die Geschichte mit, sind notwendig für Tempo und Atmo­sphäre des Films. Dazu gesellen sich die etablierten Kame­ra­spie­le­reien: die geringe Auflösung des Bildes und die Zooms. Letztere sind viel­leicht das Schönste an den Filmen Hongs, sie erlauben, in Szenen zu verweilen, ohne diese gleich­förmig geraten zu lassen, verschieben den Fokus, decken Bilder in Bildern auf, ermög­li­chen Zugriffe auf ein- und dasselbe Anschau­ungs­ob­jekt aus distan­zierten Winkeln. Es ist eine sehr überlegte Film­sprache, so mini­ma­lis­tisch und elegant, so unauf­dring­lich und form-fokus­siert wie der gesamte Film.

Inhalt­lich lässt es sich mit mehreren Schwer­punkten beginnen. Da wären die Familie, die Romanze, die Poesie, die Kommu­ni­ka­tion, die Klas­sen­un­ter­schiede, die Natur, so vieles, das Hong verwebt und gegen­ü­ber­stellt. Doch die eine Inter­pre­ta­tion zu liefern beschnitte den Film. An der einen Thesen­ent­wick­lung, dem einen Statement, dem großen Zeit­kom­mentar ist Hong nicht inter­es­siert, vielmehr durch­streift er all diese Themen, beleuchtet sie aus Ansichten und Blicken, die wiederum den einzelnen Sujets entspringen. Ein groß­ar­tiger Indi­vi­dua­lismus entsteht, ein Aufein­an­der­treffen von den Zugängen zur Welt, die ihrer­seits bereits deter­mi­niert scheinen, geboren aus und rebel­lie­rend gegen die Erziehung, die Kindheit, den Reichtum der Eltern.

Donghwa steht dabei im Mittel­punkt, er ist der Sohn eines Star-Anwalts. Entgegen dieser Wurzeln hat er sich für die Poesie entschieden, für ein genüg­sames, bewusstes Leben. »Nur so viel verdienen wie man braucht«, lautet das Dogma. Doch was, wenn dieser Entschluss nicht reicht, wenn der pure Wunsch, ein Dichter zu werden, nicht genügt?

So erscheint Donghwa als stiller, bedachter Beob­achter; beinahe aggressiv-behutsam tritt er auf. Natürlich raucht er, seine Freundin aber nicht, weswegen sie ihn ständig ermuntern muss, es ihm im Eltern­haus regel­recht zugesteht: »Du kannst jetzt eine Zigarette rauchen!« Fast wie frühe Jarmusch-Momente wirken diese Szenen im Film: Schwei­gende Liebende, rauchend, am Rand von stark befah­renen Straßen. Doch so lässig, so unge­zwungen wird es nicht. Die Ruhe ist nur aufge­setzt, sehr bewusst gewählt, die Gedichte ebenfalls nur erste Schritte, mehr die Idee von Versen als tatsäch­liche Poesie.

Wie entwirft man sich selbst, was zieht man sich heraus aus der Welt, das so inter­es­sant ist, dass man sich damit befassen möchte – und es schließ­lich versprach­licht. Das ist dann auch ein großes Thema: die Sprache. Im Schweigen ergibt alles Sinn, gilt alles, wirkt bedeu­tungs­voll.

Doch wie darüber sprechen, in welcher Form, zu wem, und eben über was?

Der Titel spricht die Figuren ebenso an wie den Zuseher: Was sagt sie denn nun, diese Natur, und was sagt sie dir im Beson­deren? Natürlich kann das nicht ausdif­fe­ren­ziert werden, die letzte Erkenntnis, die Welt­formel, die Weisheit, die gibt es nicht. »Nur aus Büchern« hätte er sein Wissen, resi­gniert Junhees Vater an einer Stelle, das ist dann das nächste Problem. Von der Wahrheit, die man viel­leicht in diesem oder jenem Sektor verstehen kann, ist die Natur, ihre Fremd- und Schönheit, funda­mental entfernt. Eine indi­vi­du­elle Erkenntnis scheint Hong zu suchen und zu fordern, das, was sich zwischen den Ästen bewegt, was der Wind durch die Blumen trägt; im Film wie im echten Leben, zersprengt in tausend Pixel, in Unsi­cher­heit und Poesie, in Witz, Lakonie und magische Zooms.

Es ist der schönste Film der Berlinale; beob­ach­tend, unent­schlossen und letzt­end­lich vor allem eins: stetig suchend. Fast meint man Hong am Ende sagen hören: »Sie dürfen jetzt rauchen.«