62. Berlinale 2012
Am Ende der Geschichten |
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Vilaine Fille Mauvais Garçon |
Die Dusche läuft, Wasserdampf erfüllt den Raum und vernebelt den Blick, irgendwann duscht sich eine Frau, vor dem Spiegel stehen Schauspieler in verschiedenen Kostümen, einen könnte man für einen klassischen Detektiv à la Sam Spade halten, es wird amerikanisch gesprochen und aus dem Off klingt Opernmusik. Die Narration ist aus dem Leim gegangen, ihre Bestandteile haben sich selbstständig gemacht und tun das im Laufe des Films immer mehr – dirigiert, mal aufgehalten, mal angefeuert vom Regisseur Christoph Schlingensief. Vor drei Jahren vergab er in der Jury den Goldenen Bär, vor 18 Monaten erlag er seinem Krebsleiden, jetzt läuft im Kurzfilm-Programm ein Film aus dem Nachlass. Es wird nicht der letzte gewesen sein, das vielstündige Konvolut African Twin Towers, das Schlingensiefs Rückkehr zum Kino gewesen wäre, wurde zwar schon vor vier Jahren beendet, vom Regisseur aber bis in seine letzten Monate immer wieder neu bearbeitet. Der Kurzfilm Say Good-Bye To The Story ist das »Not-Making-Off« einiger Szenen, in dem später auch Irm Hermann und Robert Stadlober auftreten – eine Abschiedssymphonie auf mehreren Ebenen, und zugleich eine Hommage ans klassische Kino. »Nochmal, nochmal«, man hört den Regisseur in gelassener Hysterie seine Anweisungen geben, und dann: »Jeder muss lernen, dass es manchmal den richtigen Moment gibt, sich von einer Story zu verabschieden. Dann ist es perfekt.« Der Abschied von den Geschichten und dem Dogma des Erzählens, das das Kino in ihrem erstickenden Griff gefangen hält, und das Zeigen, das Sehen leicht verhindert, dies ist schon immer Schlingensiefs Programm gewesen. Sein Film ist ein offenes Kunstwerk par excellence, das das Kino aus seinem Ende neu zum Leben erwecken will.
Im Gemischtwarenladen der Berlinale wird das Kurzfilmprogramm leicht übersehen. Dabei ist diese von Maike Höhne betreute Auswahl seit Jahren jene wahre »Gegenberlinale«, als die das »Internationale Forum« einst antrat, diesen Anspruch aber inzwischen längst aufgegeben hat. Unter den »Berlinale Shorts« trifft man bekannte Namen wieder, wie außer Schlingensief auch Claudia Llosa, der seinerzeit für La Teta Asustata den Goldenen Bären verlieh. Aber auch völlig unbekannte Regisseure, die gar nicht über die kurze Form hinausgreifen wollen. Die Werke changieren zwischen Werbeclip und Avantgarde, aber immer handelt es sich um Fragmente, die nicht versuchen ausgeglichen zu sein, und es vielen recht zu machen, sondern im Einzelnen die ganze Welt kondensieren. Das können psychedelische Farbspiele mit »Flicker«-Effekten sein, wie der österreichische Zounk!, den man im Kino sehen muss, um seine Wirkung zu verstehen. Oder die naturalistischen Erotic Fragments aus dem thailändischen Alltag. Oder jene leichtfüßige Liebesgeschichte, die Justine Triet aus der Pariser Intellektuellenszene erzählt: Vilaine fille mauvais garçon ist eine amüsant inszenierte amoralische Begegnung zwischen Bar und Bett.
The End heißt der Film des französischen Künstlers Barcelo, auch dies wie so vieles auf dieser Berlinale eine Geschichte von Endzeit und Décadence: Charlotte Rampling spielt eine Schauspielerin namens Charlotte, die zuerst ziellos und leicht verwirrt durch die Gegend streift. Eine sehr vergnügliche Reise, in der Rampling ihre Umgebung gehörig aufmischen darf. Sie sucht ihre Identität, am Schluss aber weiß sie noch weniger als zuvor.