Cinema Moralia – Folge 266
Der Dokumentarfilm und die Wirklichkeit |
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Ein Volk kommt nicht zur Ruhe: Sergej Loznitsas Maidan (2014) | ||
(Foto: Grandfilm) |
»so haben sie einen steckbrief hinter mir hergesandt
der mich niedriger gesinnung beschuldigt, das ist
der gesinnung der niedrigen.
wo ich hinkomme, bin ich gebranntmarkt
vor allen besitzenden, aber die besitzlosen
lesen den steckbrief und
gewähren mir unterschlupf, dich, höre ich da
haben sie verfolgt mit
gutem grund«
Bertolt Brecht, 1939
»Im Polizeiwagen. Sie haben uns in den 78. Abschnitt gebracht /// vielen Dank an alle für ihre Unterstützung! Hier ist es ruhig, wir sitzen auf einer Bank mit jungen Leuten und warten. Wärme, Berge von Essen und Wasser, man braucht nichts mitzubringen, danke!«
Vor drei Stunden kam diese Nachricht. Sie stammt von Daria Belova, einer jungen Filmemacherin, die sich gerade in St. Petersburg aufhält. Daria Belova studiert an der Berliner dffb. Ihr Studentenfilm Komm und Spiel war 2013 ein großer Erfolg und schaffte es auf eine ganze Reihe herausragender Filmfestivals. In Cannes gewann sie den Preis der Cinefondation.
Während der letzten Tage hat sie an ihrer Haltung zum Krieg in der Ukraine keinen Zweifel
gelassen. Aus öffentlichen und halböffentlichen Statements konnte jeder erfahren, was sie denkt.
Die oben zitierte Nachricht, die wohl keiner, der genau liest, missverstehen kann, hat sie selbst öffentlich gepostet. Sie will, dass es öffentlich ist. Nur deswegen mache ich hier stellvertretend auf dieses Einzelereignis, auf das Schicksal einer deutsch-russischen Regisseurin aufmerksam, einer Studentin an einer Filmhochschule in Deutschland, die hoffentlich von den Institutionen und Behörden unseres Landes genauso wenig vergessen wird wie andere. Sie verdient unsere Hilfe
da, wo sie möglich ist.
Damit ist Daria Belova nur eine der ersten, die sie in den nächsten Monaten und Jahren brauchen werden, die sie – seien wir ehrlich – eigentlich schon längst gebraucht haben. Und wenn wir, wie das ja gerade Mode ist, unsere Fehler und Versäumnisse während der letzten Jahre aufzählen, vor allem die der anderen, dann können wir aus meiner Sicht mal bei den Fehlern anfangen, die wir im Umgang mit der russischen Zivilgesellschaft an den Tag gelegt haben.
Wir haben nur dann hingeschaut, wenn wir nicht wegsehen konnten, und wir haben immer nur auf die schrillen, exzentrischen, besonders medienwirksamen Ereignisse geschaut, die vielleicht nicht die waren, die Aufmerksamkeit vor allem verdient gehabt hätten.
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Vergessen wir bitte die Russen nicht! In jedem Fall all die Russen, die nicht auf der Seite eines Präsidenten stehen, dessen Partei auch nach ganz offiziellen Ergebnissen bei der letzten Wahl keine 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Trotz alldem, was Russland an Manipulationen nachgesagt wird.
Das bedeutet: Jeder zweite Russe hat Putin nicht gewählt. Kaum einer der russischen Filme, die ich in den letzten Jahren auf internationalen Festivals zu sehen bekam, hat irgendetwas mit dieser Regierung gemein. Es sind dissidente Filme. Filme, die von indirekter Regimekritik nur so strotzen und manchmal den direkten Angriff nicht scheuen.
Es ist an den Deutschen, mehr als jedem anderen Volk dieser Erde angemessen, die Russen nicht zu vergessen und sich mit plumpen Affekten gegenüber Russland zurückzuhalten. Auch wenn es ihnen schwerfällt.
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Es ist wieder mal die Stunde der Vereinfacher und des allgemeinen Bekenntniszwangs. Facebook-Profile werden blaugelb eingefärbt, Worte werden geboten oder verboten. Allgemeine Erregung, wenig genaues Hinsehen und Differenzierung und noch weniger Wünsche nach Differenzierung. »Es wird verschoben und es wird verdrängt.« (B.B.)
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Die Medien, die deutschen zumal, erscheinen als Chor, der in einen Entrüstungs- und Empörungswettbewerb eingetreten ist, in den sich nur wenige moderate oder gar dissidente Stimmen mischen.
Wo bleibt die Distanz? Wo bleibt die Kritik? Und wenn die deutschen Medien mal irgendetwas an der deutschen Regierung zu kritisieren haben, dann natürlich das Falsche, nämlich das, was angeblich gestern versäumt wurde.
Warum das Bedürfnis nach Parteinahme? Nach Bekenntnis? Nach Entschiedenheit? Man kann jetzt nicht antworten: Wegen der Bilder im Fernsehen. Nicht etwa, weil diese Bilder kaum ein zutreffendes, angemessenes Bild der Lage zeichnen. Sondern, weil die Bilder nicht
etwas wiedergeben, kreieren, produzieren, was neu ist, etwas schaffen, was vorher nicht da war. Sondern weil sie etwas triggern, was schon lange existierte und jetzt endlich einen Grund bekommt, ans Licht zu treten.
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Mir erscheinen viele einzelne Phänomene, die sich zur Zeit beobachten lassen, als zivilisatorischer Rückschritt, der uns vor uns selbst erschrecken lassen müsste, anstatt vor anderen.
Zum Beispiel die Tendenz, Russen in kulturelle oder moralische Sippenhaft für ihren Präsidenten zu nehmen. Zum Beispiel die Erwartung, Künstler sollten durch öffentliche Statements ihre Missbilligung des russischen Angriffs äußern, oder sie werden mit dem Entzug öffentlicher Gelder
bestraft. Dies ist nicht weiter entfernt von allem, was wir aus den Zeiten der maoistischen Kulturrevolution und dem Stalinismus kennen.
Die Sperrung russischer Medien durch die europäische Union zum Beispiel. Ohne Not begeben wir uns auf ein Niveau mit den Herrschern in Russland. Machen den Vorwurf überhaupt möglich und plausibel, in Europa gebe es politische Zensur. Und das nur, weil unsere Regierenden glauben, man könne den Bürgern nicht »RT« und »Sputnik« zumuten, die Wähler
würden am Ende auf plumpe Propaganda hereinfallen.
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Auch das Filmfestival von Cannes geht weit, sehr weit in seiner Parteinahme:
»During this winter of 2022, the Festival de Cannes and the Marché du Film have entered their preparation phase. Unless the war of assault ends in conditions that will satisfy the Ukrainian people, it has been decided that we will not welcome official Russian delegations nor accept the presence of anyone linked to the Russian government.
However, we would like to salute the courage of all those in Russia who have taken risks to protest against the assault and invasion of Ukraine.
Among them are artists and film professionals who have never ceased to fight against the contemporary regime, who cannot be associated with these unbearable actions, and those who are bombing Ukraine.
Loyal to its history that started in 1939 in resistance to the fascist and Nazi dictatorship, the Festival de Cannes will always serve artists and industry professionals that raise their voices to denounce violence, repression, and injustices, for the main purpose to defend peace
and liberty.«
Der ukrainische Regisseur Sergeij Loznitsa, der einen Film über stalinistische Schauprozesse gemacht hat, hat jetzt großartige Zivilcourage gezeigt: Gegen den vollidiotischen Schritt der sogenannten Europäischen Filmakademie, pauschal keine russischen Filme bei den Europäischen Filmpreisen zuzulassen, reagiert er mit einer Protestnote: »What is happening before our eyes is horrible, but I’m asking you to not fall into craziness. We must not judge people based on their passports. We can judge them on their acts«, sagte Loznitsa.
Zuvor hatte Loznitsa die unverbindliche »Solidarisierung« (»we stay alert and are in touch«) der Akademie mit den ukrainischen Filmemachern kritisiert und war als Reaktion auf die seiner Ansicht nach verharmlosende Darstellung des Ukraine-Kriegs aus der Akademie ausgetreten.
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Eigentlich wollte ich heute über den Dokumentarfilm schreiben. Über die bevorstehende Mitgliederversammlung der AG Dok, und über jene merkwürdigen Vorschläge, die unter dem irreführenden Titel »Docs for democracy« rubrizieren. Die Wirklichkeit hat über den Dokumentarfilm gesiegt.
Darum bleibt ihr nur der Verweis auf zwei Stellungnahmen der beiden Seiten, die am Freitag hoffentlich argumentativ miteinander ringen werden.
Vor einiger Zeit hat der BVR, mit benachbarten Verbänden, eine Stellungnahme zu den Projektideen von Docs for Democracy veröffentlicht.
Diese haben nun eine Erwiderung vorgelegt.
Jeder kann sich selbst ein Urteil bilden
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Mir fällt tatsächlich zur Lage gerade niemand besserer ein, als Brecht: »Man sagt mir, zu euch muß man primitiv reden./ Will ich nicht./ Wie mir der Schnabel gewachsen ist – nicht wie euch die Ohren gewachsen sind./ Dialektik.«
(to be continued)