14.02.2002
52. Berlinale 2002

Briefe von der Berlinale

Uncle Frank
Uncle Frank

Teil 1

Von Thomas Willmann

Lieber Stief­neffe,

danke für Deine Frage nach meinem Befinden. Wie der Erhalt dieses Briefes Dir wohl schon verraten haben dürfte, bin ich gut in Berlin ange­kommen und nun auch schon mitten in der Berlinale-Routine.
Ich verstehe, dass Du neidisch bist auf meinen Aufent­halt hier, aber sei beruhigt, ich werde, so gut es in meinen Kräften steht, Dich an dem Geschehen hier wenigs­tens schrift­lich teilhaben lassen.
Ob sich viel geändert hat, jetzt, mit der neuen Festi­val­lei­tung, wolltest Du wissen, und ich kann nur sagen: Selbst­ver­s­tänd­lich! Denn wie Du bekannt­lich weißt, ist seit dem 11. September 2001 ja sowieso nichts mehr wie vorher. Und also auch hier. Zum Beispiel tragen die Akkre­di­tierten ihre Ausweise jetzt nicht mehr an Clips am Revers, sondern an bunten Bändeln um den Hals gehängt. Und das Pres­se­zen­trum ist nicht mehr im Unter­ge­schoss des Berlinale Palastes, sondern im 1. Stock des Hyatts. Auch sind die Plakate nach Jahren erstmals nicht vom Stamm-Designer und der Trailer tut etwas moderner. Weil aber auch der Jour­na­list ein Gewohn­heits­tier ist, heißt das, dass er sich von Anfang an gleich so fühlte, als wäre alles ganz neu. Und die Berlinale ein anderes Erlebnis. Filme werden aber immer noch gezeigt.

Viel­leicht hast Du es ja auch schon mitbe­kommen – das Motto, unter dem das geschieht, heißt dieses Jahr »Accept diversity«. Das hat auch mit dem 11. September zu tun. Der Gedanke ist quasi folgender: Wenn wir Bewohner aufge­klärt-abend­län­di­scher, kapi­ta­lis­ti­scher Länder uns unvor­ein­ge­nommen und offen mit den Eigen­heiten ganz anderer Menschen beschäf­tigen, dann werden letztere nicht so schnell böse auf uns und tun weniger schlimme Sachen. Also – etwas verkürzt darge­stellt – zum Beispiel wenn wir uns Doku­men­ta­tionen über analpha­be­ti­sche usbe­ki­sche Yakhirten mit Fußpilz anschauen, dann fühlt sich der analpha­be­ti­sche usbe­ki­sche Yakhirte trotz orthopä­di­scher Probleme von uns verstanden und akzep­tiert und kommt dann nicht irgend­wann später auf die Idee, Passa­gier­flug­zeuge in Hoch­häuser zu fliegen.
Das Schöne daran ist, dass wir davon mindes­tens soviel haben wie die besagten Yakhirten (die mögli­cher­weise auch gar nicht so recht mitbe­kommen, wie sehr wie sie in ihrer Anders­ar­tig­keit akzep­tieren, weil sie vor lauter Yakhüten weniger dazu kommen, die Berlinale zu verfolgen – zumal sie ja nicht lesen können). Weil nach so einem Film fühlt man sich zwar auch sehr betroffen und irgendwie traurig, dass manche Menschen es so schwer haben. Aber dann auch wieder sehr gut, weil man da oft das nicht unbe­rech­tigte Gefühl davon­tragen kann, nicht zum Vergnügen im Kino gewesen und also nicht einer dieser von unserer Spaß­ge­sell­schaft verblen­deten Problem­leugner zu sein. Und man dann aber auch wieder nicht in Gefahr kommt, mit den usbe­ki­schen Yakhirten tatsäch­lich reden zu müssen, die ja am Ende dann viel­leicht noch so anders sind, dass man sich überhaupt nichts zu sagen hätte, und man weiß ja auch nicht, ob der Fußpilz nicht anste­ckend und so Aber da eben: Bevor jetzt der Yakhirte ankommt und direkt von uns was will außer, dass wir seine Anders­heit akzep­tieren, da sind wir dann schon im nächsten Film und leiden mit dem Schicksal kleb­stoff­schüf­felnder Straßen­kinder in Indo­ne­sien – schließ­lich will ja die »Diversity« in ihrer ganzen Breite akzep­tiert sein.

Diver­sität folglich auch in der Auswahl der Filme. So gibt es Filme über Tscher­nobyl-Opfer beispiels­weise gleich aus drei Ländern. Das ist sehr abwechs­lungs­reich. Nur das Genre-Kino findet ein bisserl wenig statt – zugegeben, zwei Animes laufen, einer davon sogar im Wett­be­werb, und wenn man lang genug sucht, findet man sogar Thriller und Horro­filme. Dass die ganze Sache insgesamt aber doch ein wengerl Sozi­al­dramen-lastig ist, fällt einem wahr­schein­lich nur deswegen so auf, weil dieses Jahr statt Retro und Hommage nur eine große »European 60s«-Reihe läuft. In den Retros kann man sich ja sonst für gewöhn­lich seine zwei, drei sicheren Klassiker täglich abholen und dort auch dem prallen Kino huldigen, weil wenn ein Film erst mal ein paar Jahr­zehnte auf dem Buckel hat und die Betei­ligten mit mindes­tens einem Bein im Grab stehen, dann ist ja auch ein Western, ein B-Picture, ein Musical ganz offiziell wichtig und wertvoll und Kunst, weil museal.
Jetzt wirst Du, lieber Stief­neffe, in Deiner mir so lieben Naivität ausrufen, »Oh, Onkel, sprich', wo ist dann dieses Jahr das Problem?« und sagen: Europäi­sche 60er – wunderbar! Mario Bava, Harald Reinl, Sergio Leone, James Bond, Mabuse und Fu Manchu, Eddie Constan­tine, Peter Alexander, Lilo Pulver. Da nun aber muss ich leider antworten: Eben nein. Weil zwar über 100 Filme laufen in der Reihe, da aber selbst unter der Rubrik POP fast nur Pop mit Studi­en­ab­schluss, und der einzige Italowes­tern, Il grande silenzio, unter »Protest« firmiert. Viel Studi­en­e­rats- und Bildungs­bür­ger­kino kommt da, viel ästhe­ti­scher und poli­ti­scher Aufbruch – was ja nicht grund­ver­kehrt, aber in dieser Ausschließ­lich­keit Deinem Onkel nicht zum Gefallen gerei­chend ist.
Vor allem aber ist es eben keine Folie, vor der man leichter übersehen kann, wie voll auch Wett­be­werb, Panorama, Forum mit Filmen sind, die Bildungs- und Bedeu­tungs­ab­sicht offen herum­tragen. Höchstens zeigt das, wie wenig in diesem Genre »Film mit Anspruch« (und es IST eben auch ein Genre) noch von der wahren Energie des Aufbruchs und des Neuen zu spüren ist, die in den Sech­zi­gern tatsäch­lich noch aus den Filmen sprechen.

Dein Onkel muss sich langsam ernsthaft überlegen, sich demnächst nicht mehr für das reguläre Festival, sondern für den Filmmarkt zu akkre­di­tieren. Weil 1 der sowieso das wahre und echte Festival ist – das öffent­liche Schau­fenster mag auf Kunst, Glamour, Preis­ver­lei­hungen machen, aber in den Hinter­zim­mern geht es selbst­ver­s­tänd­lich um nichts anderes als den Kauf und Verkauf von Film­rechten; und 2 man folglich dort auch die wahre und echte »Diversity« zu sehen bekommt – da darf jeder anbieten, was er hat, und da sind dann Martial Arts-Filme aus ehema­ligen Sowjet­re­pu­bliken ebenso dabei wie italie­ni­scher Trash mit so schönen Titeln wie Dangerous Sex Date (dessen Plakat ich Dir aus Rücksicht auf Deine unschul­dige, zarte Jugend jetzt nicht näher beschreiben möchte). Mithin also doch ein deutlich größerer Anteil an poten­tiell Onkel­er­freu­endem.

Und wohl geht es nicht nur Deinem Onkel so, der hier als Banause weilte unter lauter den wahren Freuden des Kinos als mora­li­scher Anstalt restlos Zugetanen. Geradezu befremd­lich mutete es selbst mir schon an, wie sich alle, Presse wie Publikum, auf die wenigen Filme stürzen, die anderes verspre­chen als explizite Problem­be­wäl­ti­gung. In François Ozons 8 femmes war kaum rein­zu­kommen, so strömten die Massen, und ebenso üppig floss im Anschluss das Lob aus aller Munde. Dabei muss ich Dir ehrlich gestehen (aller­dings mit dem vorge­schal­teten Einge­ständnis, dass mich bei der Vorfüh­rung schon die Müdigkeit recht fest in ihrem Griff hatte): So toll fand ich den nicht. Der ist doch erstaun­lich langsam auf den Beinen und kreist letztlich ziemlich lange um ziemlich wenig. Aber eben: Ein Film, der sich geradezu suhlt in seiner Künst­lich­keit, der stolz ist auf die offen­sicht­liche Studio­de­ko­ra­tion, auf die satten Farben; ein Musical noch dazu (wenn­gleich kein sehr bewe­gungs­freu­diges). Und eine Parade weib­li­cher fran­zö­si­scher Star-Schau­spiel­kunst, von Darieux über Deneuve, Ardant und Huppert bis Béart und Ledoyen, in der die Actricen ihr Können quasi zweckfrei, oder (keines­wegs negativ gemeint) ganz selbst­zweck­haft feiern dürfen. (Und als am Ende Danielle Darrieux – die Älteste im Ensemble – mit der Jüngsten, Lydie Sagnier, davon sang, dass es keine glück­liche Liebe gibt, da wurden dem Onkel die Augen doch ein wenig feucht.) Also so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was hier dieses Jahr sonst so als wichtiges, bedenkens- und preis­wür­diges Kino präsen­tiert wird. Und prompt bisher der größte Erfolg.

Dabei ist es jetzt keines­wegs so, dass Dein bedau­erns­werter Onkel hier nur in ganz schreck­lich schlechten und grun­dü­blen Filmen säße (über die unrühm­liche Ausnahme werde ich Dir gleich berichten) – das meiste, was er bisher gesehen hat, war durchaus akzep­tabel, in vielen Momenten erquick­lich und das onke­li­sche Wohl­wollen erregend. Aber dann eben auch nicht mehr. Da sitzt der Onkel dann beispiels­weise drei Stunden im neuen Bertrand Tavernier, Laissez-Passer, amüsiert sich gut, ist erfreut über den uner­wartet flotten Rhythmus und komö­di­an­ti­schen Ton, lernt manches über die fran­zö­si­sche Film­in­dus­trie während der deutschen Besatzung – und verlässt das Kino dann doch wieder mit diesem seltsamen Gefühl der Leere, mit der Gewiss­heit, sich (und das nicht nur wegen des zunehmend hinfäl­ligen Onkel-Gedächt­nisses) in ein paar Jahren besten­falls an ein, zwei Szenen erinnern zu können, im sicheren Bewusst­sein dessen, dass sich dem Leben nichts hinzu­ge­fügt hat durch diesen Film, dass dieser in den Tiefen des Onkel­schen Seins nichts bewegt und nichts berührt hat. Was ja auch fairer­weise nicht von jedem Stück Kino verlangt werden kann – aber wenn sich Erleb­nisse dieser Art Film auf Film, Tag auf Tag häufen und eben alles immer nur ganz nett, ganz inter­es­sant ist und sich aber kaum je etwas wirklich Großes tut... Tja, dann wird dem Onkel das Festival nicht gerade zum Fest, dann drängt sich immer häufiger und heftiger die S-Frage, die nach dem Sinn des Ganzen auf, dann kommt man ins Grübeln, warum all diese Leute soviel Energie und Zeit und Aufwand in Filme stecken, die immer nur GANZ NETT sind und gar nicht versuchen, etwas anderes zu sein, und dann fragt sich der Onkel, warum er sich all diese Filme überhaupt anschaut. Und hört als Antwort nur eine unheim­liche Stille.
Zuge­ge­be­ner­maßen aber ist die in den Anfangs­tagen darob herauf­krie­chende Gefahr einer Cineasten-Depres­sion gebannt, seit Dein Onkel erkannt hat, dass man wirklich nicht alles anschauen muss, was im Katalog so klingt, als könnte es unter Umständen was sein, und ihm klar wurde, dass, wenn tatsäch­lich so wenige Filme im Angebot sind, die einem gepflegten Rausch das Wasser reichen können, er daraus auch die nahe­lie­gende Konse­quenz ziehen kann. Seither lautet die Losung: Weniger Filme, mehr Bier. Und der Onkel ist schon viel fröh­li­cher.

Aber Du, mein lieber Stief­neffe, möchtest ja doch gewiss infor­miert werden über jene Filme, die ich trotz eben erwähntem und erläu­tertem Motto gesehen habe. Und da fangen wir doch am Besten einfach da an, wo es sich anbietet: Am Anfang.
Die »Diversity« akzep­tieren bedeutete zum Beispiel auch, hinzu­nehmen, dass zur Eröff­nungs­gala mit Tom Tykwers Heaven vor dem Berlinale Palast nicht nur Metall­de­tektor-Schleusen sondern – Vielfalt! – auch Gepäck­durch­leuch­tungs­an­lagen aufgebaut wurden. Weil, es hätte ja sein können, dass wir irgend­je­manden zwar in seiner Anders­heit ganz toll akzep­tieren, der aber jetzt quasi weniger offen einge­stellt ist gegenüber unserer rezi­proken Anders­heit und beispiels­weise partout keine Tom Tykwer-Filme mag und ein Passa­gier­flug­zeug im Rucksack gehabt hätte.
Leute, die keine Tom Tykwer-Filme (mehr) mögen schien es nach Heaven hier plötzlich gar nicht so wenige zu geben – aber lass Dir von Deinem Onkel (dessen Urteil Du doch hoffent­lich traust) gesagt sein: Verblen­dete Narren jene allesamt! Sicher kein sehr gefäl­liger Film, wohl auch keiner, dessen Quali­täten so ganz offen auf der Hand liegen. Aber doch auf unzäh­ligen Ebenen eine äußerst beein­dru­ckende Leistung – und vor allem einer der wenigen Filme bisher, die auch nach Tagen und nach etlichen anderen Streifen nicht einfach verschwanden und kleiner wurden in meinem Kopf, sondern der nachwirkt, der, wenn ich ihn in der Erin­ne­rung wieder begucke, stets gewinnt, immer mehr Facetten zeigt und immer neugie­riger darauf macht, ihn noch einmal zu sehen. Da der Film ja aber sehr bald auch für Dich ganz regulär auf einer Leindwand Deines Vertrauens zu sehen sein wird, gestatte mir, mich bald in einem geson­derten Epistel dazu näher auszu­lassen und Dir jetzt erstmal weiter zu berichten von Sachen, die Du so bald (oder viel­leicht überhaupt) nicht zu Gesicht bekommen wirst.

Du weißt, wie sehr ich immer um Dein Wohl­ergehen besorgt bin, und deshalb kann ich nicht umhin, Dir inständig zu wünschen, dass zu jenen Filmen, die Du (frei­willig oder unfrei­willig) nicht zu sehen bekommst, DER FELSEN gehören wird. Hör' auf Deinen Onkel, der seiner inneren Stimme dummer­weise den Gehorsam versagt hat und es bitter­lich bereut.
Zu Recht wirst Du sagen: Lieber Onkel, sei mir nicht böse, aber wer sich nach dem großun­säg­li­chen München – Geheim­nisse einer Stadt noch freiwillg in einen Dominik Graf-Film begibt, der ist nun wirklich so etwas von selber schuld und sollte gefäl­ligst danach nicht auch noch rummosern. Wo ich Dir leider voll­kommen Recht und die Erlaubnis geben muss, das Folgende zu über­springen und einfach weiter unten weiter­zu­lesen, wo es wieder um erfreu­li­chere Dinge gehen wird. Aber trotzdem: Ein bisschen Dampf ablassen muss Dein Onkel da schon. Verzeih es ihm.
Nun gibt Dein Onkel gerne zu, dass er selbst auch schon Urlaubs­filme mit der Video­ka­mera gedreht hat, und dass davon auch nicht jede Einstel­lung ins Museum gehört. Aber so einen unde­fi­nierten, flachen orange-grau-braunen Pixel-Matsch wie Graf hat er dann doch noch nicht produ­ziert, und wenn, dann war er so anständig, das Band zu löschen, anstatt es auch noch auf Film umzu­ko­pieren und den Rest der Mensch­heit damit zu beläs­tigen. Den Budget-Ball flach halten, impro­vi­sieren können, nicht dauernd so einen Riesen­ap­parat im Nacken haben bei Drehen – schön und gut. Aber es scheint, als hätte der Herr Graf nicht nur die Lust auf großen Drehauf­wand verloren, sondern auch gleich noch auf jegliche Anstren­gung, die man sonst auf einen Film verschwenden könnte. Eine einzige Bilder­ver­wei­ge­rung ist das, freudlos in jedem Detail, nicht nur in der unat­trak­tiven Optik – als wäre Graf zu faul geworden, filmisch zu erzählen, muss uns alle paar Minuten eine weibliche Off-Stimme einfachste Aktionen, Zusam­men­hänge, Gefühls­ein­blicke daher­sal­ba­dern. (Viel­leicht hält Graf das Publikum auch nur für schwer von Begriff oder wahr­neh­mungs­ge­stört.) Was bei der (Publikums-)Vorfüh­rung, die ich gesehen habe, wenigsten zu ein paar unbe­ab­sich­ti­geten, herz­haften Lachern führte, die gott­sei­dank einige Zuschau­erInnen irgend­wann nicht mehr verdrückt haben, wenn das schwur­belnde Gequase gar zu uner­träg­lich wurde. Zu der völligen Lust- und Freud­lo­sig­keit gesellt sich auch noch eine todfade, bleierne Schwere – und anschei­nend nicht nur bei Deinem Onkel das immer deut­li­chere Gefühl, dass der Sinn und Zweck, das Sollen und Wollen des Ganzen völlig uner­gründ­lich bleibt: Ein solch konster­niertes, komplettes, apll­aus­loses Schweigen habe ich die ganze Berlinale vom Publikum am Ende bei keinem anderen Film erlebt.

Nun kennst Du ja Deinen Onkel und weißt, dass er gerne sehr vehement eine Position predigt, nur um im nächsten Moment das schein­bare Gegenteil zum Dogma zu erheben. Insofern wird es Dich nicht verwun­dern, wenn ich Dir nun erzähle, dass die drei heraus­ra­gendsten Filme, die ich bisher gesehen habe, zwei Dokus (aller­dings nicht über usbe­ki­sche Yakhirten) und ein deutscher, mit Hand­vi­deo­ka­mera gedrehter, impro­vi­sierter Film waren.
Aber hör zu: Halbe Treppe (initiiert von Regisseur Andreas Dresen, insgesamt aber ein Ensem­ble­pro­dukt, ohne Drehbuch vor Ort in zwei Monaten im Team entwi­ckelt) macht genau alles richtig, was Der Felsen so aufdring­lich vergeigt. So wahn­sinnig schön sind die Digital-Bilder da auch nicht (wenn­gleich schon viel ansehn­li­cher als Grafs Soße) – aber der Film spielt auch in Frankfurt an der Oder und nicht auf Korsika, und schwupp­dich passt das doch gleich viel besser. Und da wird’s dann auch gleich viel inter­es­santer, wenn von Seiten­sprung und Gefühls­ver­wir­rung erzählt wird. Halbe Treppe ist ein groß­ar­tiger Film über die Liebe in den Zeiten der Einbauküche. Da tanzen keine Archi­tekten zur Selbst­fin­dung auf Urlaubs­in­seln rum, werden keine Pistolen gezückt und keine Autos die Klippe runter­ge­fahren, wird kein narra­tives Ringel­piez mit Anöden gespielt, da gibt es nicht so leicht den ach so poeti­schen Flucht­raum. Weil, das mit der Größe der Gefühle ist ja von außen gesehen meist ohnehin schon fraglich, und wenn dann eben erstmal eine Wohnung, ein Job, ein Wellen­sit­tich und zwei Kinder da sind, dann wird’s so richtig schwierig.
Zwei Ehepaare zeigt Halbe Treppe, Mittel­stand, Tendenz nach unten, die eine Frau fängt was an mit dem anderen Mann, beide halten’s für große Liebe, aber eben s.o. ...
Wo Graf (und die meisten anderen von Liebes­dingen handelnden Filme des Festivals) ganz im Privaten, im Einzelnen und Roman­tisch-Poeti­schen bleibt, fließt hier fast von selbst auch der gesell­schaft­liche Kontext ein: Es gibt ganz groß­ar­tige Momente, wo aufblitzt, welch Diskre­panz ist zwischen den Glücks­ver­spre­chungen unseres Global-Kapi­ta­lismus und dem Erleben der »Verbrau­cher« – wie Ehemann Uwe da beim geplanten Küchen­kauf mit leerem Blick auf einem Stuhl sitzt, wie müde der Radio­mo­de­rator guckt, sobald das Mikro wieder zu ist, in das er von der »Power-Hour aus dem Power Tower« enthu­si­as­miert. Aber das bleibt, wie fast alles an Halbe Treppe, ganz unfor­ciert; überlässt es einem selbst, das so zu sehen und zu empfinden.
Es gibt keine Schwere in diesem Film, nichts Zerknirschtes. Der Film kennt wenig Gnade mit seinen Charak­teren, aber er bewahrt sich stets Respekt vor ihnen; sein Blick ist gewiss nicht der auf Menschen, die er für glücklich oder sehr reif hält, aber er hat nichts Mitlei­diges, nichts Besser­wis­se­ri­sches. Vor allem könnte er kaum weiter entfernt sein von jeglicher Elends-Suhlerei. Bei keinem der Filme, die ich bisher hier gesehen habe, wurde während der Vorfüh­rung so viel, so stark und so spürbar von Herzen gelacht, obwohl man nie auf die Idee käme, ihn eine Komödie zu nennen.
Und bei aller Genau­ig­keit, bei allem Wahr­haf­tigen, bei allen »So ist es!«-Gefühlen schert sich Halbe Treppe dann gott­sei­dank aber auch gern hin und wieder einen gemüt­li­chen Scheiß­dreck um die Konven­tionen des »Realis­ti­schen«, gönnt Uwe das surreale Erlebnis, den ganzen Film hindurch von einer immer größer werdenden Schar von Musikern (Die Gruppe »17 Hippies«, von der auch der wunder­bare Sound­track stammt) geradezu verfolgt zu werden.
Auf der Pres­se­kon­fe­renz hat Andreas Dresen dann von jenen Momenten im Kino gespro­chen, wo man sich peinlich ertappt fühlt, wo man, wenn man mit Partner oder Partnerin im Film sitzt, hofft, dass er oder sie nicht gerade sich an das gleiche erinnert fühlt wie man selbst, wo man anschließend ganz schnell das Gespräch auf etwas anderes bringt, um dem auzu­wei­chen. Und er sagte, er wollte einen Film machen, der voll ist von solchen Momenten. Er hat’s geschafft – Chapeau!

Wenn ich Dir jetzt den Titel von meinem bishe­rigen Lieb­lings­film des Festivals verrate, dann wirst Du, lieber Stief­neffe, mich sofort mit dem Verdacht der Befan­gen­heit und Partei­lich­keit strafen, was ich Dir nicht übel­nehmen kann, wogegen ich mich aber dennoch aufs Schärfste und Gründ­lichste verwehren muss. Denn Uncle Frank hätte sich einen Platz in meinem Herzen erobert, selbst wenn ich von Beruf Schwipp­schwä­gerin wäre oder Frank nicht Onkel sondern Halb­cousin. Vom weiter oben von mir so lamentos einge­for­derten Genre-Kino, von fantas­ti­schen, aufwen­digen Kinoträumen könnte Uncle Frank dabei gar nicht weiter entfernt sein: Es ist eine auf Video gedrehte Doku­men­ta­tion von Matthew Ginsburg über seinen 85-jährigen Onkel, der mit seinem Keyboard als Allein­un­ter­halter durch die Alters­heime in seinem New Yorker-Suburb-Wohnort tingelt. Ginsburg begleitet Frank zur »Arbeit«, zeigt ihn daheim, bei einer Parade, beim Arzt, inter­viewt ihn und Tante Tilly. Was, wenn man’s so liest, nicht sonder­lich groß und spannend klingt. Aber die Liebe zu und zwischen diesen Menschen ist so spürbar, und Frank selbst ist so ein wunder­bares Subjekt, dass man überhaupt nicht auf die Idee käme, sich auch nur eine Sekunde zu lang­weilen oder belehrt zu fühlen. Und auf seine komplett unspek­ta­kuläre, unsen­ti­men­tale und unbe­schönte Art war’s dann ausge­rechnet dieser Film, der zu all den »großen« Themen, zu Liebe und Leben und Tod, zur Vergäng­lich­keit und zur schäbigen Armse­lig­keit wie zur wunder­samen Größe des Mensch­seins (die hier irgendwie immer in ein und dem selben Moment gleich­zeitig aufge­hoben scheinen) wirklich viel zu sagen hatte, Schmerz­haftes und Wahres und Tröst­li­ches – und zum Glück nichts davon als »Botschaft« aussprach. Außer man nimmt Uncle Franks Wunsch dafür, dereinst mit dem Gesicht nach unten beerdigt zu werden – »so the rest of the world can kiss my butt«.

So langsam wird es für Deinen Onkel wieder Zeit, zum nächsten Film (oder wahlweise Bier) zu schreiten. Und Du musst bestimmt Dich einmal um Deine Haus­auf­gaben kümmern. Da werde ich Dir wohl noch einen weiteren Brief schreiben müssen, denn zu erzählen gäbe es noch manches. Aber lasse mich für jetzt abschließen mit dem Bericht vom definitv besten und größten und tollsten Film, der NICHT zu sehen war (und damit auch mit dem Bericht von oben bereits erwähnter zweiter Spitzen-Doku von Welt): The Man Who Killed Don Quixotte. Weder Böswillig- noch Unfähig­keit der Berlinale-Veran­stalter noch Termin- oder Rech­te­schwie­rig­keiten haben verhin­dert, dass der hier läuft. Das Problem ist schlicht: Der Film existiert (noch) nicht. Um Terry Gilliams seit etwa einem Jahrzehnt gehegten Projekt einer Quixotte-Verfil­mung handelt es sich, das letztes Jahr endlich in Produk­tion ging – nur um nach wenigen Tagen grandios zu zerplatzen. Alles, was vorerst (Gilliam hat noch nicht aufge­geben!) davon übrig­blieb, ist die Doku Lost in La Mancha – das erste »Un-Making of«-eines Films.
So gerne man anläßlich eines verhin­derten Gilliam-Filmes mal wieder über die Schlech­tig­keit der Film­fi­nan­ciers, der Produ­zenten, des Film­ge­schäfts, des Kapi­ta­lismus und der Welt an sich herziehen möchte – man kann es hier nur bedingt. Freilich, eines der Grund­pro­bleme war, dass Gilliam von den hosen­scheißenden Erbsen­zäh­lern in den Chef­etagen der großen Studios einfach keine ange­mes­senen Budgets und kreativen Frei­heiten bekommen kann. Und deshalb bei Quixotte mit einer (europäi­schen) Finan­zie­rung loslegen musste, die null Spielraum ließ für einen anders als reibungs­losen Produk­ti­ons­ab­lauf. Aber die Kata­stro­phen, die man in Lost in La Mancha sich dann über den Dreh häufen sieht, hätten womöglich auch Produk­tionen mit solideren Cash-Stand­beinen ins Strau­cheln gebracht: Hagelstürme, wegge­schwemmte Sets und Equipment, NATO-Flie­ger­lärm und vor allem ein Haupt­dar­steller, der nach zwei Drehtagen für ungewisse Zeit erkrankt. Ich habe noch keine Doku­men­ta­tion über das Filme­ma­chen gesehen, die so schön zeigt, welch Wunder es jedesmal ist, wenn ein Film tatsäch­lich fertig­ge­stellt werden kann. Man bekommt ein Gefühl dafür, dass Filmen tatsäch­lich nichts anderes heißt, als dass sich ein paar Leute Bilder ausdenken, sich mit anderen Leuten verab­reden, diese Bilder auf Film zu bannen und dann basteln und expe­ri­men­tieren und spielen, bis das irgendwie geklappt hat. Dass da keine Magie, keine geheimen Ingre­di­en­zien, keine esote­ri­schen Rezepte dahit­ner­ste­cken. Und dass sich am Ende doch (wenn es besser läuft als im gezeigten Fall) aus tausenden Einzelstück­chen, die trotzend der wider­stre­benden Realität abge­rungen wurden, etwas zusam­men­fügen kann, das Magie hat. Die wenigen abge­drehten Einstel­lungen von Gilliams Film, die man in Lost in La Mancha zu sehen bekommt, haben es schon mehr als fast alle anderen Filme bisher geschafft, Deinem Onkel dieses Gefühl von Zauber, von Größe, von echtem, richtigen, wahren KINO zu schenken. Ich glaube nicht, dass ich auch nur zehn Filme der gesamten Berlinale finden würde, die ich nicht sofort und liebend gerne herschenken würde, wenn ich dafür diesen einen als voll­endetes Werk sehen könnte. Ein radikaler, fantas­ti­scher, gigan­ti­scher Träumer wie Gilliam – darauf wartet diese Berlinale bisher noch vergeb­lich.
(Bzw. lügt Dich Dein Onkel da schon wieder an, denn auf Gilliam hat die Berlinale gar nicht vergeb­lich gewartet – der war, wenn auch ohne eigenen Film, zu Lost in La Mancha da! Und hat bei der Pres­se­kon­fe­renz genau diese visionäre Begeis­te­rung, diese enthu­sis­ti­sche Fülle, diesen Willen zum ganz Großen versprüht, die in dieser ganzen höflichen Pupserei rundum so abgeht. Vor lauter Gesti­ku­lieren hat er dann prompt auch sein Evian umge­stossen – und das auslau­fende Wasser sofort für eine erfri­schende Katzen­wä­sche benutzt. Pres­se­kon­fern­zmäßig dürfte dieses Highlight schwer noch zu toppen sein...)

Nun aber läßt Dich Dein Onkel endlich wirklich zu wich­ti­geren Taten denn der Lektüre seiner Berlinale-Korre­spon­denz schreiten. Und wünscht sich selbst ein Rest­pro­gramm, dass sicher nicht durch eine über­ra­gende Quantität an noch zu schau­enden Filmen geprägt sein wird, das dafür aber hoffent­lich quali­tativ endlich kräftig anzieht.
Und wünscht Dir, lieber Stief­neffe (der mir bitte auch seine werten Eltern ganz herzlich grüßt) einst­weilen eine schöne Zeit inner- wie außerhalb des Kinos, daselbst allerweil schöne Träume und noch schöneres Wachsein & bald ein freudiges Wieder­lesen.

Mit besten Grüßen,
Dein Stief­onkel dritten Grades mütter­li­cher­seits
Thomas Willmann