05.12.2013

Von der Sohle bis zur Spitze

Qualunquemente
Familienkapitalismus in Italien:
Qualunquemente

Eine filmische Entdeckungreise in die Basilikata und nach Kalabrien

Von Dunja Bialas

Endlich kehrt Ruhe ein. Silvio Berlus­coni, der seit 1994 mit seinen Skandalen und seiner ruinösen Politik Italien und die ganze Welt in Atem hielt, ist seit dem 27. November 2013 offiziell aus dem Senat ausge­schlossen und damit von der Bühne der Politik verbannt. Berlus­coni verliert zwar seine poli­ti­sche Immunität, konnte sich aber als Politiker lange genug halten, um nicht hinter Gittern zu müssen: Er wurde rechts­kräftig zur Steu­er­hin­ter­zie­hung in Höhe von über 400 Millionen Euro verur­teilt, ist jetzt aber mit 77 Jahren zu alt, um die Haft­strafe anzu­treten. Pein genug für einen, der sein natür­li­ches Alter nicht nur Minder­jäh­rigen gegenüber immer verleugnet hat.

Am hemmungs­losen »Fami­li­en­ka­pi­ta­lismus« Italiens (Süddeut­sche Zeitung) sind auch andere große Familien zuletzt geschei­tert. Nur die Mafia hält sich wacker. »'Ndran­gheta« heißt sie in Kalabrien, dem Land­strich, der die Spitze des italie­ni­schen Stiefels bildet. Der in München ansässige Circolo Cento Fiori hat für seinen dies­jäh­rigen Regio­nen­schwer­punkt Filme ausge­sucht, die in Kalabrien und Basi­li­kata spielen, also genau an Spitze und Sohle Italiens. Das alte Lied von der Mafia wollen sie aber mit ihrer Film­aus­wahl bewusst nicht noch einmal singen.

Denn jetzt kehrt wieder Ruhe ein. Endlich solle man sich wieder auf die Schönheit der Land­schaft besinnen, sich an die einfachen Leute und kleinen Geschichte in der Regionen an Sohle und Spitze des italie­ni­schen Stiefels erinnern, so die Veran­stalter. Eröffnet wird mit einem Film, der in der kargen Region Basi­li­cata spielt. Der Turiner Schrift­steller, Maler und Arzt Carlo Levi wird 1935 wegen anti­fa­schis­ti­scher Tätigkeit in das luka­ni­sche Bergnest Gagliano verbannt. Christus kam nur bis Eboli von 1979 beruht auf dem gleich­na­migen Roman von Carlo Levi; der Titel spielt auf die Legende an, dass selbst Jesus durch die Kargheit der Land­schaft abge­halten wurde, weiter­zu­wan­dern. (Do., 5.12., 19 Uhr)

Ein zwölf­jäh­riger Junge aus Kalabrien hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Langstre­cken­läufer bei den Welt­ju­gend­spielen in Rom 1960 teil­zu­nehmen. Um seine Schuhe zu schonen trainiert er – fast schon Jesus-gleich – immer barfuß. Bis er bei den Olym­pi­schen Spielen einen äthio­pi­schen Läufer entdeckt, der mit nackten Füßen Langstre­cken­siege erringt und er beschließt, es ihm gleich zu tun. Ein Junge aus Kalabrien von 1987 ist ein Lehrstück, bei Schwie­rig­keiten nicht gleich aufzu­geben, sondern es erst noch auf unor­tho­doxem Wege zu versuchen. (Fr., 6.12., 19 Uhr)

Drei Filme aus den vergan­genen Jahren zeigen, dass das Schalten und Walten Berlus­conis auch thema­tisch nicht am Kino vorbei­ge­gangen ist. In Qualun­que­mente von 2011 versucht Cetto La Qualunque, ein korrupter und skru­pel­loser Geschäfts­mann in seiner kala­bri­schen Heimat mit Moral und Ordnung aufzu­räumen – anders als dies gemeinhin verstanden wird. Um dies zu ändern, steigt er in die Politik ein, als Gegen­kan­didat zu einem Bürger­rechts­ak­ti­visten, der sich für das Gemein­wohl einsetzt. Die Anspie­lungen zu Berlus­coni sind unver­kennbar. (Sa., 7.12., 20:30 Uhr)

Um einen Immo­bi­li­enhai geht es in Aspro­monte von 2012. Torquato Boatti steht vor dem Geschäft seines Lebens, braucht dazu nur noch die Unter­schrift seines Bruders Marco, mit dem er sich zerstritten hat. Er fährt nach Kalabrien, um ihn aufzu­su­chen, doch sein Bruder verschwindet plötzlich. Auf der Suche nach ihm streift er durch das wilde Aspro­monte. (So.,8.12., 18:00 Uhr)

Gänzlich unbe­schwert geht es in Basi­li­cata Coast to Coast aus dem Jahre 2010 zu. Regisseur Rocco Papaleo wollte die »poetische Leich­tig­keit« Südita­liens feiern, wo er seine Jugend verbracht hat. Sein Film erzählt die Geschichte von vier Freunden, die zusammen in einer Schü­ler­band spielten, und noch einmal aufbre­chen, um ihr Glück bei einem Musik­fes­tival in Scanzano Jonico zu versuchen. Zu Fuß werden sie den Apennin über­queren: von Küste zu Küste, Von der Sohle bis zur Spitze. (So., 8.12., 20:30 Uhr)