74. Filmfestspiele von Venedig 2017
Aronofsky und die Frauen |
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Offizielles Filmplakat zu Darren Aronofskys mother! | ||
(Plakat: Paramount Pictures Germany GmbH) |
»I know what to say. I have just to find the words.« – »Amazing.«
Dialog aus: mother!
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Das Ausrufezeichen hätte uns warnen sollen. Zwar haben alle Filme von Darren Aronofsky mehrere Ausrufezeichen im Titel, aber bisher waren diese unsichtbar. Eines der größten Probleme von Aronofsky und seinen Filmen sind diese Ausrufezeichen. Und die Tatsache, dass ihr Regisseur alles, was auch immer er macht, verdammt bitter blutig ernst meint.
Genau wegen dieser Ausrufezeichen, wegen seines Ernstes, wegen des Macho- und Großregisseursgestus, der hinter allem steckt, was
er tut, hat Aronofsky aber auch viele echte Fans.
Man könnte jetzt natürlich spekulieren, ob es nicht auch gerade viele sind, die es nötig haben, viele »Schwache«, die sich von einem wie Aronofsky die Kraft und die Ich-Stärke borgen wollen, ob diese Filme nicht untergründig genau dieses Versprechen von Kraft transportieren – aber das wäre ein bisschen unfair, wenn auch manche Lektüre heute, am »Tag danach«, zu solchen Spekulationen Anlass gibt.
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Wir erleben in mother! ein sehr altes, ziemlich heruntergekommenes Haus, dessen Abgelegenheit sofort spürbar ist, umgeben von sattgrüner Natur, Wald und hohem Gras, wir hören Grillen zirpen und sind im Nu drin, im »Southern Gothic«, der amerikanischen Variante viktorianischer Horror-Settings. Dieses Haus wird schnell lebendig, es knarzt und knirscht an allen Ecken, es hat verborgene Gänge, Löcher, aus denen manchmal eine blutähnliche Flüssigkeit tropft und quillt. Irgendwas scheint da auch hinter der Wand zu sein. Aber wir wollen nicht vorgreifen.
Wir erleben eine Frau, die sich eigentlich nur auf den Mann bezieht, die dauernd hinguckt, nach Feedback giert. Und dem Mann gefällt es, da so eine kleine, ihm hörige Abhängige zu haben. Namen haben beide Hauptfiguren keine. Im Abspann heißt sie »Mother« (ohne Ausrufezeichen) und er »Him«, großgeschrieben, wie Gott. Aronofsky erzählt nicht von Menschen, sondern, mindestens, von Archetypen.
Zuerst fragt man sich: Ist sie schwanger? Dann: Hat sie Psychoprobleme? Es fällt der
Satz »This place is too big for the two of us.« Das wird sich ändern.
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Bald kommt Besuch von einem Fremden. Der Hausherr, »Er«, pflegt sofort vertrauten Umgang mit dem »Mann« (so die Credits über den von Ed Harris gespielten Fremden), und lässt ihn gleich übernachten: »I didnt think that was a problem.« »Er« ist der Boss und macht, was »Er« will. »Mother« dagegen ist genervt: »He is a stranger. And you let him stay in our house!« Zumal der Mann die ganze Zeit schrecklich hustet und trotz Verbot auch im Haus raucht. Am nächsten Tag kommt »Frau« (Michelle Pfeiffer) und zieht wie selbstverständlich mit ein. Auch sie ist übergriffig, benimmt sich kaum wie ein Gast. »Mother« muss immer arbeiten, sie will das Haus herrichten, schöner machen, perfekt. »I want to make a paradise.«
Damit »Er« arbeiten kann. Denn »Er«, gespielt von Javier Bardem, ist nicht einfach der Boss, sondern ein von sich selbst sehr eingenommener Schriftstellernarziß. Es könnte sich auch um Noah handeln auf seinem Schiff.
Jennifer Lawrence spielt »Mutter«, die etwas unbedarfte neue Frau dieses Künstlers, der zuvor seine Familie offenbar in einem schrecklichen Feuer verloren hat. Sie soll seine Muse sein – das ist wohl auch nötig, denn er hat Schreibblockade und ist sexuell
impotent.
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Alles eskaliert. Eskalation ist überhaupt das Prinzip dieses Films, wie vielleicht aller Filme Aronofskys. Irgendein Ding ist in der Toilette. Der Fremde hat ein Bild von »Ihm« in der Tasche. Die cheesy Horroreffekte häufen sich, passen aber nicht unbedingt zusammen. Er nagelt die Tür zu seinem Schreibzimmer zu. Die zwei Söhne von Mann und Frau kommen auch ins Haus. Innerhalb von fünf Minuten ist der eine von anderen erschlagen.
Diese Szene ist besonders schlechtes Theater. Dann sind plötzlich ganz viele Leute im Haus und machen alles Mögliche kaputt. »Mutter« trinkt regelmäßig irgendetwas Goldgelbes, wird zunehmend hysterischer. Alles eskaliert weiter. Dann plötzlich ist »Mutter« wieder eine idealtypische Ami-Tussi, redet über »Home«, sagt »Everything is going to be alright.« Die Kamera ist immer nahe an ihr, ein Close-Up jagt den nächsten. Sie haben Sex. Am nächsten Morgen wacht sie auf: »I am pregnant«
– »How could you know?« – »Because I know.« Und er kann wieder schreiben (also überhaupt »zeugen«).
Sie »Are you happy?« Er: »Pen Pen Pen«. Gelächter im Saal. Er weiter: »I know what to say. I have just to find the words.« Sie: »Amazing.«
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Als er fertig ist, darf sie es lesen, und da vor Gott und Aronofsky 1000 Jahre wie ein Tag sind, ist sie jetzt auch gleich hochschwanger. »Its beautiful. It’s perfect.« freut sie sich. Das Telefon klingelt. Er geht ran: »My publisher.« – »She read it?« – »Yes. Of course. Why?«
Jetzt geht’s ihr wieder schlecht, weil sie nicht der einzige Augenstern und Mittelpunkt im Leben des Mannes ist. »I wanna be alone with you.«
Und dann eskaliert alles endgültig: Schnell
kommen Fans, aus wenigen werden Massen, sie dringen in die Wohnung ein, nehmen alles auseinander, der Mann findet das ganz cool so, sie ist zunehmend verzweifelt. Aus den Fans wird eine Art Sekte. Übergriffige, unangenehme, gewaltbereite Massen. Die Polizei kommt, es gibt großes Geballer, die Polizei kann sich nicht richtig durchsetzen.
Sie zieht sich, hochschwanger wie gesagt, mit »ihm« in ein Zimmer zurück, dort kommen die Wehen. »Its a boy!« Was denn sonst, möchte man rufen, bei
dem Vater.
Er darf erst das Kind nicht anfassen, dann doch, er bringt es nach draußen. Die Fans greifen das Kind – und nach ein paar Sekunden zerfleischen sie es, essen es. Ein blutiges Abendmahl.
In der Folge dreht »Mutter« dann kaum überraschend endgültig durch, rennt in den Keller, öffnet den Öltank und steckt sich selbst und das Haus an. Mal wieder eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, nein, eigentlich weit darüber hinaus.
Famous last words: »What hurts me the
most, is that I wasn’t enough.«
Er: »Its never enough. I couldnt be creative, if it was.«
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Formal zieht Aronofsky alle Register verschiedener Horrorgenres: »Eindringlings-«, »Verwünschtes Haus-«, Wahnpsychose-, Kannibalismus- und Satanismus-Genre wechseln im Minutentakt. So ist dies ein Überhorrorfilm, von allem zuviel, mit nervtötender Kamera, die konstant an Lawrence' Gesicht klebt, ist dies zwar eine interessante, wenn auch nicht überzeugende Darstellerleistung, aber ein missglückter Film. Denn Horrorthrill will beim Zuschauer nicht aufkommen, da mag der New Yorker noch so deutlich Polanskis Ekel und »Rosemaries Baby« zitieren, eher Fremdschämen für einen Regisseur, der mit der Filmgeschichte nicht souverän zu spielen vermag – und es keimt der Verdacht, dass sich Aronofsky heimlich mit Bardems Figur identifiziert, der nichts als sein Werk ernst nimmt, und für jedes Buch eine neue Frau verschleißt. Allemal ist Lawrence' Muse, die ständig bewundernd zum Gatten blickt und ihm ein Paradies bereiten und ein Kind schenken will eine derart aus der Zeit gefallene Frauenfigur, dass es vor den Buhrufen am Ende des Films auch bereits während der Vorführung mehrfach Hohngelächter gab,
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Das wird ihn glücklich machen. Denn ganz offenkundig will er ärgern, wächst sein Ego am Widerstand des Publikums, dem dieser Film fortwährend ins Gesicht spuckt. Dies ist der wet dream des selbstbesoffenen Aronofsky: Ein so eitler wie dummer Egotrip, in dem es Aronofsky um sich selbst als »Kreativer«, als »Mann« geht. »Eine prätentiöse Niete« – selten hat es Dietmar Dath derart auf den Punkt gebracht, wie in seiner heutigen FAZ-Kritik, in der nahezu jedes Wort stimmt. Aronofsky ist das, wozu man in Amerika sagt: »What a prick!«
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»A piece of pretentious shit.« sagte Gorgio, der Cary Grant der italienischen Filmkritik, als ich ihm direkt nach der Vorstellung über den Weg lief.
Nun könnte man sagen: Wenn er uns alle so aggressiv macht, dann muss ja was dran sein. Nein Leute, nix ist dran. Darren Aronofsky ist einfach nur die Sorte Mensch, der keine Ruhe gibt, bis er verdroschen wird. Und der sich dann erst wohl fühlt.
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Was für ein verdrießlicher, dumpfer, negativer, zugleich hysterischer Film. Das größte Problem ist, dass Aronofsky alles so primitiv wörtlich meint. Aronofsky will Rosemaries Baby und The Exorcist in punkto öffentliche Wirkung toppen. Das schafft er aber natürlich nicht.
Klar: Hier ist alles
Symbol und Allegorie: Das Paar ist namenlos, am Ende schließen sich mehrere Kreise, und alles beginnt womöglich von vorn. Aber es ist fahrig, oft öde und langweilig, konfus, sehr bemüht.
Was ist der Punkt in mother! Das ist nicht zu begreifen. Außer Frauenfeinlichkeit. Außer dem Narzißmus eines Künstlers.
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Was einen aber am meisten an diesem Film erschüttert, ist Jennifer Lawrence. Lawrence war noch nie so schlecht, wie in mother!. Weil sie den gleichen Fehler macht, wie der Regisseur: Überidentifikation. Sie nimmt das alles zu ernst.
Auf der Pressekonferrenz saß die neue, derzeitige Freundin Aronofskys neben ihrem Liebsten, und schaute ihn genauso bewundernd unterwürfig an, wie
»Mutter« im Film. Und sagte dumme Sachen, wie: jedes Mikrophon mache sie nervös. Aronofsky lächelte dazu gütig. Das glaubst Du selbst nicht, Jennifer. Was dachte Michelle Pfeiffer daneben?
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Aronofsky hat in einem Interview erzählt, er habe den Film in einer Woche geschrieben, es sei einfach nur aus ihm herausgeflossen: »That’s creativity, man, oh shit.«
So sieht er auch aus.
In der Pressekonferenz behauptet er dann, Bunuels »Würgeengel« habe ihn inspiriert. Davon konnte ich wenig entdecken. Weit näherliegender sind die Polanski-Referenzen: Repulsion (»Ekel«) ist
aus meiner Sicht einer der zentralen Referenzfilme für Aronofsky, schon Black Swan war deutlich von dem beeinflusst.
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Ich musste auch an jene Pressekonferenz zu The Fountain denken, dem Film, der in meinen 17 Jahren in Venedig die größten Buhs aller Zeiten bekam. Damals saß Rachel Weisz neben ihm, seine damalige Frau, und man konnte ihr ansehen, dass sie sich scheiden lassen würde.
Man hat bei diesem Film manchmal das Gefühl. hier müsse Aronofsky seine Scheidung von Rachel Weisz verarbeiten.
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Es war lustig, zu sehen, wie die amerikanischen Kritiker – Justin Chang und Owen Gleiberman habe ich erkannt – nach dem Film zusammenstanden und sich vor Lachen nicht mehr einkriegten.
(to be continued)