Cinema Moralia – Folge 267
Tage der Jugend |
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Jugendwalzer: Yulia Lokshinas Tage der Jugend (2016) | ||
(Foto: Wirfilm) |
»Man sagt, wer auf dünnem Eis Schlittschuh läuft, wird nur dann nicht einbrechen, wenn er so schnell wie möglich weiterläuft. Wir leben in verschiedenen Realitäten, und die sind brüchig zu einander. Es ist ein schieres Unglück, dass hier ein offener Krieg stattfindet. Das heißt nicht Pazifismus, ich bin kein Friedensprediger. Aber der Krieg ist unberechenbar. Das Einzige, was absolut unbeherrschbar bleibt, ist Krieg. Krankheit kann man heilen, Krieg nicht.«
Alexander Kluge
Archaische Musik. Wir sehen Wald, Natur, wir sehen Kämpfe. Boxen, andere Kampfkunst. Kinder fast, die mit nackten Hintern auf einem Ameisenhügel sitzen – das sind so die Mutproben dieser Welt.
Wir sehen, wie sie alle in einem Zelt schlafen gehen. Ich denke: Unsere Art, mit den Russen umzugehen, unser Blick auf Russland ist so ungemein borniert und ist naiv. Er ist naiv in der Hinsicht, hier einen Dämon zu konstruieren, wo es sich einfach um einen Machtpolitiker handelt, und
er ist naiv in manchem Verständnis für das, was man nicht verstehen soll und auch nicht verstehen kann.
Dies alles kommt erstaunlich gut heraus in Yulia Lokshinas Film Tage der Jugend über ein militär-patriotisches Jugendcamp auf der Insel Sachalin. Die russische Insel Sachalin liegt 8000 km östlich von Moskau. Jeden Sommer findet dort mit staatlicher Unterstützung ein militär-patriotisches Lager für Jugendliche statt. Die Kinder üben den bewaffneten
Kampf, lernen patriotische Lieder und werden im orthodoxen Glauben unterrichtet. Im Sommer 2015 feierte das Jugendlager den 70. Jahrestag des Sieges der Roten Armee über die Nazi-Wehrmacht mit der Rekonstruktion einer historischen Schlacht, bei der die Kinder die Rollen der Soldaten annehmen und die Erwachsenen ihnen erklären, wie das Sterben auf dem Schlachtfeld am besten aussieht.
Außerordentlich nahe kommt Yulia Lokshina ihren Protagonisten; etwa beim gemeinsamen Essen, bei Gesprächen, bei Übungen im Camouflage-Anzug im Wald. Es sind doch Jungs und es sind doch recht durchschaubare Männlichkeitsrituale. Als Rituale und in ihrer universalen Form reichen sie weit über das hinaus, was wir heute als »Ukraine« zu verteidigen gewohnt sind und als »Russland« zu hassen, sie reichen weit über das hinaus, was, wie manche denken, der Ort ist, an dem die Freiheit und die Demokratie verteidigt wird.
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Guckt bitte diesen Film! Sagt mir gern, wie ihr ihn seht, was ihr anders seht! Ich sehe junge Menschen. Manche dumm, manche schön, manche schlau, manche liebenswert, manche möchte ich nie wieder sehen. Es sind diese Menschen, die vor fünf Jahren auf der Insel Sachalin gedreht wurden und von denen manche vielleicht gerade heute im Feldzug der Russen verheizt werden. So wie andere auf der anderen Seite verheizt werden. Sollen wir mit den einen mehr Mitleid haben als mit den anderen? Ich habe es nicht. Ich möchte gerne wissen, was mit diesem Jungen, diesen jungen Männern geschehen ist, was sie heute machen. Yulia Lokshinas herausragender, sehr subjektiver Dokumentarfilm Tage der Jugend schafft es, dass wir in wenigen Minuten Empathie entwickeln für sie, dass wir sie kennenlernen, dass wir manche von ihnen hassen und andere lieben.
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Yulia Lokshina ist in Moskau geboren, hat in München an der HFF studiert und mit diesem Film den »Starter-Filmpreis« gewonnen und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Heute erreichte uns von ihr dieser Aufruf:
»In Reaktion auf die unhaltbaren Ereignisse der Invasion in der Ukraine möchten wir den Zugang zu unserem kurzen Dokumentarfilm Tage der Jugend (2016) öffnen, der wie aus einer anderen Zeit auf die Vorzeichen von heute blickt. Nein zum Krieg.
Wir bitten um Spenden zur Unterstützung der Ukraine, sowie weiterhin aktiver unabhängiger zivilgesellschaftlicher Organisationen in Russland, zur kritischen Berichterstattung und rechtlichen
Unterstützung von Demonstrierenden und politisch Verfolgten.«
Alle weiteren Informationen finden sich unter dem Link zum Film mit deutschen UT oder mit Englischen UT.
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Der Münchner Regisseur Alexander Kluge, gerade erst 90 geworden, kam in der »Zeit« zu Wort.
Es ist ein herausragendes Interview. Über Neuanfänge, über die Ästhetik der Macht: »Aber ist es Theater, ist es Darstellung von Macht wie im 18. Jahrhundert, ist es Verrücktheit oder Kalkül? Das kann ich nicht beurteilen.«
In diesem Text ist viel mehr Weisheit als in dem ganzen Gewäsch des Feuilletons der letzten Woche.
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Wenn russische Kinder in der Schule von anderen Kindern gemobbt werden, dann sind die Erwachsenen schuld. Die Eltern, die Umgebung, und zu dieser Umgebung gehören auch die umgebenden Medien – der Echoraum des Politischen, der in den letzten zwei Wochen so laut wie hohl dröhnt.
Russen-Abneigung, Russen-Feindschaft, Russen-Hass wird geschürt – auch in den Medien, oft unfreiwillig, manchmal sehr wissentlich in Kauf genommen. Und bei einigen hat man den Eindruck, sie haben
nur darauf gewartet, endlich wieder einen Feind zu haben und eine Feinderklärung formulieren zu dürfen.
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Jetzt ist man plötzlich offenbar völlig konform mit der unhinterfragten Aussage, dass jeder Mann zwischen 16 und 60 kämpfen muss. Jedenfalls in der Ukraine. Dass es dort ein Ausreiseverbot für Männer gibt. Das wird überhaupt nicht hinterfragt.
Was ist denn das eigentlich für ein Konzept von Männlichkeit, von Patriarchat im 21. Jahrhundert?
Was habe ich verpasst?
Ich finde es vollkommen verfehlt, dass in unserer angeblich aufgeklärten Gesellschaft die Forderung nach Kampf, aussichtslosem, von der Regierung befohlenem Kampf, und Heldentod und Waffenlieferungen hingenommen wird. Hingenommen mindestens, oft gefordert. Es widerspricht niemand aus dem gesamten linken und linksliberalen Spektrum.
Angenommen, es wird dort tatsächlich »unsere Freiheit« verteidigt: Wieviele Menschenleben ist diese Freiheit wert? 1000, 10.000, 100.000? Wie viele dürfen sterben, weil unsere Freiheit verteidigt wird und wir »den Preis für die Russen« hochschrauben?
Ebenso absurd ist das plötzliche Expertentum. Die vielen Menschen, die den postsowjetischen Raum plötzlich wie ihre Westentasche kennen – so wie vor zwei Jahren alle plötzlich über Spalt-Proteine Bescheid wussten.
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Wir werden uns nach diesem Krieg viel verzeihen müssen.
(to be continued)