Iran/F 2016 · 123 min. · FSK: ab 12 Regie: Asghar Farhadi Drehbuch: Asghar Farhadi Kamera: Hossein Jafarian Darsteller: Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi, Farid Sajjadihosseini, Mina Sadati u.a. |
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Ruhig, intim, brennglasartig – ernüchternd. |
Grotesker geht es kaum, treffender gehen Realität und Kunst selten zusammen und man kann nur hoffen, dass die Vergabe des Oscars für den besten ausländischen Film kein politisches Statement wird, sondern dass Asghar Farhadis mit »ehrlichen« Mitteln gewinnt. Denn die neuen Einreisebeschränkungen der Trump-Regierung treffen auch Asghar Farhadi, der mit seinem neuen Fim The Salesman nach Nader und Simin – Eine Trennung zum zweiten Mal für einen Acadamey Award nominiert ist. Und passender geht es tatsächlich kaum, ist das symbolisch im Zentrum von Farhadis Film stehende 1949 von Arthur Miller veröffentlichte Theaterstück »Death of a Salesman« doch auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem »Amerikanischen Traum«, der im politischen Tohuwabohu der gegenwärtigen amerikanischen Politik offiziell wie nie zuvor unterminiert wird.
Für Farhadis Film spielt diese Komponente des Stückes allerdings keine Rolle. Vielmehr sind Farhadi wie in eigentlich allen seinen Filmen auch in Millers Stück die Beziehungswahrheiten wichtiger als die Beziehungsträume. Wie funktionieren wir in Gruppen, wie in einer Zweierbeziehung und wie und durch was ändern sich ausgetretene Beziehungsmuster? Millers Stück dient dabei als eine Art Projektionsfläche für das junge Schauspielerehepaar Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti), die in einer Teheraner Inszenierung von Millers Stück die Hauptrollen spielen. Wegen eines der regelmäßigen Erdbeben, die Teheran immer wieder erschüttern, wird ihre Wohnung in Mitleidenschaft gezogen, so dass sie in die frei gewordene Wohnung eines Ensemblemitglieds ziehen müssen, ohne zu wissen, dass die Wohnung zuvor von einer Frau bewohnt wurde, die auch als Prostituierte gearbeitet hat. Durch den zufälligen Besuch eines ihrer Freier, der von dem Auszug nichts wusste, gerät die bislang stabil wirkende, wenn auch hierarchische Beziehungskonstellation von Emad und Rana mehr und mehr aus dem Gleichgewicht und eine empathische Suche um Schuld, Rache und nach neuen Beziehungsmustern wird eingeleitet, die immer wieder auch auf Millers Stück anspielt und der grundsätzlichen Frage nachgeht, ob ein Kunstwerk, in diesem Fall ein Theaterstück, dabei hilfreich sein kann, den eigenen (Beziehungs-) Alltag zu retten.
Farhadi betont wie in fast allen seinen Filmen auch in The Salesman überzeugend die Unmöglichkeit allgemeingültiger Beziehungswahrheiten. Je länger er jedem seiner Protagonisten folgt und sie mit viel Zeit und einer ruhigen, intimen, brennglasartigen Kamera (Hossein Jafarian) in ihren Alltagsritualen beobachtet und individuelle Sichtweisen und Beziehungshistorien offenlegt, desto unmöglicher erscheint es tatsächlich zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Dass Farhadi es dabei auch noch spielerisch gelingt, sogar die iranische Zensurbehörde in diesen Beobachtungszyklus mit einzubinden, ist großes Kino (und Theater).
Gleichzeitig – allerdings dürfte das nur für jene gelten, die mit Farhadis Werk vertraut sind – scheint sich Farhadi zum ersten Mal zu wiederholen, scheint vieles in der Anlage der Charaktere, der Liebes- und Trennungsbeziehungen bekannt und vertraut. Das mag zum einen an seinen beeindruckenden Hauptdarstellern liegen, die bereits in seinem frühen Film Alles über Elly tragende Rollen spielten. Doch weckt gerade diese Erinnerung auch die Erinnerung an vertrautes erzählerisches Terrain, gab es schon in Elly die verschwundene Frau mit fragwürdiger moralischer Vergangenheit, die gerade durch ihre Uneindeutigkeit zur Projektionsfläche für neue Beziehungswahrheiten wird.
Dennoch emanzipiert sich Farhadi auch von dieser Vergangenheit, nicht zuletzt dadurch, dass er in The Salesman ernüchtert die Rolle der Kunst, und damit auch sein eigenes Schaffen in Frage stellt.
Es wird viel gelaufen im neuen Film des berühmten iranischen Autorenfilmers Asghar Farhadi, es wird viel geredet, die Kamera ist mobil und hebt dann wieder die Gesichter durch Großaufnahmen hervor – Hektik und Stress sind das vorherrschende Grundgefühl einer sehr schnellen, dynamischen, abwechslungsreichen Inszenierung. The Salesman ist einer jener fünf Filme, die in ein paar Wochen um den Auslands-Oscar wetteifern, und er ist ohne Frage ein starker Konkurrent für Maren Ades Toni Erdmann. Mal abwarten, ob das Filmteam dann überhaupt nach Los Angeles einreisen kann – die glänzende und bildhübsche Hauptdarstellerin Taraneh Alidoosti hat sofort aus Protest gegen die anti-iranische Politik des neuen Präsidenten ihre Anreise abgesagt, der Regisseur folgte ihr kurz darauf.
Der Titel des bezieht sich natürlich auf Arthur Millers berühmtes Stück »Tod eines Handungsreisenden«. Dieses Stück probt Emad (Shahab Hosseini), eine der beiden Hauptfiguren über den ganzen Film hinweg gemeinsam mit seiner Frau Rana (Taraneh Alidoosti). Es gibt aber auch andere deutliche Anspielungen auf die westliche Hochkultur: So liegt nahe, von einer persischen Version des Bergman-Films Szenen einer Ehe zu sprechen, sowie des Dostojewski-Romans »Schuld und Sühne«.
Der Film betont, während er seine Geschichte entfaltet, diverse Bezüge und Parallelen zwischen Kunst und Leben, zwischen gespielter Inszenierung auf der Theaterbühne und der Lebenswirklichkeit seiner Hauptfiguren. Die Wohnung des Paares ist einsturzgefährdet. Kaum sind sie glücklich – Wohnungen sind ein knappes Gut im heutigen Teheran – in ein neues Appartement gezogen, entdecken sie, dass es offenbar zuvor von einer Prostituierten bewohnt wurde. Einige Zeit später kommt es zu einem Vorfall, der sich in die Beziehung dauerhaft einnistet und sie vergiftet – wie in Dorn, den man aus der Haut nicht entfernen kann, ohne sich immer weiter zu verletzen: Rana wird in der eigenen Wohnung von einem Mann belästigt, der sie offenbar mit der Vormieterin verwechselt hat, weigert sich aber, den Unbekannten anzuzeigen. Sie gibt vor, sich nicht zu erinnern und schweigt. Ehad, der einen zweiten Beruf als Lehrer ausübt, kann das nicht mit seinem Ehrgefühl vereinbaren, er sucht den Mann, stellt ihn und schickt sich an, Rache zu nehmen, obwohl er sich wohl besser um seine Frau kümmern würde.
Diese ungleiche Bewegung erschüttert die bis dahin bestehende Übereinstimmung zwischen den Figuren. Die zentrale Frage steht im Raum, wem die Wahrheit hilft, wenn dabei Existenzen zerstört werden?
Farhadi, ein großer Frauen-Regisseur, bezieht in diesem Film sehr deutlich Position: Unaufgeregt nimmt er Partei für Rana, gegen den aufgeheizten Furor der Selbstgerechten und die puritanischen Tugendwächter, die nur von Ehre, Werten und und Traditionen reden, aber darüber die Menschen aus den Augen verlieren, und gegen das gekränkte Ego des Mannes und das Grund-Misstrauens gegen Frauen in einem patriarchalischen Land.
Die Bezüge zur herrschenden Situation im Iran sind offensichtlich, wer ein bisschen nachdenkt, und sich in Erinnerung ruft, dass Regisseur Farhadi seit fast zehn Jahren einen Teil des Jahres in Paris lebt, dem werden auch Parallelen zu Europa nicht entgehen – denn auch dort wird die Freiheit durch Selbstgerechtigkeit, Puritanismus und Doppelmoral bedroht.
Als Innenansicht des Leben im Iran ist auch dieser Film Farhadis wieder ein großer Schatz: Man nimmt teil am
Alltag der urbanen iranischen Mittelschicht. Diese Leute sind gebildet, an Kultur interessiert, westlich orientiert und führen eine gleichberechtigte Ehe.
Aber in diesen normalen Alltag schleichen sich kleine Risse ein: Die Zensoren des Staates kommen bei den Theaterproben vorbei, eine Frau im Bus rückt von Emad weg, weil er ihr angeblich zu nahe kommt, und zu der Polizei hat Rana kein Vertrauen, darum zeigt sie den Angriff nicht an.
Am Ende kommt es dann zu einem regelrechten Showdown: Der Täter wird gestellt, Emad will ihn nicht etwa der Polizei übergeben, sondern ihn vor dessen Familie bloßstellen, und dadurch wiederum deren Familienehre treffen. Rana wird da selbst nochmal zu einem Objekt und erkennt den sadistischen Impuls in Emads Handeln – der wird sie mehr treffen, als alles, was ihr vorher angetan wurde.
Farhadis Film ist Agitprop-Kino – nicht wichtig, weil viel zu einseitig und zu bruchlos, obwohl er von Brüchen handelt. Zugleich aber doch für uns spannend zu sehen in seinem Bild des Iran. Das ändert nichts daran, dass der Film eindeutig schwächer ist, als Elly und Nader und Simin.