05.07.2007
24. Filmfest München 2007

Die Freuden der unerwarteten Klaglosigkeit

THE BAND'S VISIT
The Band’s Visit:
Publikumspreis für den Eröffnungsfilm
(Foto: Concorde Filmverleih)

25-jähriges Jubiläum und Abschied von Ulla Rapp und Klaus Eder

Von Thomas Willmann

»Ich kann nicht klagen« ist ein Satz, der manchmal einen Unterton hat als wolle er weiter­gehen »...so sehr ich auch möchte«.
Und ja, okay, ich geb’s zu – vorab war ich dieses Jahr beim Filmfest München schon ein bisschen auf Meckern einge­stellt. Weil: 25-jähriges Jubiläum; zugleich das letzte Jahr, in dem zwei Schlüs­sel­ge­stalten des Festivals ihre jewei­ligen Reihen betreuten (Klaus Eder – dem ich persön­lich weniger nach­trauere, weil seine Vorstel­lung von gutem Kino eine andere ist als meine – und Ulla Rapp – die, danke, danke, danke!, mit ihrer »American Inde­pend­ents«-Auswahl noch in den düstersten Filmfest-Jahr­gängen zuver­lässig für Licht­blicke sorgte) – das schien alles nach etwas Beson­derem, Großen, Außer­ge­wöhn­li­chen zu verlangen.
Aber wenn der Blick aufs dies­jäh­rige Programm einen Eindruck hinter­ließ, dann den: Unspek­ta­kulär.
Da wollte einfach kein Vorab-Prickeln aufkommen, da fehlten die Namen, die mein Cine­as­ten­herz höher hätten schlagen lassen, da las sich keine Film­be­schrei­bung so, als würde man etwas verpassen, wenn man DAS nicht sieht.
So wenige Über­schnei­dungen von Filmen, in die ich unbedingt rein wollte, hatte ich beim Planen eines Festi­val­ka­len­ders glaube ich noch nie.

Und jetzt, nachdem das Festival rum ist? Nun ja: Ich kann nicht klagen.
Weil was immer man an grund­sätz­li­cher Kritik über die Film­aus­wahl auch vorbringen wollte – beim besten Willen kann ich nicht behaupten, dem Festival sei es nicht gelungen, mich acht Tage in Folge mit zumindest sehens­werten, zumeist memo­rablen, verein­zelt sogar begeis­ternden Filmen zu versorgen. Das ist deutlich mehr, als ich von der Berlinale 2007 sagen kann.

Da hat sich der Eröff­nungs­film – wie es sich eigent­lich für einen Eröff­nungs­film gehört – als durchaus program­ma­tisch erwiesen. Speziell was das Verhätlnis von (geringer) Erwar­tungs­hal­tung und (uner­wartet großem) Sehver­gnügen anging.
The Band’s Visit ist eine israe­li­sche Produk­tion über ein ägyp­ti­sches Poli­zei­or­chester, das auf Konzert­be­such in Israel im falschen Dorf landet. Keine Stars, kein bekannter Regisseur, kein Glamour, keine bedeu­tenden Festi­val­preise, eine scheinbar kleine Geschichte – nichts schien eigent­lich dafür zu sprechen, diesen Film dem Festival voran­zu­stellen. Roter-Teppich-Faktor gleich null, kein sich anbie­tender »Aufhänger« drumrum.
Außer halt, dass The Band’s Visit ein verdammt toller Film ist.

Seine Komik ist vom Ansatz her verwandt mit der solcher ganz Großen wie Keaton, Tati oder Kauris­mäki: Er hat einen ähnlich lako­ni­schen, trocken amüsierten Blick auf die Mensch­heit – eine Distanz, die sich gleich­zeitig ein Bewusst­sein für die exis­ten­ti­elle Absur­dität des mensch­li­chen Daseins, der mensch­li­chen Mühen bewahrt und dennoch ein zärt­li­ches Mitgefühl.
So lässt er dann die Männer des Poli­zei­or­ches­ters mit ihren himmel­blauen Uniformen und ihren Roll­köf­fer­chen durch eine Ödnis ziehen, deren realer Himmel so staubig weißgrau ist wie der Wüsten­boden und der Beton der Wohn­block­sied­lungen. Ihre Odyssee ist vor allem ein Kampf ihres (musi­ka­li­schen wie dienst­li­chen) Leiters um die ständige Wahrung eines Anscheins von Ordnung, Disziplin, Autorität und Anstand.
Ein Kampf, der ihn schließ­lich im entschei­denden Moment dazu führt, ein Zipfel­chen von möglichem Glück nicht zu packen, das ihm vor der Nase baumelt.
Und das ist das andere Wunder­bare an diesem Film: Dass er, wie alle großen Komödien, auch eine kleine Tragödie ist. Dass er mit dem selben unge­heuren Finger­spit­zen­ge­fühl, welches er in Sachen Humor an den Tag legt, auch das Gefühls­leben seiner Charak­tere beleuchtet.

The Band’s Visit ist ein Film über schwie­rige, zaghafte, zerbrech­liche Annähe­rungen: Die zwischen dem Orches­ter­leiter und einer israe­li­schen Restau­rant­be­sit­zerin (eine der stärksten, leben­digsten, attrak­tivsten Frau­en­ge­stalten nicht nur dieses Filmfests, sondern des Kinojahrs); die zwischen einigen der Orches­ter­mit­glieder und einer israe­li­schen Familie; die zwischen einem jungen, schüch­ternen Israeli und den Mädchen, welche nur dank der tatkräf­tigen Anleitung des Frau­en­helden unter den ägyp­ti­schen Musikern endlich in Gang kommt.
Dass das alles auch etwas mit der noch schwie­ri­geren Annähe­rung zweier Kulturen, Nationen, Reli­gionen zu tun hat, ist klar. Aber The Band’s Visit wird in dieser Hinsicht zum Glück nie bloß symbo­lisch, meta­pho­risch oder sonst wie thesen­haft. Wenn er soetwas hat wie eine »Botschaft«, dann diese: Zwischen den Menschen ist immer eine Kluft – was immer da noch an vermeint­lich grund­le­gend Tren­nendem wie eben Natio­na­lität, Geschichte, Welt­an­schau­ungs­sys­temen mit rein­spielt, macht die Ange­le­gen­heit höchstens graduell schwie­riger, als sie zwangs­läufig immer ist.
Aber der Film hält diese Kluft auch für nicht unüber­windbar. Und das macht seine Größe aus: Zu zeigen, wie mühsam, riskant, manchmal lächer­lich das ziwschen­mensch­liche Brücken­bauen ist, wie wacklig, einsturz­ge­fährdet meist dessen Ergebnis – und doch glaubhaft an der Hoffnung fest­zu­halten, dass es so ziemlich die einzige wirklich lohnende Tätigkeit ist. (Fort­set­zung folgt)

Thomas Willmann