60. Filmfestspiele Cannes 2007
Permanent Vacation |
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Coole Jungs, coolen Sprüche: Keine Preise aber höchster Glamourfaktor für Ocean’s 13 | ||
(Foto: Warner Bros.) |
Es ist wieder soweit, die Croisette wird leerer, die ersten Leute reisen ab. Aber noch liegt ein Drittel des Festivals vor uns, und dass hier an den letzten Tagen wirklich weniger los ist, als vorher, ist nur ein Gerücht. Nur geht es tatsächlich jetzt mehr und ausschließlicher um die Substanz, die Filme. Die Geschäfte sind gemacht, wer jetzt kein Geld hat, findet keines mehr, wer jetzt allein ist, wird sehr lange pitchen – so ungefähr. Vielleicht ist eine gewisse Erschöpfung und Überreizung auch der bessere Zustand, um ins Kino zu gehen. Man erwartet nichts, will nichts mehr, und lässt sich deshalb leichter von den Filmen überwältigen, oder auch sanft einwickeln, je nachdem. So gleicht das Festival jetzt zunehmend einem Ferienpark, dessen Gäste ermüdet, aber genussvoller denn je, die letzten Chancen nutzend in den Tag hinein leben.
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»Hombre hambre nada« – genau diese drei Worte in genau dieser Reihenfolge schnappe ich auf von dem Gespräch dreier Girls irgendwo in der Sonne vor dem Majestic Beach. Nach der überflüssigen Kurz-Überlegung, ob sie mich gemeint haben – das Festival hinterlässt eben Spuren – ging ich weiter. Aber was das wohl für eine Unterhaltung war, hätte ich schon gern gewusst.
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Aus Glamour-Aspekten betrachtet, ist der Höhepunkt der letzten Tage wohl der außer Konkurrenz gezeigte Soderbergh-Film Ocean’s 13. Nichts hier ist überraschend, doch auch wenn der Film zwischendurch eine schlechthin scheißlangweilige Passage hat und nie mehr ist, als Entertainment um des Entertainments willen, schaut man gerne zu. Elegant und stylish sieht man schönen Männern
dabei zu, wie sie schöne Dinge tun. Luxusleben trifft die Kunstwelt von Las Vegas und Saveknacker bei der Arbeit: Splitscreen und Überblendungen sorgen für filmisch interessante Momente, ansonsten umkreist der Film ein narratives Nichts: Clooney und Co rächen sich an einem bösen Casino-Besitzer, der ihren Kumpel Reuben über den Tisch gezogen hat, ausgerechnet Willy Bank heißt und von Al Pacino gespielt wird.
Die Ausführung dieses Raubes ist so kompliziert und absurd wie ein
Science-Fiction-Film. Frauen scheinen diese Männerwelt nur zu stören, nur zwei kommen im Film vor: Eine korrupte Hotelportiere und die von Ellen Barkin gespielte Lady-Macbeth-hafte Casino-Managerin, deren schwacher Punkt junge Männer sind. Eigentlich lebt Ocean’s 13 vom guten Aussehen der Darsteller und von kurz-lässig-sinnlos-amüsanten Dialogen wie »What can I say?« – »Nothing.«
– »That’s what I said.« Und davon, wie er das Glück des Gewinnens zelebriert. Darum passt der Film hierher. Denn auch Cannes ist eigentlich ein einziges großes Casino.
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Wie es nämlich auch ginge, führte dann im Wettbewerb We Own the Night von James Gray vor: Ein reaktionäres Märchen, dem es um nichts anderes geht, als darum Heterogenität wieder uniform zu machen, einen verlorenen Sohn nach Hause zu bringen. Dafür opfert er einen Vater und eine Liebe. Joaquim Phoenix und Mark Wahlberg spielen zwei Brüder aus dem russo-amerikanischem Milieu von Queens, in dem schon Grays Little Odessa spielte. Wahlberg ist bei der New Yorker Polizei, wie beider Vater Robert Duvall, Phoenix ist hingegen das schwarze Schaf der Familie und leitet einen Club, in dem sich u.a. die Russenmafia amüsiert und mit Drogen dealt. Das Ärgerliche an We Own the Night ist, dass er bei allem was noch zu sagen ist, spannend und überaus sinnlich anfängt: Es spielt 1988, „Heart of Glass“ wird gespielt – ein Fehler dachte ich wirklich schon in dem Moment, 1988 wollte niemand mehr Blondie hören. Hätte meinem Instinkt vertrauen sollen – und dann taucht man ein in eine Welt aus Ambivalenz: Sex, Drogen, Musik, Hedonismus des Jetzt und Hier. Bis zur Mitte ungefähr funktioniert das ganz gut – ist etwas posig und etwas aus zweiter Hand, Scorsese für ganz Arme, aber doch interessant, weil er eine Doppelbödigkeit behält, weil er letztlich auf der Seite des Grenzüberschreiters steht. Zu stehen scheint. Denn dann wechselt er die Seiten, verschludert sein Potential und macht nichts mehr richtig. Alles wird unglaublich inkoherent und man hat den Eindruck, dem Regisseur ginge es um ein ideologisches Pamphlet: Das Ende der 80er, das Ende der Ambiguität, die Hauptfigur muss zurück zur Familie, zurück zur Stammesmoral. Einmal Bulle, immer Bulle, und das World Trade Center, das man beim Gespräch des Bruderpaares durchs Fenster schimmern sieht, hat noch ganz weitertragende Bedeutung. Ansonsten ist alles auch auf visueller Ebene noch weitaus plumper: Phoenix erlegt den Oberschurken am Ende wie ein Wild im Gebüsch, in das er zurückgeht, nachdem er es zuvor hat anzünden lassen – eigentlich um ihn herauszutreiben. Aber dann hätte er ja nicht erschossen werden dürfen.
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Am nächsten Morgen erzählt mir Yoko, dass »die Amerikaner«, sprich die US-Verleiher, »den Film total mögen.« Na servus.
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Ein paar Filme stehen noch aus, aber allmählich lichtet sich das Bild, und man darf sich erste Spekulationen erlauben über die Preisverteilung in einem Wettbewerb, der einer der stärksten der letzten Jahre ist und bis auf zwei drei Ausfälle nur überdurchschnittliche, dabei aber sehr verschiedene Filme bot. Gegen die Cannes-Auswahl ist die Berlinale jedenfalls ein laues Frühjahrslüftchen. Gemeinsam ist fast allen Filmen dabei freilich ein dunkler, pessimistischer Grundton,
ein Blick aufs Leben, der dessen Gefährdungen betont, der die Freiheit verteidigt, indem er die Stärke ihrer Feinde zeigt.
Aber wer wird nun am Sonntagabend triumphieren? Auf den Ranglisten der internationalen Kritiker führen der Rumäne Cristian Mungiu mit seinem arg spekulativen Abtreibungsdrama 4 luni, 3 saptamâni si 2 zile und David Finchers Zodiac, die Franzosen favorisieren die Coen-Brüder mit ihrer McCarthy Verfilmung No Country for Old Men Doch diese drei Filme polarisieren. Vielleicht siegt am Ende ein Kompromisskandidat. Dann hätte Fatih Akin Chancen, dessen Auf der anderen Seite hier sehr freundlich aufgenommen und allgemein gelobt wurde – ohne restlos zu begeistern. Und auch der koreanische Regisseur Lee Chan-dong, der mit Secret Sunshine, einer intimen Provinztragödie mit tieferer Bedeutung, positiv überraschte.
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Das politischste Signal wäre eine Auszeichnung für die Anti-Fundamentalismus-Animation Persepolis, dessen franco-iranische Macher bereits von Protesten aus Teheran überschüttet wurden. Oder entscheidet sich die Jury lieber für ein Signal zugunsten des strengen Kunstwillens, also für einen Film, der kaum fürs breite Publikum, sondern fast ausschließlich für jenes
festivaltypische Zuschauergemisch aus Künstlern, Händlern und Kritikern gemacht ist? Dann hätte der Österreicher Ulrich Seidl mit Import Export ebenso Chancen, wie der Mexikaner Carlos Reygadas mit Stellet Licht – beide Filme zeigen exquisite, sehr statische und konzentrierte Bilder,
Malerei auf der Leinwand. Oder sogar der Ungar Bela Tarr. Dessen Simenon-Verfilmung The Man From London erstickt geradezu an ihrer eigenen Bedeutsamkeit, doch auch, wer Tarrs Auflösung aller Story in Langsamkeit prätentiös findet, muss anerkennen, dass die Bilder (seines deutschen Kameramanns Fred Keleman) von ausgesuchter Schönheit sind – sie tauchen diesen Anti-Thriller in die
expressive Atmosphäre des Film-Noir.
Schließlich darf man nie die Franzosen vergessen: Während Julien Schnabel sich in dem Behindertendrama Le scaphandre et le papillon beim Publikum durch wohlfeile Humanismen anbiedert, tut Catherine Breillat das Gegenteil: Une vieille maitresse ist ein immer wieder überraschender und fesselnder Kostümfilm, eine stille,
implodierende Amour Fou, die im frühen 19. Jahrhundert spielt, aber an die Geburt des Sadismus aus dem Geist des Rokoko erinnert – schockierend und aufwühlend, wie man es von einem Cannes-Beitrag erwartet.
So bleibt das Rennen offen – und da noch vier Filme laufen, und die Erfahrung zeigt, dass in Cannes niemand schneller stirbt als ein Favorit, darf man am Sonntag mit mancher Überraschung rechnen.
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Die erste Preisverleihung ist der Preis der internationalen Filmkritikerjury, der FIPRESCI. Am Samstagabend wurden prämiert: Leider ist keine Kritikerjury der Welt langweiliger und mit mehr alten, Männern und alten Linken besetzt, als dieser Kreml der Filmkritik – allein die fipresci-Jury-Dauergäste Michel Ciment und Derek Malcolm sind beide längst in Rente und zusammen 154 Jahre alt – , und daher darf man sich nicht wundern, dass es vorhersehbar der Rumäne
Cristian Mungiu war, der sich für 4 luni, 3 saptamâni si 2 zile den Preis abholen dürfte. Für die Preisverleihung ist das eher ein gute Vorzeichen: Die Kritiker sind in Cannes nämlich selten repräsentativ für den Hauptpreis: 2006 bekam ihn Climates von Nuri Bilge Ceylan, 2005 Caché von Haneke, 2003 Father and Son von Sokurov, 2002 Divine Intervention von Suleiman. Nur 2004 war das Kritikerurteil einmal identisch mit dem der Festivaljury: Fahrenheit 9/11.
Die fipresci-Preise in den anderen Sektionen gingen übrigens an Bikur Ha Tizmoret von Eran Kolirin und an Elle s'appelle Sabine, das Regiedebüt der Schauspielerin Sandrine Bonnaire.
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A propos: Schöne Männer, schöne Dinge. Da muss man wohl auch noch mal auf Brando kommen, eine Dokumentation über den Darsteller von Leslie Greif und Mimi Freedman. Sie lebt vor allem von ein paar richtig guten Einsichten kluger Gesprächspartner, die das viele anekdotische Geschwätz der restlichen fast drei Stunden ausgleichen. Allen voran natürlich mal wieder Martin Scorsese: »On the Waterfront changed my life«; dann auch John
Turturro »Kazan has an incredible way, of bring things out«; Arthur Penn: »It’s a strange thing, being a movie star. I would not want it – for anything in the world.« und interessanterweise Martin Landau. Von dem stammt auch der schönste Satz: »Before Brando they acted. After Brando they behaved.«
Auffallend am excellenten Originalmaterial: Wie hell Brandos Stimme war. Er wirkt so und in Interviews viel weicher und verletzlicher, als in den Filmen. Auch ansonsten
ist Brando, der beim Filmfest München laufen wird, eine Frundgrube. Etwa mit Al Pacinos Erzählung über die Besetzung des Godfather: »It was my idea, to bring Brando in the picture,«
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Am Donnerstag dann der große Auftritt von Martin Scorsese. Im randvoll besetzten Salle Debussy, immerhin dem zweitgrößten Kino gab er eine eineinhalbstündige Masterclass. Ein grandioser Moment und auch dies eine Fundgrube.
»Obsession is dangerous« meint Scorsese, um dann zu erklären, dass man, wolle man ein guter Filmemacher sein, obsessiv sein müsse. »Es muss wichtiger sein als alles.« Aber eigentlich gelte das für jeden kreativen Beruf.
Also sprach Scorsese ansonsten: »Der
einzige Weg, wirklich etwas übers Filmemachen zu lernen, ist Filmemachen. … von Roger Corman habe ich die Disziplin gelernt. You learned how to make a film in 24 days … film does not certainly have to tell a straight story … I am concerned about a motion picture industry only keeping their eyes on the amount of money, that’s beeing made immediately. … That are many things, that are lost. Butt he first thing is to find out, that they are lost … A
train is a problem. And a dog. And a kid…«