26.05.2007
60. Filmfestspiele Cannes 2007

Permanent Vacation

Ocean's 13
Coole Jungs, coolen Sprüche: Keine Preise aber höchster Glamourfaktor für Ocean’s 13
(Foto: Warner Bros.)

Schöne Männer, schöne Dinge: Clooney, Phoenix, Brando, Scorsese und die Gefahr des Obsessiven, sowie eine erste Palmenspekulation und Preise

Von Rüdiger Suchsland

Es ist wieder soweit, die Croisette wird leerer, die ersten Leute reisen ab. Aber noch liegt ein Drittel des Festivals vor uns, und dass hier an den letzten Tagen wirklich weniger los ist, als vorher, ist nur ein Gerücht. Nur geht es tatsäch­lich jetzt mehr und ausschließ­li­cher um die Substanz, die Filme. Die Geschäfte sind gemacht, wer jetzt kein Geld hat, findet keines mehr, wer jetzt allein ist, wird sehr lange pitchen – so ungefähr. Viel­leicht ist eine gewisse Erschöp­fung und Über­rei­zung auch der bessere Zustand, um ins Kino zu gehen. Man erwartet nichts, will nichts mehr, und lässt sich deshalb leichter von den Filmen über­wäl­tigen, oder auch sanft einwi­ckeln, je nachdem. So gleicht das Festival jetzt zunehmend einem Feri­en­park, dessen Gäste ermüdet, aber genuss­voller denn je, die letzten Chancen nutzend in den Tag hinein leben.

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»Hombre hambre nada« – genau diese drei Worte in genau dieser Reihen­folge schnappe ich auf von dem Gespräch dreier Girls irgendwo in der Sonne vor dem Majestic Beach. Nach der über­flüs­sigen Kurz-Über­le­gung, ob sie mich gemeint haben – das Festival hinter­lässt eben Spuren – ging ich weiter. Aber was das wohl für eine Unter­hal­tung war, hätte ich schon gern gewusst.

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Aus Glamour-Aspekten betrachtet, ist der Höhepunkt der letzten Tage wohl der außer Konkur­renz gezeigte Soder­bergh-Film Ocean’s 13. Nichts hier ist über­ra­schend, doch auch wenn der Film zwischen­durch eine schlechthin scheißlang­wei­lige Passage hat und nie mehr ist, als Enter­tain­ment um des Enter­tain­ments willen, schaut man gerne zu. Elegant und stylish sieht man schönen Männern dabei zu, wie sie schöne Dinge tun. Luxus­leben trifft die Kunstwelt von Las Vegas und Save­kna­cker bei der Arbeit: Split­screen und Über­blen­dungen sorgen für filmisch inter­es­sante Momente, ansonsten umkreist der Film ein narra­tives Nichts: Clooney und Co rächen sich an einem bösen Casino-Besitzer, der ihren Kumpel Reuben über den Tisch gezogen hat, ausge­rechnet Willy Bank heißt und von Al Pacino gespielt wird.
Die Ausfüh­rung dieses Raubes ist so kompli­ziert und absurd wie ein Science-Fiction-Film. Frauen scheinen diese Männer­welt nur zu stören, nur zwei kommen im Film vor: Eine korrupte Hotel­por­tiere und die von Ellen Barkin gespielte Lady-Macbeth-hafte Casino-Managerin, deren schwacher Punkt junge Männer sind. Eigent­lich lebt Ocean’s 13 vom guten Aussehen der Darsteller und von kurz-lässig-sinnlos-amüsanten Dialogen wie »What can I say?« – »Nothing.« – »That’s what I said.« Und davon, wie er das Glück des Gewinnens zele­briert. Darum passt der Film hierher. Denn auch Cannes ist eigent­lich ein einziges großes Casino.

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Wie es nämlich auch ginge, führte dann im Wett­be­werb We Own the Night von James Gray vor: Ein reak­ti­onäres Märchen, dem es um nichts anderes geht, als darum Hete­ro­ge­nität wieder uniform zu machen, einen verlo­renen Sohn nach Hause zu bringen. Dafür opfert er einen Vater und eine Liebe. Joaquim Phoenix und Mark Wahlberg spielen zwei Brüder aus dem russo-ameri­ka­ni­schem Milieu von Queens, in dem schon Grays Little Odessa spielte. Wahlberg ist bei der New Yorker Polizei, wie beider Vater Robert Duvall, Phoenix ist hingegen das schwarze Schaf der Familie und leitet einen Club, in dem sich u.a. die Russen­mafia amüsiert und mit Drogen dealt. Das Ärger­liche an We Own the Night ist, dass er bei allem was noch zu sagen ist, spannend und überaus sinnlich anfängt: Es spielt 1988, „Heart of Glass“ wird gespielt – ein Fehler dachte ich wirklich schon in dem Moment, 1988 wollte niemand mehr Blondie hören. Hätte meinem Instinkt vertrauen sollen – und dann taucht man ein in eine Welt aus Ambi­va­lenz: Sex, Drogen, Musik, Hedo­nismus des Jetzt und Hier. Bis zur Mitte ungefähr funk­tio­niert das ganz gut – ist etwas posig und etwas aus zweiter Hand, Scorsese für ganz Arme, aber doch inter­es­sant, weil er eine Doppel­bö­dig­keit behält, weil er letztlich auf der Seite des Gren­zü­ber­schrei­ters steht. Zu stehen scheint. Denn dann wechselt er die Seiten, verschlu­dert sein Potential und macht nichts mehr richtig. Alles wird unglaub­lich inko­herent und man hat den Eindruck, dem Regisseur ginge es um ein ideo­lo­gi­sches Pamphlet: Das Ende der 80er, das Ende der Ambi­guität, die Haupt­figur muss zurück zur Familie, zurück zur Stam­mes­moral. Einmal Bulle, immer Bulle, und das World Trade Center, das man beim Gespräch des Bruder­paares durchs Fenster schimmern sieht, hat noch ganz weiter­tra­gende Bedeutung. Ansonsten ist alles auch auf visueller Ebene noch weitaus plumper: Phoenix erlegt den Ober­schurken am Ende wie ein Wild im Gebüsch, in das er zurück­geht, nachdem er es zuvor hat anzünden lassen – eigent­lich um ihn heraus­zu­treiben. Aber dann hätte er ja nicht erschossen werden dürfen.

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Am nächsten Morgen erzählt mir Yoko, dass »die Ameri­kaner«, sprich die US-Verleiher, »den Film total mögen.« Na servus.

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Ein paar Filme stehen noch aus, aber allmäh­lich lichtet sich das Bild, und man darf sich erste Speku­la­tionen erlauben über die Preis­ver­tei­lung in einem Wett­be­werb, der einer der stärksten der letzten Jahre ist und bis auf zwei drei Ausfälle nur über­durch­schnitt­liche, dabei aber sehr verschie­dene Filme bot. Gegen die Cannes-Auswahl ist die Berlinale jeden­falls ein laues Früh­jahrs­lüft­chen. Gemeinsam ist fast allen Filmen dabei freilich ein dunkler, pessi­mis­ti­scher Grundton, ein Blick aufs Leben, der dessen Gefähr­dungen betont, der die Freiheit vertei­digt, indem er die Stärke ihrer Feinde zeigt.
Aber wer wird nun am Sonn­tag­abend trium­phieren? Auf den Rang­listen der inter­na­tio­nalen Kritiker führen der Rumäne Cristian Mungiu mit seinem arg speku­la­tiven Abtrei­bungs­drama 4 luni, 3 saptamâni si 2 zile und David Finchers Zodiac, die Franzosen favo­ri­sieren die Coen-Brüder mit ihrer McCarthy Verfil­mung No Country for Old Men Doch diese drei Filme pola­ri­sieren. Viel­leicht siegt am Ende ein Kompro­miss­kan­didat. Dann hätte Fatih Akin Chancen, dessen Auf der anderen Seite hier sehr freund­lich aufge­nommen und allgemein gelobt wurde – ohne restlos zu begeis­tern. Und auch der korea­ni­sche Regisseur Lee Chan-dong, der mit Secret Sunshine, einer intimen Provinz­tra­gödie mit tieferer Bedeutung, positiv über­raschte.

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Das poli­tischste Signal wäre eine Auszeich­nung für die Anti-Funda­men­ta­lismus-Animation Perse­polis, dessen franco-iranische Macher bereits von Protesten aus Teheran über­schüttet wurden. Oder entscheidet sich die Jury lieber für ein Signal zugunsten des strengen Kunst­wil­lens, also für einen Film, der kaum fürs breite Publikum, sondern fast ausschließ­lich für jenes festi­val­ty­pi­sche Zuschau­er­ge­misch aus Künstlern, Händlern und Kritikern gemacht ist? Dann hätte der Öster­rei­cher Ulrich Seidl mit Import Export ebenso Chancen, wie der Mexikaner Carlos Reygadas mit Stellet Licht – beide Filme zeigen exquisite, sehr statische und konzen­trierte Bilder, Malerei auf der Leinwand. Oder sogar der Ungar Bela Tarr. Dessen Simenon-Verfil­mung The Man From London erstickt geradezu an ihrer eigenen Bedeut­sam­keit, doch auch, wer Tarrs Auflösung aller Story in Lang­sam­keit präten­tiös findet, muss aner­kennen, dass die Bilder (seines deutschen Kame­ra­manns Fred Keleman) von ausge­suchter Schönheit sind – sie tauchen diesen Anti-Thriller in die expres­sive Atmo­sphäre des Film-Noir.
Schließ­lich darf man nie die Franzosen vergessen: Während Julien Schnabel sich in dem Behin­der­ten­drama Le scap­handre et le papillon beim Publikum durch wohlfeile Huma­nismen anbiedert, tut Catherine Breillat das Gegenteil: Une vieille maitresse ist ein immer wieder über­ra­schender und fesselnder Kostüm­film, eine stille, implo­die­rende Amour Fou, die im frühen 19. Jahr­hun­dert spielt, aber an die Geburt des Sadismus aus dem Geist des Rokoko erinnert – scho­ckie­rend und aufwüh­lend, wie man es von einem Cannes-Beitrag erwartet.
So bleibt das Rennen offen – und da noch vier Filme laufen, und die Erfahrung zeigt, dass in Cannes niemand schneller stirbt als ein Favorit, darf man am Sonntag mit mancher Über­ra­schung rechnen.

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Die erste Preis­ver­lei­hung ist der Preis der inter­na­tio­nalen Film­kri­ti­ker­jury, der FIPRESCI. Am Sams­tag­abend wurden prämiert: Leider ist keine Kriti­ker­jury der Welt lang­wei­liger und mit mehr alten, Männern und alten Linken besetzt, als dieser Kreml der Film­kritik – allein die fipresci-Jury-Dauer­gäste Michel Ciment und Derek Malcolm sind beide längst in Rente und zusammen 154 Jahre alt – , und daher darf man sich nicht wundern, dass es vorher­sehbar der Rumäne Cristian Mungiu war, der sich für 4 luni, 3 saptamâni si 2 zile den Preis abholen dürfte. Für die Preis­ver­lei­hung ist das eher ein gute Vorzei­chen: Die Kritiker sind in Cannes nämlich selten reprä­sen­tativ für den Haupt­preis: 2006 bekam ihn Climates von Nuri Bilge Ceylan, 2005 Caché von Haneke, 2003 Father and Son von Sokurov, 2002 Divine Inter­ven­tion von Suleiman. Nur 2004 war das Kritiker­ur­teil einmal identisch mit dem der Festi­val­jury: Fahren­heit 9/11.
Die fipresci-Preise in den anderen Sektionen gingen übrigens an Bikur Ha Tizmoret von Eran Kolirin und an Elle s'appelle Sabine, das Regie­debüt der Schau­spie­lerin Sandrine Bonnaire.

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A propos: Schöne Männer, schöne Dinge. Da muss man wohl auch noch mal auf Brando kommen, eine Doku­men­ta­tion über den Darsteller von Leslie Greif und Mimi Freedman. Sie lebt vor allem von ein paar richtig guten Einsichten kluger Gesprächs­partner, die das viele anek­do­ti­sche Geschwätz der rest­li­chen fast drei Stunden ausglei­chen. Allen voran natürlich mal wieder Martin Scorsese: »On the Water­front changed my life«; dann auch John Turturro »Kazan has an incre­dible way, of bring things out«; Arthur Penn: »It’s a strange thing, being a movie star. I would not want it – for anything in the world.« und inter­es­san­ter­weise Martin Landau. Von dem stammt auch der schönste Satz: »Before Brando they acted. After Brando they behaved.«
Auffal­lend am excel­lenten Origi­nal­ma­te­rial: Wie hell Brandos Stimme war. Er wirkt so und in Inter­views viel weicher und verletz­li­cher, als in den Filmen. Auch ansonsten ist Brando, der beim Filmfest München laufen wird, eine Frund­grube. Etwa mit Al Pacinos Erzählung über die Besetzung des Godfather: »It was my idea, to bring Brando in the picture,«

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Am Donnerstag dann der große Auftritt von Martin Scorsese. Im randvoll besetzten Salle Debussy, immerhin dem zweit­größten Kino gab er eine einein­halb­stün­dige Master­class. Ein gran­dioser Moment und auch dies eine Fundgrube.
»Obsession is dangerous« meint Scorsese, um dann zu erklären, dass man, wolle man ein guter Filme­ma­cher sein, obsessiv sein müsse. »Es muss wichtiger sein als alles.« Aber eigent­lich gelte das für jeden kreativen Beruf.
Also sprach Scorsese ansonsten: »Der einzige Weg, wirklich etwas übers Filme­ma­chen zu lernen, ist Filme­ma­chen. … von Roger Corman habe ich die Disziplin gelernt. You learned how to make a film in 24 days … film does not certainly have to tell a straight story … I am concerned about a motion picture industry only keeping their eyes on the amount of money, that’s beeing made imme­dia­tely. … That are many things, that are lost. Butt he first thing is to find out, that they are lost … A train is a problem. And a dog. And a kid…«