Cinema Moralia – Folge 130
Die Heimat, das Geld und der Tod |
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»Früher oder später – Sterben muss jeder« heißt eine neue Serie im BR. Ein hochkarätiges Format, das noch dazu billig ist – Modell für die Zukunft? | ||
(Foto: Bayerischer Rundfunk) |
»Fernsehen könnte anders sein. Wenn man die Leute mal machen lässt.« Wie es gehen könnte, das zeigt die Münchner Regisseurin Pauline Roenneberg jetzt am Ostersamstag. Da läuft im dritten Fernsehprogramm, im BR, um 16:15 Uhr die Pilotfolge ihrer Doku-Serie »Früher oder später – Sterben kann jeder«.
Es sind echte Kinobilder, die da auf dem Bildschirm zu sehen sein werden – und ohne Frage beweist der Sender noch mehr Mut als die Regisseurin mit diesem Autorenfilm im
Serienformat, der erst einmal auf vier Teile von je einer halben Stunde angelegt ist: Jede Folge spielt in einer Jahreszeit, vorgestellt wird das Leben in einem Dorf in der Oberpfalz, und weil im Zentrum der – im Übrigen durchaus witzigen – Serie der Tod steht, gibt es auch jedes Mal eine Beerdigung zu sehen.
Wir geben zu: Das hätten wir dem BR nicht unbedingt zugetraut. Ein mutiges, nicht für den BR ungewöhnliches Unterfangen, für das man den bayerischen Sender gar
nicht genug loben kann. Die Serie ist das Ergebnis einer besonderen Kooperation zwischen dem BR und der HFF München: Studentische Teams wurden dazu aufgerufen, besonderes, innovative TV-Formate zu entwickeln. Das Ergebnis lobt auch BR-Unterhaltungschefin Annette Siebenbürger: »Mit 'früher oder später' erschufen die Studenten eine neuartige Erzählweise der Dokumentation, die mehrere Blickwinkel des Betrachtens zulässt.«
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»'Six Feet Under' meets deutschen Heimatfilm« – so kann man »Früher oder später« am besten zusammenfassen. In sehr liebevoller Weise in ruhiger Beobachtung, mit einem Timing und einem Sinn für Skurrilitäten, die an Filme von Kaurismäki wie an manchen lateinamerikanischen Independent erinnern, erzählt die Serie von Kulturclashs, wie sie das Leben so mit sich bringt: Von Ernst und Roswitha Schöfl, die Landwirte und Bestatter zugleich sind, von einem Dorf und einigen
seiner Bewohner, von alten Gemeinschaften, wie der Kirchengemeinde, dem Pfarrer und den Messdienern, wie von neuen, etwa einer Kommune aus Aussteigern, die auf dem Land ihr Glück und ein besseres Leben suchen. Die Szene, in der diese Weltverbesserer mit ihren Ideen über Klimawandel und Fleischverzicht auf die Dorfbewohner treffen, ist einer der Höhepunkte des Auftaktfilms.
Roenneberg glaubt fest daran, dass es möglich sein muss, anspruchsvolles Fernsehen zu machen, und die
Grenzen zwischen Fernsehen und Kino, zwischen Kommerz und Kunst, die allemal in den Köpfen existieren, und das deutsche Kino so lähmen, zu sprengen.
Seit 2007 studiert sie an der HFF München. Nach dem Gewinn des Münchner »Starter Filmpreis« 2013 hat sie die Serie entwickelt, und gemeinsam mit Isabelle Bertolone produziert.
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Besonders einprägsam ist die großartige Kamera von Zoe Schmederer, aber auch die Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Britta Schwem hebt die Regisseurin besonders hervor. Denn »wir haben nicht geschrieben, aber reagiert.« Auch wenn Roenneberg hier auch als Autorin geführt wird, gab es nie ein geschriebenes Drehbuch. Davon sollten auch andere fördernde Sender und Förderanstalten lernen.
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Wichtig ist Roenneberg, dass sie von echten Menschen »echte Geschichten« erzählt – eben darum sei alles trotz Dramaturgie und Anlehnung ans fiktionale Erzählen dokumentarisch: »Das ist ein Konzept, das ich eigentlich nicht kenne, nicht gescripted, aber echt.«
Bestatter mag fast schon ein modisches Thema sein, die Herangehensweise ist aber ungewöhnlich: Langsam, heiter und gewissermaßen idyllisch wird hier von Tod und Sterben erzählt. Die Bezeichnung Heimatfilm will
die Regisseurin deswegen nur sträubend akzeptieren. Für einen nichtbayerischen Zuschauer aber wird hier unbedingt mit dem Bild- und Figurenaccessoire des Heimatfilms gespielt, auch wenn dieses Dorf am Ende überall liegen könnte, und das Leitmotiv des Umgangs mit dem Tod natürlich universal ist.
Überhaupt lässt sich derzeit ein Revival des Heimatfilms im deutschsprachigen Kino beobachten. Das war für alle, die die Diagonale in Graz besuchten, schon unübersehbar. Und die im
Sommer anstehenden Festivals von Ludwigshafen und München dürften den Trend vermutlich bestätigen, das macht der Blick auf die fertigen Produktionen schon jetzt klar. Der Blick auf die Heimat oder was man dafür hält, ist dabei natürlich meist gebrochen – die Volksmusik wurde gerade aus dem Programm von »Bayern« endgültig verbannt, der Förster vom Silberwald und das Schwarzwaldmädel sind mausetot und dürften trotz AfD-Erfolgen auch nach Ostern nicht wiederauferstehen.
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Für seine Qualität wurde »Früher oder später – Sterben kann jeder« in jedem Fall erstaunlich günstig produziert. Das war vermutlich nur möglich, weil die Macher alle Studenten sind, und das Kernteam aus nur drei Personen bestand. Zudem treten die Beteiligten mit ihren Gagen als Koproduzenten auf. Und immerhin haben sie sich die Rechte für die wahrscheinliche Kinoauswertung gesichert. Die konkreten Zahlen wollen die Filmemacher aber nicht in der Öffentlichkeit lesen, und das wird vermutlich seine Gründe haben.
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Dass der BR auch in Zukunft darauf angewiesen ist, superbillige Filme von ihrer Natur nach selbstausbeutungsbereiten Filmstudenten produzieren zu lassen, machte vor einigen Tagen ein Prüfbericht des Obersten Rechnungshofs des Freistaats klar.
Darin kommen die Prüfer zu Ergebnissen, die den BR gerade erschüttern: Seit sieben Jahren macht der Sender ununterbrochen Verluste. Wenn es finanziell so weitergeht, wird der Sender in den nächsten zwei, drei Jahren alle
Rücklagen und sämtliche Eigenmittel aufgebraucht haben.
Grund für diese Schieflage ist ein Problem, das alle öffentlich-rechtlichen Sender plagt: Die riesigen Pensionskosten zu denen oft noch senderinterne Betriebsrenten kommen. Die Zuhörer und Zuschauer bekommen weniger fürs gleiche Geld. Eine absurde Situation. Um die Aufwendungen für Pensionäre stemmen zu können, muss am Programm und am aktuellen Personal gespart werden.
Der Sender widerspricht dem in der Sache nicht,
sondern erwähnt nur, man habe ja bereits 2014 insgesamt 25 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr eingespart. Dieses niedrigere Volumen haben man 2015 gehalten. In diesem Jahr würden weitere 25 Millionen eingespart: Vor allem beim Personal, den laufenden Kosten, aber auch bei den Investitionen werde gekürzt. 2017 müsse man noch einmal einsparen.
Na super! Irgendwann stellt der BR dann sein Programm komplett ein, und beschränkt sich auf die Pensionszahlungen.
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Ein guter Filmkritiker muss vom eigenen Geschmack vollkommen absehen können, aber er muss ihn haben. Zugleich allerdings sollte er in der Lage sein, einen euphorischen Text über einen Film zu schreiben, den er sich im Leben nicht ein zweites Mal anschauen würde.
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»Filmförderung ist jetzt effektiver und zukunftssicher«, behauptet Kulturstaatsministerin Monika Grütters in ihrer heutigen Pressemitteilung zur Verabschiedung des Entwurfs für ein neues Filmförderungsgesetz (FFG). Das Gegenteil trifft zu.
Der FFG Entwurf schreibt die bestehenden Verhältnisse fort, und enthält nichts, das sich als Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft deuten ließe. Offensichtlich ist die Ministerin vor der Macht der Verbände
eingeknickt.
Statt konkreten Maßnahmen zur Verbesserung deutscher Filme und zur gezielten Förderung von Qualität zum Beispiel durch Veränderung der Gremienzusammensetzung gibt es nur »eine geschlechtergerechte Besetzung der Gremien« – modisch, aber komplett unwichtig für Qualitätsfragen.
»Der Kinofilm in Deutschland ist Kultur- und Wirtschaftsgut zugleich.« An dieser leeren Behauptung sollte man die Ministerin messen: Welchen Kulturwert haben in Deutschland
geförderte Filme? Und wie wirtschaftlich sind sie? Die erste Frage beantworten die internationalen Filmfestivals und Preisveranstaltungen. Deutschland spielt da keine Rolle. Zur Beantwortung der zweiten Frage müssen endlich die Zahlen der Förderer auf den Tisch.
Immerhin »darf« (warum nicht »soll«?) die Filmförderungsanstalt (FFA) auch zu einzelnen Titeln Informationen wie deren Herstellungskosten, Erlöse und Rückzahlungen publik machen.
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Tabea Rößner, Sprecherin für Filmpolitik der Bundestagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, kritisiert den brandneuen Kabinettsbeschluss. Grütters habe »auf halber Strecke der Mut verlassen.« Denn auch in der Reform des FFG werden Kreative in den Entscheidungsgremien zugunsten der ohnehin mächtigen Verleiher an den Rand gedrückt.
Zudem sei die Staatsministerin vor den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern Staatsministerin eingeknickt: Die Erhöhung ihrer
Filmabgabe hat sie wieder stark zurückgenommen. Auch der originelle Ansatz, den Zuschauererfolg deutscher Filme im Ausland in die Referenzförderung einfließen zu lassen, wurde wieder verworfen.
Rößner weiter: »Unverständlich bleibt allerdings, warum der Regierungsentwurf die Macht des Vorstands der FFA weiter ausbaut und der Filmbranche damit kommuniziert: Juristen wissen am besten, was für den Film gut ist. Das sehen wir anders: Die Kreativen sollten den Ton
angeben.«
Das zielt direkt auf den Autor und Hauptverantwortlichen des FFG, Ministerialdirektior Günter Winands. Der ist ein Jurist – wie er im Buche steht. Und für das deutsche Kino ist das schlecht.
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Dass man von Fußball viel über das Leben und also auch das Kino lernen kann, bezweifeln nur die, die sich nicht mit ihm beschäftigen. Letzte Woche zum Beispiel. Da war der FC Bayern eigentlich schon gegen Juventus Turin aus der Championsleague ausgeschieden. Die Italiener hätten noch zwei Tore mehr schießen müssen, ein reguläres Tor wurde wegen angeblichem Abseits nicht gegeben. Trotzdem: die Bayern lagen am Boden. Dann machte der blöde Juve-Trainer den einen fatalen Fehler, der an den Fauxpas des damaligen Bayern-Trainers Heynckes erinnerte: Zu viele, zu frühe Auswechselungen. In drei Minuten zwei Wechsel, die Neuen hatten sich noch nicht koordiniert, und schon hatten die Bayern den Abschluss und die zweite Luft, in der Nachspielzeit kam der übliche Bayern-Dusel dazu, und sie wendeten das Blatt. Was lernen wir daraus fürs Leben? 1. Man sollte einen Gegner nie unterschätzen; 2. Ein Spiel ist erst gewonnen, wenn’s gewonnen ist; 3. Wenn es wirklich um Dramatik gehen sollte, dann ist Fußball dem Kino haushoch überlegen.
(to be continued)