Countdown in die Einsamkeit |
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Wie eine Szene aus »Oblomow«: Die Versunkenheit der Menschen | ||
(Foto: Acker Film) |
Von Dunja Bialas
Der Ausstieg aus dieser Welt steht unmittelbar bevor. Aber im entscheidenden Moment, als die Rakete gezündet wird, die die Menschen ins Weltall bringen soll, versagt das Radio. Die Funkwellen brechen ab. Und ohnehin: »Da draußen ist nichts«, am Rande der Galaxie, wo die Menschen ausgesiedelt werden sollen, weil auf der Erde das Leben zu Ende geht.
Die Kölner Regisseurin Katharina Huber hat für ihr Spielfilmdebüt die Apokalypse als Thema gewählt. Der Film mit der Untergangsstimmung reiht sich ein in die noch zu erwartende Welle der Filme über die »letzte Generation« – nicht zu verwechseln mit den Aktivist*innen gleichen Namens. Ähnlich wie in Jessica Hausners jüngstem Film, dem Hungern-als-Klimaschutz-Drama Club Zero, gibt es für die jungen Leute in Ein schöner Ort nur eine Richtung: den Gang in den Tod und in die Einsamkeit.
Katharina Huber kommt vom Animationsfilm. Ihr fehle in der künstlichen Welt der Animation der Kontakt zur Realität, sie selbst wollte nicht mehr allein im Produktionsstudio arbeiten, erzählt sie am Rande des Filmfestivals Locarno, wo ihr Film nun Premiere in der Nachwuchssektion »Concorso Cineasti del presente« hatte und den Preis als beste Nachwuchsregisseurin gewann. Clara Schwinning in der Rolle der »Güte« gewann den Pardo für die beste schauspielerische Leistung.
Güte: Die Figur mit dem sprechenden Namen weist auf die allegorische Kraft von Ein schöner Ort hin. Leicht zu fassen ist der Film nicht. Er zählt rückwärts, beginnend bei 10, eine Erzählung, die nur eine Richtung kennt: Im Countdown geht es in die Einsamkeit, am Ende bleibt nur die andere der beiden Protagonistinnen übrig, Margarite (Céline de Gennaro). Im Schlussbild sitzt sie allein in einer blumenübersäten frühlingsgrünen Wiese in einer nicht näher bestimmten, alpin anmutenden Landschaft.
Die nahende Apokalypse ist der Horizont von Katharina Hubers rätselhaftem, wortkargem und sehr stillem Film. Sie bricht über »die Medien« in den Ort der Frauen ein. Es sind Medien des letzten Jahrtausends, ein Fernseher, auf dem ein brennender Wald zu sehen ist, ein kombinierter Radio-Kassettenrekorder, aus dem unentwegt die schwer verständlichen, jedoch alarmistischen und zunehmend resigniert klingenden Nachrichten eines englischsprachigen Senders ertönen. Eine Kassette legt niemand ein, Musik hört keiner. Und so ist es die brausende Natur, der Wind in den Bäumen, die den Soundtrack der Menschen ausmacht, und die sich mit den sakralen Chorälen der Filmmusik mischen.
Katharina Huber nennt den Einsatz der Musik als eine ihrer Motivationen für ihre Konzeption von Ein schöner Ort: »Ich wollte schon lange einen Film machen, für den ich jemanden mit der Komposition eines Chorals beauftragen könnte. Endlich ist es so weit. Er ist wunderschön und heißt 'Empor hebt Luft'.« Der Choral stammt vom italienischen Komponisten Federico Perotti, Organist am Dom von Piacenza. Und eines der ersten Bilder, die man im Film sieht, ist die Aufnahme eines wolkendurchfederten strahlend blauen Himmels, eine Lüftlmalerei der Natur. Aber selbst wenn Katharina Hubers Film in ihrer zurückgenommenen und gleichzeitig sehr sinnlichen Erzählweise an Anatol Schusters Luft (2017) erinnert: Ein schöner Ort ist geerdet und sinnlich, da ist nichts übersinnlich, trotz der choralen Aufstiegsthematik und der angekündigten Raketenreise in eine andere Welt.
Die Bildgestaltung von Jesse Mazuch (herausragend ebenfalls der von ihm fotografierte Das Massaker von Anröchte, 2021) und Carmen Rivadeneira taucht ein in die Räume der dunklen Häuser in dem abgelegenen Weiler. Das Holz ist bereits ins Graue verwittert, auch die dort lebenden, überlebenden Menschen scheinen verwittert, demoralisiert. Margarite und Güte sind umgeben von einem losen Konglomerat an Menschen, Maria, Wolf, Onkel, Geni und anderen. Sie alle verschwinden nach und nach, sie sterben oder sind einfach nicht mehr da. Wie die Hühner, die nur teilweise im Kochtopf landen. Die scheidenden Wesen sind eine der Signaturen der Apokalypse, die sich als grassierende Einsamkeit der Menschen niederlässt. Wir sind völlig allein und pfeifen im Dunkeln, könnte das Gefühl sein, das die Menschen beschleicht, wenn die Generationen sterben und die Dörfer immer leerer werden, bis nur noch eine, die letzte Generation übrigbleibt.
Die Endzeitbilder stammen bei Katharina Huber aus einer Welt, die in ihre eigene Vergangenheit, ins frühe zwanzigste Jahrhundert, zurückfällt. Viel erinnert in der bäuerlichen Zeichnung an Tarkowskis Solaris (1972), den die gebürtige St. Petersburgerin als eine ihrer Referenzen nennt. Die Menschen schlafen in schweren Bauernbetten, tragen Leinennachthemden wie unsere Ur- oder Ururgroßmütter. Am Tisch sitzen alle in einer Runde, löffeln Hühnersuppe aus Emaille-Tellern. Die Welt mutet noch analog und eigentlich intakt an, und dennoch macht Ein schöner Ort unmissverständlich klar, dass die Vergangenheit – außer als schönes Bild – sich nicht mehr als Sehnsuchtsort eignet.
Wo genau der titelgebende schöne Ort liegt (und wofür er letztlich steht), lässt der andeutungsreiche und rätselhafte Film im Vagen. Er meint wohl am wenigsten die Neunzehntesjahrhundert-Idylle der verwitterten Dorfhäuser, und noch weniger ist es der »schöne Ort«, an dem sich schönes Geld verdienen lässt, zu dem eine Agentin Margarite und Güte einmal lockt. Kein Mensch braucht in dieser versunkenen Welt Geld… Aber vielleicht liegt ja der schöne Ort auch am Rande der Galaxie: Dort, wo dann nichts mehr ist.
Katharina Huber verzichtet in ihrem Spielfilmdebüt auf phantastische Bilderwelten, die ihr als Animationsfilmerin wohl in den Sinn gekommen sein mögen. Sie macht im Gegenteil einen weltzugewandten Materialismus stark, der sich nur ideell durch die archaische Sehnsucht und tiefe Trauer der Menschen in andere Sphären aufschwingen kann. Immerhin: Am Ende lächelt Margarite, als hätte sie es schon immer gewusst. Oder als wäre jetzt endlich alles gut.